Magda

Mal sehen

13.01.2010 | 09:47

Haiti – eine Hölle im Paradies

Haiti, Staat auf der Karibikinsel Hispanola, eines der ärmsten Länder der Welt, wurde Schauplatz eines verheerenden Erdbeben. Die ersten Meldungen sind noch sehr spärlich. Das Land hat ohnehin eine sehr unzuverlässige Stromversorgung – einige „Blogger“, die mit Notstromaggregaten und per Satellit verbunden sind -  so eine Radiomeldung - berichten aber über gewaltige Schäden. Haitis Geschichte kann man hier

de.wikipedia.org/wiki/Haiti

nachlesen. Es war der britische Schriftsteller Graham Greene, de.wikipedia.org/wiki/Graham_Greene

der das durch korrupte Herrscher und die brutale Diktatorenfamilie Duvalier - "Papa Doc" und "Baby Doc" - ausgeplünderte Land zum Schauplatz eines seiner Romane machte. In „Die Stunde der Komödianten“ vermittelt er einen beklemmenden Eindruck von diesem menschenverachtenden Regime und der alltäglichen Furcht, die sie verbreiteten. Duvalier verfolgte Greene mit seinem Hass und mit Verleumdungen wegen dessen entlarvenden Romans.

Der Begriff "Tonton Macoute", für jene schwarzbebrillten Geheimpolizisten, denen die meisten Inhaftierten nie wieder entkommen oder deren Leichen man irgendwo im Busch oder am Straßenrand findet, er stammt von ihm.

Als im Jahre 1987 das Militär putschte und 1990 reguläre Wahlen abgehalten wurden, ruhte alle Hoffnung auf dem katholischen Priester Bertrand Aristide, der der Theologie der Befreiung nahestand, aber 1991 schon wieder vom Militär aus dem Amt geputscht wurde. Mit Hilfe der USA konnte er 1994 zurückkehren aber diese US-Hilfe war eine schwere Hypothek und insgeheim unterminierte man auch die Macht Aristides, der nach vielen Auseinandersetzungen im Jahr 2004 das Land verließ. Er selbst sagt, er sei vertrieben worden.

Aristide ist ein beklemmendes Beispiel dafür, dass sich festgefügte Strukturen der Macht wie ein Krake auch um jene legen, die mit der Hoffnung im Herzen angetreten sind, Gerechtigkeit zu schaffen.

Haiti gehört zu jenen Staaten, die eigentlich keine mehr sind, Machtkämpfe, provisorische Regierungen und eine Bevölkerung, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen muss – das ist der Ort, über den nun erneut die Katastrophe hereinbrach. Nach drei Wirbelstürmen – Gustav, Hanna, Ike – die in den letzten Jahren über die Insel gingen - jetzt ein Erdbeben, schlimmer kann es für die geprüften Menschen nicht mehr kommen.

Betroffen ist auch der Nachbarstaat – die Dominikanische Republik. Dies ebenfalls bitterarme Land, Reiseziel von Pauschaltouristen auch aus Deutschland,  in dem viele Haitianer illegal beschäftigt sind, wird mit erneuten Flüchtlingsströmen konfrontiert werden.

 
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Kommentare
born2bmild schrieb am 13.01.2010 um 10:21
Für die Weltmacht und ihre Verbündeten scheinen gescheiterte Staaten wie Haiti, Afghanistan, Albanien, Irak, Jemen, Somalia, usf. die genehmere Option zu sein als z. B. Kuba. Und so steht zu befürchten, dass die seit 50 Jahren andauernden Sanktionen, Diskriminierungen des Landes nicht die Demokratisierung nach westlichem Vorbild, inklusive Menschenrechte, zum Ziel haben, sondern ein weiteres Armenhaus á la Haiti, einen weiteren Höllenraum im Paradies des real existierenden Kapitalismus.
Magda schrieb am 13.01.2010 um 10:28
"sondern ein weiteres Armenhaus á la Haiti, einen weiteren Höllenraum im Paradies des real existierenden Kapitalismus"

Und die Kubaner haben die Desillusionierung noch vor sich.
Danke für den Kommentar
merdeister schrieb am 13.01.2010 um 11:07
Hallo Magda,

kennst Du Globalia (www.amazon.de/Globalia-Jean-Christophe-Rufin/dp/3462034715)? Wenn nicht könnte Dich der Roman interessieren (wie viele andere hier vielleicht auch).

