Im Zeitungskummerkasten wurde vor einiger Zeit berichtet, dass einer junge Frau – Hartz IV-Empfängerin – der Umzug aus ihrer beengenden 33 Quadratmeterwohnung nicht finanziert werden sollte. Sie leide in dieser Wohnung unter Angst- und Panikattacken. Man habe ihr bei der Suche nach einer neuen preiswerten Wohnung geholfen und sich auch dafür eingesetzt, dass sie den Umzug nicht allein bezahlen muss. Gestern gab es auch auf RBB eine Fernsehsendung zu Angst und Depressionen. Das weckte in mir Erinnerungen
Der folgende Text ist also durchaus autobiographisch.
Das Ende einer Angstattacke
Schon lange Zeit bevor es ganz schlimm wurde, hätte ich bemerken müssen, das mit mir etwas nicht stimmt. Ich hab‘ nicht drauf geachtet und es verdrängt. Eines Tages zum Beispiel bin ich wie immer mit der U-Bahn zur Uni gefahren. Einmal hielt der Zug im Tunnel zwischen zwei Stationen. Da hatte ich zum ersten Mal ganz plötzlich das Gefühl einer ungeheuren inneren Panik. Jedoch, als der Wagen sich wieder in Bewegung setzte, hatte ich das wieder vergessen. Ich fand das eher belustigend. Vier Wochen später saß ich morgens allein beim Frühstück. Ich zündete mir eine Zigarette an- damals rauchte ich fast ununterbrochen- Da ging es wieder los. eine Beklemmung raubte mir den Atem, ich wurde von der Furcht, dass gleich etwas Schreckliches geschieht, fast ohnmächtig. Ich erhoffte es beinahe, denn dieser Zustand erschien mir keine Sekunde länger erträglich. Aber, es geschah mir nichts. Ich fand mich auf der Couch wieder. Als es mir dann etwas besser ging, redete ich mir selbst gut zu: „Du hattest gerade anstrengende Wochen hinter Dir, Prüfungsängste, Massen an Nikotin", da kann schon mal irgend etwas im Organismus verrückt spielen. Es wird schon wieder werden."
Aber, es wurde nicht wieder. Ich hatte von diesem Tag an den Eindruck, dass Stück für Stück von mir abbröckelt, dass ich mich einer ungeheuren Gefahr hilflos nähere, ohne sie abwenden zu können. Nachts hatte ich Anfälle von Angst und schrie laut um Hilfe. Mein Verlobter reagierte mit Hilflosigkeit und Ungeduld. Damals fand ich ihn unmenschlich, heute kann ich ihn schon verstehen. Ich verlor den Kontakt mit meinen Freunden. Ich beschrieb ihnen nur noch, wie schlecht es mir geht, nichts anderes erschien mir von Bedeutung. Sie wollten mich trösten, aber wussten nicht wie. Ich wiederholte mich in meinen Symptombeschreibungen, fing an, sie zu langweilen, fühlte mich unverstanden. Ermüdet von meinem Gejammer blieben sie weg. Ich ging zum Arzt, beschrieb dramatisch meine Beschwerden. Ich bekam Beruhigungsmittel, organisch ließ sich nichts feststellen. Die Ärzte bestärkten mich in meinen Ansichten: Überanstrengung, zuviel Zigaretten, es wird schon werden, man muss sich ein bisschen zusammennehmen.
Das wollte ich auch, denn vor mir lagen wichtige anstrengende Tage. Meine Arbeitsstelle wartete auf mich, ich war ja fertig mit dem Studium. Ich hatte eine Stelle im Dokumentationszentrum eines großen Verlages. Die Arbeit hatte ich mir interessant vorgestellt. Aber, nichts lockte mich mehr. Inzwischen war ich schon so mit mir beschäftigt, so abgekapselt, dass mir alles außerhalb meiner vier Wände feindlich erschien, gefährliches Terrain. Schon auf die Straße zu gehen, kostete mich soviel Kraft, dass ich schweißüberströmt vom Einkaufen zurück kehrte. Es blieben noch 14 Tage bis zum 1. September. Immer noch hoffte ich, bis dahin würde sich alles einrenken ,wenn ich meinen Zigarettenkonsum drosselte, viel schlief und Aufregung vermied. Mein Gott, ich benahm mich, als wäre ich kurz vor dem Rentenalter, und nicht wie jemand, der gerade anfängt zu leben.
Als ich dann meine Arbeit aufnahm, verschlimmerte sich die ganze Geschichte noch und neue Symptomatiken traten auf. Ich konnte nur unter großen Schwierigkeiten die Bahn benutzen, weil mir der Gedanke, dass man aus einem fahrenden Zug nicht flüchten kann, unerträglich war. Jede Fahrt - und ich musste sehr oft zu meiner Mutter, die in einer anderen Stadt lebte reisen, war mir ein Gräuel. Lebenskraft ging drauf für die Absolvierung simpler alltäglicher Verrichtungen. Schrecklicher nutzloser Aufwand.
Irgendwann ging ich zu einer guten Psychologin und schilderte meine Symptome. Man schlug mir eine stationäre Sechswochen-Gruppen-Therapie in Berlin-Hirschgarten vor, eine sehr gute Einrichtung.
Wir – Patienten und Patientinnen mit sehr unterschiedlichen Problemen – bearbeiteten unser Leben, diskutierten und klärten unsere wechselseitigen Verhältnisse. Es ging um Fragen nach falscher Emanzipationsvorstellung, die nur Kraft kostet und anderen den Nerv raubt, aber der Frau selbst nichts bringt. Es ging um die sexuelle Orientierung. Längere Zeit bearbeitete ich innerlich die Frage, ob ich am Ende nicht lesbisch bin, aber mein Herz schlug immer nur, wenn ich mit Männern zu tun bekam, ich konnte mich in Frauen nicht verlieben.
