Magda

Mal sehen

21.12.2009 | 17:24

Arbeit macht frei - ein Zwischenruf

Sie haben ihn wiedergefunden, den Schriftzug. Es ist – Gott sei dank – kein rechtsradikaler Hintergrund, der zu diesem Diebstahl führte, versichern die Medien.

Und wenn? Wen kümmert es noch in einer Gesellschaft, die immer radikaler wird und in der die Lichterketten gegen Rechts so was wie eine Maskerade sind, hinter der die zunehmende Barbarei der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft illuminiert und camoufliert wird.

Rechte Schläger – wie empörend, damit kann man Gutwillige in Betrieb halten. Vielleicht sollte der Diebstahl des inzwischen wieder aufgefundenen Schriftzuges über dem KZ Auschwitz die Politiker und die Manager daran erinnern, dass auch in der Gegenwart der Zynismus  dieses Spruches durchaus spürbar ist.

Denn: Eine hohe Zahl von Arbeitslosen muss vor den ARGES ihr letztes Hemd ausziehen, damit ihnen nicht die Unterstützung gekürzt oder gestrichen wird. Anderen wird eine Arbeit zugewiesen, die keineswegs frei macht von dem Zwang, seine Verhältnisse offen zu legen, sondern bei der man belegbar und kontrollierbar nachweisen muss, dass man von den verdienten Löhnen nicht leben kann. Und jene, welche die Arbeit noch frei macht von den Nachstellungen einer auf Einschüchterung und Disziplinierung ausgerichteten Kontrollbehörde, fürchten sich vor Verhältnissen, in denen auch ihnen ganz schnell die Zwänge und Einengungen eines System widerfahren, das auf Selektion setzt, wie nie zuvor. Und das überall auf der Welt.

Daran sollte man denken, statt immer nur mantrahaft zu murmeln: Das darf nie wieder geschehen. Meine ich.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 17:38
Is ja nun mal wahr, was de sagst!
merdeister schrieb am 21.12.2009 um 20:18
Ist vielleicht auch eine Frage der Definition von "frei". Aber das ist auch wieder sehr zynisch.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 17:49
Wer dieses entwendet, hat keine Moral, möchte ich mit Georg Büchner sagen.
Oder mit Bertolt Brecht zum Richter: Ich bin arbeitslos.
Erinnerungszitate, sie mögen leicht anderes lauten, aber wie beide sagen, so zitier´ ich´s.
wahrhaftig 2 schrieb am 21.12.2009 um 19:36
Gibt es wirklich keinen rechtsradikalen Hintergrund zum Diebstahl des Schriftzuges in Auschwitz? Man sollte das endgültige Ermittlungsergebnis abwarten und nicht im voraus eilenden Gehorsam den Medien Glauben schenken.

Was die Aussage des Schriftzuges angeht, scheue ich mich einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, auch wenn die Zeiten nicht rosig sind und schlimmeres zu befürchten ist.

mfg whg 2
Magda schrieb am 21.12.2009 um 19:54
"Was die Aussage des Schriftzuges angeht, scheue ich mich einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, auch wenn die Zeiten nicht rosig sind und schlimmeres zu befürchten ist."

Diese Scheu kann ich nachvollziehen, aber es ist ein Spruch, der nur noch museal ist, wenn man ihn nicht an die Gegenwart anlegt. So meine ich das. Ich meine damit keine Relativierungen oder ähnliches, aber eine Mahnung sehe ich auch. Natürlich nicht nur in Bezug auf die Verhältnisse hierzulande, aber als Warnung.
Lukasz Szopa schrieb am 21.12.2009 um 20:02
Dieser zynische Spruch war ja nicht per se an inhaftierte Juden gerichtet, sondern an alle Insassen von Auschwitz, und im weiterem Rahmen auch an alle anderen - nicht inhaftierten - Untertanen des NS-Regimes.
Und den Bezug gibt es nicht nur zur deutschen Hartz4-Problematik, sondern auch generell zur der - nicht nur kapitalistischen - Mär, dass man durch viel Arbeit (mittels Geld) - Freiheit oder gar Glück erlangen könne. So wie beim für hunderte Millionen Menschen verlockenden "American Dream", oder bei calvinistischer und teilweise auch evangelischer Arbeitsethik.
Magda schrieb am 21.12.2009 um 22:06
Genau, das ist so ein Aspekt, den ich dabei sehe. Es gibt ja kluge Geister, die die Nazi-Selektions-Ideologie nicht als Zusammenbruch der Zivilisation sehen, sondern, zum Beispiel Carl Amery, als Vorläufer des 21. Jahrhunderts.

