Magda

Mal sehen

19.06.2009 | 17:05

Antragslyrik - Abrechnungsprosa - Erfolgslyrik

Ach, das ist so furchtbar. Eigentlich arbeite ich nicht gern für Geld. Vor allem nicht für Geld, von dem jene, die es einem gewähren, glauben, man habe es nicht verdient. Es geht um gewährtes Gnadengeld, nur dafür gezahlt, dass man ewig dankbar und abhängig ist. Nein, die Rede ist nicht von Hartz IV, aber die Um- und Zustände unter denen man es bekommt, sind ähnlich. Es geht um öffentliche Förderung.

Man verliert alle Kreativität, wenn man von denen Geld an Land ziehen muss. Eventuell noch vorhandene Reste an Ideen fließen in die Bemühung, der Stiftung – meist öffentlich besoldeten Vereinsmeier - in wohlgesetzten Worten die unglaubliche Einmaligkeit und den innovativen Ansatz dessen, was man vorhat zu verklickern. Und diese Verklickerungstechnik nennt man im Volk und in der Projekteszene „Antragslyrik".

Dann muss man bangen und dann bekommt man das irgendwann bewilligt. In diesem Falle Honorarmittel - eine kleine Summe - und ein bisschen Verwaltungs- und Sachmittelkosten für ein Projekt, das sich „Erzählcafe" nennt. Nichts so rasend Neues. Man muss aber andauernd so tun, als wüsste man schon vor Beginn, wie unglaublich erfolgreich das alles sein wird. Es dümpelte so vor sich hin und ging so seinen Gang und am Ende kam es zur Abrechnung.

Das ist der Tag der Prosa. Dann muss man jeden Keks, den man gekauft hat, ordentlich belegen. Man muss bei kleinsten Summen aufpassen, dass sie auch dem Zweck des Projektes entsprochen haben usw. Und man darf auch den aus zwei Posten bestehenden Finanzierungsplan nicht ändern oder nur per Antrag. Fürchterlich das Ganze. Wenn man sich dann – wie ich – auch noch über den Abrechnungstermin geirrt hat, dann wird es ganz furchtbar. Und wenn Stiftungen und öffentliche Geldgeber schon entsetzlich sind, dann setzen die dort angestellten Buchhalterinnen und Buchhalter dem Ganzen noch die Krone auf. Die machen einen zur Sau. Andererseits, wenn man denen das sauer beantragte Geld nicht vor die –öffentlich besoldeten - Füße werfen will, dann muss man freundlich lächeln und willfährig bereuen, was auch immer. So dicke hat man es ja nun auch nicht.

Am Ende stellt sich heraus, dass die beanstandeten groben Mängel in der Abrechnung eigentlich nur Korinthen sind – eine fehlende Unterschrift und eine falsche Datierung.

Und dann kommt wieder Lyrik. Man muss in umfangreichen Schilderungen die grandiosen Ergebnisse dieser epochemachenden Unternehmung, die man jetzt abrechnet, umfassend beleuchten. Na, das tut man dann wieder gern - das ist postkreative Erfolgslyrik.

Das ist wie im Sozialismus – Planerfüllung kann man immer nachweisen – meist sogar Übererfüllung

 
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Kommentare
rapideyemove schrieb am 21.06.2009 um 21:03
Hi Magda,
das kenne ich ganz genau ... habe ein Jahr in der internationalen Jugendarbeit gearbeitet, Workcamps organisiert usw. Die Hauptfinanzierung lief auch über Anträge bei Stiftungen und das "Anzapfen" aller möglichen "Töpfe". Dabei lief es meist wie von dir beschrieben ab: Antragslyrik - Abrechnungsprosa - Erfolgslyrik ... Herrlich beschrieben, dankeschön! :-)
Was mich nicht selten gewundert hat: die unglaubliche Menge an Geld, die durch diesen Dreiklang an so mancher Stelle rausgeleiert werden konnte ... am Besten mit dem Vorhaben und der entsprechenden Begründung, eine gemeinsame europäische Identität bei Jugendlichen zu schaffen zu wollen. Dem Staat scheint daran wohl einiges zu liegen.
Magda schrieb am 21.06.2009 um 21:55
Hallo
danke für das sachkundige Mitgefühl. Man schreibt es sich von der Seele und wenn es dann noch jemanden belustigt, freut man sich.

Ja, starke Formel: Europäische Identität schaffen. Wird gern genommen. Kann ich mir gut vorstellen.

Gruß Magda
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