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Wir geben immer weniger Geld für Nahrung aus, essen so viel Fleisch wie nie zuvor und schmeißen fast die Hälfte aller produzierten Lebensmittel auf den Müll. Alles muss immer billiger werden, Lebensmittel-Skandale, wie zuletzt die Verseuchung mit Dioxin, häufen sich. Klar ist in jedem Fall: Wenn wir bei der Ernährung nicht umdenken, werden wir noch ganz andere Konsequenzen zu spüren bekommen.
Hauptsache billig
Die Deutschen geben so wenig Geld für Lebensmittel aus wie noch nie zuvor. Gerade einmal elf Prozent des Haushaltseinkommens ist uns unsere tägliche Nahrung wert. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts waren es noch um die 40 Prozent. Kein Wunder also, dass die Umsätze der Discounter rasant steigen während die Preise für einige Grundnahrungsmittel im Durchschnitt schon unter ihrem Produktionspreis liegen. „Geiz ist geil“ und „Hauptsache billig“ sind die Schlagworte. Und dabei geht es nicht um Hartz IV-Empfänger oder Geringverdiener. In Deutschland kauft auch ein großer Teil der gehobenen Mittelschicht bei Lidl und Aldi, immer auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen. Was wir mit unserem Konsum- und Essverhalten anrichten, bedenken leider die Allerwenigsten.
Die Fleischberge und das Dioxin
Bei keinem Nahrungsmittel wird die Preisspirale nach unten so ersichtlich wie beim Fleisch. Um die 5 Euro pro Kilo liegt seit Jahren der durchschnittliche Preis für Schweinefleisch, das ist billiger als manches Obst oder Gemüse. Gleichzeitig steigt der Konsum an Fleischprodukten immer weiter an. Unglaubliche 88 Kilo Fleisch isst der Durchschnittsdeutsche im Jahr. Dass er dafür immer weniger zahlen möchte, hat in der letzten Zeit viele Bauern hart getroffen, viele sind deshalb pleite gegangen. Der Preiskampf tobt mittlerweile so unerbittlich, dass einige Produzenten sich anscheinend gezwungen sehen, zu unlauteren und illegalen Mitteln zu greifen. Und so landet dann schon mal Industriefett im Futtermittel und damit Dioxin im Fleisch oder Ei. Die kriminelle Energie, die hinter solchen Skandalen steht, soll in keiner Weise gerechtfertigt werden. Man muss sich aber schon fragen, welche Mit-Verantwortung Verbraucher und Politik tragen.
Falsche Subventionen
Mehr als die Hälfte des Etats der Europäischen Union geht noch immer in den Agrar- und Lebensmittelbereich. Im Jahre 2009 flossen ganze 56 Milliarden Euro an Subventionen in die Mitgliedsländer – 7,5 Milliarden davon nach Deutschland. Da sich die Zahlungen nach der Größe der Betriebe richten, profitieren vor allem Großbauern, die konventionelle Landwirtschaft betreiben. Dass hier massenweise Wasser verbraucht wird, Pestizide und klimaschädliche Düngemittel eingesetzt werden und Massentierhaltung betrieben wird, ist kein Geheimnis. Anstelle aber gezielt eine nachhaltige Landwirtschaft, vernünftige Tierhaltung und umweltschonende Methoden zu fördern, wird unheimlich viel Geld in eine Form der Landwirtschaft gesteckt, die Raubbau an der Natur betreibt. Hinzu kommt, dass durch die Subventionen noch immer Überproduktionen gefördert werden. So ist in den letzten 20 Jahren in der EU mit jährlich mindestens 500 Kilogramm Getreide je Bürger mehr als das doppelte des tatsächlichen Verbrauchs produziert worden. Die Überschüsse werden – wiederum auch staatlich gefördert – meist in ärmere Länder exportiert, wo sie die heimische Landwirtschaft zerstören. Eine echte Reform der Agrarpolitik der EU ist also schon längst überfällig.
