Maja Wiens

Donnerstag

02.12.2009 | 19:43

Ich will meine DDR zurück

Ich wünsche mir meine DDR zurück.

Natürlich darf man das nicht sagen. Jedenfalls nicht laut.

Ich sage es trotzdem. Ich darf das. Ich bekleide kein Amt. Ich muss nicht zurücktreten. Ich kann es mir leisten. Ich bin eine sogenannte Freie. Kein Projekt wird an meinem Wunsch zerbrechen, kein Arbeitsplatz verloren gehen, weil ich es ausspreche:

Ich wünsche mir meine DDR zurück.

Ich darf zugeben, dass mir die Hoffnung auf Veränderung der DDR tausendmal lieber war, als der triste Kapitalismus mit seiner Privatversicherung durch das Kapital.

Ich wünsche mir meine DDR zurück.

Meine DDR war nicht die DDR. Meine DDR war die Hoffnung, aus der DDR ein lebens- und liebenswerteres Land zu machen.

Ich darf sogar bei der Stasi gewesen sein. Das macht ganz frei. Ich darf  für den Sozialismus sein, ohne dass sich jemand darüber wundert. Und beinahe immer, wenn sage, dass ich Sozialistin, gar Kommunistin bin, kommt gleich die Frage, die eine ablehnende Antwort erheischt: Du willst wohl die DDR wieder haben?

Ja. Ich wünsche mir meine DDR zurück.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
haydnplayer schrieb am 02.12.2009 um 20:02
Ich auch, liebe Maja. Und ich wünschte mir, dass diese Hoffnung schon Wirklichkeit und ein so liebenswertes Land aus ihr geworden wäre, dass die Bundesbürger gekommen wären und an die Mauer getrommelt hätten mit dem Ruf: Laßt uns rein!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 20:46
@ haydnplayer
Wir Bundesbürger haben Eintritt bezahlt. Und Kurtaxe für jeden Aufenthaltstag. Wir haben uns jeden Tag bei der örtlichen Dienststelle gemeldet.
Wir haben uns nachts in den Autos unserer Kumpels versteckt, damit keiner glaubte, es sei ein privates Taxi.
Wir teilten uns auf an Grenzen, damit wir überhaupt eine Chance hatten da ohne Ärger rein zu kommen.
Wir liessen unser Gepäck durchwühlen und ertrugen peinliche Fragen.

Die DDR war immer eine Reise wert.
haydnplayer schrieb am 02.12.2009 um 21:09
Genau, und wir waren noch bis zuletzt über jedes Paket glücklich mit getragenen Sachen, lichtabgeblaßten Schaufensterschuhen und Dalmeyer prodomo und jedes einzelne Buch. Den gesammelten Proust bekam ich auf diese Weise geschenkt, und Kierkegaard und Solschenizyn.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 21:35
@ haydnplayer
Getragene Klamotten weiter zu geben ist bis heute in Bundesdeutschland üblich. Auf dem schwarzen Kontinent freut sich aber auch nicht jeder über Ski-Jacken & Daunenbetten.

Wir Bundesedeutschen bekamen tolle Bildbände & gehäkelte Eierwärmer als Paketsendung von drüben.

Für unser zwangsweise umgetauschtes Geld kauften wir Fachbücher drüben. Oder gingen in Restaurants essen & wollten dicke Trinkgelder geben. Die Service-Mitarbeiter wollten die Währung nicht mal geschenkt.
I.D.A. Liszt schrieb am 02.12.2009 um 21:38
@ chrisamar:

Die DDR hatte für uns Bundesbürger aber doch nicht nur diese Seite.

Denn wir Bundesbürger haben in der DDR Bücher und Schallplatten zu einem Bruchteil des Preises gekauft, den wir in der BRD bezahlt hätten.

Nach erfolgreichem Einkauf sind wir Bundesbürger dann in ein gepflegtes Restaurant gegangen und haben uns den Bauch für einen Spottpreis (in unseren Augen) vollgeschlagen.

