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Alsterstories

14.03.2011 | 02:49

Warum Fukushima überall ist

 

... und die Politik von Angela Merkel objektiv falsch ist

 

Die derzeitige Situation in Japan ist grauenvoll. Das ist keine Naturkatastrophe mehr, das ist fast schon eine Apokalypse: ein Erdbeben mit 9.0 auf der Richterskala, gefolgt von einem Tsunami, gefolgt von einer nuklearen Katastrophe in 2, wahlweise 3 Kernkraftwerken - da wird ein (ebenfalls derzeit stattfindender) Vulkanausbruch im Süden des Landes zur Fußnote.

 

Derweil üben sich die deutschen Politiker, vornehmlich die der schwarzgelben Koalition, in Beschwichtigungsritualen: Japan sei viel zu weit weg, um uns gesundheitliche Probleme bereiten zu können, deutsche Atomkraftwerke seien natürlich "sicher", da es bei uns keine Erdbeben und auch keine Tsunamis gäbe, die Atomkraft natürlich nur eine "Brückentechnologie", aber wir "beherrschten" sie.

 

Beschwichtigungsrituale von Ahnungslosen, wie 1986

 

Erinnert an 1986. Erinnert an Friedrich Zimmermann, seinerzeit CSU-Innenminister, der sagte: "Tschernobyl ist zu weit weg, als das uns das erreichen könnte." Ich bin im Südosten Bayerns aufgewachsen, der damals am stärksten vom Fallout betroffenen Region Deutschlands. Ich war 7, hatte also von der "großen" Politik noch keine Ahnung, aber: Pilze und Wild durften nicht mehr gegessen werden, Spielplätze wurden gemieden... . Erinnern kann ich mich daran noch.

 

Und jetzt? Nachdem in Japan nun Tschernobyl dreimal hintereinander passiert, sollen wir "keine parteipolitisch motivierte" Debatte anfangen? Sollen uns um das "menschliche Leid" kümmern, aber - bitte, bitte, bitte - keine politischen Konsequenzen ziehen? Wie naiv ist das denn?

 

Diskutieren über deutsche Konsequenzen wird unterbunden

 

Der Fallout von Tschernobyl zog jahrelang über die nördliche Hemisphäre - warum sollte das in Fukushima nun anders sein? Auch wenn der Westwind eine mögliche atomare Wolke auf den Pazifik hinaustreibt und dementsprechend radioaktive Partikel weit weg von besiedelten Gebieten niedergehen - auch wir essen Alaska-Seelachs, der im pazifischen Norden gefangen wird. Auch wir beziehen Getreide aus Nordamerika, das in der Westwindzone liegt. Es ist also mitnichten so, daß wir davon nicht betroffen wären. Wir sind es. Weil wir in einer globalisierten Welt leben. Und alle voneinander abhängig sind. Wer das negiert, der versucht, uns für dumm zu verkaufen. Wir werden nicht direkt von der dort freigesetzten Radioaktivität betroffen sein - indirekt aber sehr wohl.

 

Keine direkten Auswirkungen - indirekte sehr wohl

 


Fast genauso wahnsinnig ist die Argumentation, da wir in keinem Erdbebengebiet leben würden und auch keine Tsunamis drohen, gäbe es eine Katastrophe wie in Fukushima nicht. Fakt ist: das Erdbeben und der Tsunami haben zu einem Ausfall des Kühlsystems geführt, was wiederum zur Kernschmelze führte. Fakt ist aber auch: zu einem Ausfall des Kühlsystems braucht es weder ein Erdbeben noch einen Tsunami. Von den zwanzig "meldepflichtigen" Ereignissen in deutschen Atomkraftwerken seit 1975 sind neun direkt auf Fehler in den entsprechenden Kühlsystemen zurückzuführen. 45 Prozent aller Fehler an deutschen Reaktoren betrafen also die Kühlsysteme. Das Wort "sicher" würde ich da nicht mehr in den Mund nehmen wollen.

 

9 von 20 Störfällen in Deutschland  waren vom Kühlsystem abhängig, das zur Kernschmelze führen kann - ganz ohne Tsunami oder Erdbeben.

 


Zuallerletzt die Frage, warum man eine Brückentechnologie, für die es vor zehn Jahren schon eine allgemein akzeptierte Ausstiegsvariante gegeben hat, ohne Not um 10 Jahre in die Zukunft weiterverlängert, so daß sich am Ende Betriebszeiten von 25 Jahren ergeben. Merkel verschafft den Unternehmen damit Milliardengewinne, hemmt dabei aber die Entwicklung neuer, regenerativer Energien und liefert 80 Mio Menschen einer unsicheren, hochriskanten Technologie aus. Peinlich, wie Stefan Mappus, baden-württembergischer Ministerpräsident, der vor einem Jahr noch den Rauswurf des - leider ebenso hoffnungslos überforderten - Bundesumweltministers Röttgen forderte, weil der nicht genauso naßforsch die Laufzeitverlängerung durchpeitschen wollte, nun auf einmal den Rollback probt und von einer "sofortigen" Abschaltung von AKWs spricht. Peinlich, wie Merkel Märchen von der Sicherheit erzählt.

 

Was passiert, wenn ein Kühlsystem in einem deutschen Reaktor (es sind 17 im Gesamten) ausfällt und sich nicht wieder in Betrieb bringen läßt? Was dann?

 

Es gibt viele Dinge, über die man politisch geteilter Ansicht sein kann, über die es trefflich zu streiten lohnt - über die Atompolitik dieser Regierung, die an Parlament und Öffentlichkeit vorbei Geheimklauseln mit der Industrie vereinbart, lohnt es nicht zu diskutieren. Denn sie ist so offensichtlich, so ganz und gar objektiv falsch, daß es zum Haareraufen ist. Oder, bei Nichtkorrektur, zum Zähneklappern.

 

 
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