Marco Bülow

bülow blogt

12.09.2011 | 12:50

Ergreifen wir die Macht, die uns zusteht!

Ein Plädoyer für aktivere Parlamentarier

In unserer Demokratie wählt die Bevölkerung Abgeordnete, die ihre Interessen im Bundestag vertreten sollen. Der Bundestag soll deshalb die zentrale Rolle im politischen Entscheidungsprozess einnehmen.

Doch in der Realität liegt die wirkliche politische Macht in der Hand einer kleinen Elite. Finanzstarke Lobbygruppen und Konzerne weisen die Richtung. Regierungen entwerfen Gesetzesvorlagen, die von den Mehrheitsfraktionen der Parlamente meist brav beschlossen werden.

Die Ökonomisierung der Politik und die Entmachtung des Parlaments schadet der Demokratie. Die Einwirkungsmöglichkeiten der Bürger auf ihre direkten Mandatsträger verliert weiter an Wert. Wirtschaftliche Einzelinteressen gelten zunehmend mehr als das Gemeinwohl.

Einflussreiche Lobbyisten und Abgeordnete, die eher Regierung und Parteispitze folgen, als ihrem Gewissen, sind nicht neu. In meinen neun Parlamentsjahren erlebe ich jedoch, wie sich der Machtverlusts des Parlaments beschleunigt.

Dazu meine wichtigsten Beobachtungen:

  • Der Lobbydschungel ist undurchdringbar und viel einflussreicher geworden. Heute kommen acht Lobbyisten auf einen Abgeordneten. Gesetzesentwürfe stammen teilweise direkt aus der Feder der Konzernvertreter.
  • Politiker mit Ecken und Kanten sind Mangelware. Wer heute Karriere machen möchte, ist am besten angepasst, und medial vorzeigbar. Kritische Geister gelten häufig als Nestbeschmutzer und Außenseiter.
  • Gesetzesentwürfe und politische Initiativen entstehen immer seltener im Parlament. Wichtige Regierungsvorgaben werden von der Mehrheit der Abgeordneten meist ohne große Änderungen abgesegnet.
  • Nicht legitimierte Kommissionen und Expertenrunden ersetzen immer wahrnehmbar die parlamentarische Diskussion
  • Fraktionsdisziplin wird häufig zum Fraktionszwang, weil nicht die besseren Argumente, sondern Bastapolitik und Druck die Abgeordneten auf Linie bringen
  • Immer komplexere Gesetze werden im Schweinsgalopp durch das Parlament gejagt, ohne dass die meisten Abgeordneten überhaupt die Möglichkeit haben, sich ein differenziertes Bild über das Thema zu machen.
  • Zeit wird zur Mangelware, Abgeordnete zu Getriebenen, weil sie kaum noch dazu kommen, sich stärker inhaltlich in Themen  einzuarbeiten

Beispiele für diese Beobachtungen gibt es genug. So wurden die milliardenschweren Rettungspakte für die Banken und einen Teil der Wirtschaft, jeweils in kürzester Zeit im Bundestag abgesegnet. Nicht einmal die Fachexperten haben da noch den Durchblick bewahrt.

In der Atompolitik verlängerte die Regierung erst die AKW-Laufzeiten, ein halbes Jahr später vollzogen sie mit dem Ausstieg aus der Atomenergie eine komplette Kehrtwende. Anträge und Papiere -mehrere Hundert Seiten stark – haben wir erst wenige Tage vor den Entscheidungen auf den Tisch bekommen. Keine Chance für wichtige Nachfragen oder gar differenzierte Diskussionen.

Beide Male fiel die Entscheidung im Schnelldurchgang und ohne angemessene Parlamentsbeteiligung. Beide Male gegen den Widerstand von vielen Abgeordnete auch im Regierungslager. Beide Male können die Kritiker das Gesetz nicht einmal verändern und stimmen am Ende dennoch zu.

Deutlicher kann man der Öffentlichkeit kaum vorführen, dass der zugespitzte Begriff des „Abnickers“ leider zur alltäglichen Realität wird. Doch wir sind selber Schuld, denn wir KÖNNTEN anders entscheiden. Es ist die große Politiklüge, wenn Angela Merkel und Co immer wieder erklären, dass es zu diesem oder jenen Gesetz keine Alternative gibt.

Wir Abgeordnete sollten selbstbewusster werden, selber Initiative ergreifen und zur Not auch mal nein sagen. Dazu müssen wir auch unsere Glaubwürdigkeit zurückerkämpfen.

