Auch literarische "Lieben" sind dann am Besten, wenn man sie nicht erklären muss und wenn sie sich mit den Jahren wandeln.
So ging es mir immer mit Christa Wolf durch die Jahre. Ihren Roman "Der geteilte Himmel", den wir in der Volkshochschule behandelten, fand ich nur wegen der Sprache und der komplizierten Liebesgeschichte schön. Aber die Entscheidung der Heldin leuchtete mir nicht ein. Und manche Wortgebilde "Der Sog einer großen historischen Bewegung" waren mir unheimlich. Auch dass der Held, die Heldin "mein braunes Fräulein" nannte, fand ich befremdlich. Ich verstand nicht.
Als Studentin dann - es war lange still gewesen um sie - las ich "Nachdenken über Christa T." und fand es, ohne dass ich das hätte begründen können, tröstlich. Nicht weil der Inhalt tröstlich war, sondern, weil es tröstlich war, dass in diesem so reglementierten, sogar die Form denunzierenden DDR-Literatur-Land - so ein ganz, ganz anderer Ton zu vernehmen war. Diese Geschichte um eine früh verstorbene Freundin, die alsbald - wie es gern mit Frauenliteratur geschieht - als unwesentlich, subjektiv usw. abgetan wurde, war mitten ins "Herz der Dinge", wie sie damals standen, geschrieben.
Ich verfolgte auch, wie die Welt der Ordnung und der festgelegten Erzählweisen und -sujets zurückschlug. Pessimismus, Subjektivismus, Wehleidigkeit usw. usw. - an diesem Faden sollten "unsere Künstler" nicht weiterstricken, befahlen die Offiziellen. Danach las ich Kindheitsmuster - und fremdelte in dem Buch herum, damals. "Kein Ort, nirgends", ach jaja, die Günderrode.
Die Voraussetzungen für "Kassandra"las ich lieber als den Kassandra-Text selbst. Dieser Bezug auf das, was damals hierzulande in der Debatte stand, dieser lange Weg über die Antike mitten in die spannungsgeladene Zeit der 80er Jahre - das ging mir nahe. Erst jetzt folge ich Corinna Harfouchs "Kassandra-Aufnahme" mit Erschauern.
In den Wendezeiten war Christa Wolf eine der Gestalten, an denen sich eine Delegitimierungs- und Diffamierungskampagne abarbeitete. Die Jagd war eröffnet. Ich fand damals, dass die Wolf viel deutscher war, als jene, die sie wieder in den DDR-Rahmen stecken wollten, wo sie nicht hingehörte.
Sie war mir manchmal zu leidensbereit, nahm alles "Leibhaftig" auf und ...machte daraus "Die Stadt der Engel", das ich immer wieder lese.
Da ist eine Stelle, wo die Heldin, um einen Kummer zu verwinden, eine ganze Nacht deutsche Volkslieder singt. Und sie zählt sie alle auf. Wer könnte das sonst noch so machen.
Und jetzt erst las ich - noch einmal - die Kindheitsmuster. Und erinnerte mich an Ilse Aichingers "Spiegelgeschichte". Das Ende geht an den Anfang.