Das Verhältnis zu meiner Mutter wurde lang und breit durchforstet. Ich stellte fest, dass ich mich nie in Abhängigkeit von meiner Mutter, mich nie bedrängt gefühlt hatte, sondern geliebt und angenommen. Höchstens ging sie mir manchmal auf den Nerv, weil sie etwas ausladend erzählte.
Ich lernte viel über mich, ich fand überhaupt nicht, dass das alles umsonst war, aber die Ängste blieben. Nach sieben Jahren hoffte ich, es sei zutreffend, was in einem Buch über die Abschaffung der Psychotherapie gestanden hatte, die meisten Neurosen verschwänden nach den besagten sieben Jahren von allein. Kein Gedanke daran. Ich wechselte die Arbeitsstelle, ich wechselte meinen Beruf - die Probleme blieben. Sie machten mich abhängig von Medikamenten, heimlichen Strategien - immer in Türnähe sitzen, immer Fluchtwege sichern. Und natürlich trank ich eine ganze Menge. Abhängig war ich nicht, aber doch heftige Konsumentin. Wodka, Bier ....was es so gab. In meinem Beruf wird ohnehin eine ganze Menge getrunken.
Ich lebte so dahin - immer mal wieder halbwegs in Ordnung, wenn kein Termin anstand, den ich wahrzunehmen hätte. Ich musste oft lange Gespräche mit Leuten führen - meist in deren Arbeitszimmern. Ich war nach außen immer kontrolliert, immer gut drauf, aber innen hatte ich das Gefühl, dass ich das Ende dieser Gespräche nicht erleben würde.
Manchmal kam mir der Verdacht, ich würde „durch“ sein mit der ganzen Geschichte, wenn ich einfach mal einen Verzweiflungsanfall in der Öffentlichkeit durchspielte. Nur, ich wusste nicht, worüber ich verzweifelt sein sollte.
Die Jahre gingen, ich hatte Freunde, Geliebte, war beliebt bei den Kollegen. Manchmal war ich auch ein bisschen einsam, aber es war wie bei vielen anderen Frauen halt auch. Darunter aber brodelte es andauernd – vor der nächsten Dienstreise, dem nächsten Termin, der nächsten Fahrt mit dem Zug.
Dann lernte ich einen Mann kennen, der anders war als die anderen Männer. Ihm „gestand“ ich meine panisch-phobischen Zustände. Er - eine richtige Berliner Natur - stellte lakonisch fest - „so was gibt’s, das kenn ich. Ich sitze auch nicht gern in der Mitte von Kinoreihen“. Er bohrte nicht in mir rum, er suchte nicht nach wunden Punkten, sondern er akzeptierte ganz unpathetisch wie ich war und was mit mir los war. Und das half. Ich machte meinem damaligen Freund und heutigen Mann andauernd die wildesten Szenen, ich war ziemlich unausstehlich - es brachte wenig, er ließ er sich auf solche Sachen einfach nicht ein. Manchmal haute er auch wütend ab. Immer aber ließ er keinen Zweifel daran, dass er mich liebte, wie ich war, aber nicht mein Hampelmann sein wollte. So blieben nach und nach die Symptome aus.
Ich vergaß die Ängste - es kommt immer mal wieder - z.B. wenn ich ein Flugzeug besteige - ein blasser Angstgedanke.
Und mir kam in den Sinn, ob ich am Ende nicht im Nebel gestochert hatte mit meinem ständigen Suchen nach Gründen, die in meiner Kindheit und Jugend und allerlei anderen Sachen zu tun haben müssten.
Als ich meinen ersten Angstanfall hatte, den hier geschilderten, lebte ich in einem Verschlag von 9 Quadratkilometern und einem kleinen Flur in Berlin. Die Speisekammer war zu einer Notküche umgebaut. Dieser Raum war übrig geblieben, nachdem die gesamte Etage neu aufgeteilt worden war. Meine Küche ist heute so groß wie dieses Räumchen, das ich damals mit meinem damaligen Verlobten bewohnte. Wir schliefen „versetzt“ auf einer alten Klappcouch. Die Füße des anderen jeweils neben dem Kopf. Er war Schichtarbeiter und stand früh um fünf auf. Einmal kam er gegen 9 Uhr wieder, weil er eine Grippe hatte. Ich sprang schuldbewusst aus dem Bett.
Und unter solchen Bedingungen und einer beginnenden Entfremdung wunderte ich mich, dass ich Beklemmungen bekommen hatte? Das Ertragen dieser Enge gehörte zu dieser Engelsgeduld, die wir alle andauernd in der DDR hatten. Ich fand meine kleine Kammer sogar ganz lustig.
Vor kurzem musste ich mal eine Bekannte besuchen, die in so einer engen Bude lebte, weil sie irgendetwas provisorisches für kurze Zeit brauchte, um sich neu zu entscheiden. Und --es ich erinnerte mich wieder – einen neuen Anfall bekam ich nicht, aber das sichere Gefühl, dass ich nicht über lange Zeit in so engen Räumen hocken kann, es macht mich fertig. Ich hätte mich – wie diese junge Frau aus dem Kummerkasten – um eine größere Wohnung bemühen müssen.
Der Preis für diese einfache Wahrheit war viele Jahre Gegrübel. Aber es hat sich trotzdem gelohnt. Als die Wende kam und viele Leute Identitätskrisen kriegten, war ich schon ziemlich gelassen. Ich hatte mich und natürlich meinen Mann gefunden, dabei hatte ich nur den Grund für meine Ängste finden wollen. Man findet nicht immer, was man sucht. Steht ja auch in der Bibel, dass man nicht ängstlich irgendwas suchen soll, es verzieht sich dann....
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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