Magda

Mal sehen

10.12.2009 | 14:48

Heidschi Bumbeidschi - Codewort: "Himmel"

Erbauliches zur Vorweihnacht

Schon immer ging es mir so. Wenn ich im Advent das Wiegenlied „Heidschi Bumbeidschi“ hörte, wurde mir nicht gemütlich, sondern unheimlich und grauslig.

1. Aber Heidschi Bumbeischi schlaf lange
es ist ja die Mutterl ausgange
sie ist ja ausgange und kehrt nimmer heim
und lässt ihr kleines Büberl so ganz allein
Aber Heidschi Bumbeidschi bumbum,
Aber Heidschi Bumbeidschi bumbum.

 

 Es ist ein unheimlicher Text zu einer sentimentalen Musik und darum verweilte ich nie allzu lange bei dieser Emotion.

 Der Schrecken fährt unter die Jacke

Plötzlich vor zwei Jahren: Bei einem vorweihnachtlichen Konzert mit den üblichen erbaulichen Liedern trat auch der österreichische Chansonnier Michael Heltau auf.

Und der nahm sich dieses Heidschi Bumbeidschi vor. Er sang es aber nicht, sondern deklamierte es so, dass einem der Schrecken, der dieses Lied umgibt, direkt so unter die Jacke fuhr, dass sich die Haare aufstellen.

2. Aber Heischi Bumbeidschi, schlaf süße
die Engerl sie lassen di grüßen
Sie lassen di grüßen und lassen di fragen
Ob du im Himmel spaziern willst fahrn
Aber Heidschi Bumbeidschi bumbum,
aber Heidschi Bumbeidschi bumbum.
 

Aha, nicht nur die Mutter is „ausgange“, auch andere Mächte haben das langschlafende Kind schon im Visier und winken mit schönen Zerstreuungen, damit es sich zu seinem Nutzen von der Erde löst.

Gehüllt in dubiose vernebelnde Trauer, suchte ich Aufklärung. Wo findet man die heutzutage? Im Internet natürlich. Man muss nur „Heidschi Bumbeidschi“ eingeben, dann wird einem zwar nicht komplette Aufklärung zuteil, aber man kann höchst lehrreich an den Bemühungen vieler Internetuser an der Gewinnung von Klarheit teilnehmen. Tröstlich ist, dass es massenhaft Leute gibt, denen das Lied noch nie geheuer war. In einem Forum postete eine Teilnehmerin, dass ihre Tochter bei diesem Lied immer geschrien’ habe, dass sie das nicht hören wolle und sogar zu weinen begonnen hätte.

Woher kommt das Heidschi Bumbeidschi-Lied?

Es stamme wohl aus Südtirol sagen die einen und entwerfen ein Zeitgemälde über die damaligen Verhältnisse in einer Landschaft, deren Bewohner hart und rastlos für ihr tägliches Brot arbeiten mussten. Die Kindersterblichkeit war ebenso hoch, wie die der Mütter. Also sei das Lied durchaus realistisch für diese Zeit. Dass die Beziehung zu Kindern anders war, dass der Herrgott sie halt gab und nahm, dass viele das erste Lebensjahr nicht erlebten – das alles vermittelt dieser Singsang mit seinen dunklen Versen.

 3. Aber Heidschi Bumbeidschi im Himmel
da führt di a schneeweißer Schimmel
draus sitzt ein kleins Engerl mit einer Latern
drein leuchtet vom Himmel der allerschönste Stern
Aber Heidschi Bumbeidschi bumbum,
aber Heidschi Bumbeidschi bumbum.

 

Ist das ein Trost? Und ist das Kind bereit, sich zu ergeben und der Mutter zu folgen, wenn es im Fieberwahn den lockenden Singsang hört? Das hatte damals seine Lebenslogik weil es ohne Mutter noch schwieriger war, ein Kind aufzuziehen. Da war’s schon besser, es ging auch in den Himmel.

Wer ist Heidschi-Bumbeidschi?

Die Frage bleibt im Raum. Die einen meinen, es sei ja nichts als ein lautmalerischer Singsang. Aber nein, meinen andere, es hat zu tun mit der damaligen Türkengefahr. Immerhin könne man das „Heidschi“ in der Nähe von Hadschi ansiedeln, dem Namen eines Menschen, der an der Fahrt nach Mekka teilgenommen hat. Wie das Bumbeidschi zustande kommt, das könne mit einem gefährlichen türkischen General zu tun haben. Bekannt sei, dass auf dem Balkan christliche Knaben von Osmanischen Soldaten entführt und für den Sultanshof erzogen wurden, aus ihnen rekrutierten sich die Janitscharen, die Privatarmee des Sultan. So sei diese Beschwörung des Heidschi Bumbeidschi eine Variante der Drohung mit einer angsterzeugenden Figur.

Das kann der „schwarze Mann“ sein aber auch der „Türke“ oder sonst noch was in der Richtung fremder böser Mächte.

Andere wieder haben erforscht, dass diese Wendung aus dem Griechischen stammt und über Wien in den deutschen Sprachgebrauch kam. So sei ein österreichischer Herzog einst mit der Tochter eines byzantinischen Kaisers verheiratet gewesen. Die habe ihren Kindern ein griechisches Wiegenlied vorgesungen: "Heude mu paidion" (Schlaf, mein Kind) und daraus hätten die Wiener Heidschi Bumbeidschi gemacht.  Das glaube ich, die Wiener sind zu so was fähig.

Von der türkischen Gefahr zur sprachlichen Eingemeindung eines griechischen Wortes. Die Forschung im Internet ist schon voller Extreme.

Es bleibt die Tatsache, dass in der Zeit, als das Kinderlied entstand, der Kindstod nichts Besonders war. Und wie erwartet, so kommt es denn auch:

4. Und der Heidschi Bumbeidschi is kommen
Und hat mir  mei Büberl mitgnommen
Er hat’s mitgnommen und hats nimma bracht
Drum wünsch  i mein Büberl a recht gute Nacht
Aber Heidschi Bumbeidschi bumbum,
aber Heidschi Bumbeidschi bumbum  

In Österreich ist es immer makaber

Der Heidschi Bumbeidschi – was anderes kann er sein als der Tod. Aus Südtirol stammt – wie schon angemerkt - das Lied und von daher hat es was vom österreichischen Tanz ums Makabre.

Die Ängste bannen, in dem man ihnen vorgreift. Das Kind zum Himmel locken, wo es noch auf der Erde ist. Das alles gehört in diese wirre Welt. Dass die Welt wirr ist, damit haben die Österreicher immer Recht.

Denn als ich vor zwei Jahren dieses Heidschi Bumbeidschi dieser kleinen Textforschung unterzog, ermittelten zahlreiche Kriminalkommissare im Internet gegen einen umfangreichen Kinderpornoring. 

Codewort: „Himmel“.

Mein Gott: „Abba Heidschi Bumbeidschi im Himmel.“

(Den Lied -Text habe ich ein bisschen ins Hochdeutsche „abgebogen“, weil ihn sonst nicht jeder verstehen kann)

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 10.12.2009 um 20:02
Liebe Magda,

vielen Dank für diese interessante Textforschung eine
weihnachtlichen Liedes. Beim Lesen sind mir leichte Beklemmungen gekommen, aber Du hast das Lied interessant in den historischen Kontext gestellt.
Ein wirklich sehr guter und aufklärender Blog, der mir sehr gefallen hat.

Herzliche Grüße

por
Magda schrieb am 10.12.2009 um 20:14
Danke danke. Ich fands selbst interessant beim Recherchieren.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.12.2009 um 20:24
"Das glaube ich, die Wiener sind zu so was fähig." - Dann muss man Ludwig Hirsch ranlassen...

Ist das etwa das Ding, was auch Heintje...? - Der tat mir schon leid, als ich noch genauso alt war, wie er, als der das sang. So'n Schicksal ähnlich dem von Britney Speere, was? Oder: hübscher kleiner Knabe, von den Onkels besonders geliebt?
Magda schrieb am 10.12.2009 um 20:33
Ja, auch Heintje hat..aber das ist ein entschärfter versüßter Text.

Danke fürs Lesen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.12.2009 um 20:33
Sehr feine Arbeit!

Dies ist der Dank:

Magda schrieb am 10.12.2009 um 21:42
Herrlich passt das zu dem Text.
Ach, diese Österreicher...
archinaut schrieb am 11.12.2009 um 03:45
Liebe Magda,

ein Berliner Blog über die dunkle Seite der Habsburger Seelen: vielen Dank, mutige Magda, der Alltag ist manchmal doch unheimlicher ala jeder Gruselfilm..:-))
Magda schrieb am 11.12.2009 um 08:51
"ein Berliner Blog über die dunkle Seite der Habsburger Seelen"

Sehr schön gesagt. Danke.
Magda schrieb am 14.12.2009 um 16:55
www.youtube.com/watch?v=0HWmylxDwdA

Hier singt Esther Ofarim - da rollt die Träne, wenn man das hört, gerade wegen des gespenstischen Textes.
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21:43
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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