Magda

Mal sehen

19.04.2011 | 13:56

Zähne und große Geister

(Alles Elend der Welt hat in einem Zahn Platz, aber nur, wenn der den Nerv noch hat)

Manchmal muss man Trost bei großen Geistern suchen, in dem man ihre Leiden teilt.Ich fühle mich im Moment Thomas Mann verwandt, dessen Tagebücher ich in nichtchronologischer Folge lese.

Vor einigen Wochen schon fand ich in den Tagebüchern von 1933 jenen Eintrag, der meinem eigenen Kummer ein künstlerischer Trost war:  Schmerzen im Zahn an ungewohnter Stelle. Beunruhigung, weil das eine größere Sache werden könnte, die hier sehr kompliziert wäre. Das habe ich gleich verstanden. Aha, ein Zahn von tragender Bedeutung fängt an zu zicken. Gleich bin ich mit der Zunge an die Stelle, die bei mir solche eine tragende Bedeutung hat und stellte fest: Es ist soweit.

Mancher Zahn musste

gezogen werdem

Bei Thomas Mann ging es wohl noch eine Weile gut mit dem Zahn, aber er hat im Schweizer Exil manche schwere Sitzung beim Dentisten hinter sich gebracht, sehr beunruhigt und sehr Nerv getötet in jedem Sinne. Das war in den Jahren 1933/34, eine Zeit, in der sich Thomas Mann auch den Zahn der Hoffnung auf eine eventuelle Rückkehr nach Deutschland ziehen lassen musste. Die Zeit in der Schweiz und zwischendurch im französischen Sanary-sur-Mer – sie blieb ein Provisorium, um in der Sprache zu bleiben. Festere Wurzeln schlug Thomas Mann erst wieder in den USA.

Was zuvor geschah...

Was ihm „zahnmäßig“ in noch jüngeren Jahren geschah, las ich dieser Tage – betroffen von verwandten Nöten – mit Interesse und Anteilnahme.

Sonntag, den 8. XII. 1918: „Müde, bedrückt. Wurzelhautentzündung an einem Vorderzahn. Werde die langwierige u. widrige Prozedur beim Zahnarzt nun beginnen müssen.“

Wie Recht er hat, stellt sich gleich am nächsten Tag heraus.

Montag, den 9. XII. 1918 „In der Nacht Aspirin. Zahnschmerzen“.

Mittwoch, den 11. XII. 1918 „Mittags zu Gosch, der neue Arsen-Einlage machte und Abdrücke nahm als Einleitung zu der bevorstehenden Prozedur. Die Entfernung der Wurzeln der beiden oberen Schneidezähne auf Dienstag früh angesetzt.“

Der Dienstag, der 17. XII ist heran. „7 ¼ Uhr auf und nach dem Frühstück zu Gosch. Fast zweistündige Sitzung, sehr aufregend und angreifend. Es wurde eine Krone entfernt, dann mit Injektionen die beiden vorderen Wurzeln gezogen endlich noch Gips und Wachsabdrücke gemacht.( ...) Die Verholzung des Kiefers, sehr sonderbare und unheimliche Empfindung. Breite Lücke jetzt. Die Empfindung hat sich ziemlich wieder hergestellt, der Kiefer schmerzt von den Stichen. – Ging zu Fuß nach Haus bei feuchtem Wetter. Frühstückte etwas und sah rauchend die Post durch.“. Rauchen soll man nach solchen Prozeduren nicht, aber das hat den Thomas Mann nicht geschert, weil das für ihn literarisch bewältigt war.

Immerhin hat er den Senator Thomas Buddenbrook an einem Zahn sterben lassen. Was sollte ihm da noch passieren?

Abdrücke und Abgründe

Mein eigenes Zahnschicksal wird sich erfüllt haben, wenn ich die Abdrücke hinter mir habe. So was dauerte einst, so Thomas Mann in einem anderen Eintrag, eine geschlagene halbe Stunde oder gar noch länger. Das schafft neben den Abdrücken auch existenzielle Abgründe. So lange das Maul gestopft zu kriegen ist für einen verbal orientierten Menschen absolut traumatisierend.

Heute - das ist der Segen der modernen Techniken – dauert das nur zwischen zwei und drei Minuten. Welche eine Beruhigung. Der Rest ist „Zähne zusammenbeißen“ bei offenem Mund.