Lebensmittel für den Müll
Neben den niedrigen Preisen, dem übermäßigen Fleischkonsum und den fehlgeleiten Subventionen ist auch vor allem unser Umgang mit Lebensmitteln sehr fragwürdig. Mehr als die Hälfte aller produzierten Lebensmittel landet auf dem Müll. Dies ist, angesichts immer wiederkehrender Hungerkrisen in weiten Teilen der Erde, schier unglaublich und ein echter Skandal. Es zeigt wie sehr unsere Wertschätzung für Lebensmittel gesunken ist: Wir wollen nicht nur möglichst wenig bezahlen, wir lassen auch noch einen großen Teil wissentlich verderben und schmeißen noch genießbare Lebensmittel einfach in die Tonne. Forscher in Wien haben errechnet, dass pro Haushalt und Jahr Nahrungsmittel im Wert von 400 Euro einfach weggeschmissen werden. Wir kaufen gerne viel ein und lassen dann zu Hause einiges verrotten, sind auf der anderen Seite aber sehr auf optisch aufpolierte Lebensmittel getrimmt. Gesünder leben wir deshalb dennoch nicht, weil gerade die Hochglanz-Nahrungsmittel häufig chemisch belastet sind. Hinzu kommt, dass bereits die Discounter riesige Mengen Lebensmittel wegwerfen, die optisch nicht mehr ansprechend sind.
Bewusstsein der Verbraucher
Wir als Verbraucher haben es in der Hand, ob wir uns von der Lebensmittelindustrie weiter blenden lassen wollen oder ob wir die Macht, die wir haben, endlich nutzen. Wir könnten uns ohne Verzicht und ohne unseren Geldbeutel zu sehr zu strapazieren viel bewusster und gesünder ernähren. Von keinem wird verlangt zu einem Öko-Vegetarier zu werden, der anfängt zu weinen, wenn er ein Kalbsfilet sieht. Aber jeder sollte einmal über seine Ernährungsgewohnheiten nachdenken, sich hin und wieder eine Dokumentation über Massentierhaltung anschauen und beim Einkauf etwas genauer hinsehen. Es kann auch nicht schaden, ab und zu auf dem Markt oder in einem kleinen Laden einzukaufen, auf regionale Produkte zu achten und mehr von dem Gemüse zu essen, welches gerade auch geerntet wird. Wer dies nicht möchte, der darf sich über den nächsten Lebensmittelskandal und mangelnde Produktqualität nicht beschweren. Er muss auch hinnehmen, dass gerade durch die Massentierhaltung Bakterien und Krankheitserreger gegenüber Antibiotika immer resistenter werden und damit unseren Schutzschirm gegen unangenehme Krankheiten zerstören. Natürlich hat Qualität auch seinen Preis, den ein wachsende Gruppe unserer Gesellschaft kaum aufbringen kann. Doch eine bewusste und gesunde Ernährung ist nicht immer eine Frage des Preises und auch bei einkommensschwachen Familien gibt es ein Missverhältnis von teuerem Fastfood zu günstigerem Gemüse und Obst vom Supermarkt. Letztendlich wird sich die Produktionsweise nur ändern, wenn wir unser Kaufverhalten ändern.
Politische Verantwortung
Die ganze Verantwortung auf den Verbraucher abzuschieben wäre jedoch zu kurz gedacht. Auch die Politik ist gefragt. Dabei geht es nicht nur darum die Bürgerinnen und Bürger durch schärfere Kontrollen vor neuen Panschereien zu schützen, es geht um ein komplettes Umdenken in der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik. Das reicht von einer Reform der EU-Agrarsubventionen über eine verstärkte Förderung des Öko-Landbaus bis hin zu einer effektiven und einfachen Kennzeichnung von Lebensmitteln. Wir als Politiker tragen die Verantwortung dafür, dass der umwelt- und klimaschädlichen Landwirtschaft endlich ein Riegel vorgeschoben wird, dass nachhaltig produzierte Lebensmittel erschwinglich bleiben und die Verbraucher umfassend über das was sie konsumieren informiert werden. Denn nur wenn es uns gelingt das Ess- und Konsumverhalten in unserem Land zu ändern, haben wir eine Chance, dass uns Lebensmittel-Skandale dauerhaft erspart bleiben.
Veröffentlicht: blog.marco-buelow.de/2011/03/10/immer-mehr-fur-immer-weniger-geld/
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"Unglaubliche 88 Kilo Fleisch isst der Durchschnittsdeutsche im Jahr." Das ... glaube ich nicht. |
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Es stimmt leider
Es gibt dazu verschiedene Angaben - aber alle Quellen geben Werte über 80 kg an - Tendenz steigend Ein Beispiel: Die Deutschen aßen 2003 84 kg Fleisch. Der Fleischkonsum stieg in Deutschland zwischen 1961 und 2001 von 64 kg auf 82 kg.[3] Der durchschnittliche Verzehr von Fleisch-/erzeugnissen und Wurstwaren bei Männern lag laut Umfragen des Max-Rubner-Instituts 2005-2006 bei geschätzten 103 g pro Tag und bei Frauen bei 53 g pro Tag.[5] 3. FAO (2009): FAOSTAT. Rom. 5. Verzehr von Fleisch-/erzeugnissen und Wurstwaren, Max Rubner Institut |
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schrieb am
12.03.2011 um 21:32
@ Marco Bülow schrieb am 12.03.2011 um 21:14
Es gibt dazu verschiedene Angaben - aber alle Quellen geben Werte über 80 kg an - Tendenz steigend Ein Beispiel: Die Deutschen aßen 2003 84 kg Fleisch. Der Fleischkonsum stieg in Deutschland zwischen 1961 und 2001 von 64 kg auf 82 kg.[3] Der durchschnittliche Verzehr von Fleisch-/erzeugnissen und Wurstwaren bei Männern lag laut Umfragen des Max-Rubner-Instituts 2005-2006 bei geschätzten 103 g pro Tag und bei Frauen bei 53 g pro Tag.[5] Die Zahlen widersprechen sich aber. 84 oder auch 88 Kilo durch 365 Tage ergeben so einen Wert von ca 250 Gramm Fleisch pro Tag. Das erscheint mir dann doch arg viel zu sein. Sie schreiben von 103 Gramm bei Männern und 53 Gramm bei Frauen- das erscheint mir eher ein realistischer Wert zu sein. Wenn man daraus den Mittelwert nimmt (ca 76 Gramm) und mal 365 multipliziert kommt man auf rund 28 Kilogramm pro Deutschen. Also deutlich weniger. |
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schrieb am
12.03.2011 um 21:45
"Unglaubliche 88 Kilo Fleisch isst der Durchschnittsdeutsche im Jahr."
Also diese Aussage kann ich schon mal widerlegen. Es gibt einen Unterschied zwischen Fleischverbrauch und Fleischverzehr. Im Fleischverbrauch ist auch die industrielle Verwertung enthalten sowie Verluste. Im Fleischverbrauch ist hingegen nur das enthalten was tatsächlich gegessen wird. 2009 verbrauchte jeder Deutsche 88,2 Kilogramm- also ihre Zahl. Gegessen hat er jedoch nur 60,5 Kilogramm. Diese Zahl erscheint mir zwar tendenziell auch noch zu hoch zu sein, aber nun gut. Quelle: www.bvdf.de/in_zahlen/tab_06/ |
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schrieb am
12.03.2011 um 21:47
Ich korriegiere: Es muss heißen "
Im Fleischverzehr ist hingegen nur das enthalten was tatsächlich gegessen wird. " |
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Tja, zu schnell geschossen. Ich meinte nicht vorrangig die 88 Kilo sondern den Bezeichner Fleisch. Nehmen wir die 60 kilo und teilen das durch 365, erhalten wir round 160 g. Fleisch isst der Durchschnittsdeutsche vorrangig als Hackepeter; macht bei einer Verwendung von 50 g pro Semmel ca. 3 Schrippen jeden Tag. So, und nun zeig mir den Durchschnittsdeutschen, der diese Menge jeden Tag futtert.
Und. Die Mär vom mündigen und aufgeklärten Verbraucher ist ein garstig Märchen. Lies mal Tanja Busse. Oder andere. Der ganze Mist kommt von der Grundmaxime dieses Systems -> Maximalprofit. Auch deshalb müssen große Anteile von Nahrungsmitteln verichtet werden. btw. brauche ich in jedem 7. Geschäft einen Bäckerladen? |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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