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Ich schreibe schon einige Jahre lang ins Internet und verfolge seither die Entwicklung von Blogs und deren unterschiedliche Ausrichtungen sowie die Intentionen der einzelnen Betreiber und Autoren. Und während an den meisten Stellen Fach- und Themenblogs gelobt und bevorzugt werden, gilt mein Hauptinteresse immer noch den ganz privaten, oft kleinen Weblogs, von denen manche gerne fälschlicherweise als Tagebuchblogs abgetan werden, obwohl sie gar keine banalen Erlebnisaufzählungen zum Inhalt haben, sondern vielmehr Einblick bieten in andere Leben, Sichtweisen und Herzen. Einige davon möchte ich hier nach und nach vorstellen.
„Die Vigilien sind eine unregelmäßig, nach Lust und Laune aktualisierte Webseite ohne Absichten. Hier werden keine Geschäfte betrieben und keine Meinungen gebildet.“ schreibt der Autor Ronnie Vuine über sein Blog, dem er, wenn überhaupt, folgendes Thema zuweist: „Wie schwer es ist, richtig zu leben, und wie es doch gehen könnte, bemüht um einen aufrechten Gang und einen schüchternen Blick, es ist mehr zu erahnen als zu wissen, wie es gehen könnte. Man muß aufmerksam sein; überhaupt irrt man sich dauernd.“
Benannt ist es nach einer Erzählung von Stanislaw Przybyszewski und schon dies lässt erahnen, dass einen keinesfalls alltägliche Nichtigkeiten erwarten, so man sich an die Lektüre seiner Texte begibt.
An den Vigilien verehre ich die inhaltliche Vielschichtigkeit, die Klugheit der Texte, die so sehr aufmerksamen Beobachtungen von Menschen, Städten und Begebenheiten, mich an Proust erinnernde, detaillierte Beschreibungen der Dinge, welche vom Autor in emotionale, kulturelle, philosophische Kontexte gesetzt werden.
Ganz schön altmodisch, mag man meinen - doch ganz im Gegenteil gibt es auch genügend Einträge, die ganz dicht dran sind an aktuellen Themen. So findet man eben auch eine Technologiekritikkritik, welche sich auf einen vor einigen Wochen veröffentlichten Text von Kathrin Passig bezieht, sowie einen Kommentar zum seinerzeit publizierten sogenannten Internet-Manifest, einen Text zum WUMS! der Grünen und auch einen zum Zugangserschwerungsgesetz samt Piratenpartei. Ronnie Vuine schreibt gar über die Feuchtgebiete - niemals hätte ich gedacht, dass er so was überhaupt lesen würde und bereits der Textanfang verdeutlicht, dass man sich warm anziehen muss, wird man von ihm rezensiert:
„Die Konkurrenz in meinem Bücherregal ist ungleich härter als im Fernsehen, und bei der Beurteilung von Büchern bin ich rücksichtslos. Wer ein Buch schreibt, das ich lese, muß mich kennen, wir müssen zwei von einer Art sein, der Autor und ich, und wenn er mich verkennt oder verwechselt, werde ich wütend. Wenn sich jemand traut, ein Buch zu machen, gibt es keinen Vorschuß, nicht mal für Charlotte. So bin ich.“
Den Gegenpol zur hier demonstrierten Härte liefern Texte wie jener, in dem Ronnie Vuine verrät, wie er Menschen in der S-Bahn dazu bringt, sich zu küssen. Und wer sich aufmerksam durch die Vigilien arbeitet, findet irgendwo, ganz unscheinbar, die Telefonnummer von Orson Welles.
Postscriptum: Tiefebbefrostgebiet
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Sie sind manchmal gar nicht leicht zu finden, diese Schätze. Herrlich, diese verbindliche, fast ein bisschen "oldfashioned" Sprache. Man weiß gar zierlich die Worte zu setzen, würde ich das beschreiben.
Wenn ich bedenke, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Vor einigen Jahren schrieb Katja Werner einen Beitrag im "Freitag" ("Blogger Dir einen")und fand das alles äußerst befremdlich mit der Bloggerei. Ich habe damals einen kritischen Brief dazu geschrieben. www.freitag.de/2001/10/01101402.htm Und heute: Sicher sind vieles Schnellschüsse, manche überoriginell sein wollend. Aber insgesamt gibts immer wieder sehr interessante Alltagssachen. Ich will ja auch andauernd wieder mein eigenes Blog mehr pflegen, aber ich komme nicht dazu. Spaß macht es aber dennoch. Danke also für den Tipp, dem - wie ich sehe - sicher weitere folgen werden. |
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Gleich noch ein ran nach den "Feuchtgebieten". Wirklich eine fabelhafte Sprache. Der wohnt in der Schönhauser, da muss ich mal vorbeigucken. (Ne, mach ich nich, aber mal aufs Klingelbrett)
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Solange Sie nicht heimlich klingeln und wegrennen!
(Soweit ich weiß, hat aber ohnehin ein Umzug nach Friedrichshain o.ä. stattgefunden.) Danke für den Link aus der Vergangenheit. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in den Anfangszeiten ständig nach dem Sinn, dem Warum des Bloggens gefragt und nur all zu oft belächelt, doch aber wenigstens für verschroben gehalten wurde. Tatsächlich konnte ich das nie so recht definieren und wollte es auch gar nicht. Ich bin seinerzeit in einem Artikel übers Bloggen gestolpert und wusste sofort, dass ich das machen musste. Da war einfach eine Dringlichkeit. Und die ist immer noch da. Mittlerweile muss man sie immerhin nicht mehr erklären : ) |
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Ja, kann sein, dass die Adresse Warschauer Straße aktueller ist. Aber ich mach das ja eh alles nicht.
"Mittlerweile muss man sie immerhin nicht mehr erklären : )" Allerdings klagen die Bloggerportale, dass es ein bisschen zurückgeht mit den Usern. Vielleicht finden sie sich jetzt lieber im Medien-Umfeld ein. Wer weiß... |
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Ein echtes Goldstück - wie ich schon nach kurzem Überfliegen der Texte feststellen konnte. Ich freue mich darauf, heute Abend ein wenig intensiver zu lesen - und auf weitere Empfehlungen.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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