Magda

Mal sehen

11.05.2009 | 20:00

Aufarbeitung Ost-West - eine persönliche Reflektion

Anlass, diesen Text zu bloggen, ist eine Meldung, in der berichtet wird, verschiedene Politiker der neuen Länder hätten gefordert, die Leugnung von DDR-Unrecht unter Strafe zu stellen. Das ist natürlich eine rein propagandistische Aktion, aber sie ging mir trotzdem nach.

Ich beschäftige mich seit geraumer Zeit – aus biographischen Gründen - mit der Aufarbeitung der Vergangenheit sowohl im Osten als auch im Westen.

Hintergrund dieser Reflexion ist die Geschichte meiner Mutter. die wegen Abhörens von Feindsendern und Feindbegünstigung in der Nazizeit inhaftiert war. Gleichzeitig ist meine Mutter aber die uneheliche Tochter eines hohen Nazis, der allerdings schon 1935 starb. Wir lebten alle in Leipzig. Als illegitimes Kind lebt man zwischen den Stühlen, auch ich machte diese interessante und erkenntnisfördernde Erfahrung.

So entstand ein Text, bei dem ich zusätzlich noch auf authentische Aufzeichnungen meiner Mutter zurückgreifen konnte.

Das nachstehende Kapitel beschäftigt sich mit den Aufarbeitungsritualen aus persönlicher Sicht.

 

 Teil 1: Opferkind Ost

 Peinlichkeit – Betroffenheit - Schweigen

 Für meinen Bruder und mich war die Vergangenheit der Mutter immer auf der einen Seite dramatisch und auf der anderen Seite problematisch. Wir verhielten uns jeder sehr unterschiedlich dazu. Ich hatte – sowohl was die Religion als auch die Nazizeit anging – einen frühen Bekenntnisdrang, während mein Bruder es lieber sah, wenn über all das gar nicht gesprochen wurde.

 Als ich - wir sind in den 50er Jahren - in einer Schulstunde erzählte, dass meine Mutter in der Nazizeit eingesperrt gewesen war, blickte mich der Klassenlehrer irritiert an und vermied eine weitere Nachfrage. Ich war durchdrungen von dem Gefühl, dass meine Mutter tapfer und gut war, dass wir eine Ausnahmefamilie waren, in der es keine Nazis gab und dass ich das ruhig sagen konnte. Den von der Mutter immer wieder erwähnten „illegitimen“ Großvater hatte ich dabei nie im Sinn. Er und die fremden Väter, denen wir unser Leben verdankten, waren Existenzen aus der Vergangenheit mit denen meine Mutter zwar zu tun gehabt hatte, die aber nicht wirklich zu uns gehörten.

 In der Schule waren Faschismus, Krieg und der antifaschistische Kampf etwas, worüber mit dem entsprechend geforderten Pathos berichtet wurde, Auch über Menschen, die ihren Mut mit dem Leben bezahlt hatten, sprach man in im Ton der Heldenverehrung. Das war der Tribut, den man den neuen Zeiten zollte.

Konkrete Leute, die am Leben geblieben waren, auch noch in die Kirche gingen und ihre Kinder zur Schule schickten, brachten die Ordnung des Lehrplanes durcheinander. Ich hatte noch einen anderen Klassenkameraden, der einmal auf die Frage nach seinem Geburtsort „London“ angab, was auch ihm ein erstauntes kurzes Innehalten des Klassenlehrers einbrachte. Mehr geschah nicht. Eine Ausnahmeexistenz irgendwie, auch er.

