Der Begriff „Blockade" ist hierzulande verbunden mit der Blockade Westberlins durch die Sowjetunion von 1948-1949. Sie war eine brachiale Reaktion der Sowjetunion auf die einseitige Währungsreform in den drei anderen Besatzungszonen und in Westberlin, die ohne Absprache mit der vierten Siegermacht erfolgt war. Die heldenhafte Rosinenbomben-Staffel, die mit der „Luftbrücke“ die Russen zu der Einsicht zwangen, dass sie Westberlin nicht dauerhaft isolieren konnten, wurde und wird ausgiebig gewürdigt und gefeiert.
Dieser Tage jährt sich zum siebzigsten Mal der Beginn jener anderen Blockade, die das ehemalige St. Petersburg für zweieinhalb Jahre zu einer Stadt des Elends, der Verhungernden, Erfrierenden und der menschlichen Tragödien machte.
Kürzlich las ich einen hervorragenden Beitrag über den literarischen Umgang mit der Blockade Leningrads (1941-1944), bei der über eine Million Menschen ihr Leben verloren haben. In dem Beitrag heißt es: "Die Leningrade Blockade ist außerhalb Russlands, und zumal in Deutschland, immer noch nicht im Bewusstsein verankert."
Das ist seltsam und ein weiteres Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen in Ost und West sind. Die Blockade Leningrads gehörte zu den Ereignissen, die in der Geschichtsvermittlung der DDR eine große Rolle spielten. Es gab Hörspiele, sowjetische Bücher, die bei uns verlegt worden sind und - natürlich - reichlich Heldenmythen.
Eines der größten Verbrechen
in der modernen Geschichte
Die Blockade der Stadt an der Newa begann mit der Bombardierung am 8. September 1941. Danach verzichtete die deutsche Armee auf weitere Angriffe, sondern "hungerte" die Stadt aus und bombardierte sie ununterbrochen. Erst mit der Winteroffensive 1943-1944 konnte die Rote Armee die Belagerung der Stadt beenden. Sie ist eines der größten Verbrechen in der modernen Geschichte, schreibt der Autor des Beitrages.
Die beiden Autoren Daniil Granin und Ales Adamowitsch haben in ihrem "Blockadebuch" diese Belagerung ausführlich geschildert. Sie räumten auch mit Legenden jener Zeit auf. Nicht berichtet werden durfte über die zahlreichen Fälle von Plünderungen und auch Kannibalismus, die das Leben der traumatisierten Menschen nach dem Ende der Blockade zusätzlich verdüsterten.
Neben diesem Buch gibt es zahlreichebiographische Berichte über die entsetzliche Zeit. In Erinnerung habe ich die Berichte über das Warten auf den rettenden Frost, der den Ladogasee endlich zufrieren ließ und damit die "Straße des Lebens" eröffnete, weil jetzt Lastwagen auf diese Weise die Stadt erreichen konnten.
Nach dem Kriege wurden jene Berichte, die einzu schonungsloses Bild von dieser Blockadezeit entwarfen verhindert oder verboten. Legenden und Heldentum bestimmten wieder den literarischen Kanon.
Aber auch die westdeutsche Geschichtsschreibung war lange Zeit vom Willen bestimmt, die Blockade als normale Kriegshandlung darzustellen. Man meinte auch, Hitler allein habe aus besonderem Hass gegen diese Metropole des Bolschewismus diese Belagerung entschieden.
Später ändere sich diese Sicht und wurde kritischer. Die Blockade wurde dann als das Kriegsverbrechen definiert, das sie war.
Auf der Website des Deutschen Historischen Museums
lese ich: "Die 900 Tage anhaltende Belagerung wurde für die Sowjets zum Symbol ihres verbissenen Widerstandswillens"
Sprache ist immer verräterisch und diese Sprache hat mich entsetzt.
Es scheint in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal so, als erspare die Tatsache, dass auch Stalin ein Diktator war, den Westdeutschen die ehrliche und empathische Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazi-Armee in diesem Lande.
Hier ein Stück aus der "Leningrader Sinfonie"
Link zu einer bewegenden Geschichte
Auch hier zu finden: magdaskram.blogspot.com/2011/09/8-september-1941-bomben-und-blockade.html