Mädchenmannschaft

Mädchenmannschaft

28.10.2009 | 10:20

Frauenzimmer: "Frauen sind die besseren Menschen"

Heute wurde ich gleich von zwei Leuten gefragt, wie ich denn die neue Sendung Frauenzimmer fände. Oh boy, ich konnte es gar nicht abwarten nach Hause zu kommen und mir die gestern erstmalig ausgestrahlte Folge online anzuschauen. Aha, eine neue Nachmittags-Talkshow mit einer bunt zusammengewürfelten Runde an Moderatorinnen, die ein nicht so neues Format präsentieren - nennt sich in den USA The View und ist dort u.a. mit Whoopi Goldberg und Barbara Walters recht erfolgreich. In Deutschland wird die Runde gleich von sieben Damen bestritten, von denen vier in den ersten Sendungen dabei sind: Yasmina Filali (Model, Schauspielerin und Moderatorin), Bettina Böttinger (Produzentin und Moderatorin), Maite Kelly (Sängerin) und Birgit Ehrenberg (selbsternannte (?) Liebesexpertin und Journalistin).

Quelle: maitekelly.de 

Quelle: maitekelly.de

Ehrenberg stellte anfangs gleich eins klar: Auf die Kritik der BILD Zeitung, diese Runde sei doch nur weiblicher Klatsch&Tratsch, entgegnete sie, dies hier sei

"deutsches Qualitätsfernsehen mit vier Raketen. Männer können hier etwas lernen - wie Frauen im Innersten ticken, lieben und denken".

Ja: sie denken auch - wie Ehrenberg mehrfach betont. Aber eben anders.

Filali führte thematisch durch die Sendung und hetzte etwas holprig von Thema zu Thema. Das erste “gewichtige politische Thema“ hieß dann auch “Wie sexy ist die neue Regierung?", worauf Kelly Philipp Rösler (FDP) zum Gewinner kürte - wegen seinem"asiatischen Touch und Zen Ausstrahlung". Da wo ich herkomme, nennt man solche Äußerungen Exotismus. Vielleicht bin ich langweilig, aber PolitikerInnen sollten primär auf Grund ihrer Kompetenzen anstatt ihrer Heiratsfähigkeit bewertet werden.

Thematisch bot die Sendung einen Rundumschlag der typischen Themen der privaten Sender: Prominenz, Schönheit (inklusive der Reproduktion von bekannten Dichotomien von schön/dünn/groß - hässlich/dick/klein) und Mode (so wurden bspw. 12cm hohe High Heels diskutiert, die man auch einfach beim kochen tragen kann - dann "fühle man sich auch zu Hause als Frau“, laut Ehrenberg)

Gast der ersten Sendung war Sänger Ross Antony, der über seinen Wunsch sprach, mit seinem Partner ein Kind adoptieren zu wollen - aber nur ein Mädchen, was die Moderatorinnen mit den Worten honorierten:

„Frauen sind ja auch besser!"

Antony setzt noch einen drauf und behauptete,

"für Mädchen könne man schöne viele Dinge kaufen, Puppen und so, und sowieso mehr mit ihnen anfangen als mit Jungs.“

Aha. Das kennen wir doch - und nennt sich Mütter- bzw. Differenzfeminismus - die weichgespülte Verfechtung der Aufgaben-Trennung basierend auf tradierten Vorstellungen von Geschlecht und Identität, welches die weibliche (Mutter-)Rolle glorifiziert.

Vielleicht verlange ich auch zu viel von einer klar auf Unterhaltung ausgelegten Sendung, aber eine Gesprächsstunde, die von (und für?) Frauen gemacht wird und den Anspruch hat, auch politische Themen zu behandeln, aber kontinuierlich Geschlechtsstereotype unhinterfragt reproduziert, ist für mich Teil eines backlash gegen durchaus existente Gleichstellungstendenzen in unserer Gesellschaft. Und diese Gegenbewegung, die man gesellschaftlich auf allen Ebenen spürt, wird insbesondere durch jene (sexistischen) Aussagen gestützt, die Frauen als die besseren Menschen darstellen.

Solche (falschen) Aussagen haben nur eine Konsequenz: Sie stellen Frauen ruhig. Und das zeigt die perverse Macht eines backlash.

Dieser Text wurde auch auf maedchenmannschaft.net veröffentlicht.

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 28.10.2009 um 22:38
Danke für die klaren Worte.
mahung schrieb am 29.10.2009 um 00:42
Privat-TV bleibt Privat-TV bleibt Privat-TV! Egal ob Mädchen oder Jungen es machen. Guter Artikel von Mädchenmannschaft und eine weitere Bestätigung dafür, die Privaten möglichst zu meiden. Abgesehen von den Simpsons natürlich ...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.10.2009 um 08:29
Ja, den braven Mädchen kann man massenweise Puppen und Petticoats kaufen, um sie ruhig zu stellen, während es für die unerträglichen Jungs bloß langweilige Entpöbelungspillen - in der Regel Ritalin - für oder besser gegen deren Krüppelseelenhaushalt zu erwerben gilt, damit man sich als treusorgender Elter fühlen kann.
Aber immerhin zahlt diese die Krankenkasse, so dass Jungs auch in dieser Hinsicht besser ins Prekariat hineinpassen.
Mädchenmannschaft schrieb am 30.10.2009 um 13:19
@ Magnus Göller:

Ein weniger mehr Sachlichkeit und Textnähe, bitte. Eine Diskussion über eine (streitbare) Benachteiligung von Jungen ist nicht Bestandteil dieses Artikels.

PS: Das Prekariat besteht nicht nur aus mit Ritalin vollgepumpten Jungen, sondern auch aus alleinerziehenden Müttern und/oder MigrantInnen, deren Lebensrealitäten in solchen Sendungen wie oben beschrieben vollständig ausgeblendet werden.
poor on ruhr schrieb am 30.10.2009 um 13:27
Genau und im Prekariat sollte es auch eine Solidarität zwischen Frauen und Männern gegen die Ausbeutung und Schlechterstellung geben. Machen Sie bitte weiter so mit ihren guten Blogs und ihren Kampf gegen das Patriarchat. LASSEN SIE SICH NICHT UNTERKRIEGEN!
Mädchenmannschaft schrieb am 30.10.2009 um 13:42
Danke für die netten Worte! Bei so viel Lob macht das Weiterkämpfen viel mehr Spaß!
Mädchenmannschaft schrieb am 30.10.2009 um 13:44
Danke für die netten Worte! Da macht das Weiterkämpfen viel mehr Spaß!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.10.2009 um 19:35
Liebe Mädchenmannschaft,
danke für den Hinweis von wegen Sachlichkeit und Textnähe; in der Tat habe ich ein wenig polemisiert, aber sehr wohl nah am Text (siehe die Aussagen dieses Sängers und den Kommentar der Moderatorinnen bezüglich Jungen und Mädchen).

P.S.: Ich weiß nicht, ob ich mich schon zum Prekariat rechnen soll, aber dort gibt es nicht nur alleinerziehende Mütter und "MigrantInnen", sondern ebenso alleinerziehende deutsche Väter (gar noch von Jungs!) wie mich: die zählen natürlich nicht.
Zumindest sind sie keiner Erwähnung wert.
Regen Sie sich bitte nicht auf, ich habe mich an das Schema, wie auch Sie es vorlegen, schon gewöhnt; was allerdings nicht heißt, dass es mir gefällt.

MfG
Ihr
M.G.
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