Marco Bülow

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09.09.2010 | 13:25

ÖL: Wie alles begann

 

Upton Sinclair: Öl - Ein Literaturtipp (rororo TB / 644 Seiten /Hamburg 1986)

 

Auch wenn Sinclairs Klassiker von 1927 vor über 80 Jahre geschrieben wurde, ist seine Story erschreckend aktuell. Wer die Grundlagen der Ölwirtschaft, ja des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems eingebettet in einen gut geschriebenen Roman kennenlernen will, sollte Sinclairs Öl lesen.

 

Ebenso spannend wie die Handlung des Romans war der Mensch Upton Sinclair und dessen Leben. 1878 in Baltimore geboren, wurde Sinclair zu einem der bekanntesten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er verfasste unzählige Dramen, Kinderbücher, Romane, Theaterstücke und Sachbücher. Sinclair arbeitete als Journalist und engagierte sich als Sozialreformer. Sein zentrales Thema war die soziale Gerechtigkeit, der Kampf für mehr Mitbestimmung und Meinungsfreiheit. Der Durchbruch gelang dem Autor mit dem Roman „The Jungle“, in dem er seine eigenen Erlebnisse und die ausbeuterischen Zustände in den amerikanischen Schlachthöfen beschreibt. Sinclair war so etwas wie die US-amerikanische Version von Günter Wallraff. Er wurde von Albert Einstein gelobt und gewann den Pulitzer Preis, doch für die politische Elite blieb er ein unbequemer Störenfried. Präsident Theodore Roosevelt prägte für ihn den Schimpfnamen Muckraker, was so viel bedeutet, wie Dreckwühler oder Nestbeschmutzer. Muckraker wird in der amerikanischen Alltagssprache noch heute für sozialkritische Literatur oder Enthüllungsjournalismus benutzt.

 

Auch in Europa - vor allem in Deutschland - erlangten Sinclairs Romane vor dem 2. Weltkrieg hohe Auflagen. Danach gerieten seine Werke langsam in Vergessenheit. 1968 starb Upton Sinclair. 2007 wurde das Buch Öl unter dem Titel There will be Blood mit Daniel Day Lewis als Hauptdarsteller erstklassig verfilmt. Doch der Roman Sinclairs bleibt unerreicht. Leider gibt es in Deutschland keine neuere Auflage des Romans (im Antiquariat - beispielsweise unter www.zvab.com - sind noch Exemplare erhältlich). Es wird Zeit, Sinclair und seine Schriften wieder aus der Versenkung ans Tageslicht zu holen. Seine Themen sind brandaktuell, seine Schreibstil bleibt klassisch modern.

 

Öl ist eine meisterhafte Analyse amerikanischer Wirklichkeit und ein ergreifender Gesellschaftsroman. Die Handlung startet Anfang des 20. Jahrhunderts in Kalifornien. Energie, speziell Öl, wird zum Schmierstoff der Wirtschaft und zur wichtigsten Ressource der westlichen Welt. Der mit allen Wassern gewaschene Businessman John Ross hat sich hochgearbeitet und steigt erfolgreich ins Ölgeschäft ein. Sein Sohn Bunny begleitet seinen Vater auf Schritt und Tritt, um alles über das Ölgeschäft zu lernen. Doch nach anfänglicher Euphorie entwickelt sich Bunny zu einem Idealisten, dem die sozialen Missstände und die Ausbeutung der Lohnarbeiter im Ölbusiness Bauchschmerzen verursachen. Er solidarisiert sich mit den Arbeitern und sympathisiert mit den erstarkenden Sozialisten. Im Spannungsverhältnis zwischen Luxusleben und der Liebe zu seinem Vater einerseits und seinem sich ausprägenden Gewissen andererseits verfolgt der Leser den Lebensweg von Bunny Ross. Seine Zerrissenheit, seine Ideale, seine Liebesbeziehungen würzen, dramatisieren die Handlung.

 

Neben der besonderen Familiengeschichte dringt der Roman über das wachsende Ölgeschäft tiefgründig in die sozialen Verhältnisse des erstarkenden westlichen Kapitalismus vor. Genau wie Bunny gelingt es dem Leser nicht, wegzuschauen, wenn er mit Ausbeutung, unlauteren Geschäftsmethoden, Korruption und Lobbyismus konfrontiert wird. Sinclair sagte 40 Jahre nach der Veröffentlichung zu seinem Lieblingsroman: „Es ist das umfangreichste meiner Bücher und es ist besonders sorgfältig recherchiert. Es ist voller Abenteuer und sozialer Gegensätze, keine Geschichte könnte wahrer sein.“

 

Damals begann der Siegeszug des Öls, der heute in einer Sackgasse angelangt ist. Unter anderem die BP-Katastrophe zeigt uns, dass wir trotz aller Nebenwirkung nicht loskommen von unserer fossilen zerstörerischen Droge. Aber trotz aller Aktualität und allem sozialen Sprengstoff ist Sinclairs Roman ein absolutes Highlight, weil er nicht ins Moralisierende abgleitet, auch die Grautöne zeigt und vor allem, weil er unterhaltsam und großartig geschrieben ist.

Mehr Literaturtipps bei: www.marco-buelow.de/buelow/lesefieber.html

 

 

 
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