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Als ich die Überlegungen über meine Begegnungen mit ausländischen Gästen, mit „Fremden“ in der DDR noch einmal ansah, fiel mir auf: Es kommen nur Männer vor.Es gab natürlich auch Frauen - ausländische Lehrkräfte zum Beispiel.
Unter den später hier lebenden vietnamesischen Gastarbeitern waren sowohl Männer als Frauen. Auf den Frauen lastete die Verpflichtung, in der DDR nicht schwanger zu werden. Wurden sie es, dann drohte die Heimreise. Den Männern, die beteiligt waren an der Schwangerschaft, drohte nichts. Auch unter den kubanischen Gastarbeitern waren Frauen.
Aber es bleibt doch der Eindruck vom männlich geprägten Bild.
Wenn Männer – wie so oft in der Welt – losgehen oder gehen müssen, um anderswo ihr Glück zu versuchen, dann sind sie erst einmal eine Weile allein in einer fremden Kultur. Manchmal nutzen sie die – vielleicht als unerhört empfundenen neuen Freiheiten – ganz gern aus. Aber sie werden nicht gefordert, etwas zu bewahren, eine Familie zusammenzuhalten, die Ihren zu schützen.
Sie heiraten manchmal einheimische Frauen und dann sind sie eben „integriert“.
Mit Volksgruppen, bei denen nicht nur die Männer, sondern ganze Familien herkommen, muss sich das einfach ändern. Sie übernehmen dann - wie ich mir vorstelle – eine weit höhere Verantwortung, fühlen sich auch schutzloser in dieser Gesellschaft, weil sie ihnen ständig klar macht, dass es auf sie nun nicht mehr so sehr ankommt, nimmt ihnen damit einen Teil der Würde und mindert den Respekt.
Und natürlich ziehen – wenn Familien hier leben- auch die Vorstellungen über die Rolle der Frau mit. Und das kann man nicht einfach so abtun. Sie kommen in eine Welt, die aus ihrer Sicht eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gemeinschaft bedeutet.
Wahrnehmung seitenverkehrt
Merkwürdigerweise kommen mir manche Phänomene der Gegenwart wie seitenverkehrt zu meinen eigenen Wahrnehmungen aus der DDR-Zeit vor: Was ich in DDR-Zeiten als sexuelle Selbstbestimmung erlebt habe, wurde – wie ich angedeutet habe – von „Fremden“ als „Verfügbarkeit“ interpretiert.
Diese grenzenlose Verfügbarkeit scheint in der gegenwärtigen Öffentlichkeit eine alles dominierende Sicht zu sein. Wie ein Sexualwissenschaftler aus der DDR formulierte: Zur körperlichen Freiheit und Befreiung, wie ihn die FKK-Strände der DDR symbolisierten, kam nach der Wende ein pornographischer, taxierender, vereinnahmender und ausgrenzender Blick.
Der mediale Zugriff auf den weiblichen Körper ist total und hat was brutales. Vor kurzem sah ich im Wedding eine ältere Türkin in der Straßenbahn, deren Blick auf eine sehr freizügige provozierende Werbung fiel. Männerhand breit auf nacktem Frauenbusen. Sie wandte sich geärgert ab und hatte meine volle Solidarität. Ich kann das auch nicht mehr sehen und ich denke mir auch andauernd, was müssen junge Leute denken über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, wenn sie darauf blicken.
Neben dem sexuellen Kitzel wird ein überall ins Auge fallende, um nicht zu sagen „stechender“ öffentlicher Zugriff auf den Frauenkörper sicher auch von Männern als bedrohlich erlebt, die ein traditionelles Frauenbild haben. Und das sind nun wirklich nicht nur die Männer aus der Türkei.
Die versuchen diese Kränkung zu mildern, indem sie Regeln aufstellen, die Tradition und die Religion dafür „anrufen“ und so diesen Anspruch zu festigen.
Und nun kommt das Kopftuch.
