Magda

Mal sehen

18.04.2011 | 12:06

Stolpersteine

 Das Datum hat sich zufällig ergeben, aber mir erschien es sehr sinnreich, dass die frühjährliche Putzaktion für die Stolpersteine  rund um das Stadtteilzentrum am Teutoburger Platz am gestrigen Palmsonntag stattfand. Die 10 x 10 cm kleinen in die Steine eingelassenen Messingplatten sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig der sie in ganz Deutschland verlegt.

Überall dort, wo Menschen sichtbar an die Opfer der NS-Zeit erinnern wollen, sind sie zu finden. So auch in Berlin an vielen Stellen. Nur in München sind sie nicht erwünscht. Charlotte Knobloch, damals Präsidentin der lokalen Israelitischen Kultusgemeinde und des Zentralrats der Juden in Deutschland, befürchtete, dass Neonazis mit Springerstiefeln auf den Steinen herumtrampeln könnten oder Hunde sie beschmutzen. Über diese Entscheidung wird immer wieder kontrovers diskutiert. Auch in der Fernsehserie Lindenstraße spielte dies eine Rolle.

Da wo der Prenzlauer Berg an Berlin-Mitte stößt - zwischen Fehrbelliner, Choriner, Christinen- und Torstraße - wohnten einmal viele jüdische Familien, die in der Nazizeit verschleppt und ermordet wurden. Einen Stolperstein initiieren und finanzieren oft Hinterbliebene des Holocaust im Gedenken an ihre Familienmitglieder, Bewohner des Viertels, die sich an einstige jüdische Nachbarn erinnern. Und engagierte Bürger oder Wissenschaftler historische Forscher, wie Melitta Rheinheimer, die sich mit Familiengeschichten in der Gegen ausführlich beschäftigt hat und darüber interessant und lebhaft berichtet. Oder Schüler – wie demnächst vom John Lennon Gymnasium – bereiten die Stolpersteine mit vor sammeln für die Verlegung, forschen über das Schicksal derer, die sie mit ihrer Aktion ins Gedächtnis rufen wollen nach.

Der Frauenbeirat Pankow ist Stolperstein-Pate

Die Messingplatten dunkeln nach dem langen Winter nach, sie sind verschmutzt und fallen nicht mehr auf. Mit der Übernahme einer Patenschaft für die Steine ist darum die Verpflichtung verbunden, sie ein bisschen im Auge zu behalten und hin und wieder auch zu putzen. Das ist mit einem ganz normalen Haushaltsreiniger möglich. Die gestrige gemeinsame Putzaktionen begannen wir bei der Familie Ibermann in direkter Nachbarschaft des Stadtteilzentrums, das früher einmal ein jüdisches Kinderheim war.

Spannend war es in der Zolastraße, wo Steine für den Ökonomen Fritz Sternberg , den Juristen Hans Litten und den Schriftsteller Max Fürst gelegt sind.

Sie lebten hier und waren vielleicht ein Anlaufpunkt für Alfred Döblin, dessen Roman „Berlin Alexanderplatz“ gewissermaßen um die Ecke spielt. Auch ein Mann wie Bertolt Brecht könnte dort zu Gast gewesen sein. Als wir an unserem Stolperstein im Eckhaus Christinenstraße/Lottumstraße ankommen, treffen wir auf

Eva Nickel.

Es sind ihre Halbgeschwister Ruth und Brigitte Sussmann, derer hier an diesem Eingang gedacht wird. Sie waren noch klein, als ihre Mutter sie bei anderen Menschen versteckte, aber sie sie wurden verraten und deportiert.

 

Wir reinigen die Steine.

Eva Nickel sagte einmal, sie selbst würde das nie tun, denn es seien für sie zu schmerzliche Assoziationen damit verbunden.

Ich denke wieder an den Palmsonntag. Mir scheint es wie ein  protestierender Gegenentwurf zum christlichen Kreuzweg, dieses Wandern von Stolpersteinen zu Stolpersteinen. Ein nachhaltiges finsteres Erbe des Christentums ist der Antijudaismus, der Antisemitismus. Noch meine Mutter, die in der Nazizeit eingesperrt war, zitierte als gute Katholikin immer mal wieder entsprechende Textstellen aus dem Neuen Testament, die – wie sie meinte – die Schuld der Juden an Christi Tod belegten.

Die Nazis konnten an sehr gefestigten Feindbildern anknüpfen, als sie die Judenvernichtung zu ihrem Programm machten. Eva Nickel hat Recht. Sie hat die Steine initiiert, sie hält die Erinnerung an ihre ermordeten Familienmitglieder wach, sie berichtet über deren Schicksal. Die alltägliche Pflege ist nicht ihre Aufgabe, sie obliegt uns allen.

 
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Kommentare
Knüppel schrieb am 18.04.2011 um 13:14
Danke Magda!

Die Stolpersteine zeigen, dass die ermordeten Menschen zu uns gehör(t)en und dass zumindest ihre Namen nicht "ausgelöscht" wurden.

Gruß
Knüppel
KalleWirsch schrieb am 18.04.2011 um 13:45
Auch von mir vielen Dank für das Erinnern und dein Engagement.
luzieh.fair schrieb am 18.04.2011 um 23:10
Schließe mich an. Auch weil erinnern das einzige ist, was gegen das Vergessen hilft.
Und wenn sich die Menschen schon nicht mehr erinnern (können, weil es sie nicht mehr gibt), helfen Steine. Die halten.
archinaut schrieb am 19.04.2011 um 00:15
Gerne über Deinen Text gestolpert, liebe Magda,
das Stolperstein-Projekt ist sehr eindrucksvoll...

Vielen Dank für die Erinnerung!
Joachim Petrick schrieb am 19.04.2011 um 00:57
@Magda

eine gut Ideee, das mit den Patenschaften für Stolpersteine

Franz Ackers Stolperstein in Hamburg ist jetzt auch geputzt.

www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&BIO_ID=1401

Franz Acker Hamburg-Nord
Genslerstraße 16
geb. 1903
Franz Acker * 1903

Genslerstraße 16 (Hamburg-Nord, Barmbek-Nord)

KZ Oranienburg
ermordet 26.05.1943

Franz Josef Acker, geb. 18.10.1903, im Konzentrationslager Sachsenhausen-Oranien­burg am 26.5.1943 gestorben

Genslerstraße 16

Franz Acker stammte aus einer katholischen Familie. Er hatte zwei Brüder, Hermann und Heinrich, die in den zwanziger Jah­ren nach Nordamerika auswanderten. Mitte der zwanziger Jahre kam er in Ausübung seines Berufes als Koch, später Küchen­chef, nach Hamburg, wo er seine künftige Frau Lissi kennenlernte. Lissi, geboren am 25. April 1904, war die dritte von vier Töch­tern der in Barmbek lebenden jüdischen Fa­milie Kaufmann. Die beiden heirateten am 15.No­vember 1930 im Standesamt Barm­bek und wohnten zuerst bei Lissis ver­heirateter Schwester Margarete Meyer in der Habicht­straße, später in der Otto- Speck­ter-Straße, im Lambrechtsweg und in der Genslerstraße.

Vor der Hochzeit hatte Franz eine Anstellung als Küchenchef in Magdeburg angetreten, wo ein gemeinsames Leben ge­plant war. Möbel waren bereits bestellt, eine Wohnung hatte das Paar in Aussicht. Als Franz jedoch den Arbeitgeber um Hei­ratsurlaub bat und dieser von der jüdischen Abstammung der künftigen Ehefrau erfuhr, kam es zu einem Eklat, dem eine Be­endigung des Arbeits­ver­hält­nisses folgte. Erste Repressalien fanden also bereits 1930 statt. Franz kehrte entrüstet nach Hamburg zurück und fand eine An­stellung im damaligen Ernst-Merck-Hotel. 1933 wurde das erste Kind geboren. Auf Lissis Wunsch sollte der Junge Iwan heißen, nach einem von ihr sehr geschätzten Onkel, der als Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen war. Doch auf dem Stan­desamt forderte man vom Vater, einen deutschen Namen auszuwählen, sodass der Sohn den Namen Helmut erhielt.