www.amazon.de/Hitler-als-Vorl%C3%A4ufer-Auschwitz-Jahrhunderts/dp/3630879985

Er stellt die These auf, Hitler sei kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern der (dilettantische) Versuch einer Antwort auf die schon lange erkennbare Bedrohung der Menschheit durch die Ressourcenverknappung.
Auch aus dem Grunde - keine Historisierung, sondern Warnung.
wahrhaftig 2 schrieb am 21.12.2009 um 22:35
Schönen Dank für Ihren Buchtipp Amery/Hitler, werde mal bei Wiki nachschauen. Hört sich alles sehr interessant an, muß dabei an den Ausspruch denken: Dass deutsche Volk braucht Raum. Im übrigen haben meine Kommentare eher etwas spontanes, als denn unbedingt ein Hintergrundwissen. -Bin noch dabei mich hier beim Freitag zurechtzufinden.

mfg whg 2
Magda schrieb am 21.12.2009 um 22:48
Aber das ist doch alles nicht so von Bedeutung. Ich habe auch gegoogelt, obwohl ich mich vor einiger Zeit mit dem Thema beschäftigt habe. Und - Deine Bedenken haben mich, wie schon geschrieben, auch durchaus beschäftigt.
S.Heinel schrieb am 21.12.2009 um 19:44
Die entscheidenden Worte sind doch hier

"Und wenn?"

Wäre es durch einen antisemitischen Hintergrund schlimmer geworden? Hätte es sich dann erst gelohnt sich zu empören?

Und [was] wenn das Ermittlungsergebnis zu Tage bringt, dass ein antisemitisch gesinnter Auftraggeber einen linksradikalen Strohmann beauftragt hätte, der seinerseits dann die fünf Verdächtigten - alle radikale Globalisierungsgegner - angeheuert hätten den Schriftzug zu entwenden?

Es ist einfach schlimm. PUNKT
Feilong schrieb am 21.12.2009 um 22:16
Was war denn der Hintergrund?
Ich mutmaße mal ein wenig, lässt man nicht gerne in Osteuropa Metallteile verschwinden, um sie nach China zu schmugeln, um den Energiebedarf der Staatskapitalisten dort drüben zu decken?
merdeister schrieb am 21.12.2009 um 23:00
Dann mutmaße ich mal, dass Die Stahlpreise nicht mehr hoch genug sein, Krise und so. mh weiß das sicher besser...
wahrhaftig 2 schrieb am 22.12.2009 um 00:41
Ein kluger Gedanke. Es könnten auch die Chinesen dahinter stecken. In China soll es ja noch Arbeitslager geben und die Chinesen sind ja bekannt dafür, es mit dem Urheberrecht nicht so genau zu nehmen.

mfg whg 2
erdenbuerger schrieb am 21.12.2009 um 22:21
Natürlich waren es Kriminelle.
Ich verstehe ja, dass es Menschen gibt, die gerne einen Rechten Hintergrund vermuten, aber warum ?

Nationalsozialisten haben diesen menschenverachtenden und zudem noch zutiefst zynischen Spruch ans Tor zu Stammlager Auschwitz einst angebracht und nun sollen sich Neonazis von diesem Spruch gestört fühlen.
ich glaube eher, die würden lieber an allen Ecken des Lagers solche Sprüche anbringen.
Nach 64 Jahren passiert so etwas ?
Nein es waren nichts weiter als Kriminelle, genau solche die in letzter Zeit auch hier in Deutschland ganze Gedenktafeln und sogar Denkmäler aus Metall stahlen.
Nichts mit Rechts, deren Felder der Schandtaten liegen in einem anderen Bereich.

Erdenbürger
Magda schrieb am 21.12.2009 um 22:50
Ich glaube auch nicht so recht, dass das Neonazis sind. Mir ging es ja nur darum, diesen Spruch mal ein bisschen zu aktualisieren.