Das Kopftuch ist nicht unbedeutend. Wäre es das, dann wäre die Auseinandersetzung darum nicht so heftig.
www.freitag.de/community/blogs/i-d-a--liszt/anruehrende-beobachtung
Und der Rückgriff auf die Kopftuchzeiten der Nachkriegszeit kommt mir naiv-rührend vor. Soll es dahin zurückgehen? Auch mit den Frauenrechten? Aber immerhin fiel mir ein: Den Frauen war es schon immer aufgetragen Traditionen einzuhalten, während Männer sich leicht umtun durften in einer ihnen fremden Welt. Und ganz sicher ist es für manche Männer eine existenzielle Kränkung, wenn sich Frauen in ähnlicher Weise in diese Welt hinein begeben, stelle ich mir vor. Das schafft die – von den Medien freudig aufgegriffenen - Tragödien.
Für Frauen scheinen „Zugehörigkeiten“ wichtiger, als radikale Entfernung von der Familie, der Gemeinschaft, der Tradition. Für diese Zugehörigkeit ist das Kopftuch ein Symbol – neben vielen anderen. Und es ist auch kein eindeutiges Symbol.
Frauen mit feministisch-frauenrechtlerischem Hintergrund tragen es auch, um ihre Nichtverfügbarkeit in einer Gesellschaft totaler Verfügbarkeit zu zeigen. Ich kenne Frauen in der Projekteszene, die tragen es, weil sie nicht mit den Traditionen ihrer Gemeinschaft brechen wollen. Warum auch: das wäre ganz unklug, weil sie die Frauen dann gar nicht erreichen würden. Andere finden es eine gute Gewohnheit und nehmen sich die Freiheit, sie weiter zu pflegen diese liebe Gewohnheit. Die religiösen Argumente bieten immer das allgemeine Fundament.
Man kann einer Männerwelt – und das ist keineswegs nur die Welt des Islam – nicht aufzwingen, brachial bestimmte Sichtweisen zu ändern, das haben die Frauen längst erkannt.
Das ging in der DDR, weil man vieles einfach verordnen konnte, weil sich die Menschen daran gewöhnt hatten und irgendwann auch verinnerlicht. So haben sich auch die Geschlechterverhältnisse gewandelt, bis in die siebziger Jahre ohne große Diskurse.
In der Sowjetunion gab es formale Gleichberechtigung und totale Gleichbelastung beider Geschlechter, eine fürchterliche Prüderie und Doppelmoral. In Afghanistan ist nach der „Revolution“ und dem Einmarsch der Russen auch eine Aktion gegen das Tragen der Burka in Gang gesetzt worden. Das hat am Ende die Männer nur aufgebracht und sie nicht für die Neuzeit begeistert.
Eines aber wissen alle Frauen, die sich damit auseinandersetzen: Sie sind die Objekte, wenn es darum geht Machtverhältnisse zu bestimmten, aber mitreden sollen sie nicht.
Frauen waren immer subversiv
Frauen aber waren immer – im besten Sinne – subversiv. Die Dinge ändern, Akzeptanz erreichen, das kann doch nur gehen, wenn man vorsichtig alle mitnimmt. Die Kopftuchdebatten der sehr radikalen Feministinnen gehen ins Leere, sie schaffen eher neue Bündnisse zwischen Männern, ganz gleich welcher Gemeinschaft sie angehören, aus welchen Ländern sie kommen.
Man kann nur versuchen, Akzeptanz für bestimmte Veränderungen der Frauenrolle auch bei Männern zu erreichen, indem man nicht alles, aber auch alles infrage stellt.
Ein Gegeneinander geht in dem Falle nicht.
Und die Männer: Die müssen ertragen lernen, dass Frauen sich zunehmend selbst artikulieren. Es weckt Unmut, wenn sie über Frauen reden statt sie zu Wort kommen zu lassen.
Ich selbst mag diese Kopftücher nicht so gern. Sie sehen nicht immer kleidsam aus. Ich finde, sie bürden Frauen auch die Last auf, ihre Zugehörigkeit zu zeigen, während Männer unbelastet überall eintauchen können ohne erkannt zu werden so wie ich früher immer gekränkt war, wenn mein Bruder irgendwohin verschwand und mich nicht mitnahm. Aber ich sehe auch: Es kommt auf mich nicht an.
