Magda

Mal sehen

10.03.2009 | 12:01

Hund L(a)erm und Geräusch - eine Hommage an Kurt Tucholsky

Kürzlich nach einem Museumsbesuch gönnten wir uns im Irish Pub am Hackeschen Markt noch ein Bier. Dabei haben wir uns mit einem Hundebesitzer angelegt, dessen Riesentöle sich breit in den Gang geworfen hatte und niemanden durchließ. Furchtbares Viech. Seit kurzem pflege ich wieder nachdrücklich meine Hundefeindschaft, verweigere mich der Anpassung, grinse nicht mehr krampfhaft freundlich auf das Tier oder streichle es gar unter restloser Selbstverleugnung. Nee, ich bin jetzt wieder giftig. So giftig, wie mein Mann war, als sich jüngst der pubertierende Jagdhund meiner Freundin mit den völlig beschäumten Lefzen an seine Hose drängte. Er blieb zwar ruhig, machte nur ein knirschendes Abwehrgeräusch mit den Zähnen, ging aber so in Richtung Bad, dass man noch an seinem Gang den ganzen Unwillen ob dieses Übergriffs spürte und zwar Schritt für Schritt. Der ist sich stets treu, der verleugnet sich nicht. Ich aber weiß immer nicht, wie man mit befreundeten Hundebesitzern, die man ja sonst leiden kann, umgehen soll.
 
In all dieser Ratlosigkeit tröstete mich mal wieder die Literatur. In diesem Fall der bewunderte Kurt Tucholsky. Die Lektüre seines "Traktats über den Hund sowie über Lerm (Schreibung nach Schopenhauer) und Geräusch" tröstet wegen der Gleichheit von Empfindungen über manche unserer Alltagskalamitäten hinweg.
Da kommen viele schöne und prägnante Sätze vor. Zum Beispiel: "Der Hund ist ein wachsames Tier, das mit seinem Gebell den Herrn nachts weckt, damit der aufsteht und ruft ‚Halt die Schnauze’ – Wie ist das herrlich!! Oder auch ‚Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt (Leibnitz)’ Wunderbar, diese Philosophen mit ihren gültigen Sprüchen!! Na, wie ist das doch tröstlich zu lesen.
Und deshalb gleich noch einer: „Menschen, die sich lebende Hunde in Mietwohnungen halten, sollten mitsamt ihrem Köter aus der Wohnung gejagt werden". Genau, sehr richtig!! Dies alles sage ich mir im Notfall immer fünfzig mal auf. Es geht mir besser, seit ich in der Not das Tucholsky-Traktat lesen kann.
 
Es liegt immer griffbereit, denn ähnliche Erleichterung kann ich mir damit verschaffen, wenn es um den Krach der nichtsnutzigen widerwärtigen Mietpartei über uns geht. Eines ist mal wahr, wie der Meister sehr richtig anmerkt: Anonymer Kollektivlärm, zum Beispiel das brodelnde Geräusch einer Stadt, das stört einen ja nicht wirklich. „Aber das freche Einzelgeräusch nadelt das Ohr, weil Teilnahme des fremden Lebensrhythmus erzwungen wird "- Genau so isses. Über uns saugt die wackere Hausfrau jeden Tag kurz nach sieben Uhr Staub mit einem Gerät, das sicherlich historischen Wert besitzt und wie eine Mischung aus Bohrer und Rasenmäher klingt. Das sind die gemeinen Übergriffe.
 
Wenn ich befürchte, dass ich jetzt doch gleich überschnappe, rufe ich mir ins Gedächtnis, dass Tucholsky einen ähnlichen Fall schildert: „Als ich das letzte Mal in Berlin wohnte, da rollte jeden Morgen eine Stunde lang eine reitende Artillerie-Brigade über die Decke dahin: eine deutsche Hausfrau ackerte dort ihr Schlafzimmer, anders war der Lärm nicht zu erklären.". Die Hausfrau über uns muss die Wiedergängerin dieser nichtswürdigen Person sein Dass sie manchmal „Schnauze" schreit gehört ebenfalls zu den Äußerungen, die einen zwingen an fremdem Leben teilzunehmen. Neben all dem Ärger frage ich mich dann, ob sie damit die Kinder erzieht oder „nur" dem Ehemann ein bisschen Bescheid stößt. Ich will das alles nicht wissen, wenn ich aber schon Ohrenzeugin sein muss, dann drängen sich solche Fragen förmlich auf. Ich höre das Bellen des kleinen Pinschers von oben und denke mir: "Eines Tages erwürge ich die alle mit einer Hundeleine" oder so. Es gibt noch mal ein Unglück.
 Jedoch und hingegen: Als wir gestern von der Straßenbahn nach Hause kamen, da saß auf dem Weg eine Katze mit einem Halsband. Sie saß da majestätisch und gelassen. Als ich auf sie zuging, stand sie träge auf und ging mir entgegen und als ich vorbei war, folgte sie mir. Ich blickte ihr ins eine Auge, das zweite fehlte. „Das hat ihr bestimmt auch so eine hundsmiserable Töle ausgebissen", dachte ich bei mir. "Ist das Ihre Katze?", fragte eine Frau, die uns schon wieder mit so einem Kläffer an der Leine entgegenkam. „Nein", sagte ich, aber ich fand für mich, „dass wirklich edle Tiere, wie die guten, unabhängigen und meist ruhigen Katzen ihresgleichen eben sofort erkennen." Das tröstet doch sehr.

Ich glaube Tucholsky war auch ein Katzenliebhaber.
 
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