Ich hatte recht schnell das unbehagliche Gefühl, es schicke sich nicht, so etwas aufzubringen und vermied in Zukunft das Thema. Andere Probleme tauchten auf, weil ich nicht „Jungpionierin“ wurde, später auch nicht zur Jugendweihe ging. Die Schule kümmerte sich bei ihrer Reaktion wenig um die Vergangenheit der Mutter, sondern handelte nach Richtlinien, die wir damals nur erahnen konnten, aber nicht durchschauten. Ich durfte also nicht zur Oberschule, kein „normales“ Abitur machen. Als ich mich Jahre später nach dem Besuch der Volkshochschule, wo ich das Abitur dann doch nachgeholt habe, auf einen Studienplatz bewarb, profitierte ich von meiner Beharrlichkeit und dem „Opferstatus“, den meine Mutter inzwischen innehatte. Die Abendoberschule stand auch weniger systemkonformen jungen Leuten offen.

Das kann auch an den Zeiten gelegen haben. In der DDR wechselten immer wieder die politischen Linien, die Sichtweisen, die Strategien um Umgang mit Leuten, die nicht in das offizielle Raster passten. Ende der vierziger Jahre und zu Beginn der fünfziger existierten noch keine Regelungen für die ehemaligen Häftlinge der Nazizeit.

So erhob sich die Frage, wovon unsere kleine Familie leben sollte in diesen Zeiten. Arbeiten konnte die Mutter nicht mehr. Darum beantragte sie eine winzige, vorläufige Invalidenrente, deren Berechtigung durch regelmäßige amtsärztliche Untersuchungen genau kontrolliert wurde. Erst nach einem schweren gesundheitlichen Einbruch in den fünfziger Jahren wurden diese Kontrollen eingestellt.

Anfang der fünfziger Jahre wurde meine Mutter Mitglied des VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). In dieser Vereinigung dominierten die Kommunisten - vor allem deren Hinterbliebene. Eine Katholikin, die wegen ihres Glaubens, aber auch aus Liebe zu einem Fremdarbeiter Widerstand geleistet hatte, passte nicht in ihr Raster. Solche Motive waren vielleicht als Sujet für einen Spielfilm geeignet, aber auch da durfte es kein Fremd- oder Zwangsarbeiter aus Frankreich sein, sondern ein sowjetischer Kriegsgefangener oder ein Pole. Die VVN in der DDR wurde Anfang 1953 wieder aufgelöst. Man sagt, Walter Ulbricht fürchtete, dass sich in dieser Vereinigung ein Machtzentrum formieren könnte, das ihm hätte gefährlich werden können wegen der Unterschiedlichkeit der politischen Meinungen derer, die sich hier organisierten.

Die Geschichte des VVN in Ost und West ist ein Kapitel für sich in der Auseinandersetzung mit zwei Vergangenheiten in Deutschland. Das „Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer“ übernahm die Definitionsmacht, wer wirklich ein Kämpfer gegen den Faschismus und wer „nur“ ein Opfer war. So erhielt meine Mutter Ende der fünfziger Jahre den Status „OdF“, Opfer des Faschismus. Die Kämpfer gegen den Faschismus waren entweder Kommunisten oder die Hinterbliebenen von Häftlingen, die im Zuchthaus oder Konzentrationslager umgekommen waren. Wie so oft,  machten auch in dieser Organisation die Frauen die notwendige konkrete Arbeit, während die Männer Reden hielten und den anderen die Welt erklärten.

Meiner Mutter war zu dieser Zeit ziemlich gleichgültig, wie man sie einstufte, sie war froh, wenigstens in ein Raster zu passen, das ihr eine staatliche Unterstützung sicherte und uns damit endlich aus der bitteren Armut half, in der wir uns viele Jahre einzurichten gehabt hatten.

 „Von diesen Leuten dürfen Sie nichts nehmen“

Auch in der Kirchgemeinde war der Umgang mit der Vergangenheit auf andere Weise irritierend ambivalent. Der alte Pfarrer Theo Gunkel, ein integrer Mann, der meiner Mutter in der NS-Zeit geholfen hatte und ihre Geschichte kannte, reagierte mit Güte, Hilfe und Verständnis. Auch viele Gemeindemitglieder waren voll Mitgefühl.

