Von wegen Umsturz der Autokratien und viel mehr Partizipation! Eine Enthüllung des Deckmantel „Internet-Revolution“
Internet als revolutionäre Sprengkraft?
Der Aufruhr in der Arabischen Welt pflanzt sich fort: Massenproteste in Tunesien, Ägypten und Jemen verfolgen den Umsturz autokratischer Regierungen. Aber ist es gerechtfertigt, den Demonstrationen die Label „Internet-Revolution“ oder „twitter-Revolution“ zu verleihen? Zwar hat das Web ermöglicht, als Medienkonsument durch bewegte Bilder, aktuelle Tweets und Protest-Videos das Geschehen live mitzuverfolgen. Jedoch bedeutet es nicht zwangsläufig, dass die Kommunikationsmedien der digitalen Welt die Revolution auslösten.
Vielmehr müssen die Elemente des Entstehens von Konfliktpotential im Auseinanderklaffen der Erwartungen und Hoffnungen einer Bevölkerung mit den gesellschaftlichen Realitäten berücksichtigt werden. Nicht twitter oder Facebook an sich sind direkt und automatisch für den politischen Wandel verantwortlich. Erst wenn Autokratie und Armut nicht mehr akzeptiert wird, weil das Volk mehr Freiheit, Partizipation und Wohlstand für erstrebenswert hält- und ihnen verweigert wird, dann entsteht ein Konfliktpotential.
Ob und in welcher Form und welchem Ausmaß sich die Revolution ereignet, hängt unter anderem von den rechtlichen und politischen Möglichkeiten friedlicher Opposition ab. Ob die gesellschaftliche Dynamik dabei zunimmt, ob dies punktuell oder systematisch, spontan oder organisiert, durch kleine Gruppen oder einer breiten sozialen Bewegung, durch den Staat oder NGOs, durch Korruption, Bürgerkrieg oder Repression passiert- das hängt nicht vom Internet ab, sondern vom konkreten Kontext und Konfliktverlauf, der Geschichte, Kultur, den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen eines Landes.
Bessere Mobilisierung = Mehr Partizipation
Wenn politische Freiheits- und Partizipationsrechte verweigert und politische Unterdrückung ausgeübt wird, kann politischer Widerstand provoziert und eine Revolution ermöglicht werden. Aber der Zusammenhang zwischen der Mobilisierung und Partizipation im Internet mag zwar existieren, dafür im geringen und kaum aussagekräftigen Maße: Es gibt in der digitalen Virtualität tausende Klicks für die Teilnahme an einer Anti-Atom-Mahnwache, während in der sichtbaren Realität eine Handvoll Menschen vor der Stromzentrale erscheint und deplatziert wirkt.
Vom Typus Revoluzzer fehlt jede Spur- genauso von den prominenten iranischen Twitterern. Die meisten hielten sich während der grünen Bewegung im Jahre 2009 im Ausland auf. Dort war twitter kein einflussreiches Medium zur Mobilisierung, sondern die mündlichen Nachrichten unter und innerhalb der Bevölkerung. So berichtete der Medienwissenschaftler Evgeny Morozov im Vortrag „Revolution, Demokratie, Utopie: Vom Internet übermittelt?“,dass in der Zeit nach den Wahlen nur rund 60 Leute tatsächlich aus Iran twitterten.
Weiterer Aspekt ist die erfolgreiche Mobilisierung, die kein Indikator für Partizipation ist, was vor allem an der Unverbindlichkeit liegt. So kann jeder eine Haltung im Netz suggerieren, aber muss in der Gesellschaft nicht zwangsläufig aktiv agieren.
Statt das Internet und die damit einhergehende Revolution zu feiern, sollte man die rosa-rote Brille der Cypber-Utopie abnehmen und der grauen Wirklichkeit mit Problemen und Herausforderungen ins Auge blicken.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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