Maitol Krczstovczc

contentio, discordia, rebellio

09.11.2009 | 02:24

Es gab eine Zeit, da waren wir das freieste Volk der Welt.

Wohl war. Was in der Zeit von November 1989- zum 3.Oktober 1990 passiert ist, dürfte wahrlich einmalig in der bisherigen Geschichte der Welt gewesen sein.

Ich habe nie wieder dieses Gefühl der Freiheit wieder gehabt als zu dieser Zeit. Ich war 17 Jahre, in der Ausbildung zum Dachdecker und in einem Kinderheim. Am Anfang hat sich dieses das auf leisen Sohlen bemerkbar gemacht. Mein Staatsbürgerkundelehrer beantwortete plötzlich Fragen seiner Schüler, er begann zu differenzieren. Zum Beispiel kam bei einer Auswertung des "Der schwarze Kanal" zu folgender Thematik: Eduard von Schnitzler monierte des Umweltschulz der Industrie in der BRD; Warum: Er würde nur aufgrund des finanziellen Drucks der Konsumenten entstehen und nicht aus einer freiwilligen Motivation. Natürlich kam dann die Frage in der Berufsschulklasse auf wo denn bitte das negative daran sein soll, schließlich gibt es ja bei uns bis auf SERO keinen wirklichen aktiven Umweltschutz.

Früher wäre diese Frage zügig abgewürgt wurden. Jetzt plötzlich durfte darüber geredet und diskutiert werden. Auch in anderen Fächern machte sich die neue Freiheit bemerkbar. Man durfte in den fachbezogenen Fächern Vergleiche ziehen, mit den doch den meißten Saustiften bekannten  Bedingungen in westdeutschen Dachdeckerbetrieben, über deren Betriebsmittel, über deren Technik und Arbeitsverfahren. Dies war so  früher nicht möglich.

Aber auch im Kinderheim tat sich einiges. Es fing damit an das man nach der Arbeit sich direkt vor den Fernseher drängte um ELF99 zu sehen, darüber zu reden. Das plötzlich auch im Heim die westlichen Sender funktionieten, das wir mit den Betreuern und Erziehern anders reden konnten, mit einigen, vor allem Neueingestelllten enstanden doch recht vertrauensvolle Beziehungen. Es tauchten die ersten Zivis bei uns auf; recht ungewohnt, wenn man Betreuende erst ab 24, 25 Jahre zu Gesicht bekam. Es wurde ein Heimrat initiiert, es wurde über das Essen gesprochen, über diverse, für uns Heimkinder nervende Regeln diskutiert, Beschwerden über "mieße" Erzieher wurden nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern man hat sich mit ihnen auseinandergesetzt. Man hat sich fast zuhause fühlen können.Wir durften Konzerte selber veranstalten und organisieren bekamen dabei jedwillige Unterstützung.

 Auch in meiner Heimatstadt, Größenordnung 130000 Einwohner  tat sich einiges.  Natürlich die Läden wurden voller, aber auch das Kulturleben wurde in dieser Zeit bunter. Auch früher schon  gab es in meiner Stadt verdammt viel Möglichkeiten wegzugehen, ob als Grufti :-), ob als HipHoper, als Metaler. Doch jetzt gab es mehr Livekonzerte, mehr Alternative Kulturveranstaltungen, Punks durften sich frei ausleben :-), Es war einfach nur geil.

Es war eine Zeit in der fast jeder politisch zumindes interessiert, wenn nicht sogar aktiv war. Man hat sich freiwillig Volkskammersitzungen angeschaut, Stadtratssitzungen besucht, den Politikteil der Tageszeitung gelesen.

Es war eine Zeit wo jeder der wollte sich aktiv am politischen Leben beteiligen konnte, eine Zeit wo diskutiert und nicht nur Basta gesagt wurde, wo Politiker sich wirklich an das hielten was sie gesagt haben.

Leider ließ diese Zeit ganz schnell wieder nach. Meine Mutter wurde entlassen, Man sah wie der Westen sich immer mehr in die DDR-Politik eingemischt hat. (Schuld kann man den kommenden Bundestagswahlen geben) Erst hieß es "Wir sind das Volk" nach dem Kohl anfing sich einzumischen "Wir sind ein Volk" dies läßt sich relativ genau zeitlich verfolgen. Vieles wurde versprochen, wenig eingehalten, die DDR-Wirtschaft wurde regelrecht plattgemacht, verhökert oder verschenkt. Das Volks/Genossenschaftseigentum wurde an Banken mittels Pseudokrediten an die Westdeutschen Banken verschenkt, Ein relativ gtu funktionierendes Schulsystem wurde plattgemacht. Fast alle Jugendhäuser in meiner Stadt wurden geschlossen.

Der Weg zum Vorrang des Geldes und der Wirtschaft vor dem Menschen begann und geht bis heute immer weiter.

Schade das man sich nicht vereint, sondern nur die DDR übernommen hat. Wer weiß wie Deutschland aussehen würde hätte man auf beiden Seiten geprüft was sinnvoll in einen neuen Staat hätte übernommen werden können.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 09.11.2009 um 10:31
Sehr interessant zu lesen. Stimmt, es war eine Zeit, in der alles möglich schien. Aber ich weiß auch, dass ich das damals nicht in dem Maß erkannt habe. Andere vielleicht auch nicht. Wenn man so mitten drin ist.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 09.11.2009 um 11:10
Stimmt, war eine interessante, wilde und aufregende Zeit. Das für mich vielleicht wichtigste Gefühl damals war das der Hoffnung. Ein trügerisches. Verstanden habe ich das dann erst sehr viel später. Über mich ist die Wende eher wie eine Welle hinweggerauscht. Ich denke, jeder sollte da sehr sorgsam trennen, zwischen damaligem Erleben und heutigem Erinnern. Ich beobachte da sehr oft erhebliche Differenzen.

