Lydia Esche

Die spiegelverkehrte Anke Huber

26.07.2010 | 21:50

Meine Freundin Eva

Frau Herman hat es an jeglicher Pietät vermissen lassen.Das erstaunt bei einer sich so christlich gebenden Frau.Und doch auch wieder nicht, da sie sich ganz in der Tradition der amerikanischen Fernsehprediger in einem kulturellen Krieg wähnt.Auch der mittlerweile verstorbene Jerry Falwell befand es für nötig, die Anschläge vom 11.September 2001 als Gottesstrafe zu bezeichnen.Es geht solchen Menschen nicht nur um Geld, obwohl das natürlich im Vordergrund steht, sie wähnen sich einfach im Recht, was die Wahl der Mittel betrifft, da sie in einem ständigen Ausnahmezustand zu leben meinen.Sie lehnen die liberalen Grundsätze der westlichen Gesellschaften ab.Also natürlich sehr selektiv, man schränkt sich nur da ein, wo man muss und verdammt nur das, woran man nie partizipieren würde.Das wäre alles nicht weiter der Rede wert.Lässt man ein oder zwei der dann in manichäische Abgründe abgleitenden Redewendungen weg, ist es eine klassische konservative Position, die hier zu einem niederträchtigen Zeitpunkt zum Besten gegeben wird.Darüber sollte man sich echauffieren.Warum die Reaktionen, aber von so grosser Aggression zeugen, darüber sollte ein Diskurs möglich sein.

Schon beim Eva-Prinzip fiel recht schnell ein absurdes Gefälle zwischen den doch alles in allem harmlosen Gedanken über Mütter, Männer und Frauen, die man doch an zig Küchentischen in Deutschland hören konnte und kann und der intelektuellen Aggression auf, die darauf verwendet wurde, diese Meinung zu entkräften.Zum Teil erklärt sich dies durch die mediale Mode leichte Stoffe hochzujazzen, um dann blendend beim Ablesen der Noten von einfachsten Partituren auszusehen.Der andere Teil des auch gesellschaftlich spürbarem Ärger hat allerdings auch gesellschaftliche Gründe.Jeder Mensch fühlt sich angegriffen, wenn es um sehr persönliche Lebensentscheidungen geht und ein anderer es wagt ein Urteil darüber abzugeben.Das Ende des Liberalismus zu konstatieren gehört nun wirklich zum klassischen Repertoire konservativen Denkens.Sich am Ende aller Dinge zu wähnen mag zwar für den deutschen Diskurs ein neues Phänomen sein, aber das ist natürlich die Grundlage für jede moralische Argumentation aus dieser Ecke.Allein die etwas schizophrene Idee des allseits zu beobachtenden Neo-Biedermeier von der Rückkehr zu den Werten, die dann in der Patchworkfamilie im zweiten Versuch endlich verwirklicht werden, steht da der Neugeburt des christlichen Bürgertums im Weg.Kein Leben verträgt diese ideologische Überfrachtung.Es handelt sich um die Stimme der neuen Nachbarin in der Vorortsiedlung, die so tut als würde sie schon immer hier wohnen.Das erzeugt natürlich Reibereien.

Die selektive moralische Entrüstung ist nun wirklich keine spezielle Eigenheit des Konservativen.Die linke Empörung über Krieg, soziale Not und Ungerechtigkeit, steht dabei dem klassischen Bedürfnis der Rechten gegenüber den Lebenswandel der Menschen zu beweinen.Nun ist letzteres allerdings ein zunehmend kompliziertes Unterfangen, da so gut wie keiner der  Repräsentanten, den eigenen kritischen Ansprüchen mehr zu genügen vermag.Diesen Phantomschmerz empfinden viele Menschen.Die Optimierung des eigenen Lebens stösst an natürliche Grenzen.Dass uns die Gelassenheit diesbezüglich abgeht hat nicht nur mit der Endlichkeit des Seins zu tun, man hysterisiert sich auch gegenseitig in der Konsumgesellschaft.Der perfekte Körper, die perfekte Partnerschaft und die perfekte Kindererziehung haben auch immer mehr den Charakter eines zu erwerbenden Produkts angenommen.Dafür können die 68er jetzt allerdings nichts.

