Magda

Mal sehen

28.01.2011 | 13:30

BILD und IDOMENEO

Über den Nutzen von Gefährdungsanalysen  

 Ein Blatt als strategischer Partner - titelte die FAZ vor einigen Tagen. Sie bezog sich auf die Gorch Fock Geschichte und auf Verteidigungsminister Guttenbergs inniges Verhältnis zu BILD.

Aber Guttenberg ist ja keine Ausnahme - viele mögen BILD scheint mir oder halten sie zumindest für unverzichtbar. Alle setzen auf Boulevard – aber in der deutschen Variante - also völlig ohne Eleganz.

BILD bringt mich - per Assoziation - auf eine ganz andere Geschichte und dann doch wieder ....na ja, ist eine längere Sache:

Alles begann mit Idomeneo

Im Jahr 2006 hat das LKA eine Gefährdungsanalyse erstellt und einen Angriff von islamistischen Muslimen auf die Deutsche Oper nicht ganz ausgeschlossen.

Es ging um Mozarts Oper "Idomeneo", deren Wiederaufnahme Intendantin Kirsten Harms, denn auch aussetzte. Grund war die Schlussszene, in der die abgeschnittenen Köpfe der Religionsstifter Poseidon (als Vertreter der antiken Götterwelt) Jesus, Buddha und Mohammed präsentiert werden. Das gab schon bei der Premiere Proteste, allerdings mehr von christlicher Seite. Nachdem die Angelegenheit durch alle Medien geschleift worden war, meinte man, Kirsten Harms hätte übertrieben mit ihrer Entscheidung. Die Gefährdungsanalyse sei zu ungenau gewesen.

Hier steht noch ein bisschen Hintergrund

Die FAZ zieht die Nutzanwendung

Mir fiel bei der Gelegenheit ein, dass Gefährdungsanalysen doch ein schönes Mittel wären, auch andere Vorkommnisse, Phänomene und Gegenwartsprobleme zu scannen und zu evaluieren. Also schreite auch ich zu einer Wiederaufnahme. Nämlich der Rezension eines Buches, das ich zu jener Zeit beim Wickel hatte.

Gerhard Henschel: "Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung" Edition Tiamat, Berlin 2006.Hier eine schöne Rezension

Da konnte ich feststellen, dass es durchaus zutreffende Gefährdungsanalysen gibt. Denn es hat was irritierend-gefährliches, wenn eine Gesellschaft, die sich freiheitlich nennt, Unterdrückungen anderswo und in anderen Zeiten anprangert und eine neue Bürgerlichkeit anstrebt, sich von diesem Blatt so kujonieren lässt.


Aus aktuellem Anlass eine:
Gefährdungsanalyse über BILD

Wenn es um BILD geht, hat man immer das Gefühl, die Leute rümpfen zwar die Nase, aber sie finden es uncool, sich über diese - sowohl für den gesunden Menschenverstand als auch für den Geschmack - unglaubliche Zumutung aufzuregen. BILD erscheint mir manchmal schlimmer als jenes einstige staatliche Repressionsorgan, dessen Tun und Treiben landauf und landab mit Abscheu verdammt wird. Ich frage mich, bedient man sich bei diesem Publikationsorgan auf der Jagd nach schlüpfrigem, widerlichem Unterhaltungsstoff nicht ähnlicher Methoden? Üble Nachrede, Erpressung, Rufmord. Die ekelerregende Kampagne gegen die junge türkische Schauspielerin Sibel Kekkili zum Beispiel. Man erpresste sie nach ihrem Erfolg in dem Film "Gegen die Wand"  mit ihrem Auftritt in Pornofilmen. Danach versuchte BILD, ihr ein Interview abzupressen mit der Drohung, andernfalls ihre türkischen Eltern zu belästigen, was auch geschah. Selbstmorde sind bei diesem widerlichen Treiben hinnehmbare Kolalateralschäden.

Es fehlt nur noch das Anlegen von Geruchskonserven, aber das ist offensichtlich beim Schnüffeln in fremden Betten und Unterhosen nicht nötig.

Der größte Skandal aber ist, dass sich nicht nur Politiker in liebedienerischer Kriechhaltung diesem Medium nähern und glücklich sind, wenn sie dort „vorkommen“ dürfen. (Gerhard Schröder sagte ja einprägsam, er regiere mit BILD, Bams und Glotze) .

Variante des
Stockholmsyndroms?

Ein Rezensent nennt den Umgang mit diesem Blatt eine Variante des Stockholm-Syndroms. Da es offensichtlich nicht möglich ist, sich wirksam gegen BILD zu wehren, macht man damit einen prekären Frieden, flüchtet in leichten, kurzzeitig erleichternden Spott. Skandalisierung scheint niemandem angebracht.

Also ich empfehle dringend, weil mir gerade so ist, die Lektüre des Buches von Gerhard Henschel. Sein Buch habe ich längst im Schrank. Es hat nicht viel bewirkt, aber ist dennoch ein Trost.

In Zeiten, da einst „heiliger Zorn“ gegen eine Oper ernstgenommen und ihre Aufführung abgesetzt wurde, sollte ein aufgeklärter Zorn gegen eine solches widerliches Produkt des Niederganges der Sitten ernstgenommen und immer mal wieder artikuliert werden.

Man sollte die BILD-Zeitung absetzen. Auch wenn es  – gerade angesichts der aktuellen Anlässe – eine komplette Illusion ist, dies zu fordern.

Aber: Die Zeit ist reif für übersichtliche Utopien, sogar bei der Freitag, dem ich auch gern eine Gefährdungsanalyse angedeihen ließe.

  

 

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 28.01.2011 um 14:29
Habe soeben meine Karten für die Aufführung zurückgegeben, leider gabs kein Geld zurück :-/
archinaut schrieb am 29.01.2011 um 00:26
"....sogar bei der Freitag,
dem ich auch gern eine Gefährdungsanalyse angedeihen ließe...."
Ob der Freitag gefährlich ist? Oder gefährdet.... ?-))
Magda schrieb am 29.01.2011 um 10:33
"Ob der Freitag gefährlich ist? Oder gefährdet.... ?-))"

Gefährlich nicht, wenn er im Bilde ist, gefährdet, wenn er BILD zu sehr hofiert. :-))
mahung schrieb am 29.01.2011 um 16:13
Danke für den Beitrag. Den Gossenreport von Gerhard Henschel habe ich seinerzeit sofort gekauft und gelesen. Auch die darin mitschwingende Aufforderung, dieses latent menschen- und werteverachtende Hetzblatt, soweit möglich zu ignorieren und dem Springer-Konzern kein Geld in den Rachen zu schmeißen (und um Geld und natürlich Macht geht es bei dieser perfiden, auf Papier gedruckten Sudelei, in erster Linie) "befolge" ich gern. Das gilt auch für den vermeintlich kostenlosen Online-Auftritt. Leider ist dieser, vermeintlich kostenlose, Online-Service in meinem Umfeld durchaus opportun. Natürlich immer mit dem süffisanten Hinweis, dass das doch nur aus Unterhaltungsgründen geschehe. Aber Klickraten sind letztlich auch bares für den Konzern.

"Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht
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