Mädchenmannschaft

Mädchenmannschaft

02.10.2009 | 21:08

Oh (Hurrel)Mann! – Da kriesch Plack!

Klaus Hurrelmann ist “Senior Professor of Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und hat unter anderem die Shell Jugendstudie 2006 und die World Vision Kinderstudie 2007 geleitet”. Klaus Hurrelmann lief auch mir schon in meinem Studium der Erziehungs- und Sozialwissenschaften so einige Mal über den Weg. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich sein wissenschaftliches Gesamtwerk achte und respektiere. Aber dieser Artikel, der mir hier ins Auge sprang, der hat es wirklich in sich: Panikmache und kleine Unwahrheiten verstecken sich zwischen wissenschaftlichen Analysen. So schreibt Hurrelmann in “Kompetenz, Kinder und Karriere”:

“Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Diese Epoche nähert sich dem Ende.”

In Wahrheit sind Frauen in der Schule besser, seit sie genauso mitmachen, wie die Männer: Seit dreißig Jahren und länger. Dennoch wirkte sich das noch lange nicht auf ihre späteren beruflichen Chancen aus. Na klar: Durch die Ansozialisation vermeintlich “weiblicher” Eigenschaften in allen Sphären der Gesellschaft (eigene Herkunftsfamilie, Kindergarten, Schule) waren sie besser auf das eingestellt, was in sturen Schulstunden am besten bei Lehrern ankommt – wohingegen kleine Jungen eher dazu tendieren, dagegen zu rebellieren (und das vielleicht auch mit Recht!). Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn es darum geht, in einer Berufswelt zu bestehen, die aus Konkurrenz, Machtstreben und vielleicht auch ein gutes Portiönchen Rebellentum “Helden” schmiedet (mache ich sonst nicht, aber diese Mechanismen hat Susan Pinker so gut in ihrem “Geschlechterparadox” beschrieben, dass man es erwähnen sollte – wenngleich ich nicht mit ihr übereinstimme, was die Ursache dafür angeht). Aber hey – machen wir weiter mit Hurrelmanns Prophetie des Untergangs der Männer:

“Seit dem Start der vergleichenden Untersuchungen im Jahre 2000 haben Mädchen und junge Frauen ihre Position in der Lesekompetenz gehalten oder sogar weiter ausgebaut. In diesem Kompetenzbereich sind sie durch ihre hohen kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten schon immer besser als die jungen Männer gewesen. Aber in der früheren Männerdomäne der naturwissenschaftlichen Fächer haben sie sich seit 2000 ebenfalls kontinuierlich verbessert und liegen heute über weite Strecken vor dem männlichen Geschlecht. Nur in Mathematik übertreffen die Leistungen der jungen Männer die der jungen Frauen, wenn auch nur noch sehr knapp. Schreibt man die Tendenzen fort, ist bei der nächsten oder übernächsten Erhebung auch in diesem Bereich der Durchbruch der jungen Frauen denkbar.”

So weit – so richtig. Hurrelmann zeigt sich hier doch wieder von seiner wissenschaftlich-analytischen Seite. PISA zeigt uns tatsächlich, dass mit Bildungsgerechtigkeit in Abhängigkeit vom Geschlecht zum Nachteil der Jungen einiges schief läuft. Nicht nur PISA, auch andere Studien, wie die von Jürgen Budde (PDF, ca. 700 KB), die er im Jahr 2008 für das Bundesministerium für Bildung und Forschung erstellt hat, legt nahe, dass etwas schief läuft, dass wir etwas ändern müssen. Budde bleibt aber nüchterner und schreibt trotz aller Sorge:

“Eine ausschließliche Orientierung auf leistungsschwache und verhaltensproblematische Schüler wiederholt den negativen Blick der aktuellen (medialen) Debatte und übersieht, dass es ebenso durchschnittliche und erfolgreiche Schüler gibt. Zwar liegt der Anteil der Risikoschüler mit 11,9% um 2,2 Prozentpunkte über dem der Mädchen – darunter überdurchschnittlich viele Jungen mit Migrationshintergrund und aus kapitalienarmen5 Familien. Allerdings finden sich auch bei den kompetenzstarken Schülern – dies wird häufig vergessen – mit 11,8% mehr Jungen als Mädchen (10,4%). Um dieses Dilemma zu minimieren, stellt die Expertise ebenfalls Erfolge und Stärken von Jungen im Bildungssystem dar.”