Leichter wäre das neue Leben in Anstand allerdings, wenn endlich auch die Anderen zur Venunft kämen.Deren Kinder machen wieder die eigenen ganz verrückt, da kommt man ja zu nichts mehr.Dass moralische Fragen nur noch in sehr abgezäunten Bereichen verhandelt werden können, nützt der Gesellschaft nicht wirklich.Man kann doch über alles reden, würden die 68er sagen.

Eva Herman kann doch eine Meinung über den Lebenswandel von Anderen haben.Dass man keine sachliche Diskussion mit ihr mehr führen möchte, ist eine unfaire Regelverletzung.No child left behind, war doch sogar eine Agenda des mitfühlenden Konservatismus, also soviel Grossmut sollte doch da sein.Es könnte sonst ja noch der ein oder andere auf die Idee kommen, dass sie mit zu grosser Kelle einen vorhandenen Riss zuspachtelt.

 

 
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Kommentare
GeroSteiner schrieb am 26.07.2010 um 23:06
Soviel Aufhebens um so wenig Intellekt.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 26.07.2010 um 23:50
Aber zurecht. Denn die Wirkweise solcher im Grunde lebensfernen grundkonservativen Positionen sind enorm. Mir ist der Beitrag in allem sehr plausibel.
GeroSteiner schrieb am 27.07.2010 um 00:04
Einig!
"Never underestimate the influence of stupid people in large organisations."
Das gilt sinngemäß auch für Staaten.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 27.07.2010 um 00:08
Einig.
nuntius schrieb am 27.07.2010 um 06:43
Wäre die Eva keine ehemalige Fernsehtante würde sich kein Schwein für ihre Meinung interessieren. Als "Promi" darf man sich aber öffentlich zu jedem Thema äußern. Würde man die Dame einfach ignorieren würde sie still und leise von der Bildfläche verschwinden.
Lydia Esche schrieb am 27.07.2010 um 20:12
Ja, das ist möglich.Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass sie ein Feld besetzt von dem man ja auch aus der CDU neuerdings wieder hört.Die sozial Konservativen sind doch wirklich einigermassen heimatlos geworden.Wenn der Ministerpräsident Bayerns eine Geliebte mit gemeinsamen unehelichem Kind hat, dann mag das für viele Menschen keine Rolle spielen.Ich würde allerdings einiges darauf verwetten, dass das eine nicht zu unterschätzende Stammklientel der Partei durchaus aufregt.Ich glaube nicht, dass das nur Marketing ist, wenn von einer Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung die Rede ist.Und so gab es ja zuletzt einiges zu Schlucken für Menschen denen "geordnetete" Verhältnisse wichtig sind.Wie bigott man das auch finden mag.Der Rücktritt Köhlers beispielsweise, um ein ein bisschen ernsteres Ärgernis anzuführen, ist gerade für Konservative ein wirklicher Schock gewesen(für mich auch, muss ich zugeben).Diese Form der Doppelmoral, bei der Sekundärtugenden beschworen werden, aber die Handlungen nicht damit korrespondieren, hat die Sehnsucht nach der guten alten Zeit genährt.Es geht hier um einen Zeitgeist, da spielen viele auch marginal wirkende Dinge eine grosse Rolle.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.07.2010 um 11:36
Habe den Artikel mit Vergnügen und Respekt gelesen ;-)

