Magda

Mal sehen

19.12.2010 | 09:39

Heizungsfragen

"Die Heizung ist ausgefallen", erklärte mein Mann, als ich ihn fragte, warum er mich vor der Zeit und noch im Dunklen weckt. Es sei noch warmes Wasser da und bevor auch das abkühle, könnte ich es doch noch nutzen. Ich  hätte ja vom Haare waschen gesprochen usw. "Ach, so ein fürsorglicher Mensch",  seufzte ich und sah zu, dass ich ins Bad kam. Mit ein bisschen weniger Geplansche, mit zwischendurch mal Wasser Abstellen, klappte es auch noch mit der komfortablen Körperhygiene.

 Beispiel: Lychener 64

Ich dachte an den Dok-Film Lychener Str. 64, der kürzlich im Fernsehen zu sehen war. Ich kenne die Lychener, eine Gegend, in der man früher vor Ödnis den Blues bekam, jetzt aber „Hip“ wie verrückt und nicht so sehr meine Welt. Ein altes, unsaniertes Haus, in dem sich nach der Wende junge Leute einquartiert hatten und wieder weichen müssen, weil die Luxussanierung sich freundlich aber unerbittlich ihren Weg bahnt. Mit netten Worten und kaschierter Fachlichkeit von Partizipität oder so ähnlich. Zwei Männer, die aussehen wie Plüsch und Plum, von der Gesellschaft für Behutsame Stadterneuerung (S:T:E:R:N) schwatzen erbaulich-verschleierndes. Professionelles Schachern und Pokern um eine angemessene Abfindung für den Auszug.

Ich dachte an die elenden, kalten Wohnungen, die von der Kindheit bis in die mittleren Jahre mein Quartier waren. Entweder mit Klo außerhalb oder hinter der Speisekammer. Die meisten mit gemütlichen Kachelöfen, die aber unendlich viel Briketts schluckten.

Das Winter-Aufsteh-Elend

Im Winter aufzustehen war immer ein Unternehmen. Das warme Bett verlassen, durch die eisige Wohnung in die Küche. Wasser aufsetzen für die Morgenwäsche, eine Flamme vom Gaskocher zusätzlich an, um die Küche ein bisschen zu erwärmen. Das konnte man nicht lange machen, weil zu viel Sauerstoff verbraucht wurde. Sich unter Frösteln an der Schüssel waschen. Das war in der Berliner Schönhauser Allee in einer Wohnung im Quergebäude, die eigentlich gut geschnitten war. Aber ,kalt kalt und im Frühjahr gabs andauernd einen Rohrbruch und das Wasser war abgestellt. Tagelang – Gottseidank wenigstens nur in einem Strang, so dass man beim Nachbar mit dem Eimer klopfen konnte. Und – die meiste Zeit bis abends um sieben war man sowieso auf Arbeit.

Die letzte Wohnung der Art, war im vierten Stock , die hatte ein – wenngleich unbeheizbares – Bad und viele viele Meter schlecht verputzter Außenwand, an der ich jetzt oft mit der U-Bahn vorbeifahre und mich erinnere: Als es Ende der siebziger Jahre endlich in Ungarn diese elektrischen Heizlüfter zu kaufen gab, brachte mir jemand so ein Ding mit und plötzlich war das Paradies ins Bad eingezogen. Wärme in fünf Minuten auf Knopfdruck. 

Abenteuer Ofenheizung 

Im Winter stand ich immer beizeiten auf, weil der Ofen anzuheizen war und die Kohlen mindestens eine Stunde brauchten, um durchzubrennen. Erst dann konnte man den Ofen zuschrauben. Bei Temperaturen wie heute hätte der mindestens 10 Briketts geschluckt. Zusätzlich hatte ich noch eine geklaute S-Bahn-Heizung in Betrieb. Der Stromverbrauch war enorm und irgendwann knallte auch die Sicherung durch, weil die Leitungen diese Lasten nicht gewohnt waren. In der Küche gabs einen Innenwandgasheizer, der durch den Schornsteinkamin entlüftet wurde, aber dennoch unendlich viel Dreck in den Raum verteilte. Der lief – auch in meiner Abwesenheit – den ganzen Tag. Brandschutztechnisch ein Hasardspiel.

Ich erinnere mich an einen Heiligabend. Ich kam nach einer überstandenen Operation aus der Klinik. Schleppte mich die vier Treppen hoch in die eiskalte Wohnung. Die Gasheizung in der Küche ging zuerst gar nicht an, ich hantierte ewig und ächzend daran herum, probierte allerlei Tricks aus, bis die Zündflamme dann doch das ausströmende Gas ereichte und das Gerät zum Funktionieren brachte. Ich hatte Glück, weil die Kinder im Haus sich mit Kohlen holen ein bisschen was bei mir verdienten. Ich lag auf der Couch und wartete, dass die Wärme mein erkältetes Gemüt erreiche. Im Fernsehen lief Sissi. 

