Magda

Mal sehen

04.09.2011 | 18:11

Soldiner Kiezfest

Gestern war Straßenfest im Soldiner Kiez – in der Koloniestraße. Eine gute Freundin hat mich drauf aufmerksam gemacht. Der Soldiner Kiez liegt im Berliner Wedding. Er hatte eine Weile keine so gute Presse, ist aber schon was her. Inzwischen gibt’s dort ein gutes Quartiersmanagement.

www.deinkiez.de/Home.14.0.html

Auch ein Bürgerladen ist dort aktiv und der Verein „Kümmere Dich“. Also ging ich gucken.

Thilo Sarrazin ist Schuld

Es ist seltsam, dass mich ein gewisser Thilo Sarrazin sensibilisiert hat für manches Problem. Nur – eben leider nicht in dem finsteren Sinne, der sein Buch bestimmt. Ich will nicht so sein wie er, ich suche jetzt viel intensiver immer nach solchen Menschen und Beispielen, die ihn widerlegen.

Zum Beispiel freue ich mich an der stillen Heiterkeit der Damen vom Verein der Haci Bayram Moschee. Die saßen dort und bewachten ihre Kinder, die einen kleinen Wurfstand betrieben. Sie wollen für die notleidenden Afrikaner ein bisschen Geld sammeln. 

Ich hatte eine der Frauen - mit Kopftuch – nach der Bedeutung des kleinen Transparents gefragt. 

 

Ich freute mich – warum eigentlich - dass die natürlich ein Deutsch spricht wie ich.

Sarrazin ist verantwortlich für die Fälle von Positivdiskriminierung, die mir neuerdings unterlaufen. Denn, die Frauen, die ich dort sprach und von denen eine prima Kuchen und Tee verkaufte, sprechen alle wie ich. Und ich würde darüber gar kein Gewese machen, wenn ich nicht dauernd den Sarrazin mit seinem Kopftuchgerede im Hinterkopf hätte.

Es gab also Kuchen, es gab zu essen und mir fiel bei der Gelegenheit auf, dass die Vertreter der Moschee sich ungefähr genau so benehmen wie bei uns vielleicht der Pfarrgemeinderat. Sie wollen nett sein, sie wollen aber nicht das Gefühl erwecken, sie wollten missionieren, sondern einfach nur den besten Eindruck machen. Hilfsbereit und lächelnd informieren sie über die Moschee und über ihre Vorhaben. Dazwischen rappten –wie so oft – die lokalberühmten Kingz of Kiez

"Wir sind alle gleich Deutscher Pass oder nicht“.

Auch kleinere Jungs tanzten dort und die kleinen Mädchen hatten ebenfalls ihren Auftritt.

Was Süßes ist immer gut

Das ist ein Gedicht, dass die rastlos tätige Azize vom Verein “Kümmere Dich” geschrieben hat. Jetzt hängt es vor einem Haus in der Koloniestraße

Es ist keine „Heile Welt“ dort, es ist eine Welt, die sich immer wieder ändert. „Miteinander, nicht gegeneinander“ hat eine Vertreterin des Kiezlebens ihre Wünsche und ihre Motive genannt. Ich möchte so gern, dass das gelingt, aber nicht nur wegen Sarrazin.

Auf dem Rückweg sah ich das Plakat einer Partei, die behauptet „Unsere Frauen bleiben frei“. Und da ist nun alles drauf, was Sarrazin anbietet. Dass diese Partei von „Unseren Frauen“ spricht wie von Besitztümern, das ist wieder eine andere Geschichte.

Ich finde trotzdem, an solchen Kiezfest-Tagen kann man da Mut schöpfen.

 
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Kommentare
lucubro schrieb am 05.09.2011 um 09:10
schöner beitrag über vom öffentlichen diskurs gestauchte erwartungen. schön, dass ihnen der kuchen schmeckte, magda!
Magda schrieb am 05.09.2011 um 10:13
danke. :-))
h.yuren schrieb am 05.09.2011 um 09:58
liebe magda, die oberfläche hast du anschaulich beschrieben. die leute, die meisten, wollen ihr bisschen leben haben in frieden.
aber mit den worten moschee und parteiplakat machst du auch sichtbar, was irgendwo bedrohlich lauert.
der irrationalismus hierzulande erhält verstärkung aus der ecke der religion. die staatstragenden rückwärtsvertreter der christlichen parteien sind nicht amused, aber mitschuld an der verstärkung dessen, was hier seit gut tausend jahren für den muff unter den talaren gesorgt hat.
ex oriente lux ist historisch, genauer: welthistorisch ok. im augenblick aber kommt aus der ecke der welt kein bisschen licht. und die mit kerzen gern demonstrierenden hierzulande merken es nicht. o heiliger bimbam! der bappst steht schon vor der tür...
luzieh.fair schrieb am 05.09.2011 um 10:33
"Nur – eben leider nicht in dem finsteren Sinne, der sein Buch bestimmt"

Wieso denn leider?

Interessanter Mechanismus, den Du da beschreibst. Ich musste mir beim Lesen eingestehen, dass mir das nicht völlig unbekannt ist.
Ist ja aber auch klar: wenn Leute über andere Leute sagen, sie seien so oder so und machen dies und das (oder machen dies und das eben nicht) und dann geht man in die Welt (ins Leben) und stellt fest, was einem eigentlich die ganze Zeit klar war: alles Quatsch.
Das Leben Leben besteht nicht aus Statistiken, sondern aus Menschen (u.a. ;-) ).

*lg* Lu

ps. wg. "unsere Frauen": bleib da mal dran. Diese (andere) Geschichte würde ich auch gerne lesen.
Magda schrieb am 05.09.2011 um 11:24
@ h. yuren- "der bappst steht schon vor der tür..."
Da warten sie hier alle in Berlin auch schon drauf.

@ Lu - "leider" sollte ironisch sein. Bisschen schlampig formuliert. mit "unsere Frauen". Das ist eine Partei, sehr merkwürdiger Laden.
goedzak schrieb am 05.09.2011 um 11:19
Sarrazin? Ja, den Namen hab ich schon mal gehört. Und da soll es auch so ein Buch geben... Na, ich hab's nicht gelesen.
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