So berechtigt die Mahnung eines ostdeutschen Entertainers ist, dass man das Brücken bauen nicht nur den Zahnärzten überlassen sollte, ich empfinde die zahnärztliche Versorgung hierzulande als eine freundliche Gabe, die ich – immer wenn ich entsprechend gespart habe – gern in Anspruch nehme. Wer weiß, wie lange einem noch der Arzt den Mund verbietet, indem er gebietet: „Jetzt machen wir den Mund schön weit auf“.

 

 

 

 

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 19.04.2011 um 14:45
Jajaja, alles selektiv subjektive Wahrnehmung. Der nächste Titel lautet dann wohl: "Prothesen und große Geister" ;)
Magda schrieb am 19.04.2011 um 15:37
Oder auch "Streifzugs Geisterprothesen", ganz wie es selektiv-subjektiv beliebt. :-))))))))
Streifzug schrieb am 19.04.2011 um 15:54
:)
oder: "Streifzug - Gespenster oder Propheten?"

oder: "Magda - Mut auf der Hut"
abghoul schrieb am 19.04.2011 um 16:04
oder "Große Ghoule ohne Zähne"
Magda schrieb am 19.04.2011 um 17:05
Alles möglich alles drin.

Oder : Sie spielte eine große Szene
und das völlig ohne Zähne

Wie auch immer: Ich fand, dass der arme Thomas Mann ganz schön gebeutelt war von seiner schlechten genetischen Grundausstattung.
Und das auch immer aufgeschrieben hat. Das tue ich jetzt auch. Das hilft.
Magda schrieb am 19.04.2011 um 17:07
Oder: Mütterli ohne Verhüterli.
archinaut schrieb am 19.04.2011 um 22:25
Gute Besserung, verbal orientierte Magda,

zum Bloggen braucht man keine Zähne,
aber den richtigen Biss....

Wünsche Dir traumhafte Zähne!

archie
h.yuren schrieb am 20.04.2011 um 08:38
liebe magda, wer brauchte nicht den schrecken und trost der zahnmedizin so dann und wann. dir wünsche ich einen fähigen dentisten.
um den knebel als höchst ungenehm zu empfinden, muss man gewiss verbal kommunikativ verfasst sein...
gestern früh musste ich die praxis aufsuchen, weil sich eine füllung per zahnseide hat hinreißen lassen herauszufallen. der schaden war schnell behoben. aber der gute zahnmann war verbal auch nicht schlecht drauf und zeigte mir arbeitsstellen für zwei weitere termine.
solange heilung bzw. reparatur gelingt, können wir froh sein, spätgeborene zu sein. stell dir vor, du müsstest noch einen barbier aufsuchen, der dich mit dem holzhammer betäubt...
ich habe noch - allerdings vor jahrzehnten - einen älteren mann kennen gelernt, der zum älteren zahnarzt ging, wenn es schmerzlich wurde. dann tranken die beiden harte sachen wie früher (oder auch heute noch?) die soldaten vor der schlacht und kämpften mit den zähnen.
Magda schrieb am 20.04.2011 um 08:53
Hallo archie und h.yuren -
Danke für die Wünsche. Es geht ja alles aufwärts, vorher kann man ja gar nicht drüber meditieren.

@ h.yuren. - Die meisten Zahnärzte schwatzen gern. Einer, bei dem ich früher zu Gange war, hielt ganze zahntechnische Kolloquien am offenen Mund ab. Furchtbar. Der hat mich in Angst und Schrecken versetzt. Der hatte immer völlig vergessen, dass am Zahn ein Mensch hängt.

Und zum Schluss noch Otto Reuter

"oder bist beim Zahnarzt - wenn er dich greift,
und dich mit dem Zahn durch die Zimmer schleift,
und er zieht und er zieht und bricht alles
entzwei -
in fünfzig Jahren ist alles vorbei"

Das gesamte Werk ist hier zu besichtigen.

goedzak schrieb am 22.04.2011 um 23:19
Im Jahre 1933 rum oder gar noch früher möchte ich ja ganz gewiss nicht zum Zahnarzt gemusst haben. Is ja heute noch manchmal anstrengend.
Hut ab vor Thomas!
Magda schrieb am 23.04.2011 um 11:01
Einmal das und der war noch gut dran: Der hatte Geld. konnte sich allerlei leisten. :-))
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