Havarie beendet 

Und heute war es so. Nach zwei Stunden ging die Heizung wieder an. Der Blick auf die schneebestäubten Bäume, der sich hinter den Scheiben auftut, erfreute wieder statt Furcht vor der Kälte zu erzeugen. Gottseidank. Es geht nichts über Wärme im Winter sowohl heizungstechnisch als auch menschlich.

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 19.12.2010 um 10:05
"Zentralheizung statt Zentralkomitee" als Motto von 20 Jahren Einheit?

Mir ist auch schon wärmer geworden.
born2bmild schrieb am 19.12.2010 um 10:25
Vielen Dank, das weckt auch bei mir Erinnerungen. An Aussenklo, eingefrorene Wasserleitungen, morgendliches Feueranfachen im Ofen, usf. Allerdings empfand ich es damals, weil jung und munter, nicht als sonderlich störend, zumal nie in der Kombination von allein und krank erlebt. Heute allerdings genieße ich den behaglichen Komfort, nachdem ich draußen den Puderschnee beiseite gefegt habe und erfreue mich an der schneebedeckten Landschaft vor dem Fenster, ohne an Holzhacken und -schleppen denken zu müssen.
Zuweilen allerdings schleicht sich ein Unbehagen ins bequeme All- und Sonntagsleben beim Gedanken, wie abhängig wir vom zentralen Funktionieren des Stromnetzes sind und wie anfällig es ist. Beim keineswegs ausgeschlossenen Ausfall funktioniert keine Heizung mehr, weil Zündung und Pumpe elektrisch gesteuert werden. Kein Einkaufen, kein Kochen usw.
In meiner Kindheit haben wir bei Stromausfall Kerzen angezündet, das war's. Gekocht wurde auf dem mit Holz befeuerten Küchenherd und im behaglich warmen Kachelofen gab es an der Seite in Kopfhöhe ein Backrohr, in dem wir Bratäpfel schmorten, hmmm!
Magda schrieb am 19.12.2010 um 10:50
@ merdeister - schönes Motto. :-))

@ born2bmild - Dachte ich mir, dass das Erinnerungen weckt - bei einigen. Kennt man in Ost und West. In Westberlin war ja auch lange Zeit Ofenheizung. Mindestens in Kreuzberg, glaube ich.
Natürlich gab es auch weniger stressige Erinnerungen. Aber diese Heizerei, nee und überhaupt diese ganzen Alltagsbewältigungs-Verrenkungen. Heute: Rein ins kleine kuschlige Bad, warmes Wasser an usw.

Abhängig ist man, das stimmt. Und wenn - wie heute - mal kurz was ausfällt, dann fällt einem das wieder ein.

Gruß
jayne schrieb am 19.12.2010 um 11:04
ja, das mit der heizerei - (habe ich ja schon an anderer stelle ausgeführt, kohleöfen, kohlehandlung, die asche am morgen ...) bin froh, jetzt unten im keller eine gasheizungsanlage zu haben, ganz autonom, und solange die "gasprom" nicht die zulieferung einstellt oder der strom ausfällt, sind wir damit auf der sicheren seite ...
Erdmännchen schrieb am 19.12.2010 um 11:27
Ich habe meinen Ofen geliebt, trotz 4 Treppen. Mit den Kohlenmännern jedes Jahr Aufregung: bringen sie's in den Keller oder nicht? Die Wärme aber sehr schön.

Mir fällt noch ein: in einem besuchten Kloster berichtete ein zur Askese verpflichteter - schon älterer - Mönch mit leuchtenden und glücklichen Augen von einer im Vorjahr eingebauten Fußbodenheizung.

:-)
Magda schrieb am 19.12.2010 um 12:36
"Mit den Kohlenmännern jedes Jahr Aufregung: bringen sie's in den Keller oder nicht?"

Kenn ich, kenn ich. Eine Kiepe haben sie - für ein Entgelt - sogar bis in den vierten Stock gebracht bei mir.

Der Ofen selbst ist immer angenehm. Wir lernen: Für Wärme muss man arbeiten. :-))
Erdmännchen schrieb am 19.12.2010 um 12:44
:-)
goedzak schrieb am 19.12.2010 um 12:25
Na ja, es war nicht alles gut in der DaDaerR. - Schönen Gruß aus der Duncker 17 (vor gut 23 Jahren ausgezogen...)!
Rahab schrieb am 19.12.2010 um 12:40
in der bäerde auch nicht...

ich möcht nicht wissen, wieviele kinder durch das schleppen von kohleeimern hinauf in x-te stockwerke einen dauerhaften haltungsschaden davongetragen haben
Magda schrieb am 19.12.2010 um 13:34
@ rahab - "in der bäerde auch nicht..."

Genehmigt. :-))
archinaut schrieb am 19.12.2010 um 12:50
An den ersten dicken Schneewinter in den Siebzigern erinnere ich mich noch,
die vereisten Überlandleitungen brachen, die elektrische Versorgung wurde lückenhaft: ohne Strom waren auch Zentralheizer in Frostgefahr.....

Deine Geschichte wärmt, liebe Magda!
Rapanui schrieb am 19.12.2010 um 13:30
Hallo Magda,

isdasn Ossitreff hier? Alle traumatisiert? Da bin ich dabei!

"Schon jeden Morgen lieg' ich um Viere wach,
Schon jeden Morgen lieg' ich um Viere wach,
denn dann kommt unser Kohlenmann und der macht 'ne Menge Krach."

(Stefan Diestelmann, Hof vom Prenzlauer Berg; www.amiga-musik.de/neu/index.php?id=56&artist=64626&product=74321332992)

Wir hatte die Briketts im Keller gestapelt. Meine Aufgabe in der Familie war es, die Kohle zu holen. Ein Vergnügen für mich bestand darin die Brikettstapel mit einem Kohlenwurf zum Einsturz zu bringen. Einmal habe ich mit der Kohle dann nicht einen Stapel getroffen, sondern das Wasserrohr über dem Kohlenstapel. Die ganze Hausgemeinschaft hat dann beim Aufwischen der schwarzen Brühe geholfen.

Damals habe ich es tatsächlich geschafft, mich der Verantwortung zu entziehen, in dem ich behauptete, der Kohlenstapel sei eingestürzt und dabei müsse wohl eine Kohle gegen die Wasserleitung geschlagen sein.
merdeister schrieb am 19.12.2010 um 13:50
Dann wurden auch damals die (Kohle)Verluste schon sozialisiert...
Rapanui schrieb am 19.12.2010 um 14:48
Wie heute so gab es auch damals keine unabhängige Presse, die investigativ der Sache auf den Grund gegangen wäre.

Es gab aber auch keinen Anwalt, der hätte daraus ein schönes Geschäft machen können.

Vielleicht aber waren die Leute auch einfach nur vernünftig und haben gesagt, nun gut der Junge ist 10 Jahre, er hat ordentlich mitgeschrubbt, so viel Sch.. hat er auch noch nicht gebaut, wenn er was d'raus lernt...Ich habe nie wieder etwas davon zu hören bekommen.
indyjane schrieb am 19.12.2010 um 15:55
www.youtube.com/watch?v=zJZViHtl0vw
lakomy das haus wo ich wohne

ich habe nur 6 wochen in einem hinterhaus gewohnt, danach war ich um einige poesieneigungen ärmer...
schöner beitrag zum schmunzelnden erinnern
(der kaminofen brummt im hintergrund ...)
mahung schrieb am 19.12.2010 um 15:57
Ofenheizung hin, Ofenheizung her, den unerträglichen Dunst des sog. Hausbrands, z. B. über der Dresdner Neustadt, vermisse ich nicht.

Meine erste eigene Wohnung war auch mit Ofen, aber immerhin mit Innenbad ohne Heizmöglichkeit. Bibber, Bibber. Auch dem Schlafraum war kein Ofen beigegeben. Zum Glück musste ich keinen Heizlüfter bei der Bahn klauen, wie die Magda ;-), sondern hatte sogar ganz legal zwei davon. Da ließ sich die Zeit zwischen Ofen anheizen und tatsächlichem wärmenden Effekt ganz gut überbrücken - zum Nachteil bei der Stromrechnung.

Aber als Neubaukind war ich die meiste Zeit allerdings das aufdrehen der Heizung gewöhnt. Havarien im Zentralheizungssystem gab es aber häufig in härteren Wintern. Da saß man dann auch im Kalten. Meine Mutter bereitete dann warmes Wasser für die Wanne mit der Waschmaschine oder auf dem Küchenherd. Dem Strom sei Dank.
hibou schrieb am 19.12.2010 um 16:35
dascha der durchgehende vorteil hier: nie schnee, sehr sehr selten ma eine nacht null grad. aber die elektrik faellt alle paar tage ma aus, ich denke, wie gesagt, dass der einzige diensttuende im kraftwerk im dusel gegen den hauptschalter faellt. die folgen aber: grausam. was sind wir ohne strom? ganz recht: noch net ma die schiebetüren gehen im supermarkt, geschweige denn die kasse und der kreditkartenschlucker.....
im norden muss ma halt satt wodka ham gell?
Magda schrieb am 19.12.2010 um 20:08
Hallo ihr lieben Kommentatoren

@ Rapanui - stimmt ein Ossitreff. Auf Ostdeutsch eine ungesetzliche Zusammenrottung.

@ indyjane - wie ging er gleich, der Text:

"So'n grämlicher bröckliger Altbauzwerg,
davon gibts noch viele am Prenzlauer Berg"

Ja, Ich schreibe solche Sachen jetzt auch lieber mit gemütlicher Heizung.

@ mahung - "Havarien im Zentralheizungssystem gab es aber häufig in härteren Wintern."

Bei uns auch gerade. Aber immer nur für Stunden. Sie kriegens schneller wieder in Gang.

@ hibou -"im norden muss ma halt satt wodka ham gell?"

Na sdorowje. Warme Grüße. :-))
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