Magda
wahrhaftig 2 schrieb am 21.12.2009 um 23:45
Ich glaube jetzt auch, dass es Krimminelle waren und dazu noch Hornochsen aber wer waren die Auftraggeber?

Es sollen fünf Personen gewesen sein, die 40 KG Eisen bei einem Schrotthändler in Polen verhökern wollten, kilometerweit damit durch Polen fahren, in drei Teile zerlegen, dann in einem Wald verstecken, vielleicht anschließend einschmelzen um ihre Spuren zu verwischen und dann beim Händler schätzungsweise 5 € erhalten.

Da scheint eine ganz neue Spezis von Krimminellen in Polen herangewachsen zu sein. Waren die Polen nicht immer schon etwas anders als die Deutschen, werden sich jetzt viele fragen.

mfg whg 2
Rahab schrieb am 22.12.2009 um 12:45
@Erdenbürger
was ich jetzt nicht verstehe: wieso "gern"?
ich vermute dies. von "gern" kann keine rede sein!
erdenbuerger schrieb am 23.12.2009 um 00:54
@Rahab,
weil es Menschen gibt, bei denen das Gernesehenwollen schon zum Lebensinhalt geworden ist, der objektive Blick auf die Dinge aber verloren gegangen ist.
Als dieser schändliche Schriftzug gestohlen wurde, schrieb ich bereits einen Beitrag der den Zusammenhang aus meiner Sicht erklärte.
Leider ist mein Beitrag nicht angenommen worden, er ist ins Leere gelaufen.
Frohe und friedliche Weihnachten
Erdenbürger
wahrhaftig 2 schrieb am 23.12.2009 um 02:13
Ja, es waren Krimminelle aber dahinter steckte ein Auftraggeber nach Aussagen der polnischen Polizei. Nach dem jetzigen Stand führt die Spur nach Schweden. Das wurde weder bestätigt noch dementiert. Krimminelle arbeiten nicht im luftleeren Raum, und haben Auftraggeber, wenn es um "große" Projekte geht. In aller Regel werden sie ferngesteuert von gewissen Leuten und die sind mindestens genau so krimminell und oft auch ideologisch motiviert. Sehr oft verstecken sie sich hinter einer bürgerlichen Fassade.

Lieber Erdenbürger, wenn Sie sich nicht mal getäuscht haben, als Sie den Neonazis einen Heiligenschein verpassten. Man muß einfach die weiteren Ermittlungsergebnisse abwarten. Zwei der Täter, deren es insgesamt fünf waren, schweigen immer noch, was darauf schließen läßt, das es innerhalb der Gruppe der Täter eine Hirachie gegeben hat. Sie müssen sich vermutlich von Ihrer Pauschaltheorie verabschieden, die auf einen bagatellhaften Metalldiebstahl beruht.
Ich hätte mir dies bei der Brisanz des Themas und der Wirkung in der Oeffentlichkeit eh nicht vorstellen können. Auch die verkorksten Gemüter, welche die Aufschrift am Haupteingang von Auschwitz mit Hartz IV in Verbindung bringen, lassen mich an meiner Menschnenkenntnis zweifeln. Warten wir doch die weiteren Ermmittlungsergebnisse ab, und führen an deren Ende eine sachliche Diskussion darüber inwieweit es sinnvolll ist den Ausspruch "Arbeit macht frei" in die Gegenwart zu transportieren. Aus meinere Sicht ist das mehr als ein Irrweg und verletzt die Gefühle von Menschen, über die unsägliches Leid gekommen war.

mfg whg 2
merdeister schrieb am 23.12.2009 um 07:29
"Zwischenruf"
Magda schrieb am 23.12.2009 um 08:39
"Auch die verkorksten Gemüter, welche die Aufschrift am Haupteingang von Auschwitz mit Hartz IV in Verbindung bringen, lassen mich an meiner Menschnenkenntnis zweifeln."

