Mädchenmannschaft

Mädchenmannschaft

22.06.2010 | 10:13

Schnipp, schnapp, Klitoris ab

Gerade haben wir noch einmal auf die Kampagne von Terre des Femmes hingewiesen, die sich für bessere medizinische Versorgung beschnittener Frauen einsetzen. Dass Operationen im weiblichen Genitalbereich nicht nur in vermeintlich rückständigen Ländern vorgenommen werden, beweist eine Studie aus den USA. Dort publizierten Ärzt_innen die Ergebnisse ihrer Forschung von Klitorisreduktionen an kleinen Mädchen, dabei ist ein Detail gruseliger als das andere.

Bereits die Krankheit, die behandelt werden soll, ist umstritten. Bei der sogenannten Klitorishypertrophie ist die Klitoris „ungewöhnlich groß oder penisähnlich” - schon die Abgrenzung von normal und krankhaft ist nicht klar und liegt eher im Ermessen des Betrachters. In den meisten Fällen ist sie ein Symptom eines intersexuellen Syndroms. Physische Beeinträchtigungen aufgrund einer großen Klitoris sind allerdings sehr selten, als Grund für die Reduktion wird daher meist die mögliche psychische Beeinträchtigung der Mädchen während ihrer Entwicklung angeführt. Dabei überschätzen Eltern und Ärzt_innen aber die unter Kindern stattfindenden Doktorspiele, denn bisher gibt es keine Belege für derartige negative Folgen.

Wohl aber, dass die Operationen die Mädchen traumatisieren und selbst die neuen, „weniger invasiven und nervenerhaltenden” Methoden mehr zerstören als helfen. Wie bei Genitalverstümmelungen drohen regelmäßige Infekte, Inkontinenz und Probleme beim Sex. Ästhetik, Angst vor sozialer Ausgrenzung aufgrund gesellschaftlich-traditioneller Vorgaben und Beharren auf der Unbedenklichkeit der Prozedur - die Beweggründe sind ebenfalls die gleichen. Die Abgrenzung von guten Reduktionen und schlechter Verstümmelung beruht mehr auf wir versus die.

In der bereits 2007 erschienen aber nun erstmals kritisch beleuchteten Studie wurde dann ein noch höheres Level an medizinischer Fragwürdigkeit erreicht. Darin beweisen die Forscher_innen die „Harmlosigkeit” einer neuen Reduktionstechnik, bei der die Spitze der Klitoris abgetrennt und nach der Reduktion des Schaftes wieder aufgenäht wird. Zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit wurde den Mädchen anschließend mit Fingernägeln, Q-Tips und Minivibratoren an der Klitoris und dem weiteren Intimbereich herumgedrückt, um den Blutfluss und das „Gefühl” zu überprüfen. Ein Vorgang, der auch noch jährlich wiederholt werden soll. Mit dem Etikette „Forschung” werden auf einmal Vorgänge salonfähig, die ansonsten unter sexuellen Missbrauch fallen.

Als ob dies alles noch nicht schlimm genug wäre, fielen den Kritikerinnen Alice Dreger und Ellen K. Feder noch weitere Probleme auf: So klärte man die Eltern der Studienteilnehmerinnen vermutlich nicht über die möglichen negativen Folgen auf, sondern empfahl die Reduktionen entgegen aller Forschungsergebnisse als Mittel, die gesunde Entwicklung zu gewährleisten. Schließlich fehlte auch noch die Erlaubnis des Institutional Review Boards (IRB), das Forschungsprojekte auf ihre ethische Unbedenklichkeit abklopft. Ein Umstand der zumindest diese unglaubliche Studie erklärt. Darüber hinaus ein Anstoß, medizinische Praktiken stärker kritisch zu hinterfragen und die eigene Vorurteile zu überprüfen.

Ein Text von Helga@maedchenmannschaft

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 22.06.2010 um 11:38
Und dann gibt's als Motiv noch die "Schönheit" (also den Profit):

www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,687538,00.html
Sarah Rudolph schrieb am 22.06.2010 um 19:00
Mir ist schlecht.
Aber hauptsache, keiner lacht, bei einem Doktorspielchen.
merdeister schrieb am 22.06.2010 um 20:16
Das wären aber traurige Doktorspielchen...
Sarah Rudolph schrieb am 22.06.2010 um 23:06
nicht wahr?
GeroSteiner schrieb am 22.06.2010 um 22:21
Es ist einfach unglaublich. Seit dem Mittelalter hat sich nichts geändert. Quacksalber und Kurpfuscher, Viertel-, Halb- und Dreiviertelgötter in Weiß, Diagnosen, die von jedem Schuster präziser ausgeführt werden könnten. Es git sie immer noch.

Das Instrumentarium hat neuerdings einen Stromanschluss, die Werkzeuge unterscheiden sich, die Diagnosen sind zum Teil immer noch abenteuerlich (für die, die die richtigen Fragen stellen können).
I.D.A. Liszt schrieb am 22.06.2010 um 23:16
Na, wenn Blindärme schon flächendeckend herausgeschnitten worden sind, und bei den Chirurgen auch die vorderen Stirnlappen entfernt wurden, müssen die Jungs nun mal nach einem "Operationsgebiet" Ausschau halten.