Danke für den Beitrag.

Der Claqueur vom Dienst ;-)
Magda schrieb am 13.01.2010 um 11:50
Hallo merdester -
Nein kenne ich nicht. Ich link mal hin.

Ach was Claqueur. Du weißt eben Qualität zu schätzen :-))

Ich bedanke mich für den freundlichen Kommentar

Gruß
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 19:44
Ja, danke für den Beitrag. - Müssen erst Naturkatastrophen der, um die politischen (neu) in den Blick zu bringen.
So.
poor on ruhr schrieb am 13.01.2010 um 18:20
Liebe Magda,

interessanter Blog. Ich habe nicht so viele Kenntnisse von Haiti , aber stimme auch nach meinem Wissenstand zu. Das Zitat in Kursivschrift ist sehr zuteffend und doch berührend zugleich.

Herzliche Grüße

por
Magda schrieb am 13.01.2010 um 19:00
Danke lieber por,
was war denn nun mit der Untersuchung?

Gruß Magda
poor on ruhr schrieb am 14.01.2010 um 18:42
Liebe Magda,

so typisch Krnakenhaus . Einauf und Ab der Gefühle, dann wird da was gefunden , was auf etwas Schlimmeres hindeuten könnte, was es dann gottseidank doch nicht ist.

Jetzt ist zwar nicht alle ideal, etwas Akut Lebensbedrohendes ist aber auch nicht da.

Samstags geht es nach Hause.

Der Haiti-Blog ist wirklich gut.
Dann wei0ß man, worüber man spricht, wenn man Haiti sagt. Danke!

Herzliche Grüße

por
Hermanitou schrieb am 13.01.2010 um 18:42
Nicht sehr erhellend... jedem normal politisch Interessierten alles bekannt. Aber vielleicht kennt jemand Wikipedia oder andere Platt(e)formen noch nicht?
Was also willst Du denn nun sagen?
Daß die Leut' dort bitterarm sind?
Wissmerschon.
Muß man nicht wiederholen.
Wird nix dabei besser.
Magda schrieb am 13.01.2010 um 19:00
"Was also willst Du denn nun sagen?"
Frage ich zurück. Ein bisschen Revanche, ein bisschen motzen, hm? tätschel, tätschel.
Freut mich, dass Du soviel weißt. Will aber ich nun überhaupt nicht wissen.

Lieber Gruß
Hermanitou schrieb am 13.01.2010 um 19:05
Ich gebs zu: Ein bißchen Revanche. Aber nur ein bißchen. Da bricht mir kein Zacken aus der Krone.
Es grüßt friedfertig
Hermanitou :-)
Magda schrieb am 13.01.2010 um 19:11
Chapeau - das zeigt Größe. Ich gebe Dir gern zu, dass ich ein bisschen harsch war. Entschuldigung. :-))
Und sicher ist dies eine eine Zusammenfassung. Auch die muss man zusammenfummeln. Ordinäre Redakteursarbeit. Wir nannten das früher: "Kleines Lexikon".

Manche klicken dann nicht anderswo hin, sondern haben - wie ich es auch beim Jemen gemacht habe - eine kleine Übersicht. Mehr soll es ja gar nicht sien. Und: Wenn einem der Name Aristide gar nichts sagt, kommt man auch nicht aufs Nachgrasen.
Was die Theologie der Befreiung zum Beispiel betrifft.

LG Magda
Hermanitou schrieb am 13.01.2010 um 19:39
Chapeau zurück. Werde weiter gerne Zusammengefummeltes und gute Sachen von Dir lesen.
LG
Hermann
merdeister schrieb am 13.01.2010 um 21:58
Ihr seid aber niedlich

Wort
Magda schrieb am 13.01.2010 um 22:08
Nicht wahr?
Gelebte Friedfertigkeit. Achja, - ich hätte auch gern so smileys.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 22:45
So soll es sein. Gute Nacht. ;-)
Ludwig Hasselberg schrieb am 14.01.2010 um 02:31
Dass es in Haiti nicht zum Besten steht, hatte ich mir denken können (als Hardcore-Greene-Fan zumal). Nun war ich aber doch schockiert zu lesen, dass das Land solch massive Probleme hat, dass es mit Ländern wie Somalia vergleichbar ist. Die globale Armut bekommt man heutzutage zwar regelmäßig in drastischen Bildern in die Wohnzimmer, aber die Archivbilder heute in den Nachrichten von Menschen, die von Müllkippen leben... Und dann das Ausmaß der Zerstörungen, selbst der Präsidentenpalast ein Schutthaufen, der Erzbischof tot... Wär ich Arzt oder sonstwie Angehöriger einer praktischen Profession (und wie praktisch kommt mir gerade die Theologie vor, im Gegensatz zu meinen Fächern, Anglistik und Germanistik), ich würd mir überlegen hinzufahren (bilde ich mir ein).

Kuba wurde angesprochen... ja, ging mir auch durch den Kopf. Die Hoffnung, dass die Kubaner genau hinschauen, wie es um ihre Nachbarn steht... Die 20 Jahre direkte Herrschaft der USA in Haiti scheinen langfristig auch keinen erkennbaren Nutzen gebracht zu haben, irgendwie...

Naja, und Aristide... ich wünsche mir ich erlebe den Tag, an dem sich herauskristallisiert, welche Rolle er nun genau spielte unter den gegebenen Umständen... vieles bleibt vorerst strittig, eine abschließende Einordnung seiner Person kaum möglich...

Warum nehmen wir Haiti nicht einfach in die EU auf, und sei es auch nur temporär?
merdeister schrieb am 14.01.2010 um 08:06
Dann will Kuba auch, und dann nehmen die USA ihre Atomwaffen aus mit nach Hause. Das wäre doch ein Jammer.
Magda schrieb am 14.01.2010 um 18:57
"Naja, und Aristide... ich wünsche mir ich erlebe den Tag, an dem sich herauskristallisiert, welche Rolle er nun genau spielte unter den gegebenen Umständen... vieles bleibt vorerst strittig, eine abschließende Einordnung seiner Person kaum möglich..."

Denke ich auch, aber zu Beginn ruhten so viele Hoffnungen auf ihm.
Querdenker schrieb am 14.01.2010 um 16:59
Waren Sie eigentlich schon mal auf Haiti?
Magda schrieb am 14.01.2010 um 18:36
Nein, und Sie? Dann könnten Sie ja interessantes ergänzen.
Querdenker schrieb am 15.01.2010 um 12:58
Nein, ich war noch nicht in der "Hölle im Paradies", wie Sie Ihren Text betiteln. Mir jedenfalls würde es niemals in den Sinn kommen, derartig reißerische Artikel über Länder zu verfassen, wo ich noch niemals gewesen bin. Aber es gibt hier auffällig viele Leute, die glauben vom Sofa aus die Welt zu kennen.
Querdenker schrieb am 15.01.2010 um 13:00
Nein, ich war noch nicht in der "Hölle im Paradies", wie Sie Ihren Text betiteln. Mir jedenfalls würde es niemals in den Sinn kommen, derartig reißerische Artikel über Länder zu verfassen, wo ich noch nicht gewesen bin. Aber es gibt hier auffällig viele Leute, die glauben vom Sofa aus die Welt zu kennen.
Magda schrieb am 15.01.2010 um 13:12
"Aber es gibt hier auffällig viele Leute, die glauben vom Sofa aus die Welt zu kennen."

Jaja, Sie wollen Streit. Langeweile? Streit ist heute aus...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.01.2010 um 13:35
@ Magda,

habe gerade mal in Querdenkers Profil geschaut. Und hatte die Assoziation, dass er um seine "quer" liegenden Gedanken anzubringen, stets eine bestehende "Längs-"Meinung braucht, nach der er sich dann im Winkel von 90° Grad positionieren kann.

Also weniger eine Sache des "Streit" suchens, als vielmehr den Kreuzungs-Punkt.

Aber das ist eine ungebetene Interpretation der Motive eines anderen, das sollte der Querdenker besser selbst beantworten.

Vielleicht sucht er ja doch Streit...

LG Feli
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.01.2010 um 22:44
Nachdem ich gestern in den Nachrichten gesehen habe, wie elendig es den Menschen dort geht, und jetzt bei den Ärmsten der Armen die Seuchengefahr, Plünderungen und Schlimmeres drohen, bin ich einfach nur sprachlos.

Die Hilfe aus dem Ausland kommt verzögert an, aber ich hoffe, es bringt noch was.

LG Feli
Hermanitou schrieb am 15.01.2010 um 13:15
Wem kann man spenden, so daß das money auch ankommt?
Hat jemand einen guten Tip?
Magda schrieb am 15.01.2010 um 13:28
Gute Idee mit den Links. Mehr kann man ja wirklich nicht tun.
ed2murrow schrieb am 15.01.2010 um 14:46
Sehr geehrte Madge,

vielen Dank für Ihren Blog. Nicht nur weil er Anlass etwa für merdeister war, Links zu Hilfsorganisationen zu veröffentlichen (besonderer Dank dafür an Sie, merdeister) oder für Ihre Informationen, die zwar nicht „aus erster Hand“ sind, aber dennoch eine „authentische Handschrift“ tragen.

Er zeigt, womöglich unbeabsichtigt, auf, dass exotische Länder, deren angebliche Paradieshaftigkeit Sie trefflich mit einer Hölle in Beziehung setzen, nur und erst dann (wieder) in Erinnerung gerufen werden, wenn es um Katastrophen geht. Oder kräht heute noch irgendjemand außer Spezialisten nach Myanmar, wo im Mai 2008 durch einen Wirbelsturm (nach UNO-Schätzungen) bis zu 100.000 Menschen getötet und wohl eine Million obdachlos wurden? Wo die Militärjunta Hilfslieferungen beschlagnahmte und sie nur an die „eigenen Leute“ verteilte? Wo, in diesem unmittelbaren Nachbarland zu China, so ganz und gar kein Kapitalismus herrscht, sondern die absurde Autorität von Bajonetten?

Manchmal bedauere ich, und solche Artikel wie der Ihre sind dafür Anlass, nicht mehr Zeit zu haben, um „mit dem Finger auf der Landkarte zu verreisen“( von „dorthin zu reisen“ ganz zu schweigen), irgendwo mit der Kuppe stehen zu bleiben und alles zu lesen, was über diese geographische Länge und Breite im Internet steht. Zu jeder Position wäre innert weniger Stunden dank Breitband eine Bibliothek beisammen. Das wäre zwar auch nur „Sofawissen“, wie es hier ein User verächtlich machen will, aber doch ein wenig mehr als das aus der Tagesschau.

Sie haben also meine Neugier geweckt, und das ist, für mich ganz persönlich, der Gewinn aus Ihrem Blog.
Allerdings, und diese Anmerkung wollen Sie bitte nicht als beckmesserisch verstehen, war und ist Haiti nie ein Prototyp eines Paradieses gewesen. Die Mär entstand mit Gaugin (ihn habe ich in meiner Kladde zum Reisebericht) und das Land hieß Tahiti.

Ihr e2m
Magda schrieb am 18.01.2010 um 12:02
Danke für das posting, das ich jetzt verspätet beantworte. Sicher ist es so, dass Gauguin mit seinen Bildern Tahiti meinte und damit diese Paradies-Metapher entstand, aber mir war der Begriff "Paradies" eigentlich für die ganze Karibik geläufig.

Ja, ist eine dramatische Geschichte.
hibou schrieb am 18.01.2010 um 11:23
Puh, die Geschichte Haitis! unablaessige Abfolge von Bürgerkriegen, Putschs, Aufstaenden, Widerstaenden für 200 Jahre.... Menno.
Im Übrigen: "Die Amerikaner übernahmen die Kontrolle am Flughafen", tönt gut, tönt nach Hilfe, ist aber wieder nur n erbaermlicher Grossmachtreflex...
Der Flughafen heisst (sic) "Toussaint Louverture-Airport". Beschaeftigt Euch mal mit dem Mann, interessant, ein geborener Sklave, der zum freien Mann, Aufstandsführer und Kaempfer wird, von den Franzosen verraten und verkauft (Napoleon gab geheimen Befehl, die Sklaverei auf Haiti wieder einzuführen), im Jura in einer französischen Festung gestorben.
Magda: Dank für den blog!
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