Jaja, weiter unten verweise ich auf die völlig unverdächtigen "Nachdenkseiten", die mit dem Slogan - im Zusammenhang mit Hartz IV - ebenfalls argumentieren. Die sind völlig unverdächtig.
erdenbuerger schrieb am 23.12.2009 um 21:02
@wahrhaftig,
bei ihnen gehen wohl die Gäule durch, wenn sie hier schreiben, dass ich den Nazis einen Heiligenschein verpasst habe. Tickt es noch ?
Ich fasse so etwas schon als Beleidigung auf.
Es waren keine Nazis und das ist der Fakt, damit müssen sie sich abfinden.
Das heißt noch lange nicht, dass ich mich deswegen freue, sondern ich habe die Sache von vorneherein objektiv betrachtet, das sollten sie auch mal lernen.
Fragen sie doch mal nach wieviele Denkmäler, Gedenktafeln von kriminellen Metalldieben gestohlen wurden.
Beantworten Sie doch mal die Frage weshalb Neonazis Gedenktafeln abschrauben sollten, die ihre Vorfahren die Nationalsozialisten einst anbrachten. Glauben Sie wirklich diese Leute hätten plötzlich ein schlechtes Gewissen?
Neonazis richten genug Schaden an, aber in diesem Fall Herr "Wahrhaftig" liegen Sie völlig falsch.
Erdenbürger
wahrhaftig 2 schrieb am 23.12.2009 um 23:55
@ Erdenbürger,

"bei ihnen gehen wohl die Gäule durch, wenn sie hier schreiben, dass ich den Nazis einen Heiligenschein verpasst habe. Tickt es noch ?
Ich fasse so etwas schon als Beleidigung auf."

Sorry, ich rudere zurück und entschuldige mich hiermit öffentlich. Allerdings kann ich mit ihrer weiteren Argumentation zu den Gedenktafeln und den Neonazis nebst ihrer Vorfahren wenig anfangen.

Erlaube mir trotzdem Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch in das Neue Jahr zu wünschen.

mfg whg 2
erdenbuerger schrieb am 24.12.2009 um 09:13
@ Wahrhaftig. Das finde ich verdient Respekt.
Selbstverständlich nehme ich die Entschuldigung an und wünsche auch ihnen frohe und besinnliche Weihnachten.
Gruß
Erden
poor on ruhr schrieb am 21.12.2009 um 22:59
Danke! Klasse! Mal wieder ein politischer Blog von Dir und Du hast vollkommen recht!

Herzliche Grüße

por
Magda schrieb am 22.12.2009 um 11:58
Eben bei den Nachdenkseiten fündig geworden -auch andere kommen auf diese Zusammenhänge

www.nachdenkseiten.de/?p=4426#h04

Ein Wirtschaftsweiser machte den Vorschlag, Hartz IV-Beträge zu kürzen und bessere Zuverdienstmöglichkeiten zu schaffen. Eine Art von Kombilohnmodell.

Anmerkung der Nachdenkseiten:

"....Das Prinzip des Wirtschaftsweisen Franz ist: Soziale Leistungen unter das Existenzminimum senken, dann werden die Drückeberger schon arbeiten. Arbeit macht frei!"

Ich sags ja.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.12.2009 um 12:23
Geklaut habe & hätte ich das Ding nicht. Besitzen möchte ich es auch nicht. Aber irgendwie auch eine "verständliche" Straftat. Verletzt wurde niemand?!

Mich erinnert das an die Entführung von "Ernie & Bert". Während der Muppet Tournee durch Deutschland. Es passierte, als die Show von HH weiter nach O-Deutschland zog.
Nach Zahlung einer Summe, kamen "Ernie&Bert" unbeschadet zurück.

Wurden die Täter jemals gefasst?
Magda schrieb am 22.12.2009 um 12:46
Was soll das denn jetzt, chrisamar. Sicher ist es auch so eine Art Trohpäen-Jagd, die eine Rolle gespielt haben kann. Davon - bitteschön - handelt aber mein Beitrag oben nicht.
jayne schrieb am 22.12.2009 um 14:54
kommt noch hinzu (zu dieser zynischen losung) als moderater erscheinende floskel der kanzlerin ausspruch: "sozial ist, was arbeit schafft" - öfters erscheint mir die kanzlerin, und nicht nur sie, als eine person, die überhaupt gar nicht reflektiert, was sie da so verlauten läßt ...
poor on ruhr schrieb am 22.12.2009 um 14:55
@jayne

...finde ich auch! Danke!

por
Magda schrieb am 22.12.2009 um 15:22
Genau und ich wundere mich über dieses Dahergerede immer wieder. Nichts behalten aus der DDR, aber alles aber auch alles aufgesogen wie ein Schwamm, was die neue Gesellschaft an Sauereien anbietet. Hätte ich noch verstanden, wenn sie aus so einer Besitzbürgerfamilie stammte. Aber der Vater war ja fast ein Linker. Seltsame Wandlung - oder eben: Der reine platte Opportunismus.
mahung schrieb am 22.12.2009 um 16:54
Hallo Magda,

wieder so ein schöner Beitrag von Dir.

Ich denke die Frau ist Opportunistin und nun ja, geprägt durch ihr Umfeld. Heißt es nicht, dass das Sein unser Bewusstsein bestimmt ...

"Aber der Vater war ja fast ein Linker."

Hier habe ich noch eine Frage liebe Magda. Ich höre immer, Sie stamme aus einer Pfarrersfamilie und habe automatisch angenommen, dass ist dann mehr so ein "Tellkamp-Milieu". Kannst Du mir da ein wenig auf die Sprünge helfen, wenn es nicht zu aufwendig ist?

Grüße vom mahung
Magda schrieb am 22.12.2009 um 17:07
Will ich gern tun, muss aber erst noch ein bisschen "verifizieren."
Magda schrieb am 22.12.2009 um 17:34
Anmerkung zu Horst Kasner,

Einiges findest Du auch bei Wikipedia,

de.wikipedia.org/wiki/Angela_Merkel
Da sind auch immer mal wieder so Andeutungen darüber, dass sie eben überhaupt nicht in Oppostition zur DDR stand. Das musst Du Dir mal angucken.

Ein Originalzitat von Wikipedia:

"Der Merkel-Biograf Gerd Langguth (Lit.) berichtet von zahlreichen Freunden und Bekannten Merkels aus den 1970er und 1980er-Jahren, die sich irritiert darüber äußern, dass sie letztendlich CDU-Politikerin wurde, da einige eine weltanschauliche Nähe zu den Grünen erwarteten. Man kann dies als Emanzipation von den Eltern verstehen: Merkels Mutter trat nach der Wiedervereinigung in die SPD ein, und der Vater kritisierte die Parteien-Demokratie grundsätzlich als „Klüngel-Sys­tem"

Da hast Du Kasners Haltung.

Er stammt aus Berlin, ist dann in den Westen gegangen und von dort zurück in die DDR. Soweit ich das geschnallt habe, gehörte er zu jenen kirchlichen Kreisen, die - ähnlich wie Manfred Stolpe und sogar über dessen Positionen hinaus - christliche Linke waren.
Er gehört dem Weißenseer Arbeitskreis an, der - wohl auch geheimdienstlich unterwandert - an die Tradition der Bekennenden Kirche im 3. Reich anschloss.
de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fenseer_Arbeitskreis

Einer der wichtigen Leute dort, war zum Beispiel Gerhard Bassarak. An den erinnere ich mich, weil der auch in Veranstaltungen der CDU-Ost zugange war: Es gab da eine Veranstaltungsreihe "Bürgerpflicht-Christenpflicht", bei der versucht wurde, Christen in die DDR-Politik positiv einzubinden. Da war dann die Rede vom christlichen Arbeitsethos in einer sozialistischen Gesellschaft.

Kasner war sehr CDU-Ost fern, aber links. Das war in der Tat noch ein Unterschied. Denen war die CDU nicht links genug.

Du siehst, in diesem Milieu kenne ich mich ein bisschen aus und wundere mich aus diesem Grunde schon sehr über Merkel, die ich ja - in Wendezeiten - mal ein bisschen kennengelernt habe. Kann sein, dass sie mit dem Vater verquer war wegen dessen Affinität zur DDR. Aber sicher bin ich mir da nicht.