Den "Respekt" brauchte ich, weil etliche Formulierungen mich innerlich aufstöhnen machten ... was mindestens ebenso viel mit meinen im Lauf des Lesens ausgebildeten Ansprüchen an den Text, wie mit seinem eigenen Anspruch zu tun hat. Vielleicht kann ich das an folgender Stelle etwas deutlich machen:
Der andere Teil des auch gesellschaftlich spürbaren Ärgers hat allerdings auch gesellschaftliche Gründe.Jeder Mensch fühlt sich angegriffen, wenn es um sehr persönliche Lebensentscheidungen geht und ein anderer es wagt ein Urteil darüber abzugeben.
Die Erfahrung, die der zweite Satz nennt, können wir wohl bei jeder Halbwüchsigen unterstellen. Ich vermute zudem, Du und ich werden uns zwanglos einig über das (theoretische) Urteil, das der Wahl des Wortes "wagen" unterlegt ist, auch wenn die Angelegenheit nicht ganz trivial ist und in zwei Teile zerfällt.
a) Die empfundene "Frechheit" eines (scheinbaren) theoretischen Übergriffes auf persönliche Lebensentscheidungen kann vorzüglich auf die Urteilsgründe des Beurteilten bezogen sein. Dann ergibt sich das Paradox, daß diese Urteilsgründe entweder persönlich im Sinne von "privat" sind, folglich von niemandem angreifbar, der sich nicht bemüht, seine Beurteilung exakt den Maßstäben und Interessen des Beurteilten anzumessen, oder aber die Urteilsgründe fußen auf gesellschatlich anerkannten, also im Grundsatz auch wirksam gemachten Maßstäben, die sich der Beurteilte gefallen lassen will . In beiden Fällen ist der Ärger gegenstandslos.
b) Der empfundene Übergriff liegt nicht in den Urteilsgründen, sondern in Einwänden gegen die möglichen Folgen und Begleiterscheinungen der beurteilten Entscheidung. Auch hier ist der Ärger paradox, ich verzichte darauf, das durchzudeklinieren.
c) Der Beurteilte fühlt sich in seiner Kompetenz angegriffen. Das mag ärgerlich sein, der Ärger hat aber voraussetzungsgemäß keine gesellschaftliche Dimension, er erstreckt sich auf das persönliche Verhältnis der Beteiligten.
Es sei denn ...

Ja, es sei denn, Du, die metatheoretisch Urteilende, hast klammheimlich allem gesellschaftlichen Zusammenhang ein Ideal persönlicher Autonomie der Gesellschaftsglieder unterstellt. Das ist auch paradox, die Paradoxie eines Herrenbewußtseins, das des Standesbewußtseins verlustig gegangen ist. Assertorisch skizziert handelt es sich um das Paradox des siegreichen "dritten Standes", der sich mit eben diesem Sieg zum "Volkskörper" herabsetzt, vulgo: des Kleinbürgertums.

Einige weitere Schmerzpunkte zitiere ich kommentierend.
"Es geht solchen Menschen nicht nur um Geld, obwohl das natürlich im Vordergrund steht, sie wähnen sich einfach im Recht ..."
Was zum Teufel, soll hier "natürlich" sein, zumal der angeschlossene Hauptsatz die Aussage praktisch zurück nimmt? Wenn sie sich "einfach" im Recht wähnten, dann steht dies Einfache im Vordergrund, und der geldwerte Verdienst, der aus dem ideellen zu schneiden ist, stellt eine willkommene Gelegenheit dar.

"Sie lehnen die liberalen Grundsätze der westlichen Gesellschaften ab. Also natürlich sehr selektiv, man schränkt sich nur da ein, wo man muss und verdammt nur das, woran man nie partizipieren würde."
Auch hier ein fettes "Loch" im zweiten Satz: Wie soll es zusammen gehen, daß einer sich (!) nur "einschränkt", wo er muß, also realiter "eingeschränkt" wird , und dann hingeht, und verdammt, was er sich versagt , also ohne die Rechtfertigung eines Zwanges?
In diesem Fall liegt die Auflösung derart nah, daß ich sie hinschreibe:
Es geht zusammen in einem hochspezifisch herrschaftlich urteilenden Bewußtsein eines Dritten, der den behaupteten Zwang aus dem ersten Satzteil theoretisch durchstreicht , weil er für sich selbst keinen gelten lassen will und darob jedes Urteil in eine moralische Hiroglyphe verwandelt, die auch dasteht: 'Wie halte ich es mit dem "liberalen Grundsatz", dessen gesellschaftliche Geltung ich im selben Atemzug behaupte und relativiere, also einfordere '.
"Liberalität" ist an dieser Stelle sehr präzise die bestenfalls nachsichtige Verachtung von Leuten, die sich deren moralischer Anforderungen nicht gewachsen zeigen . Exakt diesen Gestus schreibst Du folgerichtig hin: "Das wäre alles nicht weiter der Rede wert."
Offenbar doch! So scheißt sich ein Liberaler halt selbst ins Hemd, seine Überhöhung fußt auf "niederen" Maßstäben, in diesem Falle haben sie die Physiognomie Eva's ...

