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Vielleicht ist das ja alles mein Problem. Aber, manchmal so in den Wochen der deutschen Einheitsfeierei muss ich auch mal regionalkritisch zurückgucken. Wenn hin und wieder genervte Stimmen erklingen, die meinen, es hätte sich ja eher der Osten nach dem Westen ausgebreitet mit einer Kanzlerin-Ost an der Spitze, dann kann ich nicht immer sagen, das sei ungerecht. Vor allem da sich die Anzeichen mehren, dass dahinter mehr als bloßes Ressentiment steckt.
Ich geniere mich falsch
wegen der Ekelliste
Manchmal geniere ich mich als Ossi. Aber manchmal an der falschen Stelle. Zum Beispiel wegen Pankows Ekelliste. Das ist so ein Projekt, an dem die deutsche Einheit jetzt vom Osten her vollzogen wird.
Seit einem Jahr gibt es sie – diese Ekelliste. Das ist eine Aktion der Veterinär- und Lebensmittelaufsicht Pankow. Und die kontrollieren die Gaststätten und auch die Imbissbuden und Fleischereien im Bezirk. Seit März des vergangenen Jahres gibt es das Smiley-System. Wenn gastronomische Einrichtungen bei Hygienekontrollen unangenehm auffallen, werden sie im Internet angeprangert. Und wenn es ganz schlimm ist, werden auch Fotos als abschreckende Beispiele veröffentlicht. Der zuständige Bezirksstadtrat Jens Holger Kirchner, eine tatkräftige Pionierleiter- (Ost) oder Herbergsvaternatur (West), hat damit ein Projekt, das eigentlich aus Dänemark kommt, übernommen, habe ich in der Presse nachgelesen. Sicherlich wollte man sich damit gegen Vorwürfe absichern, es könnte da so eine Ost-Mentalität zum Ausdruck kommen.
Jedenfalls waren die Fotos mit den vergammelten Tomaten und Pilzen ein gefundenes Fressen für alle Arten von Pranger-Journalismus. Aus Schimmel und Made wurden Topstories. Pankow bleibt sauber, so ungefähr. Es gibt natürlich - als pädagogischen Anreiz und Belohnung - ein Smiley für eine saubere Gaststätte. Es geht immer gerecht zu, liebe Kinder.
Ich dachte tatsächlich zuerst, das würde eine belächelte Aktion. So sind die nicht im Westen dachte ich. Die haben noch immer was Subversives und finden einen Beförderungserschleicher (Schwarzfahrer) noch immer nicht so schlimm und die veröffentlichen auch immer, wo geblitzt wird. Das wäre früher im Osten undenkbar gewesen. Kontrollen müssen unangekündigt und ohne Vorwarnung erfolgen.
Und nun das. Erst hat ganz Berlin sich begeistert für diese eklige Hygiene-Pranger-Idee, jetzt ist das Pankower Projekt schon bundesweit im Gerede. Lobend erwähnt man es und preist es.
Bei zuviel Hygiene
wird mir schlecht
Mit mir stimmt was nicht, mir wird bei zuviel Hygiene in Deutschland immer übel. Sofort. Gab es nicht Untersuchungen, die nachwiesen, dass die ostdeutschen Kinder weniger krankheitsanfällig waren, weil es kein „Sagrotan“ gab? Und jetzt sind diese Ost-Administratoren hygienebesessen, dass man sich erschreckt. Haben die denn kein Gefühl für Tradition? Man hatte sich doch einstzulande auch nicht so. Nun wollen sie Saubermänner und –frauen sein. Avantgarde an der Bazillenfront.
Und jetzt hat sich die Bundesministerin die Hygiene in Deutschland als Top-Thema vorgenommen und will deutschlandweite Richtlinien nach diesem Smiley-System einführen. Kann sie eigentlich gar nicht, denn diese Kontrollen sind Ländersache.
Die Mikrobe bibbert
im In- und Ausland
Wie soll das weitergehen? Von Pankow über ganz Berlin nach ganz Deutschland und in die Welt? Die Mikrobe bibbert. Wird demnächst vielleicht der Mangel an Hygiene in Gaststätten und Imbissbuden ein Grund, in ein fremdes Land einzumarschieren? Menschenrecht auf Sauberkeit? Nichts dagegen. Aber sie werden nur aktiv werden, wenn es sich um Gaststätten und Garküchen handelt, also um privat zu bezahlendes Essen. Sonst ist es ja wurscht. Beim Wasser, das noch kostenlos und knapp und saudreckig ist, schert sich niemand drum. Wenns eines Tages privatisiert ist, dann gibt’s bestimmt entsprechende Richtlinien, die kontrolliert werden. Und auch gleich noch Wasserkriege.
Die Politik ist richtig toll aktiv in diesen Zeiten. Raucherverbote, -gebote, und –ausnahmen. Hygieneregeln in Deutschland, die klinisch reine Oberhoheit über Kneipen- und Stehtischen.
Wie entsetzlich
gesund das alles ist
Ich glaube an die These, das ein gewisses Maß an Dreck den „Magen scheuert“, wie meine Mutter etwas derb meinte. Ich habe als Kind mal im Rinnstein eine tote Ratte gesehen und mich flugs niedergebeugt und die gestreichelt. Dass sich am Fenster gegenüber aufgeregte Stimmen meldeten, habe ich gar nicht bemerkt. Meine Mutter meinte dann, ich sollte mir zu Hause mal die Hände waschen, wäre besser. Mehr war nicht. Sie meinte auch, man soll das nach dem Toilettengang tun. Aber nach jedem, nicht nur einmal am Tage.
Mach ich auch immer. Aber, man sagt, die Muslime seien viel gründlicher und sauberer mit der Hygiene nach Verdauungsvorgängen. Hier in Deutschland sind sie da lässig und es gibt nicht mal ein Bidet. Das ist eine Sauerei, finde ich. Die Franzosen sollten hier mal einmarschieren und andere Sitten mitbringen.
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"und die veröffentlichen auch immer, wo geblitzt wird."
das allerdings ist eine unbedingt zu unterbindende Frechheit denjenigen gegenüber, die sich a.) aus reiner Höflichkeit und b.) auch ohne Sanktionsandrohung halbwegs an die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten halten, weil die nämlich begriffen haben, dass rasen neben Verkehrstoten und Verletzten auch Dreck und Lärm verursacht, welcher schlicht und ergreifend vielen städtischen Zeitgenossen gehörig auf die Nerven fällt ... mit dem Rest Deines Beitrages bin ich aber sehr einverstanden ;-) |
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Na, das mit dem Blitzen wäre aber im Osten nie und nimmer...
Danke für den Rest des Beitrags. :-)) Hygienische Grüße |
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Hygiene - das ist doch nur Symbolik, seit 400 Jahren. Es muss AUSSEHEN! Na gut, es darf auch nicht riechen, höchstens duften. Vor allem aber muss es glatt und hell aussehen. Dafür gab es vor 400 Jahren das Puder und heute Photoshop. Und nun Smileys.
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Hallo Magda:
Du willst wohl Sagrotan durch den kleinen sarkozy ersetzen. Du kannst ja bei Gelegenheit ein rechtes Herzchen sein: "Mach ich auch immer. Aber, man sagt, die Muslime seien viel gründlicher und sauberer mit der Hygiene nach Verdauungsvorgängen. Hier in Deutschland sind sie da lässig und es gibt nicht mal ein Bidet. Das ist eine Sauerei, finde ich. Die Franzosen sollten hier mal einmarschieren und andere Sitten mitbringen." Hier wird doch nur von Hygenie geschmilt oder nicht geschmilt , weil Niemand von Amtswegen wirklich das Personal Elend der Illegalen, Schein Legalen in der Gastronmie hierzulande schauen will. tschüss Jochen |
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Liebe Magda,
das mit der zuviel Hygiene sehe ich genauso wie Du. Gerne gelesen Toller Blog. Herzliche Grüße rr |
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Danke Magda. Ich finde auch, dass gegenüber den Mikroben Lockerheit angesagt ist. Man darf nicht vergessen, dass wir auf das Goodwill vieler Mikrobenstämme, die unsere Körper bewohnen, und da ihr nützliches Werk tun, angewiesen sind. Und wer weiß denn wirklich etwas über Mikrobensolidarität?. Ohne Magen und Darmflora wär das Leben jedenfalls nur halb so schön.
Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für einen brutalen (Sagrotan) wahngesteuerten Vernichtungsfeldzug gegen Mikroben – kann man wirklich mit dem "Fehlverhalten" Einiger die Vernichtung Aller rechtfertigen? Vollkommen unverständlich, das Schweigen der Tierschutzverbände. Küchen-Mikroben haben anscheinend keine Lobby. Dabei haben auch die Fiesen unter ihnen durchaus eine große medizinische Bedeutung – nämlich als Sparringspartner des menschlichen Abwehrsystems. Ohne Training verkümmert eine Abwehr genauso, wie ein Hirn oder Magen ohne interessante Herausforderungen. Für den Gesundheitsbewussten hier eine kleine Auswahl unterschiedlicher Mikroben-Heimstätten in Berliner Esslokalen. Wer sein Abwehrsystem stärken will.... |
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liebe Magda,
eine unentdeckte Seite an Dir: Die mit dem Mikroben tanzt ?-)) Vielen Dank für Deine Haltung bei diesem sehr deutschen Thema! Herzlichst archie |
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Also ne...oder nur ein bisschen ja.
Diese Aktion habe ich vor ein paar Jahren mal in einem Bericht im Fernsehen gesehen und hatte dabei durchaus ein kneifen in der Magengegend, wegen des Prangers. Andererseits hat jemand der ein Restaurant oder einen Imbiss eröffnet ein Verantwortung den Menschen gegenüber denen er die Nahrung verkauft. In den eigenen vier Wänden kennen sich die Bekochten und der oder die Bekochende. Das ist doch etwas anderes, wenn ich irgendwo in der Stadt bin und mir was über die Theke schieben lasse. Es handelt sich um Unternehmer und nicht um Privatmenschen und die Regeln sind für alle gleich. Bevor daran gespart wird, muss das Essen eben teurer werden, die Berliner sind da ohnehin verwöhnt :-) Die Geschichte mit dem Sagrotan heißt "Hygienehypothese" und ist bisher vor auch noch eine. Mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass der frühe Krippenbesuch mindestens genauso wichtige war, um das Immunsystem zu schulen. Niemand ist so schmutzig wie die anderen Kinder ;-) Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass der Frühe Kontakt mit Tieren vor Allergien schützt. Hygiene ist etwas für den richtigen Ort. Die Oberflächen sollen glänzen, damit man sicher sein kann, dass sich die Keime die dort sind nicht zu sehr vermehren. Denn in einem Schmierfilm feiern die eine riesen Party. Mittlerweile geht es eben um den Glanz um des Glanzes willen. Schimmelpilze sind nicht gut, nie. Höchstens ihre Produkte und die nur im Notfall. Der Pranger macht mir trotzdem noch Bauchschmerzen... |
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Oh ja, den Duschwahnsinn sollten wir auch nicht vergessen!
Ein Mensch, der den Abend vorm Fernseher und den Tag im wohlklimatisieren Büro zugebracht hat, darf natürlich keinesfalls am nächsten Morgen ungeduscht an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Schlimmer wäre ja nur noch, dieser Mensch wäre weiblich und seine Beine unrasiert! Grüße vom Brot |
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In Frankreich wird genug marschiert
in eine bedenkliche Richtung. Sollte wohl die deinstallierten Bidets auf ebay einstellen? Diese Pranger-Aktion ist der hilflose Versuch die vorgebliche Überwachung als effizient darzustellen. Was ich eher komisch fand war das bei jedem Besuch in Berlin am Prenzelberg ein Schlachter seinen Laden zu machte weil viele von ihnen die ständig steigenden Mietpreise nicht auf ihre guten "Fastfood" Bulettengerichte umlegen konnten. Die waren billiger als die Mac und Mac ist heute da. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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