Und ich werde nie müde, darauf hinzuweisen, wie wir Bundesbürger nach der sog. "Wende" mit unseren alten Autos in die DDR gefahren sind, die wir Bundesbürger den Leuten zu entsetzlich überhöhten Preisen verkauft haben. Dann sind wir vergnügt zurückgekommen und haben uns hämisch die Hände gerieben, weil diese Ossis tatsächlich so doof waren, dies Preise zu bezahlen!!!

Und das beste an der DDR war, daß wir Bundesbürger uns immer so toll fühlen konnten, wenn wir Bundesbürger dort zu Besuch waren:
Bei uns war ja alles bunter und nicht so trist und grau wie dort. Wir hatten ja alles besser, wir konnten alles besser und wir wußten alles besser. Das war so ein richtiges Hochgefühl!

Und noch eine letzte Bemerkung: Wie sehr auch wir Bundesbürger die DDR (sogar in ihrer tatsächlichen Existenz) gebraucht haben, bemerken wir doch erst jetzt, da wir Bundesbürger um unser Sozialsystem gebracht werden, da die Arbeitnehmerrechte aufgeweicht und nach und nach abgeschafft werden, da die Schere der Zweiklassengesellschaft sich immer stärker öffnet. Das alles haben die, die die Strippen ziehen, damals nicht gewagt, als es die DDR mit ihrem alternativen sozialen Modell gab.
Maja Wiens schrieb am 02.12.2009 um 21:46
@I.D.A. Liszt - erfreulich ist, dass wir jetzt wenigstens zusammen die Verantwortung für eine andere, bessere (deutsche) Gesellschaft tragen. Allerdings scheint mir, machen wir viele Fehler noch einmal und der Weg wird sehr lang.
Um diesen Weg wenigstens etwas zu verkürzen, muss es eine Diskussion über die DDR geben, die frei ist von den jetzt üblichen Verkürzungen und Verleumdungen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 21:56
@ I.D.A. Liszt

Wir waren jung, wir waren wild & wir waren verwöhnt. Wir sind rüber gefahren & haben da verbotenen Sachen gemacht.
Unsere Leute drüben mit denen wir diese Sachen gemacht haben, waren eben genauso drauf wie wir.
Anabeth Fregk schrieb am 09.08.2010 um 20:42
"Die Service-Mitarbeiter wollten die Währung nicht mal geschenkt."

Natürlich bin ich ein glühender Verfechter der Meinung, dass man das Gros seiner Mitmenschen garnicht genug unterschätzen kann (Dieter Bohlen, Guido Knopp und Vera Lengsfeld sei Dank!), doch ist die Angabe, irgendein DDR-Bürger hätte geschenktes Geld verschmäht, selbst für einen unterduchschnittlich intelligenten Menschen wie mich zu leicht als Blödsinn durchschaubar.
Aber wer weiß, vielleicht ist ja sogar unterdurchschnittliche Intelligenz von Ost zu West verschieden.

Güße
I.D.A. Liszt schrieb am 02.12.2009 um 21:04
Liebe Maja Wiens,

die DDR, die Sie zurückwollen, würde ich auch zurückwollen.
Ich stünde dann an der Mauer und rief: "Laßt mich rein!" - So wie haydnplayer es geschildert hat.

Denn ich bekenne, ich bin ein Wessi. Und als solcher hatte ich damals, 1989, große Hoffnungen, daß die DDR das Land werden würde, das Sie hier angedeutet haben.

Schade, daß das nicht geklappt hat.

Herzlich,
I.D.A. Liszt
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 21:28
Vor 20 Jahren...
"...Hamburg hatte 16878 DDR-Übersiedler aufgenommen. Platz gab es nur für 5300. In Kasernen wurde kaum Plätze frei gemacht. Bürgermeister Runde drohte mit Aufnahmestopp."

Quelle:HH-MOPO vom 02.12.2009
Maja Wiens schrieb am 02.12.2009 um 21:37
Was beweist das? Seither sind weiterhin Menschen in die "Westen" ausgewandert. Manche Gegend im Osten stirbt, statt zu blühen.Auch das ist ein Ergebnis der Politik.