Auf die Frauen aber kommt es an. Es ist ihre Sache, wie sie mit bestimmten Regeln, bitteschön auch Zwängen und Verpflichtungen umgehen. Sie sollten entscheiden – in klugem Aushandeln mit den Männern. Ich kann von außen niemanden befreien, zwingen, überzeugen. Doppelmoral lässt sich mit der Moralkeule nicht zerschlagen.
Ich finde nach wie vor einen Hut praktisch. Mehr nicht.
Karl Marx: „Der Fortschritt einer Gesellschaft lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung der Frauen.“
Und Christa Wolf: „Wie können die Frauen befreit sein, wenn nicht alle Menschen es sind.“
(Für meinen Freund outnumber, der mir – manchmal ungewollt – viele Anregungen geliefert hat.
Verbunden mit einem Spruch: „Ich denke nur an Dich und dadurch immer Neues“, wobei das „nur“ dem korrekten Zitat geschuldet ist :-))
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"Ich finde nach wie vor einen Hut praktisch. Mehr nicht." - Ich auch.
Liebe Magda, Danke für diesen Beitrag. Was Du an Meinung äußerst und an Weltanschauung zeigst, ist mir sehr nah, bestätigt mich nicht einfach nur, sondern gibt mir auch Anregung. Ich bin in der Hinsicht wirklich ein Kind der DDR, für mich war es auf eine naiv-selbstverständliche Art (und ist es in nicht mehr naiver, desillusionierter Form immer noch) völlig undenkbar, einem Menschen mit weniger Achtung oder der Zumutung einer bestimmten Rolle zu begegnen, nur weil er weiblich ist. Wenn mir, wie neulich mal wieder auf einer Website, Äußerungen allerdümmster und allerniederträchtigster Misogynie, gerne auch unter dem Deckmantel der Feminismuskritik, begegnen, denke ich, in was für einen Dreck bist du hier bloß geraten. |
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»Und der Rückgriff auf die Kopftuchzeiten der Nachkriegszeit kommt mir naiv-rührend vor. Soll es dahin zurückgehen? Auch mit den Frauenrechten?«
Fordert wer? Ich habe meine Mutter aus einem Grund als Kopftuchmädchen gezeigt: ich halte den Blick zurück in eine Zeit (der BRD), in der Frauen nicht selbst entscheiden durften, ob sie eine Arbeit aufnehmen sollten und in der der Mann automatisch als Haushaltsvorstand galt, für eminent wichtig. Können wir uns bitte darauf besinnen, dass es, historisch betrachtet, nicht allzu weit her ist mit unseren modernen Frauenrechten? Wer also krakeelt hier über rückständige Muslime? Welche Phobie herrscht bei katholischen Pfaffen vor evangelischen Bischöfinnen? Welche Phobie herrscht bei Politikern vor Frauen, die mächtig zu werden drohen (Simonis, Yspilanti)? Ich fände es angemessener, über Inhalte zu diskutieren und nicht über Symbole wie Kopftücher und Minarette. Das Kopftuch diente in den 50-er und 60-er Jahren übrigens nicht selten der Verhüllung einer etwas derangierten Frisur, eines ungewaschenen Schopfes, einer renovierungsbedürftigen Dauerwelle - permanent fließend warmes Wasser war womöglich noch ein paar Jahre weit entfernt. Es stört mich, wenn Neandertaler einer etwas älteren Sippe andere Neandertaler als Neandertaler beschimpfen. Daran erinnert mich das Kopftuch meiner Mutter. |
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schrieb am
09.12.2009 um 14:46
Bei Magda rennst Du damit offene Türen ein, sonst einverstanden.
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schrieb am
09.12.2009 um 14:48
Ach, und Danke für das Foto mit Mama (da in dem anderen Blog), könnten MEINE Mama und ich sein, diese Jahre später sah das in der Uckermark noch nicht viel anders aus.
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"Wer also krakeelt hier über rückständige Muslime? Welche Phobie herrscht bei katholischen Pfaffen vor evangelischen Bischöfinnen? Welche Phobie herrscht bei Politikern vor Frauen, die mächtig zu werden drohen (Simonis, Yspilanti)?"
