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Opferkind Ost Teil 2
Irritierende Gefühle
Zu Hause lagen Bücher über die Nazi-Vergangenheit. Ich las „Nacht und Nebel“ von Arnold Weiß-Rüthel. Es handelt von Oranienburg und Sachsenhausen, jenen gleich nach der Machtergreifung errichteten Konzentrationslagern, in das die Feinde des Regimes eingeliefert worden waren Jenes KZ, in dem Hauptmann Loeper, mein illegitimer Großvater, den Lagerleiter geohrfeigt haben soll, weil er seinen persönlichen Feind Seger hatte entkommen lassen.
Ich war am Beginn der Pubertät, als meine Mutter „Geißel der Menschheit“ von Lord Russell of Liverpool las. Auch ich besah mir das Buch, wahrscheinlich auch deshalb, weil meine Mutter anmerkte, das sei nun doch nichts für mich. „Geißel der Menschheit ist direkt nach dem Kriege verfasst und hat neben der Anklage des gesamten NS-Regimes vor allem die Dokumentation der erdrückenden Beweise im Blick. So las ich über die Verbrennungsöfen und ihre Anwendung in den verschiedenen Konzentrationslagern, die Zeugenaussagen der aus den KZ befreiten Menschen, die entsetzten Berichte der Briten und Amerikaner über den Zustand der Häftlinge.
Wenn ich mich später an dieses Buch erinnerte, dann besonders wegen des Fotomaterials. Die Schrumpfköpfe aus Buchenwald, die sich die Frau des Lagerleiters anfertigen ließ, die Massengräber von Oradour, von Lidice, Leichenberge von Auschwitz, Leichenberge in Bergen-Belsen ein Waggon Leichen in Buchenwald, die Beine polnischer Frauen nachdem medizinische Experimente an ihnen verübt worden waren, der Verbrennungsofen in Buchenwald, in dem noch ein Toter lag, all das ist fotografisch dokumentiert und all das besah ich mir. Und immer wieder schlug ich eine Seite auf mit Grauen und einer mir unheimlichen Neugier: Ein Fotodokument, das man laut Bildunterschrift bei einem deutschen Gefangenen gefunden hat. „Neueingelieferte KZ-Häftlinge auf dem Weg zur ärztlichen Untersuchung“. Es sind aber auf diesem Foto nackte Frauen zu sehen, die an Männern in Uniform vorbeilaufen. Sie sind schlank, aber noch nicht abgemagert wie die späteren KZ-Häftlinge. Mein Bruder und ich hatten deswegen einen erbitterten Streit.
Er hatte beobachtet, dass ich mir dieses Buch mehrmals ansah und immer wieder dieselbe Seite aufschlug und er sprach darüber mit mir auf eine merkwürdig herablassende Weise. Ich fühlte mich beschämt und gedemütigt, weil ja stimmte, was er beobachtet hatte. Von da an aber empfand ich eine tiefe innere Wut auf meinen Bruder und fühlte mich mit den nackten Frauen in irgendeiner unklaren Weise verbunden. Ich habe mir das Buch während ich darüber schreibe noch einmal besorgt und besehen. Ich erinnere mich richtig. Dieses Zusammentreffen von erwachender sexueller Neugier und der schutzlosen Nacktheit der Frauen, die nichts als Beweisobjekte waren, beschäftigt mich bis heute. Was da geschehen war, das war entsetzlich, dass es jetzt so gezeigt wurde, war mir jedoch genau so unheimlich und für eine Beweisführung nicht nötig, denke ich heute.
Als meine Mutter von entwürdigenden Leibesvisitationen berichtete, empfand ich ebenfalls diese Mischung aus Mitgefühl und unangenehmer Peinlichkeit. Als sie von den Schlägen erzählt hatte, denen sie gleich zu Beginn ihrer Inhaftierung ausgesetzt war, hatte ich dieses ambivalente Empfinden nicht und konnte anders und irgendwie eindeutiger mit meiner Mutter fühlen. Das waren rohe Menschen, die Schergen eines Systems, das besiegt war. Solche Henkers- und Schlächternaturen bringt jedes gewalttätige System hervor. Aber meine Mutter sollte keine nackte Frau gewesen sein, die an wildfremden Männern vorbeilaufen musste.
Für das Unbehagen, das ich empfand, gibt es psychologische Erklärungen. Wenn die Neugier der erwachende Sexualität auf diese Brutalität stößt, dann ist das eine verwirrende, ängstigende und beschämende Lernerfahrung, die sich auch sehr schnell mit den Mythen der Gewalt und den Schuldkomplexen aus der christlichen „Ecke“ mischt.
Ich war wohl so um die 12 Jahre alt, als ich mit einigen Schulkameraden den DEFA-Film „Sie nannten ihn Amigo“ ansah. Der Film handelt von der Tapferkeit eines Jungen, der einem ausgebrochenen Häftling, Unterschlupf gewährt. Im Vorspann sind Originalaufnahmen aus befreiten Konzentrationslagern zu sehen. Sie waren von solcher Entsetzlichkeit, dass ich sie den ganzen Film über und über viele Wochen hinweg nicht mehr vergessen konnte. Skelettartige Gestalten rissen Gras aus und aßen es, Leichenberge überall. Einige Schulkameraden bewältigten den Schrecken auf ihre Art und sangen auf dem Heimweg etwas von „Lumpen, Knochen, Eisen und Papier, ausgeschlagene Zähne sammeln wir“, um so das Entsetzen wieder zu bannen. Ich habe nie wieder einen Spielfilm gesehen, der mit solch grausamen Dokumentaraufnahmen begann. für alle Zeiten weiß ich jetzt, dass der Umgang mit Opfern als „Beweismittel“ ihre „Objektwerdung“ eine so schwierige Gratwanderung ist, dass sie meist sie zutiefst demütigend ist. Das hat sich in allen Prozessen gegen NS-Täter gezeigt.
Als ich meine Mutter von diesem Film erzählte, erklärte sie mir: Nein, das habe sie nicht erlebt, das sei auch ihr unvorstellbar. Sie sei im Zuchthaus gewesen und da seien die Leute roh und brutal behandelt worden, aber sie hätten nicht so gelitten wie in den KZ’s, Die in der Nähe wohnenden jüdischen Schwestern Bormann seien in einem KZ gewesen und dort sei es viel schlimmer zugegangen, als im Zuchthaus. Aber sie habe schon gesehen, wie Menschen gestorben sind, aber das wolle sie mir jetzt nicht erklären.
Bis auf den heutigen Tag erinnere ich mich an ein Hörspiel, das mich sehr beschäftigte. „Das Spiel der Wölfe“ hieß es. Eine Schulklasse besucht Buchenwald und danach spielen die Jungen „Konzentrationslager“. Der Titel dieses Hörspiels knüpfte wohl ganz bewusst an dem berühmten Roman von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“ an. Als ich es hörte, verstand ich noch nicht alles, aber mir wurde mir klar, dass es furchtbar war, wenn ein Besuch in einem KZ solche Folgen hatte. Erst später habe ich die psychologische Erklärung gelesen, dass es männlichen Jugendlichen vor allem in der Pubertät attraktiver scheine, sich mit den „Starken“ zu identifizieren. War das auch bei meinen Bruder so? War ihm darum unsere ganze Familiengeschichte immer so peinlich?
Bis in die Gegenwart beschäftigen mich die Berichte über die Folter. Ich las, wie den Häftlingen die Arme ausgerenkt wurden, indem man sie ihnen nach hinten band und dann aufhängte. Ich spüre noch heute die finstere, dunkle Verwirrung aus Zorn, Grauen und Faszination, die mit solchen Schilderungen für mich verbunden waren und sind. Als wir Buchenwald besuchten, gab es eine Zeichnung von diesem Vorgang, da steht ein SS-Mann vor einem Balken an dem ein so Gefolterter und Gestrafter hängt. Ich war verwirrt vor Mitgefühl und Grauen, aber ich sah es mir dennoch an.
Als ich kürzlich in diesen Tagen einen Beitrag in einer Zeitung las über die Zensoren, die in der Hauptverwaltung Verlage in der DDR tätig waren und Büchergutachten erstellten, fand ich einen mich verstörenden Nebensatz. Über einen von ihnen wird berichtet, dass er seine zerfolterten Handgelenke in einer Schlinge stützen musste, wenn er schreiben wollte.
Meine Mutter konnte sich trotz allem wenigstens einen Rest jenes „Weltvertrauens“ bewahren, von dem der Publizist Jean Amery in seinem berühmten Essay „Über die Tortur“ spricht und darüber, dass er es für immer durch die Folter verlor.
Als ich diesen Aufsatz las, erinnerte ich mich an die Kinderbeklommenheit und die angsterzeugende Gefühlsverwirrung.
So erlebe ich – wie sicher viele – in einer Zeit, da über das Fernsehen Bilder der Entwürdigung und der Folter flimmern und das Foltern als eine mögliche Verhörmethode debattiert wird, Furcht und eine tiefe Verunsicherung.
Dass sich die DDR als ein Staat betrachtetet, in dem die Wurzeln des Faschismus (sie sagten nicht gern Nationalsozialismus) mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden waren, ist hinlänglich besprochen. Dass mit uns der Menschheitsfortschritt ist, dass wir die Sieger der Geschichte sind, wurde uns erklärt und am Ende hingenommen so wie manche leichten Volten der Geschichtsschreibung auch in der Gegenwart hingenommen werden.
Alles, was dieses Siegerbild, die Heldenpose nicht bediente wurde ausgeblendet. So galt das „einfache“ Überleben eines Menschen, der als Jude ins KZ verschleppt wurde, nicht als wesentlich und wichtig für die Darstellung. Die Rettung eines jüdischen Jungen durch vornehmlich Kommunisten in Buchenwald – das war etwas anderes. Das befestigte die Siegermythen. Damit ist nichts gesagt gegen den Roman „Nackt unter Wölfen“, aber alles gegen jede Einseitigkeit im Umgang mit der Vergangenheit.
Wie auch immer: Wir als kleine Restfamilie waren ohnehin keine Sieger, sondern saßen andauernd zwischen allen Stühlen. Hin und wieder überlegte meine Mutter, ob sie nicht – wie viele in den fünfziger Jahren - mit uns nach dem Westen gehen sollte. Aber sie fürchtete sich vor dieser Flucht und vor den Menschen, deren Verhalten ihr ebenso wenig tröstlich erschien, wie das der Menschen im Osten. Meine Mutter hatte einmal gehört, im Westen feierten die Faschisten gerade „fröhliche Urständ“ und dort wisse sie überhaupt nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollte. Dort sei man mit der Vergabe von Unterstützung für ehemalige Häftlinge der Nazizeit sehr büroratisch, sie wisse nicht einmal, ob sie mit den zehn Monaten Haft, die sie ja „nur“ verbüßt hatte, überhaupt anspruchsberechtigt sei. Einmal nahm meine Mutter mich mit zu einem Besuch in Unna in Westfalen, wo der Halbbruder meiner Mutter lebte. Eine Erinnerung ist mir noch besonders deutlich: Wir standen am Straßenrand, ich hatte eine Apfelsine in der Hand und beobachtete einen Festumzug von Männern. Meine Mutter erklärte mir, das sei der örtliche Schützenverein. Das erinnerte mich an den Schützenhof in Leipzig, wo wir immer eine Limonade tranken, weshalb ich mit diesem Namen Freundliches verband. Dennoch war meine Mutter in irgendeiner Weise aufgeregt und murmelte: „Mein Gott, alle schon wieder so wohlgenährt, so glattrasiert“. Mich wunderte, dass sie das störte. Erst viel später wurde deutlich, was sie meinte. Sie hätte sich im Westen nicht heimisch gefühlt, es war die Welt der Bürgerlichkeit, Selbstzufriedenheit der fünfziger Jahre, dort wollte sie nicht sein, um keinen Preis. Sie ist später von einer weiteren Westreise weinend zurückgekommen. Es war nicht ihre Welt. Es war nicht unsere Welt. Eine Rede im Beisein von Lotte Ulbricht Anfang der sechziger Jahre fand in Leipzig eine Tagung des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer statt, zu der auch meine Mutter eingeladen war. Sie war aus diesem Anlass sehr aufgeregt. Sie erzählte mir davon. Auch Lotte Ulbricht sei da gewesen, es habe viele Reden gegeben, aber eigentlich hätten alle immer dasselbe gesagt, dass die DDR nun das Erbe der Antifaschisten weitertrage. Sie habe sich auch zu Wort gemeldet, sie sei auch „drangekommen“, obwohl sie kein Redemanuskript vorlegen konnte. Und sie habe noch einmal an ihre eigene Haft erinnert, sie habe an die „Unsterblichen Opfer „ erinnert, und da sei der Saal totenstill gewesen. Sie berichtete das voller Genugtuung. Sie fühlte sich akzeptiert, als am nächsten Tag in der Leipziger Volkszeitung über diese Versammlung berichtet wurde und auch die „ergreifenden Worte einer Leipziger Antifaschistin“ erwähnt wurden. Das war eine Ausnahme, denn es herrschte eine strenge Kontrolle über jene Stimmen, die im Kanon des Antifaschismus ihren Part bekamen. Sie hatte sich einmal überwunden und ihre Stimme erhoben. Politikwechsel durch Erich Honecker Der Umgang mit der Vergangenheit war – wie im Westen auch - von ständigen Wechseln bestimmt. Als Erich Honecker im Jahre 1971 Erster Sekretär des Zentralkomitees wurde, wurden auch die Renten für die Opfer des Faschismus erhöht. Meine Mutter erhielt eine gute Ehrenpension. Sie meinte, es hätte damit zu tun, dass Honecker, der selbst im Zuchthaus gewesen war, ein Herz habe für die ehemaligen Gefangenen der Nazizeit, während Ulbricht als Emigrant dafür keinen Sinn gehabt hätte. Der Umzug in eine komfortable kleine Neubauwohnung wurde möglich, meine Mutter fühlte sich sorgenfrei. Das lange Herzleiden hatte sich kompensiert, mit dem Rheuma hatte sie gelernt, umzugehen. Sie wurde gut betreut und geachtet. In dieser Zeit räumten die Genossen des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer ein, dass auch sie natürlich gegen die Faschismus gekämpft habe. Manches lockerte sich, die Zuschreibungen verschwammen. Wieder einige Jahre später wurden auch die Männer und Frauen des 20. Juni in der DDR gewürdigt. Es war die Zeit, als der NATO-Doppelbeschluss in der Bundesrepublik angenommen wurde. Die vorwiegend militärischen Attentäter galten nun als Symbol eines Bündnisses der Vernunft gegen eine gemeinsame militärische Gefahr – einst gegen Adolf Hitler - in den 80er Jahren gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden. Die Geschichte wurde abgegrast nach Symbolfiguren der Gemeinsamkeit zwischen Ost und West im Kampf gegen eine atomare Katastrophe. Gläubige Menschen, Kirchenleute, Menschen wie Sophie Scholl, aber auch Pater Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer wurden jetzt mit Veröffentlichungen über ihr Wirken und ihren Widerstand gewürdigt. Dass die Geschichte, die Opfer instrumentalisiert wurden, war nicht zu übersehen, daran hat sich jedoch bis heute wenig geändert. Meiner Mutter war diese ganze „Wer ist Opfer“ - Geschichte zunehmend gleichgültig. Sie wollte nichts als in Frieden leben und dass es ihren Kindern gut ging. Sie machte ihren Frieden mit den Männern in ihrem Leben, mit dem Vater sowieso, mit den Vätern ihrer Kinder und mit dem schwierigen Sohn war sie in ein halbwegs belastbares Gleichgewicht gekommen. Auch mit dem „Übervater“ Staat, in dem wir lebten, machte sie ihren Frieden.
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Hallo Magda,
das ist ja ein sehr spannender und sehr persönlicher Beitrag. In ihm wird eine Regel bestätigt: Opfer sehnen sich im Laufe der Zeit nach Frieden und Ruhe während Täter nicht aufhören (können). |
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Darum ist "Versöhnung" meist einseitig und nicht wirklich möglich.
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Hallo,
ja es ist ein Wagnis, vor allem, weil es ja mehrere Teile sind. Mit den Opfern ist es unterschiedlich. Was mir auffiel war, dass meine Mutter weniger mit konkreten Anklagen gegen die Nazis beschäftigt war, sondern mit dem reinen Überleben. Verbittert war sie schon auch, aber eher so allgemein. Sie kannte zum Beispiel eine der Wärterinnen aus der Leipziger Untersuchungshaft. Aber sie hätte im Traum nicht daran gedacht, die jetzt mit Anklagen zu konfrontieren. Sowas interessierte sie auch einfach nicht. Das waren ja auch wirklich brutale Nachkriegszeiten. Übrigens ist das hier Teil einer ganzen biographischen Geschichte,die ich für spannend halte und die ich irgendwie nicht fertigkriege, obwohl es massenweise Text gibt. Manchmal ist so eine scheibchenweise Veröffentlichung auch wieder ein Blockadebrecher. Danke fürs Lesen. Es sind ja lange "Riemen". |
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Gute Idee, mach einfach weiter - wenn du es dann als Buch veröffentlichst hast du schon einen festen Leserkreis :)
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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