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Gestern Abend fand in Dresden eine Podiumsdiskussion zur Verkehrsentwicklungsplanung statt. Hintergrund ist die Vorbereitung der Aufstellung eines planerischen Leitpapiers mit dem offiziellen Namen „Verkehrsentwicklungsplan Dresden 2025plus“. Zur Formulierung anzustrebender verkehrlicher Leitziele, denen der eigentliche Verkehrsentwicklungsplan am Ende weitgehend folgen soll, bildete die Stadtverwaltung Dresden eine sog. Runden Tisch Verkehrsentwicklungsplanung, an den allerlei relevante Akteure eingeladen waren, tatkräftig mitzutun. Über viele Monate – beginnend im Jahre 2009 – wurden in mehreren Sitzungen diverse Vorlagen und Papiere erstellt, Positionen klar gemacht und am Ende ein konsensuales Leitzielepapier erstellt, welches dann (hoffentlich) hauptsächliche Grundlage für den eigentlichen Verkehrsentwicklungsplan sein wird. Mit erwähnter Veranstaltung sollte nun erstmals der Dresdner Öffentlichkeit ein aktueller Arbeitsstand vorgestellt und anschließend diskutiert werden.
Erfahrungsgemäß, dass hat das bereits 1994 (!) verabschiedete sehr moderne und fortschrittliche Verkehrskonzept gezeigt, wird zum Teil diametral entgegengesetzte tatsächliche Politik gemacht. Freilich stark beeinflusst durch die insgesamt sehr rückwärtsgewandte Verkehrsideologie der Sächsischen Staatspartei, welche in Form von kurzen Redebeiträgen zweier anwesender CDU-Stadträte auch prompt und für das Publikum anschaulich zum Ausdruck kam. Der Bau des „Verkehrszuges Waldschlösschenbrücke“ und die damit verbundene Zerstörung einer einst von der Welterbeliste der UNESCO geschützten Kulturlandschaft, wird auf ewig für diese kurzsichtige, dumme und letztlich ignorante Politik stehen.
Mit der Einsetzung des Runden Tisches und dem Versuch, die Öffentlichkeit schon im Vorfeld in die neuerliche Verkehrsentwicklungsplanung einzubinden und diesen Planungsprozess damit wesentlich transparenter zu gestalten, geht die Stadt einen besseren Weg. Diesen Ansatz grundsätzlich begrüßend, mahnte ein Diskutant aus dem Publikum unter expliziter Bezugnahme auf die Konflikte um Stuttgart 21 unter anderem an, die Bürger nicht mehr, wie in der Vergangenheit allzu häufig geschehen, vor vollendete Tatsachen zu stellen und die oft langwierigen Planungsprozesse, welche zumeist von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt voran getrieben werden – freilich immer kritisch begleitet durch eine kleine interessierte Minderheit – von Anfang an offensiv mit den Bürgern zu diskutieren. Denn wenn die große Bürgermasse dann endlich auch mitbekommt, was Es heißt (schlechterdings gewöhnlich erst bei Baubeginn), es also „zu spät ist“, sich die Projekttreiber darauf ausruhen können, dass ja schließlich der Baustart am Ende eines langen Planungsprozesses liegt und deshalb nun nicht mehr zurück gekonnt wird – auch wegen der Rechtssicherheit. Dies ist schließlich eines der wesentlichen Begründungsmuster für die Unglaublichkeit S21.
Überhaupt schwebte das derzeitige Stuttgarter Thema während der Podiumsdiskussion im Plenarsaal des Dresdner Rathauses ständig im Raum. Insofern kann man nur hoffen – dies ist wirklich einer der Effekte, für den man die nun protestierenden Stuttgarter Bürger nicht hoch genug loben kann, wie immer es auch ausgeht – dass die Verantwortlichen, also die sächsischen und städtischen Politiker, es nie wieder so leicht haben werden, wie bei der Durchprügelung jener Dresdner Skandalbrücke.
Eine interessante Botschaft, eigentlich ein satter Verquatscher, kam von unserem, immer etwas am Rande der Inkompetenz rangierendem derzeitigen Baubürgermeister Jörn Marx (CDU), der auch mit auf dem Podium saß. Zugegeben, Marx hatte mit der Durchsetzung der Brücke nicht mehr viel zu tun, weil er da noch nicht im Amt war. Allerdings rutschte ihm gestern heraus, obwohl er sich (wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war) vor der Veranstaltung ausführlich durch seine Partei hat briefen lassen, dass die Waldschlösschenbrücke keine nennenswerte Entlastungsalternative für das von allen Dresdnern und Besuchern so geliebte „Blaue Wunder“ darstellen wird. Hört, hört! Eines der Hauptargumente der Befürworterfraktion, nämlich die unbedingt erfolgen müssende Entlastung des „Blauen Wunders“, welche nur mit dem Bau der Brücke möglich wäre, alternativlos sei, wurde hier in aller Öffentlichkeit entkräftet. Freilich erst jetzt, wo es zu spät ist. Dem hingegen haben die Brückengegner immer schon gesagt, dass dieses Entlastungsargument nichts als eine dreiste Lüge ist (nur eine von sehr vielen leider), die aber, weil das Dresdner Symbol „Blaues Wunder“ immer große Emotionen in der Bevölkerung zu bündeln in der Lage ist, einen großen Einfluss auf den Bürgerentscheid hatte. Wer weiß wie dieser ausgegangen wäre, wenn klar gewesen wäre, dass zum einen die Streichung von der Welterbeliste folgt und zum anderen die Erhaltung des geliebten „Blauen Wunders“ trotz Waldschlösschenbrücke eben alles andere als gesichert ist.
An dieser Stelle schließt sich wieder der Kreis zu Stuttgart 21. Anhand Dresdner Erfahrungen mit der Causa Waldschlösschenbrücke oder auch der Kostenverdopplung beim Leipziger City-Tunnel und weiteren Großprojekten lässt sich unschön nachvollziehen, was gerade in Stuttgart läuft und warum die Bürgerparole vom „Lügenpack“ weit näher an der Realität sein dürfte, als es sachliche und notorische Projektverteidiger (hier meine ich vor allem diejenigen ohne persönlichen Nutzen) so gern nahelegen möchten. Man hofft – es wurde bereits erwähnt – dass die Politik in Dresden und Sachsen aus S21 lernt und ihre Ankündigung von Bürgerbeteiligung und Transparenz bei Planungsprozessen auch wirklich einhält und somit der dann irgendwann vorliegende Verkehrsentwicklungsplan Dresden tatsächlich eine Richtschnur wird und nicht, wie geschehen, als schön buntes Absichtspapier folgenlos in einer Schublade des Dresdner Rathauses verschwindet.
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Sehr interessante Informationen! So also sieht die Begründung für die Kulturbarbarei hinterher aus. Und natürlich macht jetzt kein Gericht sein Urteil rückgängig. Der Rechtsstaat kennt offenbar auch ein eingbautes "April, April". Und zwar ganzjährig.
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Stimmt. Denn die Ergebnisse eines Bürgerentscheides sind auch dann unantastbar, wenn sich wesentliche Bedingungen, die zum Zeitpunkt seiner Durchführung galten, sich anschließend ändern oder als falsch herausstellen. Somit konnte der nicht kommunizierte, sprich nicht bekannte Verlußt des Welterbetitels den Bürgerentscheid im nachhinein juristisch nicht mehr infrage stellen. Moralisch natürlich schon.
Man mache also Propaganda, Arbeite medial unterstützt mit Lügen und Halbwahrheiten, rechne die Kosten künstlich herunter, erzeuge Mitleid für eine alte blaue Brücke im Dresdner Osten und rede vor allem immer von "absoluter Alternativlosigkeit" und frage dann den Bürger: Ja Brücke oder nein Brücke? Welches Ergebnis ist wohl zu erwarten. Dresden hat es gezeigt. Ein Bürgerentscheid bei S21 könnte genauso laufen, wenn die Gegner nicht höllisch aufpassen und die Falschen Zahlen, Lügen- und Halbwahrheiten nicht prominent und medial professionell aufdecken und klar machen. |
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im mdr-figaro gab es dienstag von 18.00h bis 18.30h ein interessantes gespräch zu s21 und bürgerbeteiligung resp. -protest, habe es aber leider nicht mehr finden können ...
