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Neulich habe ich mal den Namen einer alten Freundin bei Google eingegeben, die schon lange tot ist. 1996 oder 97 muss es gewesen sein, ich war neun oder zehn, eine schlimme Sache, ein Familiendrama: Der Vater bringt seine Frau, die Kinder und sich selbst um. Ich weiß nicht, wie mir ihr Name wieder in den Sinn gekommen ist, er war einfach da und ich tippte ihn bei Google ein, ohne viel darüber nachzudenken, was ich davon eigentlich erwartete.
Diese schon lange tote Freundin hatte jedenfalls keinen Allerweltsnamen, also Meyer, Müller, Schmitz, auch nicht Smith, sondern einen recht einzigartigen Namen. So einzigartig jedenfalls, dass er bei Goolge null Treffer ergab. Null. Kein alter Zeitungsartikel aus dem Archiv, kein Eintrag in irgendeiner Personensuchmaschine, kein längst vergessener Beitrag in weiß Gott was für einem Forum. Einfach gar nichts.
Klar, diese alte Freundin ist längst tot, ihr Andenken mit der Zeit verstreut, ich habe ja selbst schon eine Ewigkeit nicht mehr an sie gedacht. Aber mich hat dieses Ergebnis aus irgendeinem Grund für eine gewisse Zeit völlig aus der Bahn geworfen. In Zeiten der grenzenlosen, zeitlosen, weltweiten Vernetzung ist man es wohl einfach nicht mehr gewohnt, dass irgendjemand oder irgendetwas einfach so vergessen wird. Vergessen! Vom Netz! Unmöglich.
Aber um vom Netz vergessen zu werden, muss man natürlich erst einmal irgendwann drin gestanden haben. Und das hat meine Freundin nicht. Denn sie starb – und das wurde mir erst in dem Moment klar, als der unheilvolle „Keine Ergebnisse gefunden“-Bildschirm vor meiner Nase auftauchte – in einem Prä-Internetzeitalter. Nun gut, das Internet gab es 1997 natürlich schon. Aber ich meine: Ein Prä-Facebook, Prä-Blog, Prä-Youtube, Prä-Yasni und Prä-Stayfriends-Zeitalter, und auch ein Prä-Helmut-Markwort-Online-Friedhof-Zeitalter.
Mir wurde in diesem Moment klar: Ich habe mich zu der damaligen Zeit noch nicht mit dem WWW beschäftigt, und meine Freundin hat es auch nicht. Und zu sehen, dass sie einfach nicht existiert in den globalen Spuren des Netzes, dass sie aus dem digitalen Gedächtnis einfach so gelöscht wurde, weil niemals darin aufgetaucht – das hat mich über alle Maßen erschüttert. Es machte ihren Tod plötzlich nach all diesen Jahren erneut so deutlich, so manifest.
Meine Freundin wäre jetzt in etwa so alt wie ich; vielleicht hätten wir schon längst keinen Kontakt mehr. Aber ich hätte sie vermutlich als einen meiner vielen Kontakte bei Facebook, und sie würde bei Google auftauchen, und Spuren von ihr wären da, überall. Ich könnte sie bei Bedarf sammeln und abrufen, sie anmailen, ICQen oder Skypen, ich hätte die Gelegenheit. Wenn ich sie im Netz finden würde, hätte ich die Gewissheit, dass sie lebt, oder: das Netz würde sie lebendig machen.
Ist das Quatsch? Aber natürlich ist es das! Denn selbst wenn ich irgendeinen alten Eintrag gefunden hätte, so wüsste ich doch immer noch, dass sie in Wirklichkeit tot ist. Ja schon, aber ich wüsste dann auch wieder, dass sie mal da gewesen ist; dass die wenigen, verschwommenen Erinnerungen in meinem Gedächtnis an eine längst vergangene Kindheit mehr sind als Sequenzen aus einem Traum.
Vielleicht hat mich nicht die Tatsache traurig gemacht, dass ich keine Google-Einträge gefunden habe. Sondern die Erkenntnis, dass es so schwer geworden ist, die Wirklichkeit hinzunehmen, wenn sie sich nicht nachprüfen, beweisen, googeln lässt. Wenn es keine Spuren gibt – im Netz, in der Wirklichkeit, oder in beidem.
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Ja, das hat was. Mir geht es allerdings öfter so - aus meinem Jahrgang scheint es viele zu geben, die nicht online sind, und ich habe schon oft vergeblich nach bestimmten Namen gegoogelt - gerade bei Leuten, die seit Jahren unauffindbar waren.
Danke für den schönen Text und den nachdenklich-berechtigten Schlussabsatz. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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