10.07.2011 | 17:54

Netzschau: Das Wettlesen in Klagenfurt

Der diesjährige Literaturwettbewerb in Klagenfurt endete am Sonntag mit der Verleihung diverser Preise, allen voran natürlich der mit 25.000 dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis. Die Gewinnerin ist, nach mehreren Abstimmungsrunden, Maja Haderlap mit ihrem Text Im Kessel, der dem Roman Engel des Vergessenens entnommen ist, der in der kommenden Woche erscheint.

"Die 1961 geborene und in Klagenfurt lebende Autorin beleuchtet in ihrer Dorf- und Familiengeschichte den Widerstand der Kärntner Slowenen gegen die deutsche Wehrmacht. Haderlap habe der Geschichte der Kärntner Partisanen eine Stimme gegeben, sagte Jurorin Daniela Strigl, die sie für den Wettbewerb vorgeschlagen hatte, ihre Wahl. "Sie beschreibt es bedächtig, mit großer Genauigkeit und ohne Hass", sagte Strigl." (Zeit)

Die weiteren Preise gingen an Steffen Popp (Kelag-Preis), Nina Bußmann (3sat-Preis), Leif Randt (Ernst-Willner-Preis) und Thomas Klupp (Publikumspreis).

"Interessanterweise war es just der zweite in die Vergangenheit zurücktauchende Text, der den zweiten Preis bekam: Für seine Thüringen-Dorf-Erkundung, den poetisch ambitioniertesten Beitrag des Wettbewerbs, erhielt der 1978 in Greifswald geborene Lyriker Steffen Popp den kelag-Preis (10 000 Euro). Wem Maja Haderlaps Beitrag literarisch konventionell erschien, bekam hier ein stilles Feuerwerk geboten, auch in der Literatur kein alltägliches Ereignis. Drei Leute reisen nach Thüringen für die Recherche in einem abgewrackten Ort, der einmal von der Glasherstellung lebte. „Kommunismus ne super Sache sei, hört Berthold, Besitz für Idioten sei, vernimmt er.“

Die Popp-Wahl traf sich gut, denn wer sich von Literatur erhofft, dass sie eben doch verblüfft wie neu, obwohl der Schriftsteller mit einem Alles-schon-Geschrieben zurechtkommen muss, der erlebte keine Klagenfurter Wundertage. Dabei gab es viele gute Texte, ein richtig gutes Mittelfeld." (Frankfurter Rundschau)

 

 

Für alle, die nicht bereits seit Donnerstag die Leserunden mitverfolgen konnten, besteht die Möglichkeit, auf den einzelnen Autorenseiten die Texte nachzuhören oder sich diese in Ruhe selbst durchzulesen – was manches Mal von Vorteil ist, da nicht jeder Vortrag so recht gelang.

Zwei bekannte Bloggerinnen haben sich auch dieses Jahr wieder die Mühe gemacht und jeden Tag vom Wettlesen berichtet.
Die Eindrücke der Kaltmamsell finden sich hier: Donnerstag, Freitag, Samstag, die von Andrea Diener hier: Donnerstag, Freitag, Samstag.

"Maja Haderlap, mitgebracht von Daniela Strigl, kündigt im Portraitfilmchen bereits an, dass ihre Geschichte sehr persönlich und autobiographisch sei. Leider merkt man das ihrem Im Kessel deutlich an. Ich höre einen Text voller Naturbeschreibungen mit hinkenden Vergleichen, dazu unmotiviert auf- und abtretende Verwandte, von einem mittelkleinen Mädchen aus Ich-Perspektive beschreiben. Die erste Hälfte über warte ich noch darauf, dass die Geschichte beginnen möge, doch es bleibt bei einer pointenlosen Aneinanderreihung von Szenen mit oft unbeholfener Vermittlung von Informationen und ausgesprochen wackliger Grammatik. (Fester Vorsatz, dass ich mich gründlich mit den Regeln der indirekten Rede vertraut mache, um nicht in dieselben Fallen wie Haderlap zu treten.)

Ganz falsch, erfahre ich von der Jury. Keller hat die Geschichte gut gefallen, unter anderem wegen ihres langsamen, gemächlichen Rhythmus’ und dem Hinführen auf eine größere Geschichte. Für Sulzer war es gleich ein „makelloser Text“, dessen große Landschaftsmetaphern am Anfang „öffnen auf die Seele des Mädchens“. Jandl hatte drei Ebenen gefunden: Partisanenkampf der Slowenen im Zweiten Weltkrieg, das heranwachsende Mädchen und die Autobiographie der Autorin – mit „feinen sprachlichen und poetischen Nuancen“ und „präzise gearbeiteten Bildern“. (Mittlerweile bin ich völlig verdattert.)" (Vorspeisenplatte)



Angela Leinen, die letztes Jahr das Buch Wie man den Bachmannpreis gewinnt herausbrachte, hat das Wettlesen in ihrem Blog zusammengefasst. Vor Ort war sie mit Katrin Passig, die den Bachmannpreis bereits 2006 gewann. Im Rahmen des Projekts Die Riesenmaschine verliehen die beiden den Automatischen Literaturkritik Preis, der dieses Jahr an Linus Reichlin ging. Dieser Preis erfolgt übrigens nach einer ganz simplen Punktevergabe, die sich an diese tolle Liste hält.

 

Wer sich nun fragt, wie sich das Lesen dort in Klangefurt wohl anfühlen mag, dem sei der Text von Antonia Baum, einer der diesjährigen Mitstreiterinnen, empfohlen. Sie hat aufgeschrieben, wie es ist, nicht nur zuzuschauen und Kritik zu üben, sondern Teil jener Veranstaltung zu sein:

"(...) ich freute mich tatsächlich ein bisschen auf die bevorstehende Lesung, wie ich mir auf dem Autorensessel sitzend noch mal extra ins Bewusstsein rief, und dann fing ich an zu lesen, was aufregend war und von irgendjemand anderem gemacht wurde, jedenfalls nicht von mir, dachte ich, während ich las und las und mir die Wörter aus dem Mund in den Fernseher fielen, wie mir manchmal einfiel... –und dann erschrak ich, aber las weiter, automatisch rannte mein Text vor mir her hin zu dem Kritikerhalbkreis, der die Textseiten umschlug, blätterte, in meinen Innereien herumblätterte, dachte ich lesend, selber schuld!, dachte ich weiter, und dann wurde geklatscht, und mein Mund war trocken, und es begann ein noch flüssigkeitsärmeres Gemetzel von einigen in die Jahre gekommenen Metzgern, denen der Staub aus den Gesichtern bröselte und deren Gelenke von ihrem literaturwissenschaftlichen Kalk quietschten und viel zu unbeweglich waren, um meinen Text mit Engagement umzubringen, so wie sich das für anständige Metzger gehört, denn anständige Metzger schärfen ihre Messer und hauen nicht stumpf und gelangweilt mit den immer gleichen Äxten auf dem Tier herum, dachte ich, musste ich denken, weil es sich nicht gehört, etwas zu sagen, wenn die Kritiker reden, und das ist es ja, worum es hier überhaupt geht: Was sich in der Literatur gehört und was sich nicht gehört, was in der Literatur erlaubt ist und was nicht, was geht und was nicht geht." FAZ

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.07.2011 um 18:08
Ich habs bei 3sat geschaut (die gute alte Flimmerkiste), Frau Schortmann von der Kulturzeit-Redaktion war vor Ort; bereits am Freitag haben sie gesagt, dass Haderlap der Favorit ist.

Was ich mich auch dieses Jahr frage: Warum werden erst jene Texte von der Jury ausgesucht, um sie dann zu zerrupfen und zu zermalmen? Da tun einem die Schreiben schon leid, unabhängig von der Qualität ihrer Texte.
Maike Hank schrieb am 10.07.2011 um 18:15
Die Texte werden ja von unterschiedlichen Jurymitgliedern ausgesucht, die ja wiederum ganz unterschiedliche Präferenzen haben.
Ich kenne übrigens gleich zwei Personen, die sehr gerne einmal dort läsen. Die eine mit sehr ernsthaften Ambitionen, die andere aus Spaß- und Perfomancegründen. Ich bin sehr gespannt, welche ich zuerst dort sehen werde...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.07.2011 um 18:21
Ah, das wusste ich nicht, ich dachte die werden von allen Juroren gemeinsam ausgewählt.

Jedenfalls hat das 3sat-Orakel richtig gelegen, letztes Jahr tippten sie auf Peter Wawerzinek, und der erhielt dann auch den Bachmann-Preis.
Helena Neumann schrieb am 10.07.2011 um 18:52
Dennoch kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass bewusst, Verlierer ausgewählt werden. Ich erinnere mich an eine Biologin, die, glaube ich letztes Jahr da war, und von allen total verissen wurde - zu Recht.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.07.2011 um 19:09
Meinen Sie Rossbacher? Die erhielt z.B. die Kritik ihr Text schreine danach Kunst zu sein. Die ist aber glaube ich keine Biologin.

Mich würden ja mal die Auswahlkriterien der Juroren interessieren, welche Texte überhaupt erst erwählt werden.
Helena Neumann schrieb am 10.07.2011 um 21:54
Nein, nicht Rossbacher: Eine junge Umweltbiologin aus Östereich. Offenkundig vorgeschlagen von einem Schweizer Juror, das war ja so komisch. Er hat ihren Text in keinster Weise verteidigt, aber das war auch schwierig. Ihr Text war banal.

Ich habe diesmal nicht soviel Zeit damit verbracht, werde irgendwann zu Dussmann gehen, mich in den ersten Stock setzen mit dem wunderbaren Panoramblick auf die Friedrichstraße und einiges anlesen und dann entscheiden: kaufen oder nicht kaufen.
Die Besprechung hier hat mir gefallen...
hier vielleicht ein Link, der etwas Aufschluss über die Vorauswahl gibt:
/lesezeichen.szylla.net/ingeborg-bachmann-preis-2004/16
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.07.2011 um 10:16
Sagt mir im Moment nichts, ich hab nochmal nachgeschaut, letztes Jahr war keine Biologin dabei. Egal.

Mir ist nur der Text von Rossbacher so hängengeblieben, weil sie auf Einladung des Jury-Vorsitzenden kam und dann eine ganz ungünstige Textpassage vortrug, auch die Art des Vortragens war auch nicht so "günstig", und ich dachte nur "oje, sie wird bestimmt gleich zerrissen". So wars dann auch.

Als Zuschauer ist das nicht immer alles nachvollziehbar.
Angela Leinen schrieb am 12.07.2011 um 11:59
Bei der Biologin kann ich vielleicht helfen. Das müsste Andrea Grill gewesen sein, war aber schon 2007, sie las auf Einladung von André Vladimir Heiz.
Und: Nein, ganz gewiss lädt keiner der Juroren absichtlich schlechte Texte ein. Der Juror muss ja bei den Jury-Kollegen für den Text einstehen, ein schlechter Text fällt also auf ihn zurück.
(Aber wer weiß schon wirklich, was ein schlechter Text ist?)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.07.2011 um 12:05
Danke.

Ich hab auch nicht gedacht, dass da absichtlich schlechte Texte eingeladen werden, wäre ja unsinnig.

Aber wie die einzelnen Juroren die Texte aussuchen interessiert mich dennoch.
Angela Leinen schrieb am 12.07.2011 um 12:17
Das macht tatsächlich jeder, wie er will, es gibt keine Regeln. Irgendwo steht "Es steht Autoren frei, sich direkt bei den Jurymitgliedern zu bewerben" - die Juroren müssen diese Einsendungen aber nicht einmal lesen.
Ex-Jurorin Iris Radisch zum Beispiel erzählte damals, sie läse nie Einsendungen, sondern frage immer Autoren, die ihr aufgefallen waren, ob sie nicht einen Text für Klagenfurt hätten.
Helena Neumann schrieb am 12.07.2011 um 14:05
Sie haben vollkommen Recht - ich habe mich da komplett geirrt, es war Andrea Grill; allerdings hat Vladimir Heintz sie keineswegs in Schutz genommen....
Angela Leinen schrieb am 12.07.2011 um 15:10
Das stimmt, aber seine Beiträge waren sowieso oft, nun ja. Etwas schwer verständlich.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.07.2011 um 15:18
Also, auf mich Außenstehenden wirkte das wie ein Sammelsurium; jeder Juror greift sich eine vermeintliche Perle, die er einlädt, die Kriterien dafür sind wohl wie Sie schreiben nicht vorhanden; das wird dann präsentiert, bei manchen Autoren hätte ich mir einen guten Berater gewünscht, bei einigen Kritikern mehr Substanz oder weniger Ego; am Ende verkündet eine überfordert wirkende Moderatorin den Sieger.

Ich weiß nicht, ich war auch dieses Jahr enttäuscht, vom Ganzen, es wirkt so lieblos und inkompetent.
poor on ruhr schrieb am 10.07.2011 um 18:50
Danke für den Text. Wirklich sehr informativ. Schöne und auch robuste Zitate wie bei Atonia Baum. ;)
Ich muss bei Klagenfurt immer an den Verlag Droschl und an Natur denken. Von denen habe ich ein Buch. In Klagenfurt gewesen bin ich aber noch nicht. So kann ich mir nicht ganz sicher sein, ob das mit der Natur stimmt. ;)

Herzliche Grüße

por
Magda schrieb am 10.07.2011 um 20:02
Verfolgt habe ich intensiv auch diesen Popp-Text. Das ist etwas, das sich auch besonders beim Hören erschließt. Aber auch Julya Rabinovich fand ich gut. Thomas Klupps Pornotext krankte auch an Ungenauigkeit. Er verwechselt die Vulva mit der Vagina. Naja.

Manchmal frage ich mich ohnehin bei diesen Lesungen.Was ist der Unterschied zwischen einem Text und Literatur. Texte sind immer so "germanistisch".
Magda schrieb am 10.07.2011 um 20:03
Und ich stelle gerade fest, dass mein Kommentar stilistisch das Letzte ist. .-)))
poor on ruhr schrieb am 10.07.2011 um 20:20
@Magda

Ich muss schimpfen. :)

Sei nicht so streng zu Dir. ;)
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