Ich finde ohnehin: Diesen Bereich der DDR-Geschichte müsste mal jemand erforschen, ohne diese ideologische Brille.
Es gab - zugegeben - immer staatlich überwachte und etablierte Gremien wie die Christliche Friedenskonferenz (CFK) die auch europaweit tätig war oder die "Berliner Konferenz europäischer Katholiken" (BK)-auch ein Gremium, in dem es gelungen war Katholiken aus der Friedensbewegung -"Pax Christi" - zum Beispiel in den Dialog zu bringen.

Entschuldige, jetzt habe ich mich verplaudert.
Aber - es gab sie wirklich - Linke Christen in der DDR. Völlig weg vom Fenster scheint mir.

Na ein bisschen zusammengeschmissen, vielleicht kann es Dir was sein.
mahung schrieb am 22.12.2009 um 17:46
Ja. Vielen Dank!
JPSartre schrieb am 23.12.2009 um 16:44
Wie so 'Gott sei Dank' keine Rechtsradikelen? Warum ist es besser wenn es nur gewöhnliche Kriminellen waren?
wahrhaftig 2 schrieb am 23.12.2009 um 18:00
Jetzt, wo Sie sich diese Frage stellen, stelle ich Sie mir auch. Was mich aber am meisten stört, ist der Versuch oder der Gedanke, dieses Verbrechen zum Anlass zu nehmen,als eine Brücke in die Gegenwart und auf die jetzige Situation der Arbeitslosen hinzuweisen. Der Schriftzug "Arbeit macht frei" gilt als Synoym für Konzentrations- und Vernichtungslager und jeder der versucht diesen Schriftzug dafür zu benutzen, um auf heutige geselllschaftliche Ereignisser hinzuweisen, wird vielleicht ein paar Anhänger hinter sich scharen, schlimmstenfalls aus dem rechten Lager, aber er begeht einen fundamentalen Irrtum. Viele, vor allen Dingen noch lebende Opfer in Israel und Amerika werden so eine Geisteshaltung nur mit Empörung zur Kenntnis nehmen.
Ich behalte mir vor dieses Thema noch einmal in einem gesonderten Blog klarzustellen, notwendig wäre es allemal.

mfg whg 2
Magda schrieb am 23.12.2009 um 19:46
"Der Schriftzug "Arbeit macht frei" gilt als Synoym für Konzentrations- und Vernichtungslager und jeder der versucht diesen Schriftzug dafür zu benutzen, um auf heutige geselllschaftliche Ereignisser hinzuweisen, wird vielleicht ein paar Anhänger hinter sich scharen,"

Also ich finde diese Empörung völlig unangebracht und unberechtigt. Sie zeugt auch von einer gewissen Abneigung, wirklich aus der Geschichte zu lernen. Das habe ich weiter oben schon erläutert, Sie sollten das mal lesen.

Fällt das Ihnen nicht auf? Alles aber auch alles in der Gegenwart wird irgendwelchen Ratingprozessen, Vergleichen und der Konkurrenz unterworfen. Das sind die milden Abarten eines Prozesses, der im KZ Selektion hieß und sich mit der Tauglichkeit der Menschen zur Verwertung befasste.
Menschen zu verbrauchen und auszusortieren, das ist nicht nur unter KZ-Bedingungen unmenschlich, sondern unter allen Bedingungen. Wenn die Menschen dies aus den barbarischsten deutschen Zeiten nicht lernen wollen, sondern sich als selbsternannte Gedächtnisbewahrer gerieren, dann sind sie mit beteiligt, Dinge unter den Teppich zu kehren und tragen überhaupt nichts zur Verhinderung von Barbarei bei, sondern legen die Geschichte still wie in einer Bad Bank. So wird ein Schuh draus.

Wie auch schon gesagt, bei den Nachdenkseiten www.nachdenkseiten.de macht sich einer der Kommentatoren zu den Hartz IV Kürzungsplänen Gedanken und wendet diesen Spruch auch auf die Gegenwart an. Und der ist SPD-nah.
Sie müssen einfach mal nachlesen, statt Ihre Empörung zu hätscheln.

"Arbeit macht frei" ist auch kein Synonym für Auschwitz. Er legt aber durchaus eine der perfiden Seiten des gesamten Nationalsozialismus bloß, die man heute - in anderer Form - wieder finden kann und bekämpfen muss .

