Magda

Mal sehen

30.12.2011 | 22:25

Tagebuchlektüre und Tagebucheintrag

 

Noch einmal überregionale Berichterstattung über Johannes Heesters. Diesmal die Beerdigung in München. Es scheint von den öffentlich-rechtlichen Medien für sinnstiftend gehalten zu werden, auch darüber noch zu berichten.

Vielleicht weil Heesters so viel Identifikations-,Entlastungs-und Trostpotential in sich vereinigt. Dieses Methusalem-Alter. Es muss nicht das Elend nachlassender Kräfte sein, es kann auch sein wie bei ihm: Mit Frohsinn und einer Aufgabe bis ans Ende, mit einer viele Jahre jüngeren Frau, mit Beifall und einem weißen Schal, der keine Kapitulation bedeutet. Und am Ende konnte man immer ins Maxim gehen.

Gerade weil er ein Niederländer war, kann man mit Erleichterung oder Genugtuung an ihn denken. Auch die waren also nicht nur Widerständler, sondern auch Angepasste und manche Kollaborateure. Alles menschlich, alles Kunst und Operette.

Ich lese gerade die so umstrittenen Tagebücher von Fritz J. Raddatz 1982-2001. Er räsoniert Mitte der 80er Jahre: „Nachmittags weiter Lektüre im Giordano-Buch („Die zweite Schuld“ – M.) das mich sehr aufregt. ALLE seine Thesen sind richtig, entsprechend genau meiner Haltung und Überzeugung: NICHTS wurde wirklich aus den Köpfen und aus den Apparaten schon gar nicht ausgeräumt nach 1945. Das Land ist INNEN – und auch technisch – dasselbe geblieben.“

Dann schildert er eine Szene bei seinem Metzger, der uralte polnische Klischees aufwärmt: Die Polen seien schon immer „so“ (also dreckig und faul ) gewesen. Und dann klagt der Metzger darüber, dass auch andere Völker Kriege führten und dann kommt „Dresden“ und so weiter Und die Deutschen seien eben fleißig und - auf den Einwand Marshallplan - meint er sofort, sie wären auch ohne den vorangekommen.

Raddatz schreibt das gnadenlos, er ist ein Linker, aber einige Jahre später wird er in einem perfiden Beitrag seine "Trauer und Enttäuschung" über Christa Wolfs kurze Stasi-Kontakte bekunden. Da ist es wichtig, die linke Attitüde abzustreifen und wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Immerhin: Er dokumentiert es in seinem Tagebuch.

Christa Wolfs Beerdigung wurde überregional nicht beachtet –vielleicht ist das auch gut so. Ralph Giordano findet inzwischen Sarrazins Thesen durchaus richtig.

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
kay.kloetzer schrieb am 30.12.2011 um 23:35
oh, magda, danke für all diese zusammenhänge, die so gar nicht erfreulich sind. und umso wichtiger. einspruch nur: christa wolfs beerdigung wurde hier und da doch überregional beachtet. dass im aktuellen Spiegel unter der überschrift "Düsteres Licht" feist bejammer wird, es seien nur 300 menschen gekommen, wärend bei heiner müllers beisetzung noch rund 2000 gekommen seien, lässt mir erneut den kamm schwellen. zumal tellkamp und ruge als buchpreisträger ins feld geführt werden (paron für die militär-sprache), um zu dem schluss zu kommen: "So kommt die DDR wenigstens noch einmal zu Bestsellerehren." das ist in einer weisefeige und auch zynisch und billiges nachtreten zumal, dass mich geringeres kaum überraschen kann. wütend macht es dennoch.

Du schreibst zu heesters: "Gerade weil er ein Niederländer war, kann man mit Erleichterung oder Genugtuung an ihn denken. Auch die waren also nicht nur Widerständler, sondern auch Angepasste und manche Kollaborateure. Alles menschlich, alles Kunst und Operette." - und die niederländer sind da aufrichtiger, sie tun sich schwer mit der trauer, so wie sie sich schwertaten, heesters im land zu feiern.
Magda schrieb am 30.12.2011 um 23:45
@ kay.kloetzer - ich meinte nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Hier in Berlin hats der rbb natürlich gebracht, aber zdf und ard nicht, soweit ich das beobachtet habe.

Den Spiegel-Beitrag habe ich mir noch gar nicht angesehen Danke Dir.

Übrigens der Raddatz liest sich sehr spannend trotz all der Widersprüche. Sein damaliger Beitrag über Wolf ist auch im Netz nicht mehr zu finden.