"Der perfekte Körper, die perfekte Partnerschaft und die perfekte Kindererziehung haben auch immer mehr den Charakter eines zu erwerbenden Produkts angenommen."
Was anderes wäre es je gewesen, könnte eine gelungene Subjektivität je sein, sakraheini? Die Ziele "Perfektion" wie "Optimierung" - an anderer Stelle - sind abgeleitete Größen äußerer Maßstäbe, Kriterien und vor allem Bedingungen eines Erfolges, mit welcher privaten Münze einer sich den immer zahlen mag. Die innere Größe ist banal Zufrieden-heit , weshalb die Selbstzufriedenheit in Gestalt der Selbstgefälligkeit obligatorischer Begleiter jener hübschen Ziele sind, worauf Du ja auch nicht eben geringfügig herum reitest. Womit ich einen partiellen Rückschluß auf die Natur der Empfindlichkeiten und Ehrpusseligkeit hergestellt hätte, die zu Beginn des Postings Thema war.

Nicht böse sein, dies ist eine intellektuelle Fingerübung, die ich unter einem unspezifischen Eindruck vorgetragen habe, sie könnte für Dich einen "g" haben ;-)
Lydia Esche schrieb am 28.07.2010 um 12:49
@TomGard
Also wenn es Vergnügen bereitet hat, dann war man doch gern behilflich.
hibou schrieb am 29.07.2010 um 07:32
aus eds blog herüberkopiert:

"Spannend und lehrreich zu verfolgen ist doch auch, dass und wie (naemlich mit aehnlichen steinzeitlichen Argumenten), christliche UND islamische Websites - beide Male von eher fundamentaler Ausrichtung - die Loveparade und damit undifferenziert gleich alle Christopher-Street-Parades der Welt, Drogen, Alkohol, Nacktheit (!)l und "Entsittlichung" angreifen. Dasselbe gilt ja auch für viele der hiesigen Aeusserungen.
Ich bekenne, noch nie an einer Love-Parade teilgenommen zu haben, auch des Ravens völlig unfaehig zu sein, bin auch net "drogenabhaengig", finde allerdings, dass von einigen hier eine Verhöhnung der Opfer von Duisburg -aus welchen Interessen? ist mir schleierhaft (*grins*) - stattfindet."
Lydia Esche schrieb am 29.07.2010 um 10:21
Also da war ich ja in der Diskussion gar nicht darauf gekommen, dass Sie das auf mich beziehen könnten.Kann man mal sehen wie naiv ich bin.Kann allerdings auch nach Copy und Paste nicht erkennen, was man gegen derartige Geschütze in Stellung bringen kann.
Rahab schrieb am 29.07.2010 um 08:45
Lydia Esche schrieb am 29.07.2010 um 10:04
Na das ist doch mal eine angemessene Reaktion.Saubere marktwirtschaftliche Lösung ohne Streit.Clever diese Bodybuilder.
hibou schrieb am 29.07.2010 um 10:13
jaja ablenken :-)) bewaehrtes rezept
hibou schrieb am 29.07.2010 um 10:13
und dazu noch mit link boah ey
Rahab schrieb am 29.07.2010 um 11:40
quatsch hibou! auf den punkt kommen!
ich finde es bemerkenswert, dass der in all den stau- und sonstwas berechnungen eingeplante faktor mensch 'zurückschlägt'.
Magda schrieb am 29.07.2010 um 12:27
"Die selektive moralische Entrüstung ist nun wirklich keine spezielle Eigenheit des Konservativen.Die linke Empörung über Krieg, soziale Not und Ungerechtigkeit, steht dabei dem klassischen Bedürfnis der Rechten gegenüber den Lebenswandel der Menschen zu beweinen."

Schon so ein Satz ist mir nicht plausibel oder auch: allzusehr plausibel und flugs mache ich mir einen Reim drauf und hau ab.
Lydia Esche
Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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