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Alsterstories

17.09.2009 | 00:16

Da läuft doch was falsch...

Ich habe gerade einen recht interessanten Artikel in der ZEIT gelesen, wo fünf Momentaufnahmen von Bürgern, die sich selbst dem Mittelstand zurechnen, aufgezeichnet worden waren.

Das Erschreckende daran: allemiteinander sind sie unsicher, wie das Leben in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird.

Und das deckt sich auch ziemlich mit meinen Erfahrungen. An so lustige, weil irgendwie altmodisch-verstaubt wirkende Sachen wie "Rente" denke ich selbst schon gar nicht mehr: ich gehe davon aus, daß ich so lange arbeiten werde, bis ich irgendwann tot umfalle.

Ich frage mich auch, was mit diesem Staat passiert ist - eigentlich weniger mit dem Staat, mehr mit der Gesellschaft - in der man für einen 400-€-Aushilfsjob als Verräumkraft bei Budni (einer Drogeriekette) eine Bewerbung mit entsprechenden Qualifikationen einreichen muß?

Was qualifiziert jemanden dazu, Drogerieartikel in Regale einzusortieren? Man sollte seine Hände benutzen können, nicht zu grober Gewalt neigen (indem man aus Versehen Regale umwirft) und insofern eine Intelligenz vorhanden sein, Schilder lesen zu können und Anweisungen zu befolgen.

Es scheint aber, man braucht dafür inzwischen schon eine abgeschlossene Berufsausbildung. Als Drogerieartikelsortierer mit Zusatzqualifikation als diplomierter Einräumer.

Da läuft doch was falsch, in diesem Staat.

Wenn ich mich daran erinnere, wie ich meine ersten Aushilfsjobs bekommen habe, das waren damals noch 630-Mark-Jobs: ich bin hingegangen, habe nachgefragt, man hat miteinander gesprochen und wurde eingestellt (sofern Bedarf da war und man sich selber nicht beim Gespräch ein ganz übles Bein gestellt hat).

Und heute? Gibt man Lebensläufe für Jobs ab, die einen sowieso in der Regel nicht über Wasser halten können. Nur um 2 Wochen später zu erfahren: "Sorry, es tut uns leid, wir haben uns für einen anderen, erfolgreicheren Bewerber entschieden."

Nochmal:

Wir reden hier über 0815-Jobs. Über Jobs, die wirklich _jeder_  machen kann, der seine Arme zivilisiert zu bewegen weiß. Hier gehts nicht um Rechtsanwälte, um Ärzte, um Kreativdirektoren oder Bürokaufleute. Nichtmal um Kassenkräfte. Hier gehts um simpelste Tätigkeiten, die von _jedem_ ausgeführt werden können. Was unterscheidet einen selbst von einer "erfolgreicheren" Verräumkraft?

Sucht man online nach solchen Jobs, bemerkt man, daß große Teile des Arbeitsmarkts scheinbar durch Vermittlungsagenturen verriegelt werden: da wird zwar in den Stellengesuchen immer wieder davon erzählt, man bewerbe sich auf "keine Zeitarbeitsstelle" - man muß trotzdem einen Vermittlungsgutschein der Agentur für Arbeit vorlegen. 

Den erhält man allerdings nur nach 2-monatiger Arbeitslosigkeit: man muß also vorher diese Zeit tatenlos absitzen, bis man in den Genuß kommt, sich überhaupt auf offene Stellen bewerben zu dürfen - und die obigen Vermittler erhalten für dieses Procedere 2000 € pro vermittelter Person. Aus dem Staatssäckel.

"Leute schnell in Arbeit bringen" sieht für mich anders aus. Und bei solchen Hürden ist es kaum verwunderlich, daß es sich der eine oder andere in Hartz IV gemütlich einrichtet - schließlich übernimmt der Staat Wohnung, die grundsätzlichen Versicherungen und gibt ein kleines Zubrot. Das ist fast schon mehr Sicherheit, als man mit einem normalen Job in diesen Zeiten hat.

Und vielleicht lehne ich mich jetzt weit aus dem Fenster: aber in 20, 30 Jahren werden wir zwar keine Rente mehr haben, dafür werden aber viele "Rentner", nachdem sie aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, als Prekariatsrentner arbeitslos ihren Lebensabend verbringen.

