Denkt niemand mehr dran oder gilt das auch schon als Ostalgie? Ich erinnere an den
4. November 1989, den Tag, an dem diese Riesendemonstration auf den Alexanderplatz in Berlin endete. Eine Demo, von der niemand wusste, ob sie überhaupt zustande kommt.
Es gab Versuche, sie zu unterbinden, aber auch „Vernünftige“, die – aus verschiedensten Gründen – wollten, dass sie stattfindet. Und allerlei Tricks mit verschiedenen Aufmarschorten und verschiedenen Zielpunkten und verschiedenen Demo-Daten. All solche Sachen, die die Ordnungsmacht versucht, wenn nicht mehr viel zu retten ist.
Markus Wolf wollte diese Demonstration aus anderen Gründen als Stefan Heym, Christa Wolf aus wieder anderen als Günter Schabowski. Und Jan Josef Liefers oder Steffi Spira aus anderen als Marianne Birthler. Was Heiner Müller wollte, haben wir damals überhaupt nicht verstanden, er verlas einen Aufruf für unabhängige Gewerkschaften, der aber nicht von ihm stammte. Sehr merkwürdig fanden wir das.
Ein Lob dem
DDR-Fernsehen
Ich aber will aus diesem Anlass ein einziges Mal eine andere Institution preisen: Das Fernsehen der DDR. Das muss ein Kampf gewesen sein, ein Ringen – oder doch eine einsame Entscheidung auf „Mielke komm raus“? Wer weiß: Mit der Entscheidung zur Übertragung in die ganze DDR waren die Würfel gefallen, denn, was das Fernsehen – technisch aufwändig und überhaupt nicht subversiv - unter die Leute brachte, das war auf der Welt und konnte nicht mehr geleugnet werden
Ich profitierte davon, denn ich war an dem Tag krank und in Erwartung einer Operation, die sich nicht länger aufschieben ließ.
Aber ich konnte - auf meiner Couch liegend – verfolgen, was da los war. Die witzigen Gebärden der Schauspieler vom DT, die „keine Gewalt“ anmahnten, die Redner auf der Tribüne. Schabowski, der sich – ein Kämpfer ist er ja – dem laut ausgeschrieenen Unmut der Demonstranten entgegenstemmte wie einem Sturm. Markus Wolf, der immer „edel“ blieb und den jungen Schauspieler Jan Josef Liefers völlig verblüffte als er nachfragte, ob der auch ein Stück Pflaumenkuchen wolle. Überhaupt, wie da Leute so ins Allgemein-Menschliche fielen. Das war spannend und ich hatte Gänsehaut, etwas das mir nicht so häufig passiert.
Christa Wolf – die an Deutschland litt und noch immer leidet – musste nach ihrem Auftritt ins Krankenhaus mit Herzrhythmusstörungen. Übrigens hat Christa Wolf mal angemerkt: Wenn sie sich vor jemandem zu DDR-Zeiten gefürchtet hat, dann vor Schabowski, der nach Härte und Zynismus gleich nach dem schon kaltgestellten Konrad Naumann kam.
Stefan Heym mit seiner Fenster-auf-Rede beeindruckte sehr und ich fand so unendlich befreiend, dass da endlich mal Durchzug war. Dass dieser Durchzug bald alle in Richtung Mauer wehte, das hätte niemand an diesem Tage erwartet. Und dass er Recht behielt, als er feststellte, dass Revolutionen in Deutschland immer schief gingen. Aber das wussten wir damals noch nicht so genau. Tja, das war ein frühes Occupy Alex – besser konnte es nicht sein. Niemand wusste, dass einer, der da sprach, die Würfel, die bald fallen sollten, schon im Becher schüttelte.
Hier aber ein Bericht aus der ARD.