"Wer weiß wie Deutschland aussehen würde, hätte man auf beiden Seiten geprüft, was sinnvoll in einen neuen Staat hätte übernommen werden können."
Ich hänge ja auch immer noch dem Gedanken an, daß der Westen sich in einem ähnlichen Umfang wie der Osten hätte ändern müssen oder wenigstens heute muß. Das aber ist klar erkennbar die totale Illusion. Der Sieger muß überhaupt nichts. Und schon gar nicht sich ändern.
Ein kleiner "Witz" der deutschen Weltgeschichte besteht ja nun darin, wie D.Dahn geschrieben hat, daß der Westen seinen Sieg teuer bezahlen muß. Und es offensichtlich immer teurer wird. Und eigenartigerweise scheint Heiner Müller Recht zu bekommen, der von der beginnenden Verostung des Westens sprach.
Die Zeiten werden wohl wieder wild werden. Aber eben anders als 1989 in dieser kleinen DDR.
Titta schrieb am 10.11.2009 um 11:34
Lieber GerhardHM,

ich werde hier von dir zum Sieger deklariert. Das wird, finde ich, mir und meiner Person aber nicht gerecht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.11.2009 um 15:03
Liebe Titta, das glaube ich Dir sofort. Auch mir (und noch sehr vielen anderen) wird dieses ganze Vereinigungsweltpolitikreden und -schreiben nicht gerecht. Und trotzdem findet es statt und hat m.E. auch eine gewisse Berechtigung und Notwendigkeit, solange es nicht als letzte Wahrheit daherkommt.

Ich fand mich 1990 eindeutig auf der großen Verliererseite wieder und habe doch auch so einiges gewonnen. Beides gehört dazu. Auf der Gewinnerseite wird es ähnlich sein. Nur, ist dieses Forum der Ort, darüber ausführlich und unvermeidlich tief ins Persönliche reichend zu schreiben?
Ich hatte ein paar Mal in meinem Leben das Glück, in sehr intensiven Begegnungen mit Menschen zu erleben, daß bei wirklich ehrlichem Miteinanderreden und -suchen und -fragen weder die Herkunft, der Kontostand, die Intelligenz, der Beruf o.ä. eine Rolle spielen mußten. Das ist dann schlichtweg nicht mehr wichtig. Zwangsläufig ist es ein weiter Weg bis dahin. In www.freitag.de/community/blogs/gerhardhm/nichtschiessbefehl-und-versoehnung habe ich versucht, darüber zu schreiben.

Sollte es Dich mal nach Berlin verschlagen, lade ich Dich ein ins Café Aniko. Beim besten Kaffee im Umkreis wird es uns möglich sein, einander zu verstehen. Wir Verlierer - und wir Gewinner. Wir Menschen.
Titta schrieb am 10.11.2009 um 11:38
Lieber Maitol Krczstovczc,

danke für Ihre Eindrücke und Erinnerungen.
Meiner Meinung nach haben die DDR-BürgerInnen damals wirklich eine große Chance vertan, als sie sich für die Einheit entschieden haben statt für eine wirkliche Wende.
Maitol Krczstovczc schrieb am 10.11.2009 um 16:05
Hallo Titta,
leider hatte ja des späteren der OttonormalOssi keine Chance mehr eine Chance zu vertun. Weder gab es eine Volksabstimmung, noch wurde wie nach der Wende eine Art Runder Tisch. Alle Punkte des Vereinungs(Übernahme)vertrages wurden in kleinen Runden ohne Mitsprache des Bürgers verhandelt. Mitsprechen durfte wie immer nur Kirche, Industrie und Finanzwirtschaft. Dementsprechend sind die Verträge auch ausgefallen. Mit der Währungsunion hat der DDR-Bürger sich kaufen lassen. Das Problem war nur das dadurch den noch funtkionierenden Teilen der DDR-Industrie der Todesstoß versetzt wurde. Die Westdeutsche Konkurrenz war hoch erfreut; Erst die heutige Finanzkrise hält ähnliches bereit. Sanierung und Kredite auf Kosten der Allgemeinheit und der Sozialkassen. Wie auch zu Einheitszeiten wird der Bürger nicht gefragt, im Gegenteil, man beschließt Gesetze gegen den artikulierten Willen der Mehrheit. Man Merkelt sich im Interesse derer die Geld und noch mehr Geld haben wollen durch. Eine Regierung die einen Großteil ihr Bürger als Nichtleistungsträger bezeichnet weil sie keine 20Millionen auf dem Konto, ähm in Stiftungen, haben, für die 2,0€ die Stunde der Leistung Lohn ist,eine Regierung die andersdenkende Politiker und Organisation medial so dermaßen fertigmacht das es an Zeiten eines gewissen Göbbels erinnert (Ypsilanti, Lafontaine, hochjubeln von SINNlosen Wirtschafts"fachleute"), diese Regierung kann ich eigentlich nicht mehr als Grundgesetztauglich ansehen. Sie gehört abgewählt, abgeschafft.
Dazu müßteb bloß alle die Chance ergreifen. Viele wird es in Zukunft nicht mehr geben.
Maitol Krczstovczc
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