Im Januar 1935 musste Franz die Arbeitsstelle wechseln, weil die Verwaltung in Hamburg eine neue Verordnung umgesetzt hatte, die den Ausschluss von Juden oder Ehepartnern von Juden aus Berufen und Ausbildungsgängen vorantreiben sollte. Franz durfte keine Lehrlinge mehr ausbilden. Die Gestapo forderte ihn auf, sich von seiner Frau zu trennen, selbst Lissi bot ihm diese Lösung an, doch für ihn kam nicht einmal eine Scheintrennung in Frage, weil ihm klar war, dass er damit die Sicherheit seiner Frau gefährden würde. Der Versuch eines Pfa­r­rers, Lissi zum Übertritt zum katholischen Glauben zu bewegen, wurde von ihr abgelehnt. Franz’ in den USA lebende Brüder boten an, sich für die Auswanderung der Familie nach Amerika einzusetzen, doch Lissi schreckte davor zurück, ihre Mutter zu verlassen.

Vom 21. Januar 1935 bis 30. Juni 1936 war Franz Acker im noch nicht zu Hamburg gehörenden Harburg im Gloria-Café als Küchenchef tätig. Wegen der weiten Anfahrten wünschte der neue Arbeitgeber einen Umzug nach Harburg. Eine Wohnung fand sich in der Wils­tor­fer Stra­ße. Zu dieser Zeit hingen an Geschäften bereits Schilder, dass Juden unerwünscht seien bzw. jüdische Geschäfte nicht betreten werden sollten. Es dauerte nicht lange, bis sich herumgesprochen hatte, dass Lissi Jüdin war. Sie selbst bekannte sich offen dazu, lehnte es auch ab, aus den zur Straße führenden Fens­tern ihrer Wohnung die Haken­kreuzfahnen zu hängen, was ihrem Mann erlaubt, ihr aber ver­boten gewesen wäre. Die Anfein­dun­gen führten zu einem weiteren Arbeitsplatz­wech­sel. Franz hatte ab Juli 1936 eine neue Stelle in Bremer­haven im Hotel Excelsior. Lissi und der kleine Sohn zogen mit ihm. Das Arbeits­verhältnis dauerte zwei Jahre an, in den Som­mermonaten 1937 wurde Franz in ei­nem wei­teren Hotel des Inhabers in Wes­ter­land auf Sylt eingesetzt. Doch die Repressalien holten die Familie auch in Bre­mer­haven ein, sodass erneut ein Umzug anstand. Der nächste Ort in dieser Odyssee war für Franz dann Köln, wo er von Juli bis September 1938 in der Restauration eines Aus­flugs­dampfers beschäftigt war, während Lissi mit dem Kind wieder in Hamburg lebte, weil der kleine Helmut sich nach einer Masernerkrankung nicht erholte und ein Kinderarzt starkes Heimweh diagnostiziert hatte. Tatsächlich ging es ihm gleich besser, als Großvater Kauf­mann die beiden am Hamburger Hauptbahnhof empfing. Nicht auszuschließen ist, dass auch Lissi selbst sich in eine vertraute Umgebung zurücksehnte, war sie doch die meiste Zeit allein mit dem Kind in fremder, oft feindseliger Umgebung. Überdies wird ihr die groteske Situation klar gewesen sein, in der ihr Mann als Ernährer der Familie bessere Arbeits­be­din­gungen hatte, wenn sie nicht in seiner Nähe war.

Lissis Eltern und zwei Schwestern waren 1938 in den Lambrechtsweg in Barmbek Nord gezogen, wo sich auch für Lissi und ihr Kind eine kleine Wohnung im Nachbarhaus fand. Im gleichen Jahr wurden Eltern und Schwestern durch Denunziation aus der Straße vertrieben und wichen in eine kleinere Wohnung im Bendixensweg aus, ein Grund für Lissi Acker, dort auch wegzuziehen. Ein für damalige Verhältnisse sehr toleranter Vermieter namens Oberländer, der sich über ihre jüdische Abstammung hinwegsetzte und klarmachte, dass sie für ihn zu­allererst Mensch sei, bot ihr eine Wohnung in der Genslerstraße 16 an.
Ab 1939 war der Mieterschutz für Juden per Erlass aufgehoben, doch auch vorher war es schon äußerst schwierig, Wohnungen zu finden.

In der Genslerstraße erlebte Lissi Acker auch positive Nachbarschaft, besonders hervorzuheben sind ihr zugegangene Warnungen vor der Pogromnacht am 9. November 1938. Durch einen benachbarten Polizisten erhielt sie geradezu eine Aufforderung, Verwandte im Stadt­teil Hoheluft zu warnen und zu sich zu holen, um sie vor Verhaftungen zu schützen.