Wir sollten dagegensteuern. Jetzt. Indem man sich den Arbeitsmarkt mal ganz genau ansieht, nicht aus der Sicht von externen Kommissions- und Beratungsrunden, die von Professoren geleitet werden - sondern mal nachhaken, wo's hakt, bei dir und mir. Bei den ganz normalen Menschen.

Und nicht versucht, in abgehobenen Zirkeln den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen in der Hoffnung, das wäre das optimale für die meisten Menschen in diesem Land.

Es ist wichtig, unseren Arbeitsmarkt wirklich durchlässig zu machen: dazu gehört eine direkte Vermittlung zwischen potentiellen Arbeitgebern und -nehmern. Und keine zwischengeschalteten Agenturen, die lukrativ Staatsgelder absahnen.

Dazu gehört, daß man jedem Arbeitslosen ein kostenloses Profil auf der Website des Arbeitsamts einrichtet - so daß Arbeitgeber schnell die entsprechenden Personen finden, mit allen nötigen Daten. 

Und: Fokus auf die Fähigkeiten! Und nicht nur nach passenden Zeugnissen Ausschau halten. Es muß ein Umdenken einsetzen, ansonsten fährt dieser Staat, diese Republik, in absehbarer Zeit an die Wand.

Danke fürs Zuhören.


 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 17.09.2009 um 14:02
Eigentlich wieder viele richtige und lobenswerte Aufzeichnungen, von dem was falsch läuft. Einem netten Menschen wie Ihnen höre ich auch gerne zu, kann es aber trotzdem nicht richtig finden, wenn Sie von Leuten sprechen, die sich "gemütlich in Hartz IV mit dem kleinen Zuckerbrot darauf" sprechen. Das kann ich nicht sehen, aber ich bin ja auch nicht in der SPD ;O)
Mit Hartz IV ist man / frau in Deutschland bitterarm. Zur Rente möchte ich noch anmerken, dass sie auch kaputt geredet wird.
Magda schrieb am 17.09.2009 um 15:58
Ich glaube, hier werden einige Dinge vermengt. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass man, wenn man einen solchen Job sucht, unbedingt solch einen Vermittlungsgutschein braucht oder zu solch einer Agentur muss.

"Was unterscheidet einen selbst von einer "erfolgreicheren" Verräumkraft?"

Tja, die große Klappe vermute ich mal. Denn ganz so einfach sind diese Arbeiten nun auch wieder nicht. Ein bisschen mitdenken und ein bisschen logistisches Geschick oder so sind nicht schlecht.

"sondern mal nachhaken, wo's hakt, bei dir und mir"

Bei mir hakt nichts und bei Dir?

Ja, das Ding mit dem Hartz IV ist auch völlig daneben. Es ist nun mal so, dass es in diesem Lande zu wenig Stellen gibt.

Und gleich noch einmal was zum Nachhaken: Du machst Dich doch für die SPD stark. Und bist aus Hamburg. Ist da nicht dieser Intrigantenstadel von Elmsbüttel mit einem Kandidaten, der sich ziemich reingetrickst hat in den Vorsitz. Und der ist unterstützt von noch so einer Reizfigur, einem gewissen Johannes Kahrs, der einmal schon durch nächtliche Drohanrufe bei einer Kanidatin, die ihm nicht passte und durch eine ziemliche Affinität zur Rüstungswirtschaft aufgefallen ist.

Das wäre eine prima Aufgabe, für Leute, die fragen, wie sie sich von einer Verräumkraft unterscheiden. Ran an den Speck, Butter bei die Fische.
Thyara schrieb am 18.09.2009 um 09:42
"Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass man, wenn man einen solchen Job sucht, unbedingt solch einen Vermittlungsgutschein braucht oder zu solch einer Agentur muss."

Grundsätzlich muss man das auch nicht, aber je nachdem, in welchem Berufsfeld man sucht, tauchen die drei "Grundanbieter" unterschiedlich oft auf:
- Zeitarbeitsfirmen bzw. Personalvermittler
- Vermittlungsargenturen, die einen Vermittlungsgutschein genötigen
- das suchende Unternehmen selbst

