5
]
Wenn mich nicht alles täuscht war ich zweimal im katholischen Kinderheim St. Gertrud in Leipzig-Engelsdorf. Meine Mutter war schwer krank, musste einmal monatelang im Krankenhaus liegen, anschließend nahm sie die Ärztin, mit der meine Mutter befreundet war, in ihrem Haus auf. Sie sollte strikt liegen und konnte uns deshalb nicht versorgen.
Ich erinnere mich dunkel, dass mein älterer Bruder bald in ein anderes, ebenfalls katholisches Kinderheim bei Leipzig kam, wo es ihm aber auch gut ging. Er wollte später gar nicht mehr nach Hause kommen, was auch seine Gründe hatte.
Ich blieb in Engelsdorf – erinnere mich an den großen Garten und ein kleines Schwimmbecken. Als ich ankam verschwanden meine eigenen Kleider, ich bekam aber keine Einheitskleidung, sondern sehr hübsche Kleidchen aus dem Heim, die hatten prima Westkontakte. Ich wurde – so hat es meine Mutter erzähltl – auf ein Schaukelpferd gesetzt und irgendwann war sie dann gegangen ohne dass ich das bemerkte. Genau erinnern kann ich mich noch, dass im Schlafsaal – wo wir mit 20 Mädchen lagen – ein blaues Licht brannte und eine Nonne dort Wache hielt. Ich hatte kein Taschentuch und wurde, weil ich ständig die Nase hochzog, ermahnt. Am nächsten Tag bekam ich ein entsprechendes Wäschestück in die Hand gedrückt. Ich hatte als Kind die Angewohnheit mich in den Schlaf zu „leiern“, also den Kopf andauernd hin und her zu bewegen – das sollte ich dort nicht tun . Ich weiß aber nicht, ob ich es mir dort abgewöhnt habe.
Ich war in dieser Zeit das, was man ein „liebes Kind“ nennt, pflegeleicht und wenig widerspenstig. In der Schule hatte ich auch keine Probleme. Ich freundete mich mit einem älteren Mädchen an, ich erinnere mich aber nicht an Genaueres. Nur, dass sie – eine Weile nachdem sie wieder aus dem Heim nach Hause kam - mich besuchte.
Ich spielte auch stundenlang gern ganz allein. Zum Beispiel schlitterte ich im Winter die schneebedeckten schrägen Wände des Schwimmbeckens herunter, und dann kletterte ich die paar Meter wieder hoch und wieder runter. Ich hatte schon als Kind eine Lust an der ständigen Wiederholung, mir hat das Gleichförmige Spaß gemacht. Hin und wieder jedenfalls.
Ich weiß auch noch, dass ein Mädchen aus dem Heim abends geröstete Haferflocken bekam, weil das gut gegen Bettnässen“ sei. Also muss es das Problem gegeben haben, aber es wurde kein Aufsehen darum gemacht. Ich weiß noch, dass ich keine Ziegenmilch mochte, die sie dort aus dem Stall holten. Niemand zwang mich, sie zu trinken, mir wurde immer feierlich versichert, dass in der Tasse Kuhmilch sei. Auch da keine Zwänge. Lästig war, dass wir Freitagsnachmitags schon ins Bett mussten. Wir wurden alle gebadet, das ging den ganzen Nachmittag und dann war eben Schlafenszeit. Die Sonne schien durch die Jalousie und wir durften nicht mehr raus. Es war dem Ablauf geschuldet.
Beim zweiten Heimaufenthalt erinnere ich mich noch an Sonntage, in denen ich auf eine Bodentreppe kletterte und vom Fenster auf die Straße blickte in der Hoffnung, dass meine Mutter dort unten geht und mich besuchen kommt. Das gab es auch, sie kam manchmal, aber lange lange Zeit nicht und ich blickte traurig von dort oben auf die leere Straße.
|
|
Liebe Magda,
danke für die Berichte über Deine Aufenthalte im Kinderheim zur DDR-Zeit. Gestern machte ich mir einen besonders faulen Tag, fläzte mich aufs Sofa, widmete mich der ARD, erquickte mich an Rote Rosen und Sturm der Liebe und sah zwischendurch die Tagesschau. Aufgemacht wurde sie nachmittags jedes Mal mit dem Thema Kinderschändung in staatlich betriebenen DDR-Kinderheimen und einem coolen, sehr flüssig gesprochenen Statement einer damals betroffenen blonden Dame, deren Namen ich vergessen habe. In der Tagesschau um 20 Uhr war das anders. Da war das Thema nicht mehr Spitzenmeldung, es kam etwas später, wieder mit der blonden Dame, aber mit einem anderen Statement. Diesmal berichtete sie eher stockend und um Fassung ringend und überzeugender als noch am Nachmittag. Ich weiß, ich bewege mich jetzt auf glattem Eis. Mir geht es aber nicht darum, den Wahrheitsgehalt dessen anzuzweifeln, was die Dame zu berichten hatte. Solche Fälle, Übergriffe, Verbrechen wird es auch in der DDR gegeben haben. Mich störte, dass es zwei Fassungen von persönlicher Betroffenheit gab, die gedreht worden waren. Und auch - vielleicht empfand nur ich es so - diesen Triumph im Tenor der Berichte: drüben war es auch nicht besser, womöglich sogar schlimmer und dass es höchste Zeit war für dieses Thema, damals. Drüben. Das hatte etwas Klebriges. |
|
|
...das rührt mich ein bisschen an, du schreibst zwar überhaupt nicht wehleidig oder gefühlsduselig über diese Zeit, aber mich macht es traurig. Zum Glück warst ja nicht dauernd im Heim.
Ich kann mich aus meiner eigenen Kindheit erinnern, dass es eine Drohung war, wenn mein Vater so Sachen sagte wie "sonst kommst du ins Heim" und ich große Angst davor hatte. Inzwischen denke ich, dass es auch innerhalb der Familie manchmal sehr öde und trist für mich war. In einem Heim wäre ich wenigstens mit mehreren anderen Kindern zusammengewesen. So hatte ich nur meinen jüngeren Bruder. Aber ich bin undankbar, ich weiß. |
|
|
@ weinsztein - Es scheint wirklich so zu sein, dass es da eine gewisse merkwürdige "Befriedigung" gibt, dass es das auch in der DDR gegeben hat. Ich habs schon in dem anderen Blogkommentar zum Thema geschrieben. Die Geschichte der Kinderheime Ost ist eigentlich ganz gut aufgearbeitet und es gibt sogar Entschädigungsgesetze und -bestimmungen. Aber - angesichts der Problematik-West muss mans noch einmal auskramen.
Ganz unbestritten, dass es solche Übergriffe sicher auch gegeben hat. Aber jetzt sind die Opfer mal wieder nichts als Beweisobjekte, offensichtlich auch noch ein bisschen nachinszeniert. @ Lee Berthine - ich war ja auch traurig, aber ich erinnere mich eben an nichts, was mich dort hätte traumatisieren können. Manchmal denke ich, dass gerade diese kirchlichen Heime in der DDR ja auch besonders beobachtet wurden vom Staat und die staatlichen Heime waren mittlerweile nicht gerade Orte guter Pädagogik. Ich glaube, die Einzige die im Kinderheim einmal gewalttätig war, war ich selbst. Ich musste mal einem kleinen Jungen, der noch ein Flaschenkind war, die Flasche geben. Den hab ich immer ein bisschen ins Ohr gekniffen, da fing er an zu schreien. Ich fand das so zauberhaft, wenn der - sofort, wenn das vorbei war - wieder anfing zu lachen. So automatisch funktionierte das bei dem.Aber, ich habe ihn nur ein bisschen gekniffen, nicht doll. Zu Probezwecken: Hier bin ich als Kind mit meinem Bruder. Mir waren sooooooooo niedlich. Von Magda |
|
|
Ganz ganz goldig, ihr beiden. Die Blicke sagen viel.
Wie du schreibst, könnte es an der beobachtenden (sozialen) Kontrolle gelegen haben, dass die kirchlichen Heime (zumindest das, das du kennengelernt hast) meist in Ordnung waren. In den staatlichen Heimen wars wahrscheinlich ähnlich lieblos wie in den Heimen-West. Oder manchmal, je nach Schwestern und Personal, wohl auch liebevoll. Was du von dem Kneifen ins Ohr deines Schützlings beschreibt, gehört zu den üblichen kindlichen "Experimenten", so was habe ich im Kindergarten öfter gesehen. Ist zwar nicht nett, aber auch nicht wirklich "gewalttätig" - und der Kleine hat ja gleich danach wieder gelacht. Faszinierend, wie schnell man als Kind "vergisst", oder? Ich wünsche dir und deiner Familie ein frohes Osterfest! |
|
|
Liebe Magda,
Vielen Dank für den spannenden Bericht aus Deiner Heim-Vergangenheit. Dir und Deiner Familie auch von mir ein Frohes Osterfest. Herzliche Grüße rr |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen