Nachdem seit Wochen dieser Text mehr als Gefühl, denn in Worte gefasst in mir ruhte, sei hier von meiner Seite nun noch eine kleine Erklärung verfasst, weshalb mich das Matussek-Buch interessierte – und wieso die Lektüre schon nach dem ersten Drittel für mich keinen Sinn mehr machte.
Obwohl meine Mutter evangelisch ist, wurde ich seinerzeit katholisch getauft – meiner Oma väterlicherseits zuliebe und auch, weil wir in Südwestdeutschland lebten, wo fast alle katholisch sind. Ich wuchs in einem kleinen Kurort auf und nach dem Kindergarten wurden wir nach Geschlechtern getrennt auf zwei katholische Grundschulen verteilt. Zwar hatte ich eine weltliche Klassenlehrerin, aber in Religion, Musik und Handarbeiten wurden wir von Nonnen aus dem angebundenen Kloster unterrichtet. Eine war immer besonders zornig, wenn wir Krach machten. Dann stampfte sie rhythmisch mit dem rechten Fuß auf und rief dazu: “Eins, zwei, drei! Schluss jetzt mit der Brüllerei.” Das hat zwar kurz funktioniert, aber sobald sie außer Sichtweite war, haben wir sie nachgemacht und gelacht.
Durch die Schule war das Katholischsein schnell Teil meines Alltags geworden: morgens wurde gebetet und ein Mal die Woche fand ein Gottesdienst statt. Zudem liebte ich die Geschichten aus der Bibel und ich liebte es, sonntags in die Kirche zu gehen. Ich war dort oft mit meiner Freundin und ihren Eltern – meine hingegen waren froh, wenn sie daheim bleiben konnten. Auch wenn ich die meisten Dinge, die in der Kirche gesagt wurden, nicht verstand, hielt ich mich dort gerne auf, denn wichtig war ja, dass ich im Zuhause vom lieben Gott sein durfte, denn der passte auf mich auf. Ich kann mir meine Kindheit nicht ohne ihn vorstellen, ein Rückblick weckt die Erinnerung an Sicherheit und Wärme, an bedingungslose Liebe.
Meine Freundinnen und ich beteten damals das Vaterunser um die Wette und noch bevor wir zur Ersten Heiligen Kommunion gehen durften, spielten wir Gottesdienst und ahmten mit Backoblaten das dazugehörige Ritual nach. Wie glücklich wir waren, als wir endlich das weiße Kleid tragen durften, einen Rosenkranz besaßen und ein eigenes Gotteslob mit Marienbildchen darin! Der Leib Christi war außerdem viel kleiner und dicker als eine Oblate und ich gab mir beim Verschmelzen mit ihm immer besonders viel Mühe, völlig in diesen Akt versunken zu sein und mit den Händen vor den Augen auf der Kirchenbank zu knien. So war es dunkel um mich und unter meinen Augenlidern flimmerte die Hingabe.
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Als ich zehn war und wir im Sommer in einen Freiburger Vorort zu meiner Oma zogen, war es für mich völlig selbstverständlich, dort nach den Ferien auf das katholische Mädchengymnasium zu gehen, wo sogar tapfer eine übriggebliebene Nonne unterrichtete. Wenn man mit ihr sprach, hieß sie Schwester Veronika, sprach man jedoch über sie, nannten sie alle – mal liebevoll, mal despektierlich – “die Vroni”, denn sie war ein wenig aus der Zeit gefallen. Dass dies für die ganze Schule galt, war selbst mir bald klar, doch noch störte mich das nicht. (Vor dem Eintritt in die Oberstufe würde ich der Schule jedoch mit großer Erleichterung den Rücken zukehren.) So hatte ich beispielsweise das Unterrichtsfach Kirchengesang und musste auch hier ein Mal in der Woche den Schulgottesdienst besuchen. Gro-ßer Go-hott, wir lo-ho-ben diiich!
In die Kirche bei uns im Dorf ging ich nur ab und zu meiner Oma zuliebe, weil sie fürchtete, die Leute könnten sonst reden. So richtig wohl fühlte ich mich dort nie. Ich mochte den Pfarrer nicht besonders, mich langweilte, was und vor allem wie er es erzählte und so starrte ich meist den ganzen Gottesdienst über auf das große Marienbild, auf dem die Muttergottes umzingelt von ein paar Engeln den bösen Schlangen zu ihren Füßen trotzte und das Jesuskind sicher im Arm hielt. Mittlerweile erstaunte mich das viele Gold, das selbst in unserer kleinen Dorfkirche einfach so herumhing oder -stand und je älter ich wurde, desto mehr missfiel mir die Stimmung dort und ich spürte die bedingungslose Liebe Gottes oft nicht mehr so richtig – mein Leben war komplizierter geworden und ich hinterfragte alles und jeden. Zur Firmung ging ich lediglich, weil es alle taten.
In der Gemeinde fand damals praktisch keine Jugendarbeit statt. Der Pfarrer ignorierte uns Mädchen, kümmerte sich lediglich um seine Ministranten und hatte eine unübersehbar schwule Attitüde, die sich allenfalls noch unsere Omas wegdenken konnten. Nur ein Mal im Jahr, zu Ostern, fand eine zehntägige Skifreizeit in der nahegelegenen Schweiz für uns statt, die schnell zu einer geliebten Institution wurde. So wiederholte sich dann auch jedes Jahr jenes Ritual, bei dem sich der Pfarrer im Herbst beschwerte, dass wir Jugendlichen den Gottesdienst nicht besuchten und so die Skifreizeit im kommenden Jahr wohl ausfallen müsse, was uns dazu brachte, ab und an eine Stunde in der Kirche abzusitzen, während der wir uns die Zeit vertrieben mit Flüstern und dem Lesen von Geschichten aus Minibüchern, die wir im Gotteslob versteckten. Die Skifreizeiten fanden natürlich immer statt – bis wir zu alt dafür waren.
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Mit Gott sprach ich in dieser Zeit nur noch vorm Einschlafen. Ich haderte manchmal mit ihm, weil er Dinge zuließ, die ich nicht verstand. Dennoch vertraute ich ihm weiter und bat ihn um Hilfe, Liebe, Unterstützung. Ich betete sogar inständig darum, dass ich am nächsten Tag wieder aufwachen möge, denn ich hatte furchtbare Angst vor dem Tod. Wenn niemand mehr da war für mich, Gott ganz gewiss, dessen war ich mir sicher. Ist es nicht schön, sich niemals allein zu fühlen?
Der Pfarrer aus unserem Dorf wurde in den 90er Jahren zuerst wegen irgendwelcher Vorkommnisse mit Ministranten zwangsversetzt und kam später wegen ähnlicher Vergehen ins Gefängnis – wo er sich dann umbrachte. Mein Gefühl hatte mich also nicht getäuscht.
Irgendwann – ich war längst ins Rheinland umgezogen – war ich so katholisch wie die meisten Katholiken, die ich heute kenne: ich bezahlte Kirchensteuern und sagte Sätze wie “Ich glaube nicht mehr an die Kirche, aber schon noch irgendwie an Gott oder ein höheres Wesen.” Mit Gott beschäftigte ich mich nur noch, wenn es mir nicht gut ging und ich seine Hilfe benötigte. Ich versuchte, mit ihm zu handeln, war oft wütend auf ihn, aber die meiste Zeit war er mir schlicht egal. Als ich ein paar Jahre später aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt zog, folgte ich meiner Überzeugung und trat endlich aus der Kirche aus. Direkt danach kam ich mir vor, als habe ich den Kontakt zu einem langjährigen Freund abgebrochen und ich hatte das Gefühl, nun tatsächlich ganz auf mich allein gestellt zu sein. Mit einer Unterschrift waren all die Jahre, all die Kirchgänge, all die Rituale nichtig geworden. Es fühlte sich nicht gut an, doch diese Empfindung verblasste schnell.