"Ich behalte mir vor dieses Thema noch einmal in einem gesonderten Blog klarzustellen, notwendig wäre es allemal."

Ich sags nicht gerne: Meine Mutter war in der Nazizeit auch politisch eingekerkert. Die hätte keine Probleme, solch einen Spruch auf die Gegenwärt anzuwenden. Die wollte nämlich nicht von schulmeisterlichen Museumswärtern der Geschichte gedeutet werden, sondern aus eigener Erfahrung vor den Verwerfungen der Gegenwart warnen.

Also meine Meinung kommt aus keiner rechten Ecke, verstanden?
wahrhaftig 2 schrieb am 23.12.2009 um 23:32
Hallo Magda,
danke für Ihre letzte Antwort. Ich teile Ihren Ansatz nicht und es liegt mir fern Ihnen irgendetwas zu unterstellen. Natürlich gibt es in unserem Lande Ausbeutung und auch Hartz IV Empfänger trifft es besonders hart, vor allem wenn Sie Familie haben, wegen der Ungleichbehandlung von Kindern, womit sich ja auch das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Ich bin selbst Hartz IV Empfänger, habe es als Single etwas leichter, behaupte ich mal.

Schon länger beschäftige ich mit der NS Zeit. Wie bei Ihnen gab es auch in meiner Fammilie ein Opfer zu beklagen. Mein Großvater kam im KZ Groß Roosen ums Leben. Ein ehemaliger guter Bekannter, ein Maler und Schriftsteller, überlebte KZ Maudhausen. Wir führten viele Gespräche und ich möchte es den hiesigen Lesern ersparen Einzelheiten mitzuteilen. Ich selber hatte ein gewisse Zeit einen Aushilfsjob im KZ Neuengamme in Hamburg. Es ging darum die Karteikarten von ehemaligen KZ Häftlingen aus vielen KZ's in eine Datenbank einzugeben, um sie für viele Nutzer verfügbar zu machen. Sie sehen also wie sehr ich mich in meinem Leben mit der Losung "Arbeit macht frei" auseinander gesetzt habe.

Das Menschen ausgebeutet werden ist nicht in Ordnung, schon gar nicht in einer Zeit wie der heutigen und ich finde es gut, dass dies bei Ihnen eine Herzensangelegenheit ist. Leider passiert es auf der ganzen Welt und es gibt den historischen Hintergrund dafür, der vielfältige Ursachen hat. Ich befürchte und sehe die Gefahr, dass all diejenigen, es mögen nur wenige seien, die unter den Begriffen wie Ausbeutung und Wertschöpfung die KZ Lager meinen und dies mit heutigen Verhältnissen in Verbindung bringen, auf wenig Gegenliebe stoßen werden. Dagegen kann ich ihren Einsatz für die Schwachen in der Gesellschaft gar nicht hoch genug einschätzen.

Für mich hat sich das Thema in Ihrem Blog erledigt. Ich erlaube mir Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch in das Neue Jahr zu wünschen.

mfg whg 2
Magda schrieb am 23.12.2009 um 23:40
Danke für die Antwort. Ich habe mir schon gedacht, dass es persönliche Betroffenheit war, die Sie zu dieser heftigen Reaktion veranlasst hat.
Es ist sicherlich Ansichtssache, wie man mit so einem Spruch umgeht, aber glauben Sie mir, wenn man ihn nur als hocherschreckendes Kennzeichen einer als beendet erscheinenden Zeit behandelt, tut man nichts für die Gegenwart.

In diesem Sinne nichts für ungut
und Ihnen auch ein Frohes Fest und gutes Neujahr.

Und gute Begegnungen hier auf "Freitag.de"
Magda schrieb am 24.12.2009 um 10:54
Bei der Gelegenheit ein Link in eigener Sache. Ich habe mich hier öfter schon mit dem Thema auseinandergesetzt

www.freitag.de/community/blogs/magda/vom-wegsehen-und-vom-zuhoeren/?searchterm=Vom+Zuh%C3%B6ren

Gruß
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 17:14
Ich habe es ganz oben schon mal versucht zu sagen: Wer sich an dieser Geschichte, an diesen Taten, die zu erinnern sind, noch kriminell macht, wer vor den Gedenkstätten noch sich gemein macht, der stellt sich außerhalb der Menschheit. Das gab es schon, das gibt es offensichtlich wieder. Das gibt es, solange es keine eine Menschheit gibt.
wahrhaftig 2 schrieb am 23.12.2009 um 18:01
Ich teile Ihre Meinung.

mfg whg
THX1138 schrieb am 24.12.2009 um 23:44
Erstaunlich, dass ausgerechnet dieser Schriftzug im 21. Jahrhundert entwendet worden ist.