Andere aber, die aus den ehemaligen Ostgebieten nach Leipzig geflohen waren, reagierten ablehnend. Sie fanden unangemessen, peinlich und anmaßend, was meine Mutter erzählte. Auch ihren Anspruch auf Mitgefühl fanden sie unpassend. Es waren nicht alle so wie unsere „Tante Weide“, die bei uns zu Hause einquartierte Schlesierin. Die war in ihrer einfachen Art nichts als ein mitfühlender Mensch.

 Und dann noch die beiden unehelichen Kinder. Eine der älteren Frauen in der Pfarrei nannte meine Mutter einmal eine „gestrauchelte“ Person. Schnell haftete ihr der Verdacht an, allzu kommunistenfreundlich zu sein. „Von diesen Leuten dürfen Sie nichts nehmen“, sagte man ihr freundlich und bot herablassend von den Spenden an, die aus dem Westen ins Pfarrhaus geschickt worden waren. Waren die Kommunisten nicht sehr viel schlimmer als die Nazis? War nicht gerade bekannt geworden, dass Stalin der größte Verbrecher aller Zeiten ist? Und vor allen Dingen, waren die Kommunisten nicht die größten Feinde der Religion? Hatten wir nicht gerade eine Märtyrergeschichte gelesen über einen Priester im Moskau der 20er Jahre, den betrunkene Bolschewiken getötet hatten? Das Buch war natürlich verboten, aber es wurde an die Gemeindemitglieder ausgeliehen, die sich als mutige Widerständler verstanden, wenn sie es lasen. Viel mutiger als meine Mutter. Und war Adenauer im Westen nicht ein überzeugter Katholik? Musste man sich nicht mit allen Mitten gegen die Religionslosigkeit dieser Materialisten verteidigen? Die Geschwister Scholl, der Widerstand der „Weißen Rose“? Ja, ja, das wurde schon einmal erwähnt, aber insgesamt war die Kirchgemeinde vollkommen absorbiert mit der Abwehr gegen die Zumutungen des neuen Regimes der Gottlosigkeit.

 In 20 Jahren gibt es keine Religion mehr

 Und tatsächlich: In der Küche meiner Mutter saß manchmal ein alter VdN-Kamerad und schwadronierte, die Kirchen würden in 20 Jahren nicht mehr bestehen und brachte sie damit erst zur Weißglut, später zu verachtendem Schweigen, weil er auch noch auf die Macht hinwies „die wir jetzt haben“. Dabei hatten Leute wie er überhaupt nichts zu sagen. Man gab ihnen einen kleinen Posten und stellte sie damit ruhig.

Eine andere Kameradin, eine überzeugte Kommunistin, die wie meine Mutter im Zuchthaus gewesen war, erklärte, sie würde heute jeden anzeigen, der gegen dieses Land arbeitet. Das sei ihre Pflicht und sie tue das ohne Ansehen der Person. Damals saß ich mit am Tisch und erinnere mich, wie meine Mutter mich anstieß. Später sagte sie „Diese Kommunisten, viel besser als die Nazis sind die aber auch nicht“.

All dies waren Gründe dafür, dass meine Mutter, wie in der NS-Zeit, begann, BBC zu hören, was zwar nicht direkt verboten, auf jeden Fall nicht gern gesehen war. Obwohl ich noch ein Kind war, hörte ich manchmal zusammen mit ihr zu.

Hin und wieder hörte sie auch Radio Moskau, mit Berichten über das Leben in der Sowjetunion. Politische Analysen waren von diesem Sender nicht zu erwarten, aber es kamen immer sehr bunte glitzernde Karten zum Jolka-Fest.

Meine Mutter spottete über dieses neue Regime, aber sie hatte nicht jenen Hass, den sie für die Nazis gehabt hatte und auch keine Angst vor ihnen. Was sie – auch gegenüber der Schule für uns Kinder einforderte – war Toleranz und die wurde verbal auch gewährt. In der Praxis war es für die Lehrkräfte schwierig, wirklich tolerant zu sein. Sie waren selbst massivem Druck ausgesetzt und immer wieder verschwand ein Lehrer in den Westen.

(Ende Teil 1)

 
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