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Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides
Während Madeleine auf Leonard wartet, der plötzlich gar nicht mehr zu Semiotik 211 kommt, ist sie im Konflikt mit diesem Wissensgebiet. Sie muss sich mit Jacques Derridas Thesen auseinandersetzen und sorgt sich, dass die schönen Gewissheiten und literarischen Gewohnheiten ins Wanken geraten .Derridas Aussage „Die Sprache unterminierte von Natur aus jede Bedeutung, die sie hervorzubringen suchte“, weckt in ihr nur Ablehnung. Sie liebt die Sicherheit der alten Erzählungen. Mich erinnerte das an Richard Sennets Postulat vom Ende der durchgängigen großen Lebenserzählungen. In Richard Sennett „Der flexible Mensch“ wird dies angesprochen.
Sie flüchtet in die Welt realer Bücher mit den alten, gemütlichen plots. „Was für ein exquisites Schuldgefühl, bei der Sünde, sich an Geschichten zu erfreuen. Mit einem Roman aus dem Neunzehnten Jahrhundert fühlte Madeleine sich in Sicherheit.“ S. S. 55-56 Das ist – auf der einen Seite - rührend, auf der anderen Seite aber auch wieder ein bisschen ärgerlich. „Außerdem gab es bei Edith Wharton und Austen jede Menge Hochzeiten . Und es gab unwiderstehliche düstere Männer jeder Art.“
Aha und was anderes versteht Madeleine nicht. Da könnte man wirklich aufseufzen: Is ja gut, is ja gut, Frauen sind das reine Gefühl – auch beim Lesen. Sie sind außerdem konventionell und brechen nicht zu dekonstruktivistischen Denkabenteuern auf. Danke, danke.
Und dann kommt wieder eine spannende Stelle: Madeleine entdeckt Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ ., nachdem die ganze Semiotik-Chose ihr als etwas erscheint, dass man abhaken kann.
Das ist wieder ein typisch weiblich umkränztes Erlebnis. Sie sitzt da, hat das Buch im Schoß (sic!)und lutscht an einem Löffel mit Erdnussbutter, die „cremig auf ihrer Zunge zerschmolz“, na das ist doch ...typisch.
Es gibt durchaus eine sinnliche Freude an Erkenntnis – wenn man die alte Erzählung vom Paradies und dem entsprechenden Apfelbaum im Sinne hat - es gibt eine Erotik des Forschens und Suchens – behaupte ich, aber so pralinesk-süß stelle ich die mir nicht vor.
Es endet hier ja auch eher bitter-süß, denn sie entdeckt die Liebe als „extreme Einsamkeit“, über die andere Mitleserinnen auch schon geschrieben haben.
Dass man mit seiner Liebe „allein“ ist und noch einsamer, wenn diese „Liebe“ sich nicht blicken lässt. z. B. um mit ihr ins Kino zu gehen und Fellinis „Amarcord“ anzusehen, das ist rührend erkannt. Das sind Passagen bei Eugenides, die jede mit ihren eigenen Erfahrungen anfüllen kann. Wie das so ist, wenn einer nicht anruft, um endlich genau zu sagen, ob er oder ob nicht.
Mir fällt – in mit meiner trivialen Seite – gleich ein alter ABBA-Titel ein.
Ring, ring, why dont’t you giv me a call
Ring ring, stare at the phone on the wall
Oder
ein uralt Titel von Vicky Carr oder Shirley Bassey
Thats when the phone rings and I jump
And as I grab the phone I pray
Let it please be him
Oh, dear Got, it must be him
it must be him or I shall die
Schon erstaunlich, wie viele solche Lieder es über das Warten gibt. Und ich frage, gibt’s eigentlich solche Lieder auch von Männern? Ich kann’s halt nicht lassen.
Das einzige das ich kenne, ist aus Kriegszeiten und stammt von Konstantin Simonow – mit sehr ernstem Hintergrund: „Wart’ auf mich, ich komm zurück“.
Für dieses „existenzielle“ Warten sind die Frauen zuständig, das gilt für den Alltag genau so wie für die großen historischen Beben und Stürme. Vielleicht „rächen“ sich die Frauen dafür durch dieses kurzfristige „Warten lassen“ bei einem schon gesicherten Rendezvous. Das könnte doch sein?
Madeleine erfährt von Barthes „wie Liebe sich anfühlte und was, vielleicht, daran nicht stimmte“. S. 61 Das aber lässt er seine Heldin nicht weiterverfolgen.
Warum nicht, frage ich ketzerisch? Aber, ach, wie heißt es so schön bei Ludwig Feuerbach: „Was ist die Liebe? Die Einheit von Denken und Sein. Sein ist das Weib, Denken der Mann.“
Oder – noch ein bisschen „fieser“- Otto Weininger in Geschlecht und Charakter: „Hat ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderen, es denkt nicht nach. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen geben...Der Mann fühlt sich zur Logik verpflichtet, die Frau nicht.“
Das ist starker alter Tobak, wie ihn Leonard vielleicht in seiner Kautabakdose hat (schreckliche Angewohnheiten hat er) Aber bisher finde ich meine merkwürdigen Erinnerungen an solche uralten Männersprüche gar nicht so daneben, wenn ich Eugenides lese.
Und dann klingelt das Telefon und – es ist der Papa. Und dann kommt so eine Kino-Humor-Nummer. Sie erwartet den Papa am Telefon, schnauzt ihn an und es ist Leonard. Witzisch, witzisch.
Nunmehr fängt sie an – die Liebe zu dem Tobacco-Leonard. Da sind sie – die Sorgen der Liebenden. Gefalle ich ihm, bin ich nicht abstoßend, rieche ich gut and so on...Warum kann ich in seiner Gegenwart nicht richtig aufs Klos. Warum darf ich dies oder das nicht.
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Spätestens hier machen wir eine Pause für
ein eigenes epochemachende Werk über die Liebe
Aus der Serie: Alte Texte neu eingefasst
Lesen Sie das und Sie werden sehen: Es ist eigentlich alles
„drin“, nur viel kürzer abgehandelt
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Dann kommt das abgelegte Geständnis mit dem vorläufigen Ende. Und dem Buchwurf. S. 74
Von Seite 75 an kommt einem wieder dieser Mitchell in die Quere und die Geschichte von dessen Beziehung zu Madeleine, die auf einer Togaparty beginnt. Das zieht sich alles, er verpasst Gelegenheiten und konstatiert auf S. 87 im Gesicht Madeleines „die Dummheit der Reichen und Schönen.“ Das ist wohl das Ding mit dem sauren Zitronen. Schon vorher hat er Madeleine - gleich in den ersten Seiten des Buches entgegengeschleudert, ob sie sich je gefragt hätte, ob sie ihn geistig angezogen hätte. Also von den Jungs ist Madeleine für keinen anziehend. Das ist keine Überraschung.
Madeleine pflegt – begleitet von der Barthes-Lektüre - ihren Liebeskummer.Ganz interessant fand nebenbei ich ihre Bemühungen um einen Praktikantenjob. Und diese Begegnung mit Thurston, der ihr im Seminar so deutlich gezeigt hatte, was er von ihren geistigen Fähigkeiten hält.
Und dann geht’s wieder zum Anfang der Geschichte.Wir erfahren - wieder am Ausgang wie beim "Mensch ärgere Dich nicht" dass Leonard einen depressiven Schub hat und Madeleine sich mit ihm wieder versöhnt und pflegt und auf einmal nur noch fürsorglich ist. Ein Chamäleon diese Madeleine. Ein weibliches Versatzstück. Und von keinerlei geistigen Anziehungskraft .
Und dann - bloß weg, bloß weg - geht’s mit großem Sprung weiter zu
„Pilger“ S. 140 und mit Mitchell und Larry nach >>>>>>>>>Paris.
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wow, die Liebe ist ja doch sehr viel komplizierter als ich es mir vorgestellt habe. Die Liebe als Erfahrung extremer Einsamkeit bei den Frauen. Wenn man hört, möchte man ja fast von der Liebe weglaufen, aber das geht wohl auch nicht, wenn sie irgendwo dreinschlägt.
Wie gut, dass ich das Buch über Die Liebe nicht lesne muss. "Für mich wäre das reiner Masochismus und weder mein Körper noch meine Psyche brauchen die Peitsche", sagte ich vor Amors Pfeil und bettelte "Treff mich Bitte treff mich! Oh, treff mich doch!" |
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Bin bald fertig damit :-) Soll ichs Dir schicken ? :-D
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Zu deiner Frage nach den Songs wartender Männer fiel mir gleich dieses ein: www.tape.tv/musikvideos/Richard-Marx/Right-Here-Waiting
Ansonsten... du ärgest dich ganz schön, oder? Liebe Grüße Sarah |
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@ poor - Barthes Fragment einer Sprache der Liebe ist bestimmt ein sehr inspirierendes Buch. Wirklich. Darum gehts eher nicht.
@ Sarah Rudolph - Eigentlich ärgere ich mich nicht. Ich finde meinen Text auch gar nicht zornig. Macht dieser "Genderblick" den Eindruck, man sei ständig im Zorn? Dann wären das alle Wissenschaftlerinnen, die sich damit beschäftigen, auch. Ich hab eher Spaß beim Schreiben. Wenn man sich viele Jahre mit diesen Fragen beschäftigt, dann kann man sicherlich auch manchmal - wie oranier warnt - einen Tunnelblick kriegen. Bei mir legt sich - das stimmt - schnell ein Raster über bestimmte Phänomene und das ist dann manchmal das Ergebnis. Nee, aber Ärger weniger. Und - davon abgesehen: Das Buch liest sich gut. Es ist handwerklich elegant und gut geschrieben. Sagt auch vieles über die amerikanische Mittelstandswelt in einer bestimmten Zeit. Aber ich konzentriere mich eben auf diese Sicht. |
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Achso, und ich lästere gerne, das müsstest Du doch von mir wissen? :-))
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Ach, vielleicht hab ich auch einfach überinterpretiert, warum auch immer. Den Eindruck, dass du dich ärgerst hab ich auf jeden fall nicht auf den "Genderblick" geschoben, nein.
Alles gut. Irgendwie hat sich mir nur der Eindruck eingeschlichen, dass du dich über Eugenides ärgerst. Ist nicht so, also: alles gut! (und lästern muss halt manchmal sein!) |
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'Amarcord' - is ja lustich, hatte ich neulich auch gerade beim Wickel...
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@Magda
gerade im Schlagerbereich gibts so einige Männer, die warten ;-) Roger Whittaker - Lass mich bei Dir sein Peter Maffay - Ich will dich G. G. Anderson - Wann kommst du Ob die Lieder dann auch gut sind, ist natürlich ne andere Frage. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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