Ich vermute mal, da steckt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e. V. (BDA) dahinter. Oder der Bund der Deutschen Industrie e. V. (BDI).

Die wollten doch das alte Motto nur mal anfassen und in den eigenen Händen halten.

Um es dann weiterzuverkaufen.

Erneut.

An uns.
Peripatetik schrieb am 25.12.2009 um 00:35
Vielen Dank auch von mir: für den Beitrag und für die gesamte anschließende Diskussion.

Peripatetik
spartaner schrieb am 25.12.2009 um 09:10
Arbeit macht frei! So stand es vor über 60 Jahren an den Toren der Vernichtungslager. Heute nachdem die Menschen vieles besser wissen müssten, haben ähnliche Parteien und Strukturen die Oberhand in unserem Land wiedergewonnen. Und da ist es auch völlig legitim, wenn man diesen Spruch einfach wieder neu endeckt und in Form von "Sozial ist was Arbeit schafft" zur Maxime der Gegenwart erklärt.
Insofern hat sich auch 60 Jahre danach nicht viel geändert. Leider!
Magda schrieb am 25.12.2009 um 09:17
Meine Antwort an spartaner - aber auch die beiden Kommentare drüber:
Ich finde es gut, dass Ihr es so seht.

@ THX1138
"Ich vermute mal, da steckt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e. V. (BDA) dahinter. Oder der Bund der Deutschen Industrie e. V. (BDI)."

Keine schlechte Idee. Arbeit macht frei - oder sozial ist was billige Arbeit schafft. Na, es können einem allerlei Gedanken kommen.

@ peripatetik - Danke für das Danke :-))

Weihnachtsgrüße an alle
erdenbuerger schrieb am 27.12.2009 um 03:28
@Spartaner,
der gestohlene Spruch " Arbeit macht frei " zeigt in sich seinen Zynismus, um so mehr wenn der zweite Spruch, der ja auch verwendet wurde " Jedem das Seine " als Ergänzung hinzugefügt wird. Dieser Spruch zeigt noch deutlicher die Unmenschlichkeit auf die Situation von Damals.
Beide Sprüche sind zu Sinnbildern der Vernichtung geworden und werden immer erhalten bleiben.
Ich möchte mal einen Vergleich wagen, weiß aber nicht, ob ich verstanden werde.
Einst gab es einen Jesus der auf grausame Art am Kreuz starb und genau dieses Kreuz ist zum Sinnbild der Christen geworden.
Und so werden die Worte an den Toren für immer zugeordnet werden.
Der einstige Zynismus hat die Erinnerung an das Schreckliche und grausame gefestigt.
Bauwerke und Bilder können verfallen und zerstört werden, aber Worte bleiben für immer erhalten.
Erdenbürger
ich schrieb am 25.12.2009 um 12:12
Aus zurückliegenden Erfahrungen kann ich Magda nur zustimmen. Jobcenter sind Verwaltungsmaschinen mitsamt allen Techniken die die moderne Bürokratie hervorgebracht hat. Die Tragik dabei scheint mir vor allem darin zu liegen, dass man das Individuum (angeblich) "fördern" will, es aber, beim Versuch ihm mit bürokratischen Mitteln Herr zu werden, tatsächlich zerstückelt und dabei dessen Identität vernichtet. Weil sich etwas so scheinbar abstraktes wie Identitätszerstörung nicht so recht mit systematischen Massenmord in Relation setzten lassen will, beschleicht einen bei solchen Vergleichen wohl zwangsläufig ein zwiespältiges Gefühl, denn Intention (Fördern) und Systematik (Fordern - hier vor allem bürokratisch) kehren sich in der Praxis zu oft gegeneinander.

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