Zurück zu Hurrelmann – um dem auch endlich ein Ende zu machen: In meinen Augen erweist er ernsthaft an diesen Themen arbeitenden Menschen wie Jürgen Budde und Hannelore Faulstich-Wieland eine Bärendienst, die gerade in erziehungswissenschaftlichen Diskussionen viel intensiver besprochen werden, als öffentlich-medial, die sich dafür aber umso ernsthafter um eine Klärung der ungeklärten Fragen und eine Perspektive für die tatsächliche Lösung der bestehenden Probleme bemühen, wenn er leicht hysterisch anmutend schreibt:

“Bisher sieht es nicht so aus, als ob an irgendeiner Stelle in der Karriereleiter aktiver männlicher Widerstand gegen den Vormarsch der Frauen geleistet würde. Die meisten Männer in Führungspositionen und etablierten Berufsetagen haben den Ernst der Lage offenbar noch nicht erkannt. Die jungen Männer im Bildungssystem sehen mit Irritation und teilweise mit Wut, wie die jungen Frauen in Schule, Hochschule und Berufsausbildung an ihnen vorbei ziehen. Solange sie nicht gegen ihre strukturellen Benachteiligungen aufbegehren und nur resigniert maulen, wird die nächste Runde im Geschlechterkampf an ihre weiblichen Mitbewerber gehen. Und es ist vielleicht die entscheidende.”

Na geil – endlich haben wir ihn wieder: Den Kampf der Geschlechter gegeneinander. Hat er uns nicht schon total gefehlt???

Und weil es besser ist, “die Guten” zu lesen, sei deswegen hier als Alternative zu Hurrelmanns Hysterie das wirklich wunderbare Buch Walter Hollsteins empfohlen, das ich gerade lese und dessen Titel schon wesentlich mehr verspricht: “Geschlechterdemokratie – Männer und Frauen: Besser miteinander leben” [Hervorhebung Mädchenmannschaft].

Ein Text von Katrin@Maedchenmannschaft

 
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Kommentare
Peripatetik schrieb am 02.10.2009 um 22:15
Wenn es nur der Kampf der Geschlechter gegeneinander wäre, bei dem Hurrelmann, die Farben seiner Wissenschaft tragend, hier die Keule schwingt.

Viel schlimmer ist doch der apokaplytische Ton: "es ist vielleicht die entscheidende (Runde im Geschlechterkampf)".

Richtig die Haare zu Berge stehen mir aber, wo er vom "Ernst der Lage" spricht. Denn was beklagt er so lautstark? "Seit Generationen etablierte Muster der Hierarchie der Geschlechter geraten ins Rutschen" und "(Frauen) haben die einmalige Chance erkannt, (...) endlich ihren niedrigeren gesellschaftlichen Status gegenüber den Männern zu überwinden."

Wollten wir das nicht immer: gleiche Rechte, gleichen Status, gleiche Macht, gleiche Möglichkeiten für Männer und Frauen (und alle dazwischen)? Was ist auf einmal so schlecht daran? Was reitet Hurrelmann?
M1xP1yne schrieb am 03.10.2009 um 13:17
@ Peripatetik
Vielleicht einfach mal den Artikel ganz lesen.
Hurrelmann "reitet" eben, so habe ich es zumindest verstanden, dass Jungs einer strukturellen Benachteiligung ausgesetzt sind.
Und auch wenn ich den Artikel an und für sich nicht so schlecht finde, da recht ausgeglichen (Zumindest wenn man die Herkunft bedenkt), so scheitert er in meinen Augen daran, das er Hurrelmanns Artikel als "hysterisch" abtut, und in die TOnne tritt, ohne allerdings eine stichhaltige, weil logische Erklärung zu liefern.
Wobei der Ton Hurrelmanns wirklich etwas, naja, verbesserungswürdig ist.
Hurrelmann muss nicht recht haben, aber es spricht einiges m.E. dafür, dass er zumindest nicht unrecht hat. Und wie so oft liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen.
Aber trotzdem schön zu sehen, das man in der Mädchenmanschaft auch ohne Schaum vor dem Mund schreiben kann.
Btw:
Wer hat das eigentlich geschrieben?
Peripatetik schrieb am 03.10.2009 um 14:09
Lieber M1xP1yne,

der Vorwurf, jemand hätte etwas nicht ganz gelesen, fällt sehr oft irgendwo und trifft selten zu. Meistens kann der/die Betroffene das Kompliment auch direkt zurückgeben.

Ich habe bei Hurrelmann gelesen, dass er beklagt, (ich zitiere einfach dieselbe Stelle, die ich in meinem vorigen Kommantar zitiert habe) "Seit Generationen etablierte Muster der Hierarchie der Geschlechter geraten ins Rutschen". Und meine Frage ist, was reitet Hurrelmann, dass er das beklagt? Dass es ihm auch um die bildungsmäßige Benachteiligung von Jungen geht, habe ich nicht übersehen, aber in einem Zusammenhang, in dem einer die alte Geschlechterhierarchie beibehalten will, mag ich mich nicht damit beschäftigen, so wichtig das Thema eigentlich sein mag.

Was Mädchenmannschaft als "hysterisch" bezeichnet und ich als "apokalyptisch", kommt, denke ich, in der zitierten Stelle, dem letzten Absatz des Artikels, gut zur Geltung. Warum man etwas so oder so findet, kann ja grundsätzlich nicht logisch erklärt, sondern nur anschaulich gemacht werden. Wenn Sie den Artikel und besonders diese Stelle anders lesen, anderes dabei assoziieren, finde ich das völlig in Ordnung. Wenn Sie auch noch dazu bereit wären, Ihre Lesart zu erläutern (nicht zu beweisen!), könnte man ins Gespräch kommen. Aber so ganz zufrieden sind Sie ja auch nicht.

Eigentlich möchte ich Hurrelmanns Artikel nämlich gut finden. Und dann seine Argumente gegen die von Mädchenmannschaft abwägen.

Gruß, Peripatetik
M1xP1yne schrieb am 03.10.2009 um 15:36
@ Peripatetik

OK, der Satz "vielleicht einfach mal den Artikel ganz lesen" ist, der von Ihnen genannten Kriterien und auch einiger anderer Gründe wegen, wirklich nicht das Gelbe vom Ei, sorry dafür.
Allerdings sehe ich den Artikel anders als Sie.
Die zitierte Stelle ist m.E. kein "Beklagen", sondern eine Feststellung.
Ich sehe zumindestens keine Wertung von Seiten Hurrelmanns, weshalb ich die Interpretation mit wertenden Kriterien eher als eine Sache des Empfängers (also Sie) sehe.
Sie sollten sich hier fragen, ob Hurrelmann wertet, oder Sie da eine Wertung reininterpretieren.
Das der Artikel am Ende in die typischen Phrasenhaftigkeit und Absolutheit eines Spiegeljournalisten driftet, will ich ja gar nicht bestreiten. Der Teil wirkt sowieso befremdlich, vor allem bei dem, was zuvor geschrieben wurde.
Im Übrigen liegen Mädchenmanschaft und Hurrelmann nicht soweit auseinander. Eben vor allem, was die Ursachen betrifft, tun sich hier Differenzen auf.
Allerdings machen die von Mädchenmannschaft sich nicht wirklich Mühe, ihre Sicht zu belegen (in diesem Fall sollte es, da eine wissenschaftliche Interpretation, schon eher ein "Belegen" als ein "Erläutern" sein).
Sollten Sie hingegen wirklich INteresse an einer Erläuterung des Textes aus meiner Sicht oder der entsprechenden Passagen durch mich haben, werde ich mich gerne hinsetzen, und mein eher gefühlsmäßige Interpretation aufdrösseln.

Gruß zurück,

Max
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