Mädchenmannschaft

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14.08.2009 | 18:22

Vaterfreuden

Neulich auf dem Weg zur Arbeit ist mir folgendes passiert:
Ein Vater stand mit Kinderwagen oben an der U-Bahn-Treppe. Ich bot an, ihm tragen zu helfen, was er dankend annahm. Mein „Soll ich helfen?“ hatte jedoch auch ein Mann gehört, der samt weiblicher Begleitung die Treppe schon ein Stück unten war. Dieser kam dann wieder nach oben, sich wortreich entschuldigend, dass er keine Hilfe angeboten sondern einfach vorbei gegangen war. Dabei versuchte er, mir den Kinderwagen aus der Hand zu nehmen (was ich abwehrte). Es war ihm sichtlich unangenehm, dass er die Situation übersehen hatte und in seiner ausschweifenden Erklärung fiel schließlich auch der Satz: „Bei einer Frau bleibt man eher mal stehen, an einem Mann geht man irgendwie vorbei“.
Inzwischen hatten wir den U-Bahn-Steig erreicht und der junge Vater suchte sichtlich genervt schnell das Weite.

Ich kann den Vater gut verstehen, dass er genervt war. Meine Großmutter erzählt gerne, dass mein Opa Mitte der 50er als meine Mutter auf die Welt kam der erste Mann war, der im ganzen Wohngebiet einen Kinderwagen geschoben habe und wie viele schiefe Blicke und Sprüche er dafür kassierte. Manchmal habe ich den Eindruck, was den Umgang mit Vätern angeht, hat sich seit dem nicht so viel verändert.

Mir kommt es so vor, dass kaum jemand mit einem engagierten Vater neutral umgeht. Das geht schon mit der Formulierung los, hat schon mal jemand von einer engagierten Mutter gehört? Eben. Wenn ein Mann alleine mit seinen Kindern unterwegs ist, weiß, welche Windelgröße gerade die aktuelle ist und welcher der Lieblingsrock der Tochter, dann ist er gleich ein engagierter Vater. Und als dieser wird er permanent von seiner Umwelt beobachtet und bewertet. Das kann natürlich positiv geschehen, von sehr freundlich bis hin zu überschwänglicher Begeisterung. Oder der Vater hat mit abwertenden, misstrauischen oder gar beleidigenden Kommentaren zu kämpfen. So bekam ein befreundeter Vater von den Arbeitern einer Baustelle zu hören, das mit dem Tragetuch sei ja bei einer Frau gerade noch okay, aber bei einem Mann ginge das mal so gar nicht. Der gleiche Vater berichtete mir auch, dass wenn er mit beiden Kindern alleine unterwegs sei, er sich immer wie auf dem Präsentierteller fühlen würde. Blicke und Bemerkungen würden bei kaum einer Straßenbahnfahrt ausbleiben. Und auch positive Kommentare können ganz schön nerven und sind letztendlich nicht weniger sexistisch als die abfälligen – wenn auch nicht so böse gemeint. Denn es ist ziemlich herablassend, wenn fremde Menschen es für besonders erwähnenswert halten, dass man(n) ja – erstaunlicherweise! – total gut zurecht kommen würde mit den Kindern. Kommt irgendwer auf die Idee, so was einer Mutter zu sagen, die einfach nur mit ihrem Kind einkaufen geht? Nicht zu vergessen natürlich die Passanten, die mit Argusaugen über den Umgang mit den Kindern wachen, denn einem Vater muss wohl rund um die Uhr auf die Finger gesehen werden, ob er auch alles richtig macht.

Männer, die ihre Vaterrolle aktiv ausüben sind anscheinend immer noch nicht in den Köpfen angekommen, Männer mit Kinderwagen immer noch ein Phänomen. Die Gründe dafür sind sicherlich vielschichtig. Gewiss hängt viel mit der Überhöhung der Mutter(rolle) vor allem in Deutschland zusammen, welche sowohl in der Politik als auch im Privaten immer wieder betont und manifestiert wird. In entsprechenden Internetforen liest man zuhauf von Frauen, die ihrem eigenen Mann nicht mal zutrauen, die Windeln des gemeinsamen Kindes zu wechseln. Geht ein Mann länger als zwei Monate in Elternzeit, kann er sich je nach Arbeitgeber und Kollegenkreis auf blöde bis beleidigende Sprüche einstellen. Ein mir bekannter Vater musste den Arbeitgeber wechseln, weil der alte ihm sehr deutlich zu verstehen gab, dass er über die gesetzliche Verpflichtung hinaus nicht bereit sei, sich auf Vätermonate oder familienfreundliche Arbeitszeitmodelle einzulassen. Der einzige gesellschaftliche Bereich, in dem Väter inzwischen allgemein akzeptiert zu sein scheinen, sind diverse mäßige Werbespots für Kaffee oder Fertigkuchen (richtig backen kann der arme Mann natürlich nicht).

Väter, bitte, traut und zeigt euch! Bindet euch die Kinder auf Bauch und Rücken und erobert die Spielplätze! Lasst euch bitte von den blöden Kollegensprüchen nicht entmutigen und bleibt auch mal daheim, wenn euer Kind krank ist und ihr euch kümmern wollt.

Wir brauchen wirklich dringend eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Vätern, sei es in der Straßenbahn, auf dem Spielplatz oder im Job. Ich trag auch gerne weiter die Kinderwagen.

Ein Text von Anna@Maedchenmannschaft.net

 
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Kommentare
Titta schrieb am 14.08.2009 um 19:28
Und was ist mit dem Umgang mit Hausmännern ohne Kinder?
hike schrieb am 25.08.2009 um 11:16
Unterschreibe einfach mal. Ich binde, trage, wechsle und spiele sehr gerne und kann deine Beobachtungen teilweise bestätigen (meist bei Fremden), erfahre andererseits aber auch normaleres Feedback (meist in der eigenen Peergroup).
hike schrieb am 25.08.2009 um 11:17
Der erste Kommentar sollte natürlich eine Ebene höher.
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