Empfehlung der Woche

Frieden – Wie geht das?

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Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

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Meine Frau weint

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Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

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Kultur : Die Liebeshandlung: S. 5- 50 – Ein bisschen „gendern“

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Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides.

Jefffrey Eugenides kannte ich nur durch die vielen lobenden Besprechungen, die „Middlesex“ damals erhielt. Und als ich die Inhaltsbeschreibung von „Die Liebeshandlung“ las, überlegte ich – gendermäßig sensibilisiert – ob es eigentlich eine Autorin gibt, die einen jungen Mann zum Helden hat. Männer beschreiben Frauen seit Jahrhunderten: Von Flauberts Madame Bovary bis zu Madeleine Hanna bei Eugenides. Natürlich werden von Romanautorinnen auch Männer beschrieben, aber als Haupthelden gibt es keinen. Aber ich lasse mich gern eines besseren belehren.

Madeleine Hanna - die Heldin - liebt Bücher, bestimmte Bücher – sie liest all die alten englischen Erzählerinnen und Erzähler - von Charles Dickens bis Jane Austen. Das erinnerte mich stark an meine eigenen Lesegewohnheiten und -vorlieben. Aber ich frage mich dann wieder, ob die Diagnose des Autors - konstruiert aus den bei Madeleine beschriebenen Lesegewohnheiten - wirklich heißen darf: Unheilbar romantisch?, wie es schon auf S. 5 geschieht. Weder Charles Dickens, der eher als realistisch und sozialkritisch gesehen wird, noch die Bronte-Schwestern sind unter „romantisch“ einzuordnen. Auch Jane Austens wunderbare Romane gehen weit über das „romantische“ hinaus.

Fällt Eugenides hier nicht eher ein Urteil darüber, wie eine Frau Bücher liest und weniger etwas über die Autoren, die sie liest? Unheilbar romantisch – da würde ich der Heldin eine andere Lektüre zuordnen. „Romantisch“ ist sie – aus der Sicht des Erzählers - vielleicht deshalb, weil sie diesen konventionellen Romanen so gern folgt, sie – an anderer Stelle kommt das vor – beinahe „retten“ will – wovor auch immer.

Madeleine liest

auch "Colette"

Überhaupt scheint die Tochter eine mittelständischen WASP-Familie –konventionell und brav, aber auch recht originell. Dass sie auch Colette liest, eine Schriftstellerin, die oft als trivial unterschätzt wurde und wird, las ich mit Interesse, denn auch ich entdecke gerade einen ihrer Romane „Cheri“ – als Hörbuch - in dem die unglaublich erotische Stimme von Hannelore Elsner die Liebe zwischen einer alternden Kokotte und einem jungen Beau, am Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt.

82 Jahre später also, an einem College im kleinsten Bundesstaat Rhode Island spielt die Geschichte von Madeleine, die mit einem Mordskater aufwacht, von dem man auch noch nicht weiß, wieso und warum. Jedenfalls erscheinen die durchaus patenten, aber auch nervenden Eltern zur Graduierungsfeier und wollen vorher mit ihrem Kind frühstücken. Mir gefällt der ganze Umgang mit den Eltern gut, dieses halb gestresste, halb aber auch liebevolle Verhältnis zwischen diesen drei Leuten, der Humor der Hannas auch.

Schleifenartige

Erzählweise

Es wird bei dieser Erzählweise immer erst mal ein Zustand beschrieben und dann wird – wie in einer rückwärts geführten „Schleife“ - erzählt, wie es dazu kam. Oh Gott, wie nennt man denn eine solche Erzählweise? Ich weiß es nicht. Wenn man dahinter gekommen ist, macht es auch Spaß, das so zu lesen. Überhaupt stürme ich in dem Buch andauernd zu sehr voran- bin schon ziemlich weit – und muss jetzt lernen auch den Stil zu würdigen. Und – lese manchmal wieder rückwärts und gewinne da Einsichten.

S. 22 erfahren wir:„Madeleines Liebewirren hatten zu einer Zeit begonnen, als sie Bücher von französischen Theoretikern las, die den Begriff der Liebe dekonstruierten.“

Das liest sich ein bisschen wie Warnung, solche Bücher zu lesen.