Gruß
kay.kloetzer schrieb am 31.12.2011 um 00:05
ich war überrascht bis überwältigt, wie die agenturen auf den tod christa wolfs reagiert haben. natürlich auch hilflos, aber offensichtlich in der ahnung, dass es um eine große geht.
dass allerdings auch wir müde werden, uns und unser denker zur verteidigen, schützen, zu begleiten - da ist auch was dran. aber es ist kein anlass für triumph (der aus den Spiegel-zeilen spricht), sondern anlass zur sorge. wie frau dahn (?) schrieb: wehe dem sieger!
Magda schrieb am 31.12.2011 um 11:01
Mir gings um Folgendes: Der Tod von Christa Wolf wurde - natürlich - überregional berichtet.

Mir gings allein um die Beerdigung. Das war ganz deutlich, dass dies nicht mehr so breit berichtet werden sollte. Ich wüsste nebenher gern manchmal, wer bei solchen Sachen die Order ausgibt. War ganz auffällig.
goedzak schrieb am 31.12.2011 um 00:37
Es gibt auch viel Lästerei über solche Mumien wie Heesters, ganz ist das Plebejertum noch nicht verschwunden, irgendwo versteckt existiert der Witz der Subalternen noch.
Von den Haupt- und Staatsmedien ist wohl nix mehr zu erwarten
archinaut schrieb am 31.12.2011 um 04:13
Liebe Magda,
schreib weiter, wie Du bist,
auch im neuen Jahr 2012!

Danke
archie
poor on ruhr schrieb am 01.01.2012 um 21:30
Diesem Wunsch des archinauten schließe ich mich gerne an! :)
born2bmild schrieb am 31.12.2011 um 09:02
Günter Gaus war Anfang der 1970er Chefredakteur des Spiegel. Während dieser Zeit schrieb Eff Jott Raddatz ab und an für's Blatt.
Im Freitag 11/1999 las ich von Gaus:
www.freitag.de/1999/11/99110301.htm">Die Kraft der Hauptsätze - Zum 70. Geburtstag von Christa Wolf.
Daraus:
"Ich weiß von einigen westdeutschen Feuilletonisten, gegenüber welchen politischen Zumutungen sie in Redaktionskonferenzen, vor größerer Öffentlichkeit ohnehin, geschwiegen haben, gekuscht. Diesem Mangel an Zivilcourage entsprach die Eilfertigkeit, mit der sie, als der Wind so wehte, die Schriftstellerin Wolf monatelang an den Aktenpranger stellten und ihr Anpassung und unstatthaftes Stillschweigen in der DDR vorwarfen."
tlacuache schrieb am 31.12.2011 um 09:21
born2bmild schrieb am 31.12.2011 um 09:02

So was nennt man dann wohl "Elefantengedächnis"
Chapeau !
Magda schrieb am 31.12.2011 um 11:06
Danke nochmal an die Kommentatoren:

@ goedzak - ich habe noch nicht mal was gegen den Heesters. Der hat eben seinen Kram gemacht, ich will da gar nicht moralisieren. Aber, der Umgang mit ihm aber jetzt hatte was so entlarvend-typisches.

@ archie - mach ich, ich schreibe weiter, obwohl es nicht immer mehr Spaß macht.

@ born2bmild - ja, der Gaus, der hat das wirklich noch mal alles beim Namen genannt.

Allen Euch wünsche ich ein Frohes Neues Jahr
archinaut schrieb am 01.01.2012 um 21:45
Aber liebe Magda,
die Spaßgesellschaft ist aus,
jetzt wird's ernst....
poor on ruhr schrieb am 01.01.2012 um 21:52
:) ...aber bitte nicht zu sehr. :)
Magda schrieb am 01.01.2012 um 22:27
"die Spaßgesellschaft ist aus,
jetzt wird's ernst...."

Hilfe, archie, mach mir keine Angst. Andererseits - wir haben nicht viel zu verlieren. :-))
archinaut schrieb am 01.01.2012 um 22:35
.... hat Frau Merkel nicht so was ähnliches gesagt ?-))
Magda schrieb am 01.01.2012 um 22:41
Genau, der hab ich das doch eingeflüstert.
Angie habe ich gesagt, denk an das Proletariat, das auch nichts zu verlieren hat... usw. Das hat sie dann gleich eingesehen.
archinaut schrieb am 01.01.2012 um 23:57
Du.....
bist die Merkelflüsterin?
Hab ich mir doch längst gedacht!
Magda
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 14 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.05.2012
Status:
Publizistin
Aktivität:
Beiträge: 567
Kommentare: 9344
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
22:45
anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:44
ideefix hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:43
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:42
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:41
luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG