Magda

Mal sehen

21.10.2011 | 20:19

Ein-Vater-Demo in der S-Bahn


Ich saß nach einem Zahnarztbesuch erleichtert und gedankenverloren auf meinem Platz 
 in der S-Bahn von Charlottenburg nach Friedrichstraße, als sich ein junger Mann mit zwei Plakaten und viel Energie mir gegenüber auf den Sitz plumpsen ließ. „Mehr Rechte für Väter“ las ich auf dem kleinen, das andere hielt er mit der Schrift nach unten. Da stand so etwas wie „Gegen Väterdiskriminierung“. 
 

Mein aufgescheuchter Blick veranlasste ihn zu der beruhigenden Bemerkung: „Keine Sorge, ich tue Ihnen nichts“, worüber ich meine Befriedigung mit einem „aha“ bekundete. Das nun wieder nahm er als Aufforderung und Ermutigung, mir Sinn und Ziel seiner Fahrt zu erläutern. Ob ich wohl wüsste, das hierzulande Millionen Väter litten, er sei so einer, die beiden kleinen süßen Mädchen auf dem Plakat – er hatte zwei Passfotos angebracht – seien seine Kinder, die er aber leider selten sehen dürfte. Was Umgangs- und gemeinsames Erziehungsrecht beträfen, seien Frauen ja ständig bevorzugt.  

Virtueller Jammer

 

Konkrete Begegnung

Der ganze in zahlreichen Internetportalen lautstark dokumentierte Jammer, war hier in einer Person gewissermaßen konkret geworden. Und das ist dann immer eine andere Kiste als die virtuellen und anonymen Leidensleierkastenlieder, die beim „Väternotruf“ zu lesen sind.

 

„Ist heute eine Demo für mehr Väterrechte?“ fragte ich ihn. „Nein“ , erklärte er , er ginge jetzt allein zum Bundestag und demonstriere da mit seinem Schild. Er habe Umgangsrecht mit seinen Kindern, erst zweimal in der Woche, jetzt nur noch einmal. Es sei doch unmenschlich, wie die Väter entsorgt würden. Ich meinte, dass ich seine Situation ja gar nicht erfassen könnte, weil ich seinen Hintergrund nicht kenne. So ging das hin und ging her. Ich meinte auch, es sei doch gerade ein Gesetz ergangen, dass die gemeinsame Sorge zur Regel mache. Und auch beim EuGH sei doch eine väterfreundliche Entscheidung ergangen. Aber das alles war nicht das Problem. Er wollte mehr als das Umgangsrecht, sondern gemeinsames Erziehungsrecht. Ich beharrte auf meiner Unkenntnis über die Details seines Problems. ich fände ja auch, dass viele Dinge, die zwei Menschen vielleicht mit Vernunft untereinander lösen könnten, „verrechtlicht“ seien. Ja, so sei das, in Deutschland sei man mit Sachen, die man nicht per Gesetz eindeutig lösen könne, ganz hilflos. So redete er und redete.

 Lybien und Syrien

und was ist mit mir

Im Bundestag da gehe es heute um Libyen und Syrien und um Geld, aber um die Probleme der Menschen hierzulande kümmere sich niemand.

Die anderen Leute im Abteil lauschten aufmerksam, ein Herr auf der anderen Seite bekundete sein Mitgefühl, er habe „das alles“ schon hinter sich. Das war meine „Rettung“, denn jetzt wandte er sich diesem zu und bald schon waren wir am Bahnhof Friedrichsstraße angekommen, wo ich und auch er aussteigen mussten. Er wollte ja zum Reichstag, sich dort aufstellen.

Ich fand interessant, welche statistischen Dimensionen das Väterelend aus der Sicht des Vertreters in der S-Bahn hatte. Sind das wirklich „Millionen?“. Gibt es nicht auch Millionen einvernehmliche Regelungen?

Wie viele Frauen rennen dem Unterhalt für ihre Kinder hinterher, wie viele Alleinerziehende haben keine Stütze an ihrem Partner oder dem Kindesvater? Was wäre, wenn die sich zu einem Protest formierten?

Der junge Mann beklagte Rechtslagen, wollte Verständnis, aber pochte dabei auch auf das Recht.

Aber, aber, aber...er war als Person so nett.

Ich fragte, ob ich ein Foto von ihm machen dürfte und erklärte, dass ich hin und wieder blogge. Das gestattete er und – weil konkretes Leben eben immer anders ist als virtuelles Streiten - soll er hier dokumentiert sein.

 

 
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Kommentare
Yola schrieb am 21.10.2011 um 21:04
@Magda, ich kann nicht ganz erkennen, worin sich diese 'konkrete Begegnung' vom allgemeinen virtuellen Jammer unterscheidet.
Magda schrieb am 21.10.2011 um 21:33
Durch das Konkrete halt.
kay.kloetzer schrieb am 22.10.2011 um 00:26
"Gibt es nicht auch Millionen einvernehmliche Regelungen?" - genau, und die stellen sich ja nicht vor den bundestag. da muss ich an mathieu carrière denken, einer der "prominentesten Kritiker des deutschen Scheidungs- und Sorgerechts" (wikipedia). es wird wohl, so oder so, was dran sein. und die wirklich konkrete geschichte wäre da interessant. ich will nicht in die stammtischkante beißen, aber das würde gewiss relativieren.
wie wäre es denn mit dem"kaukasischen kreidekreis"? klärt sicher auch ne menge.
goedzak schrieb am 22.10.2011 um 00:29
Auch an Euch Gruesse aus Warschau! Bis spaeter! :))
Magda schrieb am 22.10.2011 um 11:57
@ kay kloetzer - Mathieu Carriere fand ich maßlos theatralisch mit seiner Gekreuzigten-Performance.
Hier war es ein Mensch, der mir auch recht "getrieben" vorkam, aber ich stellte einfach fest, dass ich im persönlichen Gespräch - das ja auch recht umfangreich war - nicht so prinzipiell loslegen wollte. Überhaupt mache ich - aus anderen Gründen - im Moment nicht gern den Mund so weit auf. :-))
An den Kaukasischen Kreidekreis denke ich immer, wenn ich dieses pauschale Gejammer vernehme.

@ goedzak - Ach Warschau. Grüße es und Gruß zurück.
archinaut schrieb am 23.10.2011 um 02:59
Auf dem Foto sieht es so aus, dass er nicht nur eine Ein-Mann-Demo ist, sondern auch eine Ein-Mann-Schwarzer Block ......

Vielen Dank für Deine Neugier!

Herzlichst
archie
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