Vor zwei Jahren bereiste ich die Amalfiküste. In Positano betrat ich eine kleine Kapelle, setzte mich in die erste Reihe und guckte auf den Altar. Ich war erschöpft, meine Reisebegleitung ging mir auf die Nerven und ich versuchte, das Gefühl meiner Kindheit heraufzubeschwören. Ich habe mir dort so sehr die Liebe und Geborgenheit von Gott gewünscht, aber ich konnte sie natürlich nicht spüren. Stattdessen fühlte ich die Sehnsucht danach, wieder Kind und an irgendeinem Punkt vor meiner Glaubensabkehr zu sein. Weil mir dort in dieser kleinen Kirche klar wurde, dass es für mich keinen Weg mehr zurück zu Gott geben würde. Ich konnte mich nicht dumm stellen, nur weil es sich gut anfühlte und bequem war.
Deshalb wollte ich Matusseks Buch lesen! Ich wollte verstehen, wie es möglich ist, nachdem man sich bereits von seinem Glauben abgewendet hat, erneut zu eigentlich doch gar nicht mehr tragbaren Dingen zurückzukehren. Vielleicht habe ich mir insgeheim gewünscht, dass es hier neben all den Provokationen auch einen Hinweis auf einen Rückweg für mich geben könnte und gleich zu Beginn beschreibt Matussek seine katholische Kindheit, wir hatten also – zumindest grob – etwas gemeinsam. Ich tat es ihm hier nun gleich, denn eben hierin liegt auch die Erklärung dafür, weshalb es ihm möglich war, zurückzukehren und mir nicht: Sein Gott ist zwar liebevoll, aber sehr streng und offenbar braucht Matussek auch heute jene altmodischen Rituale und strikten Regeln, die schon seinerzeit das Gerüst fürs Familienleben, ja seine ganze Kindheitswelt waren, und sieht all dies nun auch als Rettung für die um ihn herum verwahrlosende Gesellschaft.
Mein Gott hingegen sollte mich und alle anderen lediglich lieb haben und beschützen – und so weit reicht mein heutiges Abstraktionsvermögen nicht mehr. Moralische Entscheidungen kann ich auch hervorragend ohne ihn treffen. In Matusseks Welt geht das jedoch nicht, über Ethikunterricht macht er sich beispielsweise lustig und spielt ihn herunter. Doch tatsächlich verlangt dieser Unterricht aus meiner Sicht etwas Entscheidendes: Nachzudenken, welche Konsequenz welches Handeln hat, und zwar ganz losgelöst davon, ob man dafür nach den Regeln eines Gottes in einen Himmel oder eine Hölle kommt. Und nicht einmal für Matusseks so hochgehaltene Kernbotschaft des Christentums, die Nächstenliebe, braucht man heutzutage das Christentum.
Ich muss das wissen, denn ich versuche mich darin – wenngleich es mir nicht immer leicht fällt und ich auch so manches Mal scheitere. Nicht wegen Gott, dem man auf diesem Weg dienen soll, sondern, sondern weil es mir wichtig ist. Nun kann man natürlich fragen, wie es dazu gekommen ist, bin ich doch katholisch erzogen worden, und beweisen werde ich es nie können, doch ich bin mir sicher, dass man Kinder auch ohne den christlichen Glauben zur Nächstenliebe erziehen kann. Ich kenne nämlich ein paar, bei denen das funktioniert.
Matussek sagt “Jeder abgestumpfte Gegenwartsidiot kann heutzutage Gott für tot erklären. Wie viel spannender ist doch, zu sagen: er lebt!”
Ich halte dagegen: Jeder verklärte Vergangenheitsromantiker kann heutzutage an dem altmodischen Glauben seiner Kindheit festhalten und die Verantwortung aus der Hand geben, anstatt immer wieder reflektiert zu agieren, ganz ohne nach oben zu schielen, ob der liebe Gott das auch gut findet.
Matussek zitiert zudem Wittgenstein, welcher sagt, an einen Gott zu glauben, heiße, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu verstehen und dass das Leben einen Sinn habe. Für mich gilt das nicht: Ich habe den Sinn des Lebens noch nie verstanden, und wer behauptet, dies zu tun, ist vermutlich größenwahnsinnig.
Meine Oma fragt mich mittlerweile ab und zu, ob sie trotzdem für mich beten dürfe. Klar, sage ich dann. Jemanden mit guten Wünschen zu bedenken, kann nie schaden – und genau das mache ich dann auch mit ihr. Mein ganz privater Hokuspokus...