(Den „Buranovskiye Babushki“ gewidmet)
Heute heißt es gar nicht mehr so – das Hotel „Evropejski“ und die Stadt, in der es sich befindet, heißt auch wieder anders. Heute trägt das Hotel den stolzen Namen Grand Hotel Europe und befindet sich in St, Petersburg, um die Ecke vom Newski Prospekt.
Vor vielen Jahren bin ich mal dort gewesen – es war nicht mal eine Dienst- sondern eine „Freundschaftsreise“, wie sie den Mitarbeitern unseres über die ganze DDR verteilten Unternehmens zuteil wurde. Wir fuhren mit einem Zug von Berlin nach Leningrad und erlebten an der Grenze mal wieder, was die Sowjetgrenzer unter revolutionärer Wachsamkeit verstanden. Wir standen in Socken auf dem Gang des Waggons ,während die wackeren Uniformierten unser Abteil nach klassenfeindlichen Gegenständen durchsuchten. Na, so war das eben.
Geschichte wehte
durch die Räume
In Leningrad jedenfalls war unser Quartier dieses „Evropejski“. Es war auch damals imposant, aber – wie alles in der Gegend dort – leicht schäbig und das Parkett wirkte so als bekäme niemand mehr jemals irgendwelchen Glanz darauf. In den Korridoren waltete die wachsame Deshurnaja, die Diensthabende. Die Geschichte wehte durch die Räume, aber sie wirkte damals besiegt, die Zukunft lag – noch immer – im Kommunismus, der sich aber nicht einstellen wollte, sondern wie das Parkett der Reparatur bedurfte.
Es war so 1982. Der Speisesaal war riesig und das Essen vielfältig und reichhaltigst. Die Tische bogen sich unter der Last von Fisch und Fleisch und Pastetchen und jenem wunderbaren Sahnedressing das „Smetana“ heißt und dass es überall in der Sowjetunion gab und im heutigen Russland sicher noch gibt. Wir wussten aber – nach einem Gang über den Newski-Prospekt – dass es das meiste sonst nirgendwo gab. Nur da, wo sich vor dem Eingang reihenweise die Busse aus Finnland drängten oder die von Intourist, die auch uns transportierten, ihre Gäste entließen, war man an reichliche Speisen angeschlossen.
Die Zimmer im Evropejski sind und waren riesengroß. Ohnehin bekam man keines allein, sondern wohnte zu zweit. Ich bekam mit einer jungen Frau aus Thüringen zusammen ein Zimmer. Die war sehr freundlich, gesprächig aber nicht schwatzhaft und arbeitete in einer der Druckereien.
Shopping am alten
Newski-Prospekt
Wir waren nach dem Bezug der Zimmer „entlassen“ in einen freien Stadtbummel. Davon machten wir gern Gebrauch und besahen uns den Newski-Prospekt mit seinen Passanten, von denen man immer gleich erkannte, wer aus der Stadt oder dem Land stammte und wer ein Tourist war. Wir gingen in ein Kaufhaus, das uns aber zu keinem Kauf reizte und blickten in der Plattenabteilung auf die Melodija-Editionen.
„Na“ meine die Mittouristin „Elvis is nicht dabei“ und sie entdeckte mir, dass sie und ihr Mann – seit sie beisammen sind - Elvisfans seien. Vielleicht gäbe es ja eine Lizenzausgabe oder so was. Gabs nicht, aber dafür reichlich russische Volkslieder. „Die Stimme, die Seele, den Blues“ Mit der Bekanntgabe der Elvis-Leidenschaft war das Thema des Tages bis in die Nacht vorgegeben. Mir wars Recht. Die Kollegin erzählte interessant. Einiges wusste ich auch über den „King“, aber weit weniger als sie und so hörte ich zu, als sie auf dem Newski-Prospekt anfing von der großen Sammlung zu erzählen die sie beide schon zusammengebracht hatten, von den vielen Leuten, die sie durch diese Obsession kennt und zwar in West und Ost. Sie habe Verwandtschaft, die diese Leidenschaft mit Geschenken aller Art am Lodern hielten. Die kämen immer mal in die DDR. Böse und anklagende Worte fand sie für Colonel Parker, den Elvis-Manager, der eigentlich nur ein Elvis-Ausbeuter gewesen sei und – wie seine geschiedene Frau – nichts als Geschäfte im Sinne gehabt hätte. Ich fragte sie, was sie denn so besonders an ihm liebt: Die Stimme, Die Seele, den Blues. Sie war gar nicht so musikgebildet, aber ihre Begeisterung war echt.
Hatte Elvis eine
slawische Seele?
Am nächsten Tag war kulturelle Veranstaltung für uns Touristen angesagt. Es war ein staatlicher russischer Volkschor mit dem üblichen Gesang und Tanz. Ich mag Elvis, ich mag aber auch diese Musik, diese russische melancholische Seite, das slawische eben in mir. Elvis mit russischem Volkchor? Die junge Kollegin war auch ganz bewegt von dieser Bekanntschaft mit einer so elvisfremden aber gefühlvollen Musik. Mich überzeugte ihre Bewegung von der Echtheit auch ihrer Leidenschaft für Elvis. Es ging ihr nicht um ihn als Berühmtheit, nein, sie mochte ihn wirklich ,hatte eine Beziehung zu seiner Musik. Erkannte seine Seele.
Als wir anschließend im Hotel waren, stellte ich mir vor, wie Elvis - in seiner Fantasieuniform – vor dem Chor stehen würde und vielleicht „Steppe ringsumher“ anstimmte Immerhin hatte er ja schon das deutsche „Muss i denn“ in eine Musik verwandelt ,die zwischen den Kontinenten lag. Er meisterte auch schwierige Sachen wie ein gestandener Tenor. Wenn ich da so an „It’s now or never“ dachte. Doch, denke ich heute, wenn Elvis noch lebte hätte er vielleicht auch wie viele Stars das neue St. Petersburg besucht im ehemaligen „Reich des Bösen“. Nur, ich würde da nicht mehr reinkommen. Früher war ich dort und Elvis wäre nie, heute wäre Elvis ein gern gesehener Gast , aber ich nicht. Aber vielleicht hätte auch eine andere Sängerin recht, die meint:Theres a guys works down the chip shop swears he's Elvis
Vielleicht steht er längst an der Newa und verkauft Fische an die neureichen Russen und keiner erkennt ihn.
Vielleicht aber sänge er gern mit den Buranovskiye Babushki