Mit Kontrollbesuchen der Gestapo in dieser Zeit waren diverse Schikanen verbunden, so durfte der kleine Helmut seinen Hund nicht behalten. Eine kostbare Bücher- sowie eine wertvolle Briefmarkensammlung des abwesenden Franz wurden beschlagnahmt. Die Absurdität der Verordnungen gipfelte darin, dass Lissi als Jüdin kein eigenes Radio nutzen durfte, während Sohn und Ehemann in der gleichen Wohnung ein Radio besitzen konnten.

Helmut Acker besuchte ab 1940 die Schule Genslerstraße, Ecke Rübenkamp. Eines Tages kam er weinend nach Hause, weil er von der Lehrerin bestraft worden war wegen seiner Äu­ßerung, sein Großvater habe als Soldat im Ersten Weltkrieg ein Eisernes Kreuz erhalten und sein Onkel sei als Soldat gefallen. Die Lehrerin hatte ihn der Lüge bezichtigt, angeblich habe es keine jüdischen Soldaten gegeben. Von Lissi zur Rede gestellt, gab sie später zu, selbst Angst um ihren Arbeitsplatz gehabt zu haben.

Unterdessen hatte Franz von Oktober 1938 bis August 1939 eine Tätigkeit in Saarbrücken aus­geübt, im Café Kiefer, und sah die Familie nur selten. Der Weg nach Hamburg war weit, sicher hatte ihn die Frage beunruhigt, ob seine ständige Abwesenheit Frau und Kind trotz sogenannter privilegierter Mischehe gefährdete. Er wird von der Vertreibung der Schwie­ger­eltern und Schwägerinnen gehört haben, die auch im Bendixensweg nicht bleiben durften und inzwischen in einer jüdischen Stiftswohnung in der Bogenstraße untergekommen waren. Mit Hilfe alter Kontakte in Hamburg gelang es, ab August 1939 einen neuen und dauer­haf­teren Ar­beits­platz im Hotel Königstadt in Berlin-Potsdam zu bekommen. Besuche zu Hause konnten nun öfter stattfinden, gab es doch mit dem "fliegenden Hamburger" eine schnelle Zug­­ver­bin­dung zwischen Hamburg und Berlin. Auch finanziell war es vielleicht lukrativer, denn Franz sparte, um sich eines Tages den Wunsch eines selbstständigen Betriebes erfüllen zu können.

Die Sorge um die Familie wuchs, es gab weitere Schikanen gegenüber Juden, immer schärfere Gesetze und Verordnungen. Ab 1941 dann die Deportationen deutscher Jüdinnen und Juden, 1942 waren Lissis Angehörige verschleppt worden, die Schwestern am 11. Juli nach Auschwitz, der Vater eine Woche später am 17. Juli nach Theresienstadt, ihre geliebte Mutter ver­starb kurz darauf im Krankenhaus. Bei seiner Arbeit in einem Hotel in Hauptstadtnähe wird Franz Möglichkeiten gefunden haben, sich über aktuelle Nachrichten ein Bild zu ma­chen von den Zuständen im Land.

Im Januar 1943 besuchte Franz Acker Frau und Sohn, er sprach mit Lissi über seinen Wunsch nach einem zweiten Kind. Sohn Helmut war nun bald zehn Jahre alt, vielleicht blieb ein weiterer Kinderwunsch bisher wegen der beruflichen Unsicherheiten und zeitlichen Un­wäg­barkeiten zurückgestellt, nun aber schien er einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Außerdem glaubte Franz, ein weiteres Kind könne Frau und Sohn zusätzlichen Schutz vor Verfolgung bie­ten. Zurück in Potsdam legte Franz Acker wenig später in seiner offenen Art einem Kü­chen­­jungen nahe, sich "lieber für seine Ausbildung zu interessieren, statt seine Freizeit bei den Mördern (HJ) zu verbringen". Die Gestapo verhaftete ihn am 13. Februar 1943 aus der Küche heraus, man brachte ihn am 13. Februar 1943 in das KZ Sachsenhausen, Oranienburg.