Leonard taucht auf

Jedenfalls geht sie ins Semiotik 211-Seminar zu Zipperstein, der sie mit all den großen Geistern der Semiotik bekannt macht. Und mich damit auch. Denn – wie schon anderswo angemerkt – all diese Denker kenne ich nur, weil sie in journalistischen Beiträgen angeführt werden, selten zitiert. So als sei ihre Verwendung ein Beweis dafür, dass man in der dekonstruierten Welt der „Postmoderne“ angekommen ist. Da ist in leicht fasslicher Form einiges aufzunehmen. Wenngleich mit Vorsicht. Bei Zipperstein also lauscht Madeleine den Ausführungen eines Studenten namens Thurston und auch eines gewissen Leonard, der dann später ihre Liebe wird.

Ihre Jahresarbeit hat Madeleine noch mit den ganz konventionellen Thema „the marriage plot“ bestritten. Und diese Arbeit war wohl auch gut und erfolgreich.

Auf Seite 28 aber meint Eugenides über seine Heldin: "Aber nach drei Jahren eines soliden Literaturstudiums hatte sie noch immer keine handfeste kritische Methodologie parat, die sie auf das hätte anwenden können, was sie las. Stattdessen redete sie verschwommen, unsystematisch über Bücher. Es war ihr peinlich zu hören, was die anderen im Seminarraum sagten. Und was sie selbst sagte. Ich finde dass...Es ist interessant wie Proust. Ich mag den Stil, den Faulkner."

Auf zu neuen

„Zeichenlehrern“

Also auf zu neuen Ufern – zu neuen Instrumenten der Interpretation - soll das wohl heißen. Und sich wieder unter denen befinden, die auf der Höhe der Zeit sind. Bei den semiotischen „Zeichenlehrern“. Nachdem Leonard im Buch erst einmal eingeführt ist, wird erst mal wieder eine Runde zurück gedreht zu Madeleines College-Lieben. Das ist lustiger Lesestoff.

Dann kommt eine Stelle (S. 50-51), die ich vor dem Hintergrund der Geschlechterstereotypen absolut „typisch“ finde:

Im Seminar kritisiert Thurston ein Buch von Jonathan Culler

Er hält es für zu stark vereinfachend, etwas was bei Wikipedia angeführt wird.

Dann kommt die Heldin zu Wort:«Ich weiß nicht», sagte Madeleine, wobei sie Leonard einen hilfesuchenden Blick zuwarf. «Vielleicht bin ich ja die Einzige, aber war es nicht eine Erleichterung, endlich mal eine logische Argumentation zu lesen? Culler kochtalles, was Eco und Derrida sagen, auf eine verdauliche Form herunter.»

Thurston drehte langsam den Kopf und starrte sie über den Tisch hinweg an. «Ichbehaupte ja nicht, dass er schlecht ist», sagte er. «Er ist schon in Ordnung.Nur siedelt Culler sich auf einer anderen Ebene an als Derrida. Jedes Genie braucht einen Erklärer. Das ist Culler für Derrida.»

Madeleine nahm es gelassen. «Ich habe bei Culler sehr viel mehr von Dekonstruktion begriffen als bei Derrida.»

Thurston gab sich Mühe, ihren Standpunkt angemessen zu würdigen. «Es liegt inder Natur der Sache, dass eine Vereinfachung einfacher ist», sagte er. «“

Das ist so ein Gefälle, da wird so deutlich, wer die Originale liebt und wer das Sekundäre nur versteht, dass es fast schon klassisch ist. Die Frauen mögen das Abgeleitete, weil es für sie einfacher ist, weil sie einen Erklärer brauchen. Andererseits schildert Eugenides auch Madeleines Zorn nach dieser Geschichte.

Mir fällt an der Stelle noch ein, dass Madeleine später im Buch diesem Thurston einen bläst, aus Liebeskummer wegen Leonard, aber es hat schon was von einer recht konventionellen Sicht auf Frauen, dass ich mich frage: Wer ist altmodisch. Jeffrey Eugnides in seinen Typisierungen oder ich mit meinem Gender-Blick? Oder haben wir beide einen solchen?

Das Thema „Feministinnen“ kommt später im Buch vor und das ist sehr erhellend.

Immerhin spielt das Buch mitten in einer Zeit, wo sich feministische Denkerinnen offensiv artikulierten.

Völlig vernachlässigt habe ich bisher Mitchell, der andere der beiden jungen Männer, zu denen Madeleine eine Beziehung hat.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.