11
]
Auf Franziska zu Reventlow (geb. 1871 in Husum - gest. 1918 in Ascona) bin ich vor vielen Jahre über eine DDR-Schriftstellerin gekommen:
Brigitte Reimann schrieb am 14. Februar 1960 in ihr Tagebuch: „Ich lese jetzt – mit Eifersucht, Empörung, Neid und Anteilnahme, das verrückte Tagebuch der Gräfin zu Reventlow. Mein Gott, wie hat sie sich ausgelebt! Und wie verlogen ist sie, wie wild, wie lasterhaft und begabt – ein Vollweib (das ist ein dummes und abscheuliches Wort, aber es bezeichnet die Gräfin am besten). Ich fühle mich ihr ein wenig verwandt; wenn Daniel nicht gekommen wäre ...Wer weiß, wo und mit wem ich mich heute herumtriebe. Freilich: Münchner Boheme – und Presseklub Berlin ...“
Nicht nur dieser Tagebucheintrag hat mich – weil er mich geärgert hat - auf die Spur dieser mir völlig unbekannten Schriftstellerin, Malerin, Schauspielerin, Lebenskünstlerin, Muse vieler Männer und überhaupt tollen "verrückten" Person geführt. Sie war nicht verlogen, die Reventlow, sie war wie keine andere Frau immer wieder anders und immer sie selbst.
"Die Gräfin war immer Dame"
Auch der Anarchist und Schriftsteller Erich Mühsam hat sich in seinen "Unpolitischen Erinnerungen" über sie geäußert: „Die Gräfin war immer Dame – sagen ihre Freunde (Klages, Rilke von ihr)“- ob sie in zerrissenem Kleid in Sandalen mit der Petroleumkanne über die Leopoldstraße ging, ob sie als Schönste und Wildeste bacchantisch auf unseren Festen tanzte oder zur Teestunde in ihrem Atelier empfing“.
Und diese tolle Person war – was in diesen Zeiten ja auch sehr ungewöhnlich und tapfer war – Mutter eines Sohnes. Nie hat sie enthüllt, wer der Vater des Kindes ist. Sie verkörperte für die Schwabinger Künstler und Intellektuellen jene so faszinierende Einheit von Hure und Mutter. Hier die biographischen Angaben von Fembio.
Das wichtigste war ihr, die eigene Freiheit zu bewahren und so zu leben, wie sie es für sich entschieden und entschlossen hatte. »Ich will und muss einmal frei werden; es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses maßlose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.«
Ihre Bücher werden gerade wieder entdeckt und aufgelegt. Hier eine umfangreiche Text - und Materialsammlung.
Ausstellung in der SH-Landesvertretung
Gegenwärtig ist in der Berliner Landesvertretung von Schleswig Holstein eine kleine, aber feine und gutgemachte Ausstellung über das Leben der Franziska Gräfin zu Reventlow zu sehen. Sie ist gut und einfallsreich gegliedert, bietet einen Überblick, aber erschlägt nicht mit Details. Fotos und Zitate von ihr und über sie erscheinen an einer Leinwand. Vitrinen enthalten Zeitzeugnisse und Spuren ihres Lebens.
Das habe ich mir – gemeinsam mit einer Bekannten – gestern angesehen. Wir erinnerten uns dabei an die Zeit, da wir gemeinsam mit einem Reventlow Vortrag – ich den Text, sie die musikalische Umrahmung – durch einige soziokulturelle Zentren der Stadt getourt sind.
Blick in die Ausstellung
Hervorragender Katalog
Ich habe den hervorragend gemachten, umfangreichen Katalog gekauft. Und dann sind wir noch zum Spreeufer gewandert und haben das kulturelle Erlebnis an ihren Gestaden ausklingen lassen.
Rolfs Erinnerungen
Die hübscheste Erinnerung an die Reventlow stammt von ihrem Sohn Rolf, der – nach einem wechselvollen Leben - lange Jahre in München lebte und Mitglied der SPD war. „Typisch war ihre Beziehung zum Geld. Sie hatte eine Gewohnheit: Wenn sie Geld bekam, von irgendwoher, ein Honorar, dann hat sie die Zehn-Mark-Stücke,- damals gab es noch Zehn-Mark-Stücke in Gold - die hat sie dann in der Wohnung herumgeschmissen und sich später gefreut, wenn sie wieder in der Not eins gefunden hat in irgendeiner Ecke..."
Eines ihrer Bücher – sehr amüsant – heißt Der Geldkomplex.
|
|
danke für diese empfehlung, liebe Magda, der name ist mir ein begriff, nur habe ich bisher noch keines ihrer bücher gelesen, aber dein text macht mich neugierig ...
|
|
|
Vielen Dank, Magda, für dieses Blog. Die Gräfin war mir bisher nicht bekannt, aber Ihre Zeilen hier klingen so interessant, dass ich mir ein Buch von ihr und eines über sie besorgen werde.
Witzig ist dieses "Geldverstecken". Das mache ich nämlich auch. :-) |
|
|
Wie genau? Als Pendant zu den Goldmünzen müsste man heute 100-€-Scheine zu Fliegern falten und rumsegeln lassen. :)
|
|
|
Naja, ich verstreu das Geld nicht - schon wegen dem Staubsauger - aber ich mach's wie die Eichhörnchen, hier ein Scheinchen und da ein paar Münzen. Aber mehr verrate ich nicht, sonst gibbet noch ungebetenen Besuch, der beim Suchen helfen will... :-)
|
|
|
Ich habe mal, gerade nach dem ungebetenen Besuch eines solchen "Suchenden", der mich um eine Summe gebracht hatte, die für den halben Monat reichen musste, auf der Suche nach der verschwundenen Börse unverhofft in einer Schrankecke ein Scheinchen gefunden, den jemand dort versteckt haben muss, der sich für eine Gratisübernachtung mit Frühstück von Monaten vorher bedanken wollte. Das war tröstlich in dem Moment.
|
|
|
Danke für den Beitrag hat spaß gemacht ihn zu lesen ;-)
|
|
|
ja, anregend und vergnüglich.
|
|
|
@Magda
"Und diese tolle Person war – was in diesen Zeiten ja auch sehr ungewöhnlich und tapfer war – Mutter eines Sohnes ist" Mindestens ebenso ungewöhnlich war, dass dieser tolle Wildfang von Person 1982 die Befähigung zur Unterrichtung in höheren und mittleren Mädchenschulen erlangte. Darin war sie meiner Großmutter Emma ähnlich ungewöhnlich in der damaligen Zeit. Übrigens, wie geht es weiter mit der Lektüre der Tagebücher von Brigitte Reimann? Der Vater des Kindes ist inzwischen bekannt siehe: de.wikipedia.org/wiki/Fanny_zu_Reventlow Fanny Gräfin zu Reventlow (Veröffentlichungen zu Lebzeiten unter der Verfasserangabe F. Gräfin zu Reventlow; heute auch bekannt als Franziska Gräfin zu Reventlow) (* 18. Mai 1871 in Husum; † 26. Juli 1918 in Locarno/Schweiz), eigentlich Fanny Liane[1] Wilhelmine Sophie Auguste Adrienne Gräfin zu Reventlow, war eine deutsche Schriftstellerin, Malerin und Übersetzerin, berühmt als „Skandalgräfin“ oder als „Schwabinger Gräfin“ der Münchner Bohème und als Autorin des Schlüsselromans Herrn Dames Aufzeichnungen (1913). 1890 trotzte sie ihren Eltern den Besuch des Roquetteschen privaten Lehrerinnenseminars ab, das sie 1892 mit der „Befähigung für den Unterricht an höheren und mittleren Mädchenschulen“ abschloss. Eine berufsvorbereitende Ausbildung war für eine adlige junge Frau in dieser Zeit äußerst ungewöhnlich. Am 1. September 1897 wurde ihr Sohn Rolf geboren († 12. Januar 1981 in München); den Namen des Vaters – er ist inzwischen bekannt, doch ohne alle Bedeutung – verschwieg sie zeitlebens. Ihren Unterhalt verdiente sie zum Teil mit literarischen Übersetzungen für den Albert Langen Verlag und mit kleineren schriftstellerischen Arbeiten für Zeitschriften und Tageszeitungen (etwa für Die Gesellschaft, Simplicissimus, Neue Deutsche Rundschau, Frankfurter Zeitung, Münchner Neueste Nachrichten). Außerdem hatte sie nach etwas Schauspielunterricht 1898 ein kurzes Engagement am Theater am Gärtnerplatz (heutiges Staatstheater am Gärtnerplatz) und spielte vorübergehend im Akademisch-Dramatischen Verein des jungen Otto Falckenberg. Im übrigen schlug sie sich mit Gelegenheitsjobs als Prostituierte, Sekretärin, Aushilfsköchin, Versicherungsagentin, Messehostesse, Glasmalerin usw. durch. Nicht wenige Einkünfte verdankte sie schließlich, wie in der Bohème üblich, der Schnorrerei und den Spenden ihrer männlichen Bekanntschaften. Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George, Albert Verwey Ihre Erfahrungen mit der Münchner Künstlerszene – vor allem mit dem „Kosmiker“-Kreis um Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Alfred Schuler, denen sie ihres unehelichen Kindes und ihrer erotischen Freizügigkeit wegen als „heidnische Madonna“ und „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ galt – verarbeitete sie in ihrem humoristischen Schlüsselroman Herrn Dames Aufzeichnungen. Sie pflegte außerdem Umgang mit Oscar A. H. Schmitz, Theodor Lessing, Friedrich Huch, Erich Mühsam, Oskar Panizza, Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Frank Wedekind und zahlreichen anderen Exponenten der „Münchner Moderne“. Mit ihrem Sohn Rolf unternahm sie Reisen unter anderem nach Samos (1900 mit Albert Hentschel), Italien (1904, 1907) und Korfu (1906/1907). |
|
|
Meine hochgebildet wißbegierige Großmutter Emma lebte on 1882- 1970
|
|
|
"...weil er mich geärgert hat..." - Ja, auch die Tagebücher von Prominenten und Schriftsteller(inne)n sind nicht immer große Literatur, sondern eben Tagebücher...
Ich finde 'ärgerlich', einen Begriff, den man 'abscheulich' findet, als positive Charakterisierung zu benutzen. Nicht sehr sprachmächtig. |
|
|
Aber "ärgerlich" und "geärgert" - da sehe ich Unterschiede. Ich war nicht ärgerlich, mich hat nur dieser Eintrag geärgert. Damit wollte ich es eigentlich "klein" halten. Denn ich mag ja Reimanns Tagebücher.
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen