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Frieden – Wie geht das?

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Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

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Meine Frau weint

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Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

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Kultur : Die Liebeshandlung (11-50) || Emotionen und Dekonstruktion

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Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides.

Vergangenen Sonntag beendete ich die Lektüre eines Hakan-Nesser-Krimis, um ein paar Stunden später auf dem gleichen Lesegerät mit der Liebeshandlung zu beginnen.

Ich kenne Eugenides von seinen beiden vorherigen Büchern, die mich seinerzeit durch ihre dichte Erzählweise beeindruckten, mich in die Geschichten regelrecht hineinzogen und erst eine Weile nachdem ich sie zu Ende gelesen hatte wieder losließen. Die Selbstmord-Schwestern – ich mag den deutschen Titel nicht – musste ich zeitweise sogar beiseite legen, weil ich die Stimmung, die in dem Buch vorherrschte, nicht immer ertrug, so nah ging sie mir.

Vom eher unterkühlten Nesser zu Eugenides zu wechseln, ist nicht ganz einfach. Es wimmelt plötzlich von Adjektiven und bildhaften Beschreibungen:

"Über dem ganzen College Hill, in den geometrischen Parkanlagen der georgianischen Herrenhäuser und den magnolienduftenden Vorgärten viktorianischer Villen, auf den backsteingepflasterten Gehwegen, die wie in einem Charles-Addams-Cartoon oder einer Lovecraft-Geschichte an schwarzen Eisenzäunen entlangzogen, draußen vor den Ateliers der Rhode Island School of Design, wo ein Kunststudent nach einer im Malrausch durchwachten Nacht Patti Smith schmetterte, reflektiert von den blanken Instrumenten (Tuba und Trompete) zweier Mitglieder der Uni-Blaskapelle, die sich zu früh am Treffpunkt eingefunden hatten und schon ganz beunruhigt guckten, wo die anderen wohl alle blieben, in den kleinen Kopfsteinpflasterstraßen, die bergab zum verschmutzten Fluss führten, schien die Sonne auf jeden Messingknauf, jeden Insektenflügel, jeden Grashalm." (S. 13)

(Und schon während ich nun dies alles des Beispiels wegen eintippe, jauchze ich innerlich ein wenig, denn längst konnte ich mich wieder einlassen auf Eugenides' Erzählweise.)

Ich lerne Madeleine kennen, die am Tag ihrer College-Abschluss-Feierlichkeiten im Jahr 1982 früh morgens im Wohnheim von ihren Eltern geweckt wird und offenbar kaum geschlafen, dafür aber umso mehr Alkohol getrunken hat. Etwas muss schiefgelaufen sein, das sie so sehr mitnimmt, dass sie trotz ihres sonst vorherrschenden Ehrgeizes und ihrer ausgesprägten Liebe zur Literatur kein Interesse mehr an ihrem Abschluss hat.

Es hängt gewiss mit einem die Liebe betreffenden Erlebnis zusamme, denke ich. Kein Gefühl der Welt ist so belastend wie der Verlust eines geliebten Menschen, sei es durch eine Trennung oder gar den Tod. Es ist, als stülpten sich jene düsteren Emotionen über alles, schwer und grau, sind sie doch im Gegensatz zu anderen negativen Gefühlen niemals ausklammerbar.

Ich behalte recht: Vor drei Tagen endete Madeleines Beziehung zu Leonard, mit dem sie zusammen ziehen wollte und während Madeleine mit ihren Eltern frühstücken geht, soll ich von ihren Liebesgeschichten während ihrer College-Zeit erfahren sowie den Seminaren, die sie im Rahmen ihres Englisch-Studiums besucht.

Müsste ich nicht arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, ich studierte Literaturwissenschaft. Madeleine sagt, all jene, die nicht wissen, was sie studieren sollen, machen das. Ich hingegen habe Anfang der Neunziger Jahre aus ebendiesem Grund begonnen, Soziologie zu studieren und das Ganze nach fünf Semstern abgebrochen, weil ich mich nicht zuhause fühlte an der Freiburger Unversität und mich vor allem weigerte, für's Papier in einem Sommerkurs das Latinum zu machen. Die Literaturwissenschaft wäre also für mich heute keine Notlösung. Ebenso wenig wie für Madeleine, die im Rahmen ihres Studiums etwas Neues entdeckt:

"Madeleines Liebeswirren hatten zu einer Zeit begonnen, als sie Bücher von französischen Theoretikern las, die den Begriff der Liebe dekonstruierten. Semiotik 211 war ein Fortgeschrittenenseminar auf hohem Niveau, das von einem Überläufer aus dem Fachbereich für Anglistik gehalten wurde. Michael Zipperstein (...) leitete (er) im Rahmen der neu geschaffenen Abteilung für semiotische Studien zwei Kurse. (...) Er begrub die Studenten unter seinen Lektürelisten: Neben den großen Semiotik-Stars – Derrida, Eco, Barthes – verpasste er den Teilnehmern von Semiotik 211 ein ganzes Elsternnest an Zusatzliteratur (...). Voraussetzung für die Aufnahme ins Seminar war ein Einzelgespräch mit Zipperstein, in dessen Verlauf er seichte persönliche Fragen stellte, etwa nach dem Lieblingsessen oder der liebsten Hunderasse, und die Antworten mit Warhol'schen Bemerkungen kommentierte. Diese esoterische Sondierung, zusammen mit Zippersteins guruhafter Glatze, gab seinen Studenten das Gefühl, eine spirituelle Prüfung bestanden zu haben und nun – zumindest jeden Donnerstagnachmittag für zwei Stunden – einer LitKrit-Elite auf dem Campus anzugehören.

Genau das wollte Madeleine. Sie hatte sich aus den reinsten und dämlichsten Gründen für Englisch aus Hauptfach entschieden: weil sie leidenschaftlich gerne las. Das Unverzeichnis mit den Kursangeboten zu britischer und amerikanischer Literatur war für Madeleine, was der Modekatalog von Bergdorf für ihre Mitbewohnerinnen war." (S.36/37)

Eugenides schildert, was in Madeleine vorgeht, als sie immer häufiger, erst als Geheimtipp, später fast schon im Mainstream angekommen, mit Derrida und Deleuze konfrontiert wird, wie sich jene Studenten verhalten, wie sie aussehen, die sich damit beschäftigen und wie anders sie sind. Sie tragen schwarze Kleider, stellen Alltägliches in Frage und demontieren all die Bücher, die Madeleine bisher gelesen hat. Sie will dazugehören, und auch ich möchte sofort Derridas Grammatologie besitzen und vor allem lesen (und verstehen). Das Buch ist leider nicht als E-Book verfügbar, sonst hätte ich es im Affekt gekauft.

Im Seminar Semiotik 211 sprechen die Studenten unter anderem über Handkes Wunschloses Unglück, das ich zwar besitze, aber noch nicht gelesen habe, sie sprechen über Roland Barthes, von dem ich Fragmente einer Sprache der Liebe, sowie Das Reich der Zeichen im Regal stehen, aber beide bisher nur in Ausschnitten gelesen habe und ich merke, wie sehr mit der Liebeshandlung an meiner marginalen Beschäftigung mit der Literatur gekratzt wird. So beginne ich zu recherchieren, anstatt weiterzulesen und lasse mich durchs Netz und die Welt der Dekonstruktion treiben.

...






Abends gelingt es mir nicht, die Lektüre des Romans fortzusetzen, weil ich zuvor den großartigen Film Drive gesehen habe, der mich emotional so mitgenommen hat, dass ich nach Verlassen des Kinos einfach in irgendeine Richtung gegangen bin, ohne darüber nachzudenken, ob diese mich auch nach Hause führen würde. Vor der Haustüre angekommen, wäre ich beinahe apathisch vor mich hinstarrend in der Kälte stehen geblieben.

Oben in der Wohnung kaufe ich mir sofort den Soundtrack und es ist mir unmöglich, die Stimmung von Drive gegen die der Liebeshandlung auszutauschen. Es wäre weder gegenüber dem Film, noch dem Buch und am wenigstens mir gegenüber fair. Denn erst wenn ich es gar nicht mehr aushalte, möchte ich mich den Gefühlen, die Bücher, Filme oder Musik in mir auslösen, entziehen.

"man verliert sich, völlig, in einer stimmung zwischen potential und ausweglosigkeit, in einem großstädtischen abfuckgefühl: durch die reduzierten dialoge, durch die unbedeutendheit (unbedeutung?) von handlung und charakteren und stimmung. man nimmt den film hin, und es fällt einem erst tage später auf, dass man überhaupt nichts in frage gestellt hat. dann staunt man und geht sich eine jacke mit einem skorpion-rückenaufdruck kaufen. nightcall." (www.argh.de)

(In diesem Zusammenhang sei noch kurz auf den grassierenden Ryan-Gosling-Wahnsinn im Netz verwiesen, der mit diversen Tumblr-Blogs aufwartet wie fuckyeahryangosling, feministryangosling, typographerryangosling – eine Übersicht gibt es hier. Und wer sich lieber nur die Skorpion-Jacke kaufen möchte, rufe diese Seite auf.)

...


Um nach zwei Stunden endlich zurück zur Rationalität zu finden, setze ich meine Netzrecherche vom Nachmittag fort, kaufe als E-Book Eine Einführung in die Philosophie Jacques Derridas von Laura Dannenberg und finde auf Youtube die vollständige Dokumentation Derrida, die ich vorm Einschlafen gucke.

Ich komme nicht weit, aber ich freue mich: gezeigt wird Derrida, der Anfang der Achtziger Jahre an einer amerikanischen Universität einen Vortrag hält. Und so schließt sich vorerst der Kreis zum Buch, das mich bisher auf eine sehr dankbare Weise glücklich macht, weil es mich ganz zu sich holt, ohne dass ich – wie sonst meist – von meinen den Alltag betreffenden Gedanken abgelenkt werde.






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