Dazu drei erste Ansätze:

  • Wir müssen transparenter werden, mehr über unsere Arbeit berichten, die Nebeneinkünfte vollständig offen legen und stark begrenzen.
  • Wir müssen den ausufernden Lobbyismus in die Schranken weisen. Dazu brauchen wir ein Lobbyregister und klare Regeln im Umgang mit den Lobbyisten. Wir dürfen den finanzstarken Unternehmen nicht mehr Raum geben, als den kleinen Initiativen.
  • Wir müssen mehr Abstimmungen vom Fraktionszwang befreien und häufiger über Fraktionsgrenzen hinweg nach Lösungen suchen, bei denen die inhaltliche Debatte im Vordergrund steht.
  • Zunächst aber brauchen wir eine offene Diskussion über unsere Arbeit und darüber wie sich unsere Demokratie entwickeln soll. Dazu möchte ich die gesamte Öffentlichkeit und nicht nur meine Kollegen ermuntern.

    Mehr Infos zum Thema: www.marco-buelow.de/service/veroeffentlichungen/wir-abnicker-20.html

    Ausgestrahlt als Kommentar in der Sendung WDR 5 Politikum am 29. August 2011: gffstream-1.vo.llnwd.net/c1/m/1314640426/radio/politikum/wdr5_politikum_20110829.mp3

     
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    Kommentare
    Henrie Schnee schrieb am 12.09.2011 um 16:24
    Wollen Sie Ihren potentiellen Wählern mit diesem Text wirklich eingestehen, dass sie in den letzten 9 Jahren Ihre Arbeit immer weiter haben schleifen lassen, ihre verfassungsgemäße Aufgabe aus Bequemlichkeitsgründen ignoriert und somit mit schuldig sind an dem desolaten, peinlichen Zustand unserer „Republik“?

    Wow, dann haben Sie zumindest Eier. Aber was ist die Intention hinter Ihrem Artikel? Wollen Sie etwa unser Mitleid? Sollen wir Sie alle mal eine Runde lang dafür bedauern, dass, wie Sie mehr oder weniger zugeben, Ihr einst so ehrwürdiges und bedeutendes Amt auf das Niveau einer reinen Formalität gesunken ist? Dass der Bundestag nur noch ein Wurmfortsatz der Unermesslichen Weisheit der Arbeitgeberverbände ist?

    Wenn es wahrlich Sympathien sind, nach denen Sie hier fischen, dann hätten Sie für zynische Bastarde wie mich weitaus mehr Rechtfertigung liefern können – vielleicht ein paar tränenreicher Insider-Geständnisse, wie man sich Ihrer Stimme in der Vergangenheit bemächtigt hat. Genau… wie heißen eigentlich IHRE 8 Lobbyisten? Womit hat man sich Ihre Stimme erkauft? Wie oft haben Sie bereits wider besseres Wissen und Gewissen abgestimmt?
    Die politische Inkompetenz, gepaart mit der krankhaften deutschen Kontrollwut wird über kurz oder lang dazu führen, dass die BRD unter ihrem eigenen Gewicht ebenso kollabiert wie die DDR unter deren Ineffizienz. Dann helfen uns solchen warmen Worte auch nicht mehr.

    Ihre abschließenden Lösungsfortsätze lesen sich wie die wohlgemeinten Beschlüsse einer Schüler-AG zum Thema Mobbing: Wir müssen uns nur alle mehr Mühe geben….? Sie sagen es doch selbst: Die Wirtschaft hat dieses Land fest im Griff, also sollen wir die Lobbyisten höflich bitten, uns ein Lobby-Kontrollgesetz zu formulieren, das Sie dann abnicken dürfen? Sie werden dieses Krebsgeschwür durch hilflose demokratische Phrasen nicht mehr los; Amputation muss erwogen werden.

    Wieso gehen Sie nicht mit aggressivem Beistand voran? Sie genießen doch Immunität… und glauben Sie mir, es hat einen überraschend befreienden Beigeschmack, sich ab und zu mal die eigene Karriere zu verbauen. Drehen Sie doch mal durch! Haben Sie je „American Beauty“ gesehen? Nutzen Sie die Ressourcen & Ihren Zugang zu sensiblen Daten und unterstützen Sie den Untergrund. Leaken Sie doch mal die Schmutzwäsche der SPD… die Ergebnisse wären natürlich katastrophal, kurzfristig gesehen, aber in der Lagen Perspektive könnte Deutschland durch solch ein kathartisches Erlebnis nur profitieren. Vielleicht würden Sie mit einem solch selbstblosen Akt sogar ein paar CDU-Schergen inspirieren.
    Fro schrieb am 12.09.2011 um 18:51
    "Sie werden dieses Krebsgeschwür durch hilflose demokratische Phrasen nicht mehr los; Amputation muss erwogen werden."

    Und dann?
    Henrie Schnee schrieb am 12.09.2011 um 21:28
    Wer weiß? Finden wir's heraus.

    Naja, vermutlich verkläre ich auch einfach nur die Vergangenheit... und Demokratie war schon immer eine korrupte Nachgeburt toter griechischer Philosophen. Nur sehen wir es heute deutlicher, da die Medien optisch alle politischen Geschwüre bis zur Unendlichkeit vergrößern können.

    Sorry übrigens für diese bizarren Tippfehler; mein Schreibprogramm funkt mir mit ungewollten Schreibkorrektur dazwischen.
    Fro schrieb am 13.09.2011 um 02:12
    Wer soll sonst sollte über die Lebensbedingungen bestimmen als die Menschen selbst – schön wäre natürlich, wenn sie schon in Familien, Kindergärten und Schulen dazu befähigt würden.
    Fro schrieb am 13.09.2011 um 02:13
    Wer sonst sollte über die Lebensbedingungen bestimmen als die Menschen selbst – schön wäre natürlich, wenn sie schon in Familien, Kindergärten und Schulen dazu befähigt würden.
    Fro schrieb am 12.09.2011 um 18:49
    Danke für Ihr Engagement – lassen Sie sich nicht beirren, mehr als 80% der Bürger würden Ihre Aktivitäten gutheißen, wüsste sie davon.

    „Zunächst aber brauchen wir eine offene Diskussion über unsere Arbeit und darüber wie sich unsere Demokratie entwickeln soll. Dazu möchte ich die gesamte Öffentlichkeit und nicht nur meine Kollegen ermuntern.“

    Genau das braucht es. Ein gutes und wichtiges Thema für ein freies bundesweites Bürgerbrainstorming. Wir brauchen ein klares Anforderungsprofil für Abgeordnete. Abfragemöglichkeiten von Bürgerwillen und Bürgerwissen. Bürgerentscheide auf Bundesebene sollten Selbstverständlichkeit werden. Und es braucht eine unabhängige Akademie für Demokratie und Durchblick, die von allen Abgeordneten und Spitzenbeamten besucht werden muss – bzw deren Demokratiekompetenz regelmäßig prüft. Transparenz kann eine zeitnahe Kontrolle der Arbeit der Abgeordneten, und frühzeitige Interventionen seitens der Bürger ermöglichen. Das mal in Kürze aus meinem Bürgerbrain.;-)
    Marco Bülow schrieb am 14.09.2011 um 23:15
    @Fro - kann ich alles nur unterstützen. Ich glaube auch, dass es üb erprüfbare Massstäbe geben muss, die die sicher nicht allein von Politikern aufgestellt werden sollte.

    @ Henri Schnee - ich glaube nicht, dass es jemals sehr rosig um unsere Demokratie bestellt war. Ich glaube aber schon, dass wir uns - vor allem durch die Ökonomisierung der Politik - im Augenblick immer weiter vom Idelabild entfernen und die Postdemokratie von Colin Crouch immer realer wird.
    Ehemaliger Nutzer schrieb am 15.09.2011 um 01:32
    Ich auch kann Fro nur zustimmen... aber das ist ja nichts Neues, wir denken grundsätzlich in die gleiche Richtung.

    Ihr Plädoyer für aktivere Parlamentarier finde ich gut und richtig, Marco, aber ein bisschen zu abstrakt... es fehlen konkrete Vorschläge. Darüber hinaus wundert mich Ihre Vorstellung, dass es gerade jetzt die Ökonomisierung der Politik stattfindet (wann und wo war denn Politik nicht ökonomisiert?) und dass wir uns immer weiter vom Idealbild der Demokratie entfernen. Die Formulierung "immer weiter" setzt voraus, dass man schon mal näher an Demokratie war... das stimmt aber nicht. Ich wurde schon oft von verschiedenen Menschen mit dieser Version konfrontiert, dass es vor ein paar Jahrzehnten angeblich bessere Demokratie gab,die dann später von den aktuellen unfähigen (oder eben böswilligen) Politikern zerstört wurde. Sorry, das Quatsch. Das Bordell, das wir jetzt haben, ist keine Abweichung von der "richtigen" Demokratie, die es bis zum Ende 80er Jahren letztes Jahrhunderts geben sollte, sondern die logische Folge der damaligen Zuständen.

    Nein, ich glaube nicht, dass wir uns von der wirklichen Demokratie entfernen, sondern - ganz im Gegenteil - bin ich davon überzeugt, dass wir und der wirklichen Demokratie annähern... es fühlt sich nur nicht so an, weil, einerseits, solche Prozesse immer mit großen Wirrungen verbunden sind und man andauernd reihenweise auf die Nase fällt, und andererseits, man wird in Bezug auf gewisse Werte, Vorstellungen und Ereignisse sensibilisiert, daher werden die Zustände als unerträglich empfunden, die früher als ganz normal betrachtet wurden.

    Sie fordern offenen Diskussion, das ist gut, aber ein paar konkrete Ansatzpunkte wären sehr hilfreich. "Wir müssen transparenter werden" ist kein konkreter Ansatzpunkt, sondern, sorry, politischer small talk.
    Marco Bülow
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