Lissi Acker bekam zunächst keine Nachricht und wartete auf das dringend benötigte Haus­haltsgeld. Erst bei einem Anruf in Potsdam erfuhr sie vom Inhaber des Hotels von der Ver­haf­tung ihres Mannes. Nach Wochen bekam sie die erste Postkarte von ihm, datiert bereits am 21. Fe­bruar. Insgesamt existieren vier zensierte Karten, die Lissi bis Mitte des Jahres von ihrem Mann erhielt, als bereits sicher war, dass sein Wunsch nach einem zweiten Kind sich erfüllen würde. Sie hatte kaum Geld und wusste nicht weiter, bis eine Bekannte für sie nach Potsdam fuhr, um Franz’ Sachen aus dem Hotel zu holen, zu denen auch ein Sparbuch über 6000 RM gehörte. Als Jüdin hätte sie Ersparnisse anmelden und mit einer Sicherungsanordnung rechnen müssen, doch es ergab sich eine Möglichkeit, dieses Sparbuch bis Kriegsende in der Schweiz zu deponieren.

Franz starb laut Sterbeurkunde am 26. Mai 1943 um 5:30 Uhr, ausgestellt vom Standesamt Oranienburg II am 16. Juni 1943, die Umstände sind unklar. Lissi bekam eine Vorladung zur Gestapo in der ABC-Straße, wo sie und andere Betroffene sich regelmäßig zu melden hatten. Diesmal ging sie in Begleitung des jüdischen Rechtsanwalts Plaut, mit dem ihre Familie gut bekannt war. Man teilte ihr den Tod ihres Mannes mit und erklärte, die Todesursache sei eine angebliche Krebserkrankung gewesen. Im Juni erhielt sie ein Paket mit verschimmelten Le­bensmitteln zurück, die sie ihm geschickt und die man ihm offensichtlich nicht ausgehändigt hatte. Die Lebensmittel stammten von verschiedenen Geschäftsleuten in Barmbek, die Lissi und ihre Familie kannten und ihr illegal hin und wieder Nahrungsmittel zusteckten, die sie offiziell als Jüdin nicht hätte bekommen dürfen. In einem weiteren Paket wurden ihr Franz’ Kleidungsstücke zugestellt, seine Wäsche mit Blut und Eiter verschmutzt.

Das Haus Genslerstraße 16, in dem Lissi – inzwischen hochschwanger – und ihr nun zehnjähriger Sohn Helmut wohnten, wurde Ende Juli 1943 während der "Operation Gomorrha" aus­gebombt, selbst ihre Koffer kamen durch Diebstahl abhanden, als der aufgesuchte Keller wegen Gefahr geräumt werden musste. Mit Hilfe anderer Bombenflüchtlinge gelangten sie und ihr Sohn in den Ort Brunau, wo sie allerdings fast verhungerten, da Lissi sich als Jüdin identifizieren musste und vom Bauern, bei dem ihnen eine Unterkunft zugewiesen wurde, schlecht behandelt wurden. Lissi erinnerte sich später, dass Helmut zu ihr sagte: "Mutti, lass uns lieber in die Trümmer zurückkehren und da sterben."

Nach der Rückkehr im September 1943 lebten sie übergangsweise unter ärmsten Bedin­gun­gen in kleinen Zimmern zur Untermiete am Klosterstern, in der Hartungstraße, schließlich in einem "Judenhaus" in der Rutschbahn, wo in einer großen Wohnung fünf Familien untergebracht waren. Helmut war zusammen mit einem älteren Cousin beim Bergen von Leichen aus Trümmergrundstücken in der Grindelallee beteiligt, erinnerte sich Lissi später.

Im Oktober 1943 kam ihre Tochter Eva Maria im Jüdischen Notkrankenhaus in der Schäfer­kamps­allee zur Welt, als der Vater des Kindes bereits fünf Monate tot war. Noch im Kran­ken­haus bestand für Lissi die Gefahr einer Verhaftung, weil sie ihren Zwangsnamen Sara nicht auf die Geburtsanzeige geschrieben hatte. Zusammen mit einem anderen Patienten wartete sie auf den Abtransport, es war der jüdische Filmregisseur Walter Koppel, der ihr sagte, sie möge sich um Hilfe an ihn wenden, falls sie beide überleben sollten. Der Abtransport fand nicht statt, vielleicht wegen eines Fliegeralarms, der Grund blieb unklar. Lissi äußerte später in ei­nem Interview, sie habe es nicht über sich gebracht, das Angebot Koppels wahrzunehmen.

