Magda

Mal sehen

23.12.2009 | 10:42

Best of Nothing

Sermon über Vergänglichkeit - memoriert beim Anblick alter Videos

Der Klang einer seit Jahren bekannten Tonfolge, das Anschauen uralter Fernsehsendungen, niemals gesehen in den Zeiten da sie wirklich zeitgenössisch waren, was bedeutet solches Wiedererkennen und Wiedersehen für uns?

Schön, das alles so bewahrt werden kann, aber macht das wirklich nur Freude? Weckt es nicht, gerade dadurch, dass die Sendestunden, die Musik und alle Bilder wie für die Ewigkeit konserviert scheinen, in uns ein ängstigendes Bewusstsein der Vergänglichkeit und Endlichkeit?

Vor einer Stunde haben wir noch einen Heimatfilm aus den 50ern gesehen, jetzt blickt uns das alternde Gesicht der Hauptdarstellerin in einem Fernsehfilm oder einer Talkshow life an. Ein einziges Memento das Ganze, besonders, wenn ausgestellte oder tatsächliche Vitalität und Munterkeit uns ablenken sollen von der Arbeit der Zeit an den Gesichtern und Körpern.

Was hilft dagegen? Sich mit der Vergänglichkeit befreunden? Wenn es auch Fantasien über die Abschaffung des Todes gibt -Lebensverlängerung bis 200 Jahre - die Vergänglichkeit werden wir nicht abschütteln. Sie bleibt uns als Fluch, sie bleibt uns als Trost, sie ist die trivialste und treueste Begleiterin durch unser Leben. Mit ihr können die existenziellen Probleme der Welt ebenso gelöst werden, wie die, die sich vor den Produzenten von Fernsehserien auftürmen.

Wie kann das Weiterbestehen einer Serie möglich werden, obwohl der Hauptdarsteller aussteigen will?  Einfach sterben lassen. Wenn jemand aus einer Serie rausgeschrieben werden soll, dann ist der Tod - Krebs, Kletter- und Autounfall - der beliebteste Helfer aller dieser geplagten Kulturschaffenden.

In den Kettenläden stehen die Billigangebote der CD’s. Da können wir lesen „Best of Connie Francis“, „Best of Roland Kaiser“.

Bessere „Best ofs“ könnten Joe Cocker und Ray Charles sein, das ist Geschmacksache, aber immer sehen wir in die jungen Gesichter von Leuten, die heute um die  50 oder über 60 sind.

Ich frage mich: Die Musiktitel aus den jeweiligen „Best-of“-Jahren - dienen sie den Schöpfern und Interpreten selbst als Nachweis geglückten Lebens oder anderen als Beweisstücke boshafter Belästigung ihrer Zeitgenossen?

Wie schön gemein, wenn wir am Ende unseres Lebens ein Speichermedium erhielten, auf dem steht: Hier ist ihr „Best of“: Bitte wieder und wieder abspielen.  Die glücklichsten Momente des Lebens - wieder und wieder. Ist dies das Paradies oder ist das die Hölle? Es muss was dran sein an der Sehnsucht nach der Sendung vom Nirwana – „Best of Nothing.“

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 23.12.2009 um 11:51
Liene Magda,

ja, so ist das Leben. Danke für diesen nachdenklichen Blog!

Herzliche Grüße

por
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 23:33
Helmut Beckmann schrieb am 24.12.2009 um 13:44
Es ist die Vergänglichkeit, die uns zum Bewahren treibt, weil wir sie nur ungern akzeptieren.
Ich hatte auch mal einen Anfall in die Richtung und habe mir die Schlager besorgt, die in den 50er Jahren aus dem Radio in der Küche klangen. Die Zeit holt man sich damit nicht zurück, eher ein wenig Wehmut. Der Mensch braucht seine festen Bezüge zur Vergangenheit, weil er sonst im stetigen und immer schnelleren Wechsel untergeht. (Das gilt insbesondere auch für ehem. DDR-Bürger :-))
So eine Best-of-DVD zum Tod ist nur was für Atheisten :-)

Liebe Grüße
Helmut
Magda schrieb am 24.12.2009 um 13:48
Hallo Helmut
danke Dir für den Kommentar. Nee, die Zeit holt man nicht zurück, aber Wehmut ist doch auch was Schönes. "In der Melancholie erholt sich die Seele", sagt Tucholsky.

Übrigens dieser Text ist auch mit dem LC einst verschwunden. Irgendwo habe ich den noch von einer alten Speicher-CD gekratzt.

Also auch eine "Wiederauflage".

Gruß an Dich und schöne Feiertage.
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