Lydia Esche

Die spiegelverkehrte Anke Huber

30.03.2011 | 18:00

Was zur Verfügung steht, wird auch verwendet

Das Wasser steht immer noch in den überschwemmten Regionen Japans, man hat auch viel Erdreich verloren, welches mit dem Wasser wieder herausgeschwemmt worden ist.Man pumpt rund um die Uhr, um den Boden wieder sehen zu können, aber noch steht das Wasser kilometerweit in den betroffenen Küstenstädten bei über einem halben Meter.Es lässt sich leicht berechnen, dass es noch eine Weile dauern wird, bis man wieder auf festem Boden steht.

Die mediale Aufarbeitung in Japan ist auf ein Katastrophenprotokoll ausgerichtet worden.Es wird zielstrebig und problemorientiert informiert, nur schwer können einzelne Medien aus diesem Korsett ausbrechen.Am ehesten hört man andere Töne von Aussenseitern des wissenschaftlichen Diskurses und TV-Persönlichkeiten, welche in den Panelshows des privaten japanischen Fernsehens sitzen.Es handelt sich um ehemalige Komiker wie den Filmregisseur Takeshi Kitano, dessen Aufgabe es auch in ruhigeren Zeiten ist, sich stellvertretend für die Landsleute über Missstände in Japan zu echauffieren.

Wer hinter sich ruhig verhaltenden japanischen Menschen in Notunterkünften vermutet, es wäre ihnen nicht ähnlich zum Schreien zumute wie den zu trauriger Berühmtheit gekommenen Menschen vor dem Super Dome in New Orleans, der offenbart zu allererst einen erschreckenden Mangel an Empathie.Sich vorzustellen, dass auch andere Menschen Durst und Hunger haben, Medikamente benötigen, Hab und Gut verloren und Familienmitglieder vermissen oder unter deren Tod leiden, ist nun wirklich kein Hexenwerk.Sich dementsprechend zu verhalten erfordert allerdings eine kulturelle Übereinkunft, die man bemerkenswert finden kann. Wenn aber das Fernsehen nach mehr Dramatik giert und dann den Menschen gleich allerhand Sonderbares unterstellt, weil sie sich weigern wie die Statisten in einem Katastrophenfilm zu agieren, sind wir recht schnell in sehr traurigem Terrain.Die neue multipolare Welt bekommt dann ein erschreckend koloniales Antlitz und auch der Rassismus feiert fröhliche Urständ im doch so aufgeklärten Westen.

Wenn ein epochales Ereignis eintritt und die Bilder, die es vermitteln recht schnell zu Ikonen der Zeitenwende erstarren, fällt man leicht in längst überwunden geglaubte Muster zurück.Man hat die rauchenden Ingenieure mit ihren wie Kochmützen aussehenden Hüten vor dem Reaktor in Tschernobyl vor Augen. Sofort war den Kommentatoren damals klar, es könne sich nur um gehirngewaschene Sozialistenkader handeln, deren Ruhe den ganzen Zynismus der herrschenden Partei widerspiegele.Der Beschützerinstinkt des Kolonialherren ist geweckt und überdeckt alsbald jede Form der Differenzierung.Die Bilder aus dem Innneren der Reaktoren in Fukushima, welche die Arbeiter mit den Taschenlampen über Schaltpläne gebeugt zeigen, erschrecken jeden Menschen. Man kennt in der Regel nur Bilder des überhell ausgetrahlten Innenraums der Anlagen mit den hellblauen Wasserbecken und den Kontrollräumen, die an Kontrollräume der ESA oder NASA erinnern.Der Ernstfall macht aus diesen Räumlichkeiten eine fahrlässig gesicherte Fabrik, die die Angestellten beim waghalsigen Reparieren von nicht anzuhaltenden Laufbändern zeigt.

Aber auch im Reaktor muss irgendjemand die Schrauben wieder festziehen und weil wir uns nicht so gern vorstellen mögen, dass auch die Angestellten der EnBW oder von Eon gezwungen sein könnten, derartige Himmelfahrtskommandos zu bilden, ergeht man sich in Spekulationen über Samurais und Kamikaze oder bildet sich ein die unbewegten Gesichter eines Feuerwehrtrupps könnten nur von faschistoiden Mustern zeugen.Ich erinnere mich nicht an derartige Diskussionen über die Feuerwehrleute New Yorks als sie in das World Trade Center einrückten.Da ist mir doch ein anderer Zungenschlag im Gedächtnis geblieben.Vielleicht wäre dem ein oder anderen geholfen, wenn man endlich die Arbeit einstellt und alles hochgehen lässt.Es ändert allerdings nichts daran, dass auf absehbare Zeit viele Menschen diese Katastrophe eindämmen werden müssen, auf welche Weise auch immer und früher oder später werden viele dabei ihr Leben lassen.Die Kritik gerät da schnell in ästethisches und ziemlich unappetitliches Fahrwasser.Jetzt flieht doch endlich ihr Narren, lasst noch grössere Flächen verseuchen, wir kommen dann mit Drohnen und fotografieren die grossen menschenleeren Gebiete zur Dokumentation und Mahnung.

Unterdessen bleiben die vom Schutt  übersäten weiten Ebenen im Nordosten Japans recht unbesungenes Terrain.Hinfahren will man nicht, wegen der Strahlen, nach den Überlebenden suchen, war für den THW nicht möglich, vielleicht können das ja Spezialisten übernehmen.Was die reine Präsenz von Menschen bedeuten kann, auch wenn sie nicht helfen können, entfällt ausgebildeten Katastrophenhelfern.Offenkundig muss man den gesunden Menschenverstand ausschalten und sich ans Protokoll halten,wenns dann los geht ins Elend.Da wäre doch mal ein investigatives Stück fällig über den Charakter helfender Deutscher 66 Jahre nach der Stunde Null.Könnte erkenntnisreich werden.

 

 

 
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Kommentare
BanaBab schrieb am 30.03.2011 um 18:36
"Wir", der Westen sind nicht wirklich darauf vorbereitet einem Volk wirklich aus dem Herzen kommend Hilfe zukommen zu lassen welches sich nicht unseren Normen entsprechend tränenüberströmt schreiend unserer "Kultur" zu Füssen wirft. Unser "Japan Knigge für Manager" lehrte uns lediglich die Höflichkeit der Japaner mit Verbeugungen im richtigen, dem Rang der Person entsprechenden Winkel zu begegnen, um Geschäftsbeziehungen möglich zu machen, aber nicht sie mit der Seele zu verstehen.
Lydia Esche
Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Matto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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freedom of speech? hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Der König von Prussia hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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