Sucht man z.B. im KfZ-Bereich, findet man ca. (aber bitte nicht auf die Angaben festnageln) zu 80-85% Zeitarbeitsfirmen, vielleicht 5-10% Stellen mit Vermittlungsgutschein und der Rest sind die Unternehmen, die sich noch die Mühe machen selbst zu suchen. Im Bereich Kommissionieren z.B. ist da Verhältnis etwas anders, da gibt es bedeutend mehr Angebote mit Vermittlungsgutschein etc.
Ich kann das nicht 100% beurteilen, aber ich gehe davon aus, dass es vor einigen Jahren noch nicht ganz so schlimm war mit diesen Sklavenvermittlern.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 17.09.2009 um 22:01
Das sind keine "Vermittlungsagenturen" sondern system-tragende "Human Resources Consultants"...
Es besteht ausreichend Grund zuversichtlich zu sein. Diese Branche wird im nächsten Jahr bei so ca. 12% Arbeitslosigkeit endlich richtig zum Zug kommen damit eine schwarz-gelbe Koalition eine erfolgreiche Bilanz mit einem Zuwachs von Niedriglohn-Empfängern vorweisen kann. Geiz ist geil heißt es doch immer...
jfenn schrieb am 17.09.2009 um 23:09
1. Ich kenne niemanden, der sich „in Hartz IV gemütlich einrichtet“, dafür aber viele, die sich gerne aus diesen Verhältnissen herausarbeiten würden, was aus den in dem Artikel geschilderten Gründen fehlschlägt. Sie sind die „Prekariatsrentner“ von morgen, politisch gewollt. Ein halbes Volk wurde auf Sozialhilfe gesetzt, lebenslang.

2. Vergangenen Sonntag hatte Klaus Bednarz in der Sendung „Zwischentöne“ im Deutschlandfunk erzählt, wie er seinerzeit beim WDR eingestellt wurde. Werner Höfer habe ihn unter anderem nach journalistischen Erfahrungen gefragt: „Keine.“ Er wurde sofort genommen. Jede Wette, heute wäre Bednarz, der über Tschechow promovierte und der eigentlich zum Theater wollte, hoffnungslos „überqualifiziert“, und zwar sowohl für den politischen Journalismus als auch als „Verräumkraft“ im Supermarkt. Insoweit sehe ich keinen Unterschied zwischen den mehr und den weniger „Qualifikationen“ voraussetzenden Arbeitsplätzen, von dem in dem Artikel die Rede ist. Es gibt einfach zuviele Bewerber und zuwenige Stellen.
Thyara schrieb am 18.09.2009 um 09:36
Ich habe Ihren Beitrag mit gemischten Gefühlen gelesen. Wie schon einigen Vorkommentatoren ist mir das "gemütlich in Hartz IV..." ein wenig aufgestoßen. Es mag vielleicht sein, dass man mit Hartz IV fast mehr Sicherheit hat, als jemand, der über eine Zeitarbeitsfirma irgendwo, irgendwie beschäftigt ist, aber gemütlich machen kann man es sich damit wohl kaum. Und wenn schwarz-gelb an die Macht kommt, dann ist das Hartz IV Geld wohl sogar zum Überleben zu wenig...

Die Veränderung der Jobsituation kann ich jedoch vollkommen nachvollziehen. Die Zeiten sind nicht mehr wie früher, die Suche auch nur nach einem Nebenjob ist ebenfalls nicht mehr so leicht. Oft haben die kleineren Unternehmen kein Geld mehr für weitere Kräfte, sind auf Grund des großen Arbeiterangebots schon voll besetzt oder können sich wegen der übergroßen Anzahl an Bewerbungen wirklich den Akademiker unter den Regaleinräumern aussuchen. Sicher hängt es auch viel am Engagement, ob und wie schnell man einen Job findet, aber Aussagen wie: "Wer Arbeit will, bekommt auch welche" sind allein schon mit den sehr unterschiedlich großen Zahlen an Erwerbslosen und freien Arbeitsstellen zurückzuweisen.

"Und keine zwischengeschalteten Agenturen, die lukrativ Staatsgelder absahnen."
Zeitarbeits- und Personalvermittlungsunternehmen (meist eh beides zusammen) sind aus dem Boden schießende Krebsgeschwüre, die durch moderne Sklaverei profitieren. Das zeigt das Denken im Unternehmenssektor auf: Möglichst viel Gewinn, durch möglichst wenig Einsatz (geringe Löhne und die Möglichkeit Angestellte schnell und problemlos wieder abstoßen zu können).
Friedland schrieb am 18.09.2009 um 13:13
Nebenbei gefragt (da ich unter Phrasenallergie leide):
Können Krebsgeschwüre aus dem Boden schießen und gibt es MODERNE Sklaverei überhaupt?
Abgesehen davon teile ich die Ansicht, das derartige Vermittlungsagenturen überflüssig sind wie ein Kopf, äh, Kropf...
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