Reisefreiheit ist auch nicht eingekehrt.
Millionen Menschen, die von Jobcentern abhängig sind, haben keinerlei Anrecht auf Entfernung vom Heimatort, nicht einmal für ein Wochenende.

Hamburg ist eine schöne Stadt.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 21:42
@ Maja Wiens

In Bundesrepublikanien gabe es keine "Jobcenter". Der gegenwärtige Zustand ist das, was wir alle daraus gemacht haben. Die Zonis sind an den Zuständen selbstverständlich anteilig beteidigt.
Friedland schrieb am 02.12.2009 um 21:57
"Meine DDR war die Hoffnung, aus der DDR ein lebens- und liebenswerteres Land zu machen."

Ich gebe Ihnen...nein, nicht Recht, sondern die Hoffnung mit auf den Weg, dass dieser bös-kapitalistische Staat bald durch uns alle ein lebens- und liebenswerteres Land wird.

Abgesehen davon ist "Staat" ein Konstrukt und die (Nicht-Fehl-)Konstruktion DDR war wie eine falsch zusammengebaute Schrankwand: fragil und erdrückend und niemand hatte mehr die richtige Bauanleitung im Blick...
Maja Wiens schrieb am 02.12.2009 um 22:22
Vielen Dank für die überreichte Hoffnung, aber das Wörtchen BALD scheint mir völlig fehl am Platz.
Wir haben nicht verhindern können, dass dieses Deutschland sich wieder an Kriegen beteiligt.

Die DDR war längst nicht so erdrückend wie dieses System, dass massenhaft Menschen auf das Geld einschwören muss, damit es funktioniert. Die Dreiklassengesellschaft der Schule teilt schon früh auf.

Es gibt kein Recht auf grundlegende Menschenrechte, kein Recht auf Arbeit, kein Recht auf Wohnung, nicht einmal ein Recht auf Bildung.

Wenn die DDR wie eine falsch zusammengebaute Schrankwand war, dann ist dieses Deutschland jetzt ein Möbelstück, das dringend auf den Sperrmüll gehört, aber wie ein Wertgegenstand behandelt wird.

Und was die richtige Bauanleitung betrifft: Man kann keinen Sozialismus anordnen, den müssen die Leute schon wollen.
Und damit ihn auch jetzt möglichst wenige wollen, muss schon der gescheiterte, unzulängliche, sogar manchmal wirklich schreckliche sogenannte Sozialismus der DDR besonders durchtbar gewesen sein.
I.D.A. Liszt schrieb am 02.12.2009 um 22:42
Die DDR war eine falsch zusammengebaute Schrankwand, und die BRD ist ein riesengroßer Wohnzimmerschrank im "altdeutschen" Landjunkerdesign mit Butzenscheiben und in Eiche rustikal.

Allerdings nagt schon seit Jahren der Wurm an diesem Wohnzimmerschrank, und er ist so schwer und überladen, daß die Gefahr besteht, daß er unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht...

Ähnlich wie damals die Schrankwand an den Fehlern beim Zusammenbau zusammengebrochen ist...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.12.2009 um 21:29
Für mich war die DDR immer Einfahrt und Abenteuer. Einfahrt über Helmstedt/Marienborn, Abenteuer, ob auch genügend Bier im Konsum war. Falsch zusammengebaute Schrankwände haben mich damals nicht interessiert. Heute aber auch nicht.
Maja Wiens
Geboren und verwurzelt in Berlin. Schreibend überlebt. Manchmal sprachlos. Fotografie als Zweitsprache. Bekennend LINKS. Parteilos. Praktisches Berufsverbot.
Mitglied seit:
2 Jahre 32 Wochen
Zuletzt aktiv:
10.05.2010
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 12
Mein Web:
Logbuch
07:47
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:14
doimlinque hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
07:03
lothar.ackermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:33
lothar.ackermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:21
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG