Magda

Mal sehen

11.05.2011 | 11:00

Paul Julius Möbius und Cecile Vogt

Dieser Tage habe ich seinen Namen mal wieder in einem F-Blog gelesen: Paul Julius Möbius. Er war ein vielseitig gebildeter Mann, dieser  Neurologe und Psychiater (1853-1907). Neben Medizin studierte er Theologie und Philosophie und promovierte sowohl zum Dr. med., als auch zum Dr. phil.

Bekannt durch

das Möbius-Syndrom...

Er erkannte ein seltenes, angeborenes Syndrom, das sich durch eine beidseitige Lähmung der mimischen Gesichtsmuskulatur (Fazialisparese) äußert. Das nach ihm benannte Möbius-Syndrom äußert sich u.a. dadurch, dass die davon Betroffenen keine Mimik zeigen, wie erstarrt wirken und nicht lachen können.

 ...und sein Frauen-Pamphlet

 Vor allem bekannt aber wurde Paul Julius Möbius mit einem vielbeachteten Pamphlet, das er an der Schwelle zum 20. Jahrhundert an die Öffentlichkeit brachte: „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (Halle: Marhold 1900). Eigentlich waren es nur 24 Seiten, die er nach und nach durch die ihn erreichenden zustimmenden Briefe ergänzte. Zu dieser Zeit bediente er mit diesem Werk offensichtlich tiefsitzende Ängste.

Der "Schwachsinn" der Frauen sei eine für die Arterhaltung wichtige positive Eigenschaft, postulierte er, wohingegen Frauen, die sich wissenschaftlich oder künstlerisch betätigten,  eigentlich  "Entartungen" seien.

Frauen seien nicht zu intellektuellen Berufen befähigt. Zwar lernten sie gut, aber es fehle ihnen an eigener Kreativität, meinte der Forscher.

Zuviel Gehirn - zu wenig Geburten

Übermäßige Gehirntätigkeit sei ohnehin der Fortpflanzung nicht dienlich.Die weiblichen Geistesfähigkeiten reiche zwar etwa zur Erlernung der Medizin aus, aber nur für die weibliche Bestimmung untaugliche Frauen würden Ärztinnen werden wollen.

"Alles musste befreit werden, schließlich auch die Frau. Doch sie kann nicht die Aufgaben erfüllen, die die Natur an zwei Geschlechter verteilt hat." So endet das Werk, von dem mir einiges aus Debatten der Gegenwart gar nicht so fremd schien.

"Der Schwachsinn der Frauen" machte Möbius zum reichen Mann.Sein Vermögen stiftete er  für einen Preis. Mit dem Möbius-Preis wurden herausragende Wissenschaftler geehrt. 

Schöne Ironie

der Geschichte

Die Geschichte hält immer die schönste Ironie bereit. Denn zu den Geehrten gehörte im Jahre 1920 auch die Gehirnforscherin Cecile Vogt, geborene Mugnier.

Sie erhielt den Möbius-Preis gemeinsam mit ihrem Mann, dem Hirnforscher Oskar Vogt. Oskar Vogts Leben wird in Tilman Spenglers Roman Lenins Hirn beschrieben. Tatsächlich sezierte Vogt von 1925 bis Mitte 1927 das Gehirn  des Sowjetrevolutionärs.

Eine der wissenschaftlichen Aussagen von Cecile Vogt lautet: „Jedenfalls kann man auf Grund des heutigen Standes der Hirnforschung die Frau als solche von keinem Beruf ausschließen.“ Zu diesem Schluss kam sie im Jahre 1927. Möglicherweise hat sie der Möbius-Preis inspiriert, dessen Stifter so ganz andere Vorstellungen über das weiblichen Wesen hatte, zu dieser Frage einmal genauer zu forschen. Paul Julius Möbius müsste eigentlich  im Grabe rotiert haben.

Anmerkung: Diese schöne Anekdote erzählte die Historikerin Claudia von Gelieu www.frauentouren.de/ auf einer der Wiedereröffnungen unserer maßgeblich von ihr konzipierten Wanderausstellung: „...der Zukunft ein Stück voraus - Pankower Pionierinnen in Politik und Wissenschaft“. Demnächst wird sie in der Stadtbezirksbibliothek Berlin-Weißensee, Bizestraße 41 zu sehen sein.

Die Eröffnung ist am Dienstag, dem 7. Juni 2011 um 18 Uhr.

 

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 11.05.2011 um 11:45
"'Der Schwachsinn der Frauen' machte Möbius zum reichen Mann." - Da werden ein paar heutige Maskulisten, Pardon, Maskulinisten, vor Neid gelb werden.
KalleWirsch schrieb am 11.05.2011 um 12:25
Gerne gelesen. Vielen Dank.
jayne schrieb am 11.05.2011 um 12:52
ja, mit vorurteilen ließ sich schon damals geld wie heu machen ...
thinktankgirl schrieb am 11.05.2011 um 13:16
Und hier das Werk

Wobei die Argumentationsweise mancher weiblichen Antifemistin seiner Beschreibung recht nahe kommt ;-)

SCNR
Magda schrieb am 11.05.2011 um 15:34
Danke fürs Lesen.
Die Geschichte ist einfach zu schön, finde ich.

@ ttg - Danke für den Link. Ich habe mir das mal als Billigbuch gekauft. Auch ich denke, beim Freitag hat sich so ein Möbius-Nest verschanzt. :-))
luzieh.fair schrieb am 11.05.2011 um 16:09
Liebe Magda,

wie schön.

Gern gelesen, wenn auch nicht neu (also für mich)...ich hab da mal was rausgesucht und kopiere jetzt mich selbst, also aus einer von mir verfassten Hausarbeit.
Der Herr Möbius befand sich nämich in bester Gesellschaft.

"Max Runge wollte mit eben solchen Argumenten die Körper- und Geistesschwäche der Frauen biologisch begründen und beweisen, dass Frauen, für ein wissenschaftliches Studium, gänzlich ungeeignet seien. Durch die körperliche Schwäche der Frau entstehe laut Runge ein natürliches Bedürfnis nach Schutz, das nur durch den (stärkeren) Mann erfüllt werden könne. Besonders während der Menstruation, der Stillzeit und der Schwangerschaft sei dieses Schutzbedürfnis charakteristisch. Ebenso sei die Frau während dieser Zeit, in ihren ohnehin schon minder bemittelten geistigen Fähigkeiten, eingeschränkt. Der Beruf der Frau sei das Gebären und Aufziehen von Kindern, was sie soviel Energie kosten würde, dass kaum noch etwas für andere Tätigkeiten übrig bliebe. Das was Runge als natürlichen Beruf bezeichnet hat, sei eigentlich eine Berufung, denn Frauen, die sich freiwillig gegen die von der Natur vorgesehene Tätigkeit wenden, weil sie ledig bleiben, oder einer Erwerbsarbeit nachgehen wollen, seien äußerst anfällig für Nerven- und Geisteskrankheiten. Nur den Frauen, denen es aus gesundheitlichen Gründen nicht vergönnt ist, Kinder zu gebären gestand Runge eine, ihrer Rolle entsprechende, Arbeit zu. Er verortete diese Arbeit im Fürsorgebereich, denn nur die Arbeit für andere könne kinderlose Frauen über ihre Unzulänglichkeit hinwegtrösten. Ein weiteres Argument Runges gegen die gemeinsame Erziehung von Frauen und Männern an den höheren Schulen und Universitäten war die angeblich biologisch bedingte Brutalität des Mannes. Auch hier gehe es in erster Linie um Schutzbedürftigkeit, denn die Frau müsse vor der geschlechtlichen Rücksichtslosigkeit des Mannes geschützt werden."

Ein kleines Zitat von Herrn Runge:

„(…) meine Ansicht (…) beruht auf einer genauen Kenntnis der weiblichen Geschlechtseigenart, die ich mir als Frauenarzt erworben habe. (…) Das beste Weibsmaterial hat keinen Drang zur Halbmannhaftigkeit, sondern will Gattin und Mutter sein. (…)“
Das kommt aus diese Büchlein. www.archive.org/stream/dieakademischef02kircgoog#page/n132/mode/2up

Da hat der Herr Kirchhoff mal eine kleine schriftliche Umfrage zur Sicht gebildeter Herren, auf die Bildungswünsche der Frauen gemacht.
Die Antworten sind darin veröffentlicht worden und lassen den Schluss zu, dass es....geteilte Meinungen gab, der wissenschaftliche Diskurs, aber die Inferiorität "des Weibes" vorraussetzte.

Max Runge war "von 1888 bis 1909 Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Georg-August-Universität Göttingen." (wikipedia)

Liebe Grüße, Luzieh.
Columbus schrieb am 11.05.2011 um 16:59
Schön, diese kleine Geschichte von Misogynie und zähem Widerstand dagegen.

„Jedenfalls kann man auf Grund des heutigen Standes der Hirnforschung die Frau als solche von keinem Beruf ausschließen.“ - Daran hat sich neuerobiologisch nichts geändert.

Aber, ein Beiklang bleibt. Auch heute noch machen sich so manche Pastoral- und Moralneurologen auf die Suche, ob der Stand von 1927 nicht doch revidiert werden müsste.

Gruß
Christoph Leusch
Magda schrieb am 11.05.2011 um 17:03
@ Luzieh und Columbus - herrlich, schöne Ergänzungen.

Danke für Kommentare und Link dazu.
Neobe schrieb am 12.05.2011 um 01:28
@ Magda

war echt gut, ich muss gestehen so genau kannte ich Paul Möbius nicht. Und so manches in diesem Text lässt mich Kopfschüttelnt zurück und mit der Erkenntnis das es Heute manche genauso sagen, wie er.
War eine bereicherung.

Gruß Neo
archinaut schrieb am 12.05.2011 um 02:22
.... ach, das waren noch Zeiten:
reich werden mit 24 Seiten....
(Sarrazin musste 450 Seiten schreiben,
um reich zu werden !-))
h.yuren schrieb am 12.05.2011 um 09:16
liebe magda, als getaufte römerin und geschichtsbewusste nachdenkerin kennst du den club of rome der vatikanischen art und seine liebfrauenpolitik als eine ursache der möbiusthesen. die andere uralte quelle ist der biologismus, der sich durch darwin zu ungeahnten erfolgen gepuscht sah.
nach den statistiken haben erst die frauen der nächsten generation hoffnung auf ein ende der diskriminierung. aber wir wissen nicht sicher, ob in 20, 30 jahren die erde uns noch (er)trägt.
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