Außer 64 RM Waisenrente pro Kind erhielt Lissi Acker keine Unterstützung. Nur mit Hilfe von Bekannten und Freunden, darunter ehemalige Nachbarn aus der Genslerstraße, bekam sie die Babyausstattung zusammen. In ihrer Erinnerung hatte sie große Angst um die Kinder, sprach von Anfeindungen, aber oft auch von Hilfe aus der Nachbarschaft. Nach dem Krieg lag ihr viel daran, in die Barmbeker Gegend zurückzukehren. Sie fand zunächst eine Woh­nung für sich und die Kinder in der Meister-Francke-Straße, fühlte sich aber dort nicht wohl. Ihr größter Wunsch war, wieder in die Genslerstraße zurückzukehren, die Jahre dort und die erlebte gute Nachbarschaft bedeuteten für sie Heimat. Nach weiteren Wohnungswechseln – in einer Zeit der Wohnungsnot – gelang eines Tages die Rückkehr, Lissi Acker wohnte dort bis zu ihrem Tod 1991.

Lissi und die Kinder haben Krieg und "Drittes Reich" überlebt, der Deportationsbefehl für jü­dische Frauen aus "Mischehen" im Februar 1945 erreichte sie nicht. Für alle Fälle war sie immer gewappnet, ein Arzt hatte ihr ein sicheres Mittel gegeben, das sie stets bei sich trug und mit dem sie im Ernstfall ihrem Le­ben ein Ende hätte setzen können.

Aber die Zeit hatte tiefe Spuren hinterlassen. Lissis Ehemann und ihre gesamte Familie – Schwes­tern, Eltern, weitere Verwandte – waren dem Naziregime zum Opfer gefallen, sie litt an Angina Pectoris sowie einer chronischen Gallenerkrankung. Ab 1954 bezog sie eine kleine Arbeitsunfähigkeitsrente. Behör­den­be­suche und der Kampf um Entschädi­gungs­leis­tun­gen raubten ihr die Kraft und verursachten Koliken, sie hatte mehrfach lieber Verzicht geübt als sich diesen Torturen auszusetzen. Helmut kränkelte schon mit 14 Jahren, erlitt in seinem Le­ben verschiedene Herz- und andere Operationen und wurde nur 64 Jahre alt. Mutter und Sohn litten zeitlebens an Schlafstörungen, nächtliche Schritte im Trep­pen­haus weckten Erin­ne­­rungen an Gestapobesuche. Tochter Eva, Ende 1943 geboren und auf­gewachsen mit trauma­tisierter Mutter und Bruder, ohne weitere nahe Verwandte, hat oft erlebt, wie beide aus Selbstschutz verstummten, wenn es um die NS-Zeit ging. Viele Fragen hat sie vergeblich oder aus Rücksicht gar nicht gestellt und sich allein auf die Suche nach Ant­worten begeben müssen.

© Eva Acker/Erika Draeger

Quellen: 1; StaHH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 25.04.04 Acker, Lissi; Interview mit Lissi Acker, Dez. 1990, Geschichtswerkstatt Barmbek; Arbeitsbuch Franz Acker, geführt 1918 bis 1943; VVN; IGdJ: Das jüdische Hamburg, S. 206f; Meyer: Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden, S. 48, S. 79ff, S. 206.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.
Steffen Kraft schrieb am 19.04.2011 um 10:14
Vielen Dank für den Beitrag. Im Freitag gab es übrigens vor nicht allzu langer Zeit eine Seite 3 über Gunter Demnig und seine Arbeit:

www.freitag.de/1106-die-last-der-stolpersteine
Joachim Petrick schrieb am 19.04.2011 um 16:02
Magda schrieb am 19.04.2011 um 13:58
Hallo,
danke für Kommentare und Ergänzungen an alle und auch für den Link.
goedzak schrieb am 22.04.2011 um 23:26
In dem Video hier sagt Denning, dass er auf die Steine kam, weil die meisten Hausbesitzer es ablehnten, Gedenktafeln an ihren Häusern zuzulassen.

Magda schrieb am 23.04.2011 um 10:35
Das kann durchaus sein. Und manche wollen die Steine auch nicht vor dem Haus, aber da können sie wenig machen.
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