>So klärte man die Eltern der Studienteilnehmerinnen vermutlich nicht über die möglichen negativen Folgen auf, sondern empfahl die Reduktionen entgegen aller Forschungsergebnisse als Mittel, die gesunde Entwicklung zu gewährleisten.< - Nicht die Mediziner allein sind das Problem, sondern gerade auch die Eltern, die sich wünschen, ihre Töchter entsprächen hundertprozentig der Norm und deshalb noch nicht einmal davor zurückschrecken, die Mädchen verstümmeln zu lassen.
kid neo schrieb am 23.06.2010 um 07:08
Ist das ein Beitrag aus der Rubrik "degenerierte Gesellschaften auf diesem Planeten"? Wie kann man seine Tochter derart verstümmeln lassen, damit sie ins Bild der Gesellschaft passt und sich dann auch noch der Verantwortung entledigen indem man von Ärzten sich "Harmlosigkeit" attestieren lässt?
claudia schrieb am 23.06.2010 um 11:28
Fast alle genitalen Operationen an kleinen Kindern sind nicht medizinisch indiziert, sondern eine kosmetische Misshandlung. Misshandlung, weil nicht funktionale, sondern kosmetische Eingriffe, egal ob chirurgischer, hormoneller oder sonstiger Art, nur von der betreffenden Person selbst entschieden werden können. Selbstentscheidung setzt Aufklärung über Risiken und Alternativen voraus.

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>>Wie dringend ist denn "Geschlechtsdiagnostik" und Eintragung für einen Säugling, wenn mal die Ansprüche Erwachsener zurückstehen?<<
Zitat aus: zwitterforum.ath.cx/index.php/topic,1558.0.html

Das Grundproblem ist das Idealbild vom "männlicen" und "weiblichen" Körper und die unnötige gesetzliche Vorgabe, es solle gleich bei der Geburt entschieden werden, ob das Kind als "weiblich" oder "männlich" einzutragen ist. Alles Weitere folgt dem.

Wenn wir einfach mal fragen, ob wir einen Menschen finden können, der einem der beiden antomischen Bilder: „männlich/weiblich” im Lexikon in allen Merkamalen exakt entspricht, dann stellen wir fest, dass das nicht der Fall ist. Alle Menschen sind auf irgendeine Art anders beschaffen als eines der Idealbilder. Abweichungen sind um so seltener, je auffälliger sie sind. Das gilt auch für Genitalien und Fortpflanzungeorgane.

Wenn wir mal den ideologischen Müll in den Köpfen entsorgen, dann stellen wir fest, dass Frage nach dem Geschlecht vor dem Pubertätsalter keineswegs die Dringlichkeit besitzt, die ihr immer wieder zugeschrieben wird.

Man kann es bei der Geburt offenlassen. Ich habe eine Mutter kenengelernt, die ihrem „geschlechtlich uneindeutigen” Kind seine eigene Entwcklung zugestand. Heute, mit 13 Jahren, ist schon viel klarer mit welcher Geschlechtzuordnung das Kind selber besser klar kommt. Das kann auch nicht mit Hypothesen über „Geschlechtsidentität” gesteuert werden, sondern am Besten gar nicht. Und dann braucht man auch keine Eingriffe am kleinen Kind, die das „Geschlecht bestätigen sollen, das es „mal werden soll”.
Für das, "was es mal werden soll" wird viel herumgebastelt an kleinen Kindern. Und mit Hormonen gesteuert, zum Teil schon mit Cortison am Fötus.

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Es gibt ein Zwitterforum mit öffentlichem Teil Wer sich mit den Fragen dazu näher auseinandersetzen will, kann dort mal ein paar Stränge lesen.

zwitterforum.ath.cx/index.php#5

oder auch hier:

blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/06/22/%2223.6.-Zwitter-Genitalverst%C3%BCmmelungen%3A-Ethikrat-gefordert%22-Zwischengeschlecht.org

Es sind viele Texte, aber es gibt auch viel zu sagen zum Thema und noch nicht ist alles ausdiskutiert.
Cassandra schrieb am 23.06.2010 um 12:06
Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Ich habe mal eine Doku gesehen, in der Eltern, die sich auch dafür entschieden hatten das Kind nicht frühzeitig einer OP auszusetzen, von ihren Schwierigkeiten berichteten. Nicht nur, dass die Ärzte sie - trotz großer Risiken - davon überzeugen wollten sofort zu operieren. Auch der Bekanntenkreis zog sich mehr und mehr zurück und die Behörden machten ein unheimliches Theater. Ich dachte, ich hör nicht richtig...
claudia schrieb am 23.06.2010 um 13:28
Ja, man muss auf jeden Fall abraten. Oft wird gesagt, ein Kind würde im Kindergarten gehänselt, wenn im Falle weiblich eingetragen die Klitoris äuffällig sei oder im Falle männlich eingetragen der Urin nicht im Stehen abgespritzt werden kann. Die Harnröhrenbasteleien sind auch sehr schmerzhaft und können zu Störungen des Harnabflusses führen, die es ohne das Gebastel nicht geben würde.

Ich habe mal erlebt, wie eine Chirurgin ihre tollen OP-Techniken vorstellte und das eben mit dem Kindergarten begründete.
Auf die Frage, ob dann nicht die Erziehung versagt, wenn das Kind tatsächlich Diskriminierungen ausgesetzt ist, hatte sie keine Antwort.

Ich hab selber Erfahrung mit kleinen Kindern. Und ich kann einem dreieinhalbjährigen Kind ohne Schwierigkeiten erklären, dass die Natur keine Serienprodukte fertigt. Schauen wir uns die Bäume an: Jeder Baum sieht ein bisschen anders aus als sein Nachbar. Aber alle sind Bäume, die uns mit ihren Blättern die Luft zum Atmen geben, und dafür haben wir sie lieb. Und bei den Menschen ist das auch so: Alle sind ein bisschen anders und wir können uns trotzdem lieb haben.

Sowas geht, man muss es nur wollen.
Mädchenmannschaft schrieb am 23.06.2010 um 12:00
Ich denke, für die betroffenen Eltern ist das sehr sehr schwer. Zunächst sind die verunsichert, weil ihr Kind irgendwie „anders” ist, dann kommen Ärzt_innen mit Studium und langer Erfahrung und versichern einem, es sei sinnvoll zu operieren. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft die von Brustvergrößerungen über Rektalbleichungen bis zu Vaginalverjüngungen quasi jedes Körperteil einer Frau als verbesserungswürdig betrachtet.

Bei „anderen” Kindern haben Eltern häufig Angst, ihr Kind könnte gehänselt werden, deswegen sind bis heute Jungen in rosa Kleidchen oder mit Puppenwagen in der Öffentlichkeit selten zu sehen.
claudia schrieb am 23.06.2010 um 13:39
Was das Kliedchen angeht: Ich finde es besser, wenn Kinder nicht zu Modepüppchen degenerieren. Wenn ich mit einem Kind unterwegs bin, ist mir lieber, es hat strapazierfähige Klamotten an. Weil z. B. Brombeeren lecker sind. Oder es eben so interessant ist, wo der Käfer hinspaziert.

Ein Interesse an Modesachen kommt noch früh genug...

Ich meine, es zuviel Gewese um das Mädchen/Junge-Schema gemacht.

---
Das "Zwittervereindeutigen" ist ein altes Thema in der Medizin.
Magnus Hirschfeld hat berichet, dass Zwitter anfragten, ob die Medizin einen normalen Geschlechtsverkehr mit Partner oder Partnerin ermöglichen könne. Nur: Die waren erwachsen.
Mädchenmannschaft schrieb am 23.06.2010 um 16:00
Es geht dabei nicht um die Frage der Mode und Praktikabilität. Es gibt kleine Jungen, die Puppen, rosa und lange Haare toll finden und haben wollen, ihnen das aber aus Angst vor Hänseleien (oder „schwul werden”) von ihren Eltern verboten wird.
claudia schrieb am 23.06.2010 um 17:29
>>Es gibt kleine Jungen, die Puppen, rosa und lange Haare toll finden und haben wollen, ihnen das aber aus Angst vor Hänseleien (oder „schwul werden”) von ihren Eltern verboten wird.<<
Und wenn sie sich den Wunsch erst mit 50 zu erfüllen trauen sind sie weiter unglücklich, nur dann auf andere Weise...

Ich bin nicht für Verbote, wo damit nicht konkreten Gefahren begegnet wird.
Aber ich meine trotzdem, dass es für alle heilsam wäre, wenn das überzogene Mädchen/Junge-Schema ganz allgemein entschäft wird.

Man muss klar machen, dass kein Jungen- oder Mädchenspielzueg gibt, sondern eben Kinderspielzeug.
Geschlechtspsychologen hängen viel "Geschlechtsidentität" an Spielzeug und Klamotten auf. Das hat bei der Beratung von Eltern intersexueller Kindern fatale Folgen. Man solle besonders darauf achten, dass das Kind in die Geschlechtsrolle hineinerzogen wird. Die von den verunsicherten Eltern besonders hart durchgezogene "Geschlechtserziehung" ruft gesunde Gegenwehr hervor. Dann sind die Eltern noch mehr verunsichert.

Was die Klamotten angeht, meine ich aber doch: Wenn der Modeschnickschnack für die Kleinen gar nicht angeboten wird, dann schreit auch kein Kind danach...

Eltern, die meinen, Indoktrination zu irgendeinem "Rollenverhalten" sei richtig, muss man mal Grundgesetzartikel 2 zeigen: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pesönlichkeit..."

Das Schema zu hinterfragen ist mühsam, denn es steckt tief drin und wird von "Geschlechtsidentitätsforschern" immer weiter perpetuiert.
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