Was den dresdner verkehrsentwicklungsplan betrifft - nächste nagelprobe dürfte der ausbau der königsbrücker straße sein ... |
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@jayne
Stimmt. Gerade an der Königsbrücker Straße lässt sich schön ablesen, wie die Sächsische Staatsregierung und ihre untergeordneten Behörden in die Stadtpolitik eingreifen. Die Landesregierung verteilt die GVFG-Mittel (also die Fördergelder nach denen alle Kommunen zu hecheln gezwungen sind) und die Beton-Köpfe und leidenschaftlichen Straßenbauer bestimmen dann auch über die eigentliche Ausführung. Wenn ihr es nicht so und so macht (z.B. die Königsbrücker 4spurig und die Radfahrer halt in die Alaunstraße oder auf gemeinsame Rad/Gehwege), dann ist es nicht förderfähig etc. Bei der Leipziger Straße war es ja auch so. Und Marx hatte nur ein Schulterzucken dafür übrig. Der sagt, uns sind die Hände gebunden, es ist die Fördermittelpolitik ... Ein Bürger aus Dresden Marsdorf meldete sich noch zu Wort. Er beklagte sich, dass das Land die Staatsstraße 58 ausbauen will und dabei - Überraschung, Überraschung - eingegriffen wird in Schutzgebiete etc. Der Bürger sprach davon, dass der Ausbaustandard für 20.000 Fahrzeuge in 24h (DTV) betragen soll, obwohl der derzeitige DTV bei ca. 5000 Fahrzeugen liegt. Zum Vergleich: Das "Blaue Wunder" hat derzeit ca. 25.000 Fahrzeuge. So wird wieder - wie üblich - mit großen Kanonen auf Spatzen geschossen. Selbst wenn der Verkehr durch den Neuausbau um 1000 Fahrzeuge steigen würde - rechtfertigt das den Ausbaustandard weder verkehrstechnisch noch im Sinne von Kosten und Nutzen. So erzeugt man Bürgerunwillen, zumal der Bürger aus Marsdorf noch erwähnte, dass bei einer Bürgerversammlung vor Ort, die Verantwortlichen des Landes auch nicht erklären konnten, wie es zur Diskrepanz zwischen Ausbaustandard und tatsächlichen Bedarf gekommen ist. Ich habe da so eine Vermutung und die betroffenen Bürger sicher auch: Es wird gebaut um des Bauens Willen, Geld spielt keine Rolle (kommt ohnehin vom Steuerbürger) und die Folgekosten überdimensionierter Infrastruktur spielen schon mal gar keine Rolle. Das ganze riecht zum einen nach Beton-Mafia und/oder altertümlicher technokratische Verkehrsideologie innerhalb sächsischer Amtsstuben ... Hier noch die Version der Sächsischen Zeitung: www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2459550 |
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Lieber mahung,
mir fällt diese Sache mit dem Bürgerentscheid in Dresden wieder ein (und jayne erinnert sich vielleicht; ich hatte es schon einmal vor längerer Zeit in einem ihrer Blogs gepostet), die mir ein Freund erzählte: Ein Redakteur einer bedeutenden Dresdner Zeitung hatte ein Gutachten in seiner Schublade, welches der Waldschlösschen bescheinigte, dass eine Entlastung der innerstädtischen Verkehrsströme nicht deren Effekt sein würde, sondern, im Gegenteil, diese Brücke sogar noch Verkehr von der benachbarten A4 zusätzlich in die Stadt ziehen würde. Als er einen Beitrag dazu bringen wollte, hat sein Chef ihm dies mit einer fadenscheinigen Begründung untersagt. Das war -wohlgemerkt- VOR dem Bürgerentscheid. |
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hallo mcmac,
