Lydia Esche

Die spiegelverkehrte Anke Huber

03.08.2010 | 08:50

Obama, der kalte Krieger

Eine der wirkungsvollsten Argumentationen in Barack Obamas Kampagne wider John McCain war der dezente Hinweis, dass man nicht mit den Strategien von gestern die Welt von morgen gestalten könne.Obama, der Repräsentant einer neuen Generation, die unvoreingenommen auf die multipolare Welt von heute blickt.Das hat nachhaltig verfangen und so war die Euphorie im Land,aber auch ausserhalb gross.Auch als er in Prag seine Rede über eine atomwaffenfreie Welt hielt.Amerika sei als einziges Land, das jemals von der Atomwaffe Gebrauch gemacht habe, in einer moralischen Verantwortung in dieser Frage.Nun steht die Tage der Hiroshima Tag ins Haus, es ist der 65.Jahrestag des Abwurfs von "Little Boy" auf die Stadt.Der südkoreanische Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon wird als erster  Generalsekretär an der Zeremonie teilnehmen und damit bekommt die Veranstaltung eine poltische Brisanz, die auch durch die Meldung verstärkt wird, dass mit dem amerikanischen Botschafter in Japan John Roos, zum ersten Mal ein offizieller Repräsentant der Vereinigten Staaten zugegen sein wird.

Es gibt für diesen eine öffentliche Sprachregelung, die einen nicht erstaunt.Er nehme an der Zeremonie teil, um allen Opfern des 2.Weltkriegs zu gedenken.Das ist natürlich die diplomatische Sprachregelung, um die asiatischen Nachbarn Japans nicht zu verärgern.In Europa, namentlich in der Normandie und in Moskau wurde nun schon 2004 und 2005 einträchtig der Opfer gedacht.Die Siegermächte hatten Gerhard Schröder, als Repräsentanten des wiedervereinigten Deutschlands, zu den Zeremonien geladen, auch um das Ende des kalten Krieges zu besiegeln.

Von diesem Ende kann in Asien naturgemäß noch keine Rede sein.Die koreanische Halbinsel ist immer noch geteilt und das kommunistische Nordkorea bedroht seine Nachbarn mit einer Atombombe.Die Staaten Ostasiens sind auch weit von einer asiatischen Integration nach dem Muster Europas entfernt, obgleich es dazu immer mal wieder zaghafte Initiativen gibt.Das liegt natürlich auch am Umgang Japans mit seiner Kolonial-und Kriegsgeschichte.Vom Schicksal der "Trostfrauen", über die Verbrechen der Einheit 371, bis hin zum Massaker von Nanking und den Besetzungen Taiwans, Koreas und der Mandschurei.Die offizielle japanische Seite lässt es bis heute an Eindeutigkeit vermissen.Dementsprechend belastet bleibt das Verhältnis des Landes zu seinen Nachbarn.

Durch die immer noch bestehende koreanische Teilung und die Bedrohung der Region durch Nordkorea bleibt Japan ein wichtiger Bündnispartner der USA.Dieses Brückenkopfdasein macht Japan bis heute, auch durch die Verschiebung der amerikanischen Interessen weg von Europa hin zu Ostasien und seinen aufstrebenden Wirtschaftsmächten China und Indien, zu einem Land von ausserordentlicher geopolitischer Bedeutung für Amerika.Das zeigte sich zuletzt erst wieder Anfang Juni, als der erst 9 Monate zuvor gewählte Premierminister Japans Yukio Hatoyama auch über sein nicht gehaltenes Versprechen stürzte die Militärbasis der Amerikaner auf Okinawa verlegen zu lassen.

Die japanisch-amerikanische Partnerschaft bleibt jenseits aller wirtschaftlichen und gesellschatlichen Verzahnung auch eine Partnerschaft des Schutzes.Nun will es die Ironie der Geschichte allerdings, dass die Amerikaner ihren Schützling auch vor einer Bedrohung beschützen wollen, über die sie als einzige aus Tätersicht etwas wissen.Sie haben unter Barack Obama nun auch Schritte unternommen die letzten Reste der Abschreckungsdoktrin abzulegen und wissen von ihrer moralischen Verantwortung in dieser Frage.Da fragt sich doch so mancher, warum dann nicht auch endlich ausgesprochen wird, was sowieso kein vernünftiger Mensch abstreiten würde.