Gutste, lies den Text und nicht nur zwei Sätze: Ich krakeele nicht über rückständige Muslime. Ich versuche, zu verstehen. Aber ich fand die - früher hatten wir auch Kopftücher - Bildchen mit: Ach sind die süß, nun auch nicht so rührend. Es ist ein Unkultur, sofort loszuschlagen. |
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@meisterfalk - in dem anderen Blog hat es mir nun mal nicht gefallen. So ist das manchmal.
Ich lasse mich nicht gern im "Rührwerk" verschwurbeln. |
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"Das Kopftuch diente in den 50-er und 60-er Jahren übrigens nicht selten der Verhüllung einer etwas derangierten Frisur, eines ungewaschenen Schopfes, einer renovierungsbedürftigen Dauerwelle - permanent fließend warmes Wasser war womöglich noch ein paar Jahre weit entfernt"
Danke für die kulturellen Reminiszenzen. Ich habe sogar als halber Teenager noch ein Kopftuch getragen. Allerdings dachte ich damals eher an diese französische Mode - sicherlich von den Algeriern in Frankreich eingeführt - die das Kopftuch hinten zusammengebunden haben. Kurzerhand - meisteralk hat Recht: Du rennst offene Türen ein. Aber dran denken. Wenn erst mal zu ist, dann ist zu. Ich habe mir schon ein bisschen überlegt, nach den vielen Streitigkeiten, was ich hier schreiben und wollte nicht polarisieren. |
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schrieb am
09.12.2009 um 14:56
Ich habe eine vage Ahnung, was Du meinen könntest, mehr nicht. - Kann auch daran liegen, dass ich öfter ne lange Leitung habe...
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schrieb am
09.12.2009 um 15:01
Hätte ich Ihnen vorwerfen wollen, dass Sie über rückständige Muslime krakeelen, hätte ich das so geschrieben. Meine Fragen richteten sich (möglicherweise nur für mich offenkundig) an die jeweiligen islamophoben und frauenfeindlichen Lager.
Sie habe ich allerdings gefragt, wer denn mit dem »naiv-rührenden« »Rückgriff auf die Kopftuchzeiten der Nachkriegszeit« postuliert habe, es möge dahin zurückgehen, auch mit den Frauenrechten. Ich gebe Ihnen recht: »Es ist ein Unkultur, sofort loszuschlagen.« Man könnte ja erstmal nachfragen. |
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schrieb am
09.12.2009 um 15:05
@Magda
Das mit der vagen Ahnung bezog sich auf den Kommentar von 14:52 h. Gruß von m. |
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"Meine Fragen richteten sich (möglicherweise nur für mich offenkundig) an die jeweiligen islamophoben und frauenfeindlichen Lager."
Die spielen aber in meinem Text keine Rolle, gnä Frau. |
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Ja, was Du mit vager Ahnung meinst, bezog sich auf diese "Glättung" im anderen Blog. "Wir sind doch alles Menschen".
Und dann andauernd: "Süß". Mein Mann sagt manchmal, ein Heer von Frauen kriegt Labialfalten, weil sie sich andauernd über irgendetwas beugen und "süß" lispeln. Das ist nicht gut für die Hautalterung. In dem Sinne - nix süß, nix hach damals ohne Strom. |
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schrieb am
09.12.2009 um 15:22
Da ich ein Mann bin, entziehe ich mich fortan – soweit es in meinen Möglichkeiten steht – Ihrer Art der Textexegese.
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Da hätte ich drauf kommen können, Frauen haun nicht gleich so drauf und fordern, endlich auf das zu kommen, was sie für wesentlich erachten.
Wunderbar, danke entziehn Sie sich, am besten mit einer anderen Vorsilbe. |
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Hallo Magda,
danke für diesen Artikel, der mich, an manchen Stellen von einem Lächeln zu einem freudigen Grinsen verführt hat. Ich sehe unsere Gemeinsamkeiten, ich sehe auch unsere Unterschiede, und kann beides so akzeptieren, ohne Kränkung aber mit neuer Motivation immer wieder den eigenen Blickpunkt und den des anderen zu bedenken. und abseits, an alle, auch hier ein streit? vielleicht liegt es ja an weihnachten, aber ich spüre wachsenden harmoniebedarf -ohne rührwerk-geschwurpel sollte es doch möglich sein? |
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Danke mein Herz, so soll es sein. Mit Dir kann ich nicht streiten, aber versuchen mich einzufühlen.