antworte erst jetzt, war internetlos am wochenende. den konkreten fall, den du hier aufgreifst, kenne ich nicht, aber solche methoden sind gängig. nicht umsonst nehme ich mir raus, zu behaupten, dass der bürgerentscheid und letzlich dessen ergebnis herbei manipuliert worden ist. durch stetige desinformationen, falsche zahlen etc. das ging anfang der 90er jahre los und änderte sich nicht. bekannt geworden ist die sog. schommer-lüge. der war cdu-minister für wirtschaft in sachsen und diktierte journalisten in den block, dass nur diese brücke, an dieser stelle vom land sachsen finaziert werden kann. mit dieser lüge, die fortan alle medien immer wieder reproduzierten (völlig unhinterfragt ob das rechtlich wirklich so ist) wurde der stadt dresden und letztlich den bürgern sugeriert, dass es keine alternativen geben würde bzw. nicht förderfähig sind. wenn man dem volk hinwirft: entweder das oder nichts, ist klar wie der bürger entscheiden würde. viel später, der bürgerentscheid war im sinne von fdp und cdu durch, griffen einige zeitungen die schommer-lüge auf, weil ein neuer wirtschaftsminister (spd) sagte, es gäbe natürlich überhaupt keine "bindung" an das cdu-favorisierte projekt. tunnel, mehrerer kleinere elbquerungen an verkehrsgünstigeren stellen etc. wären genauso förderfähig. das ist nur ein kleines beispiel dafür was politiker meinen wenn sie sagen, sie müssten dem volk nur besser "erklären", was sie meinen. letztlich kann man der sächsischen zeitung und den dresdner neuesten nachrichten aber ihre pro-brücken-propaganda nicht vorwerfen, denn die sind abhängig von ihren großen anzeigenkunden aus "der wirtschaft" und die sind immer für das verbuddeln von steuergeldern. je mehr, je besser. das ist auch die allgemeine krise des regionaljournalismus. eine zahl noch. die entlastung der anderen vorhandenen brücken von verkehr, die durch den bau der brücke erst erreicht werden sollten, sind längst erreicht, obwohl es die brücke noch nicht gibt. diese zahlen waren auch vor dem bürgerentscheid bekannt und hätten mit ein bisschen mutigem journalismus auch jenseits der interessierten und informierten minderheit größere bekanntheit erlangen können. |
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dieser darstellung kann ich uneingeschränkt folgen, genau so waren auch meine beobachtungen ...
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Lieber mahung,
vielen Dank für die Erwiderung! In einem Punkt bin ich nicht d'accord: Ich meine, dass man den Medien nicht nur einen Vorwurf machen kann, sondern darüber hinaus, es sogar machen muss. In Stuttgart sind die Medien durch die Bürger im Zusammenhang mit S21 stark unter öffentlichen Druck geraten, weil sie sich eben genau so verhalten haben wie in Dresden. Viele Abos wurden daraufhin gekündigt, die Redaktionen von SWR, 'Stuttgarter Zeitung' und 'Stuttgarter Nachrichten' mit Emails und Leserbriefen "geflutet". Das hat nun nicht gleich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch dieser Propagandamaschinen geführt, aber sie sind moralisch als 'unabhängig & überparteilich' völlig diskreditiert - von vielen weiß ich, dass sie jetzt z.B. lieber "Freitag" lesen... Die Rolle der Medien in einer 'Mediendemokratie' ist eine entscheidende. Sind die Menschen, die dafür verantwortlich zeichnen, nicht in der Lage das zu verstehen (oder zu feige), muss man sie kräftig daran erinnern. Ansonsten sind sie nicht besser, als das alte SED-Zentralorgan oder die Angelika-Unterlauf-AK. l.g. |
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Noch eine aktuelle Meldung der Sächsischen Zeitung von heute und wieder ein kleines Beispiel für den schlampigen Umgang mit den Planungsverfahren, wenn nur genug politischer- bzw. Lobbydruck herrscht, dann ist auch das angeblich "demokratisch-jouristisch" gesicherte Verfahrensergebnis am Ende eine Farce, wie in DD an der E nach und nach ans Licht kommen wird. Freilich sind die Fakten bereits geschaffen und Schuld ist keiner ...
www.sz-online.de/Nachrichten/Dresden/Biologe_Bruecke_schadet_der_Umwelt_stark/articleid-2589144 |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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