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben mit dem Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9.August 1945 einen Fehler begangen, der sich nie wiederholen darf.Amerika entschuldigt sich dafür in aller Form beim japanischen Volk.Es gab und gibt japanische Kreise, die eine solche Erklärung für sich nutzen würden.Dieselben Kreise haben allerdings auch schon das Ausbleiben dieser Erklärung für sich genutzt.Die asiatischen Nachbarn werden auch weiterhin darauf drängen, dass Japan sich endlich unzweideutig zu seinen Verbrechen bekennt.Sie wissen aber auch jetzt schon, dass die Atombombenabwürfe nicht zu rechtfertigen waren.Die japanischen Opferverbände haben in diesem Jahr bekundet, dass sie bei der derzeitigen innenpolitischen Gemengelage in den USA nicht mit einer Entschuldigung rechnen.Das ist nicht nur rhetorisch geschickt, es drückt auch ein Dilemma aus, dass der Präsident auch versprach zu beheben.Über das Ergebnis der Abwägung zwischen dem Wunsch nach Anerkennung durch die Opfer und der Angst vor Vorwürfen durch die Opposition,kann sich ja wiederum jeder so sein Bild machen über den aktuellen Zustand des runderneuerten Amerika.

Es mag eine Vielzahl von strategischen, rechtlichen und politischen Gründen geben, die eine Entschuldigung auch 65 Jahre nach diesen verheerenden Tagen der Menschheitsgeschichte für die USA unmöglich machen.Aber zumindest der unermüdliche Beschwörer der Empathie und des Wandels muss doch ein bisschen vor dem eigenen Spiegelbild erschrecken, dass den Verteidiger der Staatsdoktrin vom notwendigen Einsatz der Bombe zeigt, die doch schon lange historisch überholt ist und moralisch verkommen bleibt.

 

(Foto: Kazuhiro Nogi/AFP/Getty Images)

 
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Kommentare
SchmidtH. schrieb am 03.08.2010 um 12:08
In einer Buchbesprechung im "Tagesspiegel" findet sich folgende Aussage:

"Da viele der amerikanischen Gegner auf dem Schlachtfeld – Hitlers Deutschland, Japan im Pazifischen Krieg, Vietnam unter Ho Chi Minh, der Irak Saddam Husseins, die Taliban in Afghanistan – Unrechtsregime waren oder sind, dient die Ideologie des gerechten Krieges sogar zur Legitimation von Hiroshima und Nagasaki. Denn wenn auf der Seite des Gegners das absolute Böse steht, lautet das Kriegsziel nicht die Minimierung der Toten an sich, sondern lediglich die der eigenen Toten. Bereits Coulmas’ Kollege Martin Shaw hat in seinem Werk „War and Genocide“ das kriegerische Verhalten westlicher Demokratien treffend charakterisiert: „Das Leben der Soldaten der eigenen Nation zu schonen, selbst um den Preis, eine weit größere Zahl von Zivilisten der Gegenseite zu töten, war im Westen immer einer der Hauptgründe, andere zu töten – von Hiroshima bis Kosovo.“ Mit Heroismus hat all dies wenig zu tun – weder in den „alten“ symmetrischen Staatenkriegen in Europa und im Pazifik noch in den „neuen“ asymmetrischen Kriegen am Hindukusch, in Afrika oder Nahost."

Barbaren im Namen des Volkes

Soll heißen:
Weil Demokratien im Krieg eigene Verluste vermeiden müssen, war Hiroshima zwingend, wie Florian Coulmas meint und auch in der Jetztzeit ein Mittel in den Händen der "Guten"? Es gibt also gute "A-Bomben", die jederzeit zum Einsatz kommen dürfen, ja müssen, wenn es zur Vernichtung des "Bösen" (wer ordnet ein?) dient. Was sind wir nur für Heuchler.
Lydia Esche schrieb am 03.08.2010 um 14:22
@SchmidtH.
Ich frage mich hier auch ganz konkret,wie der Intelektuelle Barack Obama seinen in Japan durchaus mit Hoffnung aufgenommenen Satz von der moralischen Verantwortung Amerikas eigentlich anders deuten möchte.Amerika setzt sich für eine atomwaffenfreie Welt ein, weil es kein zweites Hiroshima und Nagasaki geben soll.Aber es bleibt bei der Richtigkeit des Einsatzes gegen Japan.
Also da muss man gar keine Ideologien oder Theorien bemühen,das genügt schlichtweg nicht den Gesetzen der Logik und ist dementsprechend nicht durchzuhalten.
Er hatte ja einen Besuch in Hiroshima und Nagasaki in Aussicht gestellt,vielleicht wird es ja was zum 70.Jahrestag.
Joachim Petrick schrieb am 03.08.2010 um 22:36
Ganz abgesehen von der auch damals völkerrechtlich verbrecherischen Vernichtung, den Verwüstungen Hundertausender Menschen- , Tier- und Pflanzenleben durch die Atombombenabwürfe auf Hisroshima und Nagasaki im August 1945, haben die Japaner/innen, die nicht betroffen waren, es verstanden, diese furchtbaren Ereignisse als Anlass zu nehmen, sich als Opfer zu erleben, denen der Sinn und Verstand für die eigenen begangenen Verbrechen im Namen der japanischen Nation bis heute abhanden kam.

tschüss
JP
Lydia Esche schrieb am 03.08.2010 um 22:50
@Joachim Petrick
Das ist ganz ohne Zweifel so und die Amerikaner können ja auch noch 35 Jahre warten, dann haben sie die 100 Jahre erreicht, die Korea schon auf eine japanische Entschuldigung für die Annektierung wartet.Oder man beginnt halt mal bei sich selbst.
Joachim Petrick schrieb am 04.08.2010 um 00:30
@ Lydia Esche
Die Ächtung von Bombenkriegen gegen Städte durch die UNO bei gleichzeitiger Anerkennung des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag durch US- Präsident Barack Obama, Israel, Nord- Korea ,u. a. sich bisher verweigernde Staaten würde da sehr helfen, die Japaner/innen als Nation auf sich und ihre Verbrechen zurückzuwerfen.

Deine scheinbar munter vorgebrachte Ironie in der Argumetation kündet ja wohl von berechtigter Verwzeiflung über die eigene Ohnmachtsgefühle.

tschüss
JP
Lydia Esche schrieb am 04.08.2010 um 12:09
@Joachim Petrick
Die wirkliche Ironie ist hier, dass die Japaner ohnehin ständig auf ihre Verbrechen zurückgeworfen werden.
Bei jeder politischen Initiative in der Region begegnet Ihnen das Misstrauen, das aus dieser Art der Vergangenheitsbewältigung resultiert.Also wenn diese Methode helfen würde, hätten sie sich schon aus Eigeninteresse mal bewegen müssen.Da wäre ich eher nicht ohne Hoffnung, dass Zeichen der Empathie Entwicklungen in Gang setzen können.Verzweifelt dürften ja nun eher die Opfer auf allen Seiten sein, die noch auf Zeichen der Reue zu Ihren Lebzeiten hoffen.
Joachim Petrick schrieb am 04.08.2010 um 15:45
Danke für den interessanten Sub- Kontext.
Ich hoffe sehr mit.

tschüss
JP
chapultepec schrieb am 05.08.2010 um 00:31
Apropos Hiroshima. Hab Ihr folgendes mitgekriegt?

Toxic legacy of US assault on Fallujah 'worse than Hiroshima'
Saturday, 24 July 2010
www.independent.co.uk/news/world/middle-east/toxic-legacy-of-us-assault-on-fallujah-worse-than-hiroshima-2034065.html

Patrick Cockburn on Missing Billions in Iraq and Soaring Cancer & Infant Mortality Rates in Fallujah
July 29, 2010
www.democracynow.org/2010/7/29/patrick_cockburn_on_missing_billions_in

Die deutsche Qualitätspresse ist wahrhaftig vorbildlich in ihrem vorauseilendem Gehorsam!

noch drei Links zum Thema
Deadly Dust - Todesstaub
Der Film von Frieder Wagner
www.aixpaix.de/uranmunition/todesstaub.html

Frieder Wagner
Kriegsverbrechen Uranmunition - Sind die USA Zyniker der Macht?
www.aixpaix.de/uranmunition/uranmunition.html

Interview mit Frieder Wagner (20. April 2009)
über seinen Film „Todesstaub“, Uranmunition und das Versagen der Medien
von Stefan Enderle
zmag.de/artikel/interview-mit-frieder-wagner-20.-april-2009
Lydia Esche
Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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Matto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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freedom of speech? hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Der König von Prussia hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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