Grüß Deine Schwester - virtuell - von mir. Ohne Deinen Beitrag über sie wären mir einige Überlegungen nicht gekommen. Ich hoffe aber auch, dass Dir einiges über meine Sichtweises klargeworden ist und - was ich für wichtig halte - über die Verhältnisse in der DDR. |
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"Da hätte ich drauf kommen können, Frauen haun nicht gleich so drauf"
Ja bist denn du keine Frau? Jetzt versteh' ich gar nichts mehr. |
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Kopftuch und Westen
Guten Tag Magda, Vielen Dank für Ihren Artikel. Wenn Sie erlauben, möchte ich gern noch eine Westsicht auf das vergangene Kopftuch beisteuern. Meine Mutter legte es in den 70er Jahren nicht als Absage an eine Frauenrolle aus der Nachkriegszeit ab, sondern um nicht mit ihrer portugiesischen Putzfrau verwechselt zu werden (O-Ton) - ihr ging es um eine etwas dünkelhafte soziale Unterscheidbarkeit. Gleichzeitig änderte sich aber ganz allgemein der Dresscode - das Tragen einer Kopfbedeckung galt nicht mehr als zwingender Bestandteil vollständiger Straßenbekleidung - das galt ganz genau so für die Hüte der Männer. Ich frage mich auch, wieviel an der aktuellen Kopftuchdiskussion der Tatsache geschuldet ist, daß heute weit weniger Menschen überhaupt eine Kopfbedeckung tragen - damit die Kopftuchträgerinnen auch auffallender sind. Zum heutigen Kopftuch fallen mir in Berlin manche junge Muslimas als sehr bemerkenswert auf, deren Großmütter Kopftuch tragen, die Mütter legten es ab, die Töchter tragen es wieder. Nach meinem Eindruck mit oft komplexer Bedeutung: einesteils ein Mittel, um wirksam gegen die Eltern zu opponieren, anderenteils ein modisches Accessoire, drittenteils die Darstellung als Frau, über deren Körper nicht sexuell zu verfügen ist und auch als identitätsstiftendes religiöses Merkmal. Sicherlich gibt es noch weit mehr Beweggründe, vermutlich ähnlich viele, wie es Arten gibt, ein Kopftuch zu tragen. In der dritten Bedeutung - die Absage an die sexuelle Verfügbarkeit - sehe ich durchaus eine Schnittmenge zum Feminismus und bedaure aus u.a. diesem Grund die Haltung von Alice Schwarzer. Es steckt jedenfalls nicht unter jedem Kopftuch ein dringend zu befreiender Kopf. Und auch für eine Erreichbarkeit der Muslimas, die ein aufgezwungenes Kopftuch tragen, ist ein Verbot so sinnvoll wie ein Kropf. .................................................................. off topic - das ist jetzt mein allererster Kommentar beim Freitag - guten Tag, community! |
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schrieb am
09.12.2009 um 19:16
Dafür aber gut gelungen ... ,-)
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schrieb am
09.12.2009 um 19:26
@dame.von.welt
Kompliment. Text gefällt. |
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schrieb am
09.12.2009 um 19:53
Hallo, da hier gerade dicke Luft ist, freue ich mich um so mehr über ein neues 'Gesicht'. Willkommen!
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@dame.von.welt
"(...) off topic - das ist jetzt mein allererster Kommentar beim Freitag - guten Tag, community! ..." Na dann ... darf ich Sie herzlich willkommen heißen in der Community des "Freitag" liebe dame.von.welt - auch wenn diesen "Part" des "Gastgebers" :-) sonst häufig mein Mitforist meisterfalk übernimmt ;-) Beste Grüße SexPower (aka Blogger) |
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@dame.von.welt
fast wäre er mir zuvor gekommen, so aber ... haben wir beide zeitgleich um 19:53 Uhr gepostet :-) Gruß auch an meisterfalk |
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@ dame.von.welt - Ich habe schon vor geraumer Zeit gepostet, aber irgendwie ist hier der Wurm drin.
"Es steckt jedenfalls nicht unter jedem Kopftuch ein dringend zu befreiender Kopf. Und auch für eine Erreichbarkeit der Muslimas, die ein aufgezwungenes Kopftuch tragen, ist ein Verbot so sinnvoll wie ein Kropf. " Sehr einverstanden, natürlich. Danke für die ergänzenden Anmerkungen über die Nachkriegszeit und natürlich auch herzlich Willkommen. |
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schrieb am
09.12.2009 um 22:37
Danke, SP, Gruß zurück!
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das
"Den Frauen war es schon immer aufgetragen Traditionen einzuhalten, während Männer sich leicht umtun durften in einer ihnen fremden Welt." und das " Für Frauen scheinen „Zugehörigkeiten“ wichtiger, als radikale Entfernung von der Familie, der Gemeinschaft, der Tradition. Für diese Zugehörigkeit ist das Kopftuch ein Symbol – neben vielen anderen. Und es ist auch kein eindeutiges Symbol." sind deutungsmuster. es gibt, und das ist nicht feindselig gemeint, auch andere. die in gebrauch sind. und im streit - wenn wir in die türkei gucken beispielsweise. zu den migranten, als sie noch als gastarbeiterinnen kamen, gehörten übrigens auch frauen. solche, die allein kamen. manche mit, manche ohne - kopftuch meine ich, mann auch. die motive lagen und liegen zwischen teilhabe (an moderne), aufbruch zu neuen ufern, eine vergangenheit hinter sich lassen bis zu mehr=genug geld verdienen, um die familie unterhalten zu können - was ja bekanntlich nicht völlig unwichtig ist. es gibt sehr verschiedene arten der verhüllung. die robe der jurist_innen und der talar der pop_innen ist auch eine. mein standard-spruch, wenn mein (klerikaler) gatte mein out-fit kritisierte, war: na und? ich zieh die robe drüber. was ich darunter trage, geht keine/n was an! - er sah das etwas anders, auch für sich selbst. |
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@ rahab - "sind deutungsmuster. es gibt, und das ist nicht feindselig gemeint, auch andere. die in gebrauch sind. und im streit - wenn wir in die türkei gucken beispielsweise. "
d'accord. Ich habe das geschrieben, was mir überlegenswert erschien oder auch als Möglichkeit. Und mit meinem DDR-Hintergrund fielen mir einige Dinge besonders auf. |
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dies hier
"zu den migranten, als sie noch als gastarbeiterinnen kamen, gehörten übrigens auch frauen. solche, die allein kamen. manche mit, manche ohne - kopftuch meine ich, mann auch. die motive lagen und liegen zwischen teilhabe (an moderne), aufbruch zu neuen ufern, eine vergangenheit hinter sich lassen bis zu mehr=genug geld verdienen, um die familie unterhalten zu können - was ja bekanntlich nicht völlig unwichtig ist." war mir wichtiger. vielleicht hätte ich es an den anfang stellen sollen? dazu nun noch: nicht nur unter den arbeits-migranten, auch unter den vor politisch motivierter verfolgung flüchtenden waren und sind frauen. auch die nicht nur, weil 'ihr mann' flüchten muß/te. und nicht alle frauen flüchten 'nur' deshalb, weil sie tschador/hijab/burka tragen sollen müssen. gerät auch leicht in vergessenheit. |
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Liebe Magda,
interessanter Text. Vielen Dank. Es gibt auch Frauen die aus den ehemaligen Ostgebieten geflüchtet sind (Ostpreussen, Schlesien) und bis heute das Kopftuch tragen und gleichzeitig auf kopftuchtragende Muslimas schimpfen. Wenn mir das aufgefallen ist, musste ich manchmal schon schmunzeln. Herzliche Grüße por |
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Auch ich finde diesen Beitrag nicht nur gelungen, sondern auch hochinteressant. Er weckt in mir nicht einmal die Lust zum Gegenhieb, was selten ist ;-)
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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