Marcus Hernig

China mittendrin

26.11.2009 | 12:29

Auf Spuren der Frühlingsrolle - Shanghai und der Holocaust

Vor 70 Jahren endete hier ihre strapaziöse Reise um Kap Horn, durch die Straßen von Malakka und von Taiwan. Mehr als 10000 jüdische Flüchtlinge erreichten Shanghai - bis 1943 sollten es rund 19000 werden, die in die Stadt am Huangpu strömten. Ihre Odyssee endete in winzigen Zimmern über einem kleinen Hof, genannt Ward Road Heim im Shanghaier Distrikt Hongkou, weit ab von der Prachtmeile des Bunds am Huangpu. Eine von ihnen war Franziska Tausig, geboren 1894 und verstorben 1989. Franziska kam mit ihrem Mann Aladar, einst erfolgreicher Anwalt in der Donaumonarchie Österreich Ungarn. Der Schock für die noch vor kurzem wohlhabenden Tausigs war gewaltig. Hier, 10000 Kilometer fern der Heimat sollten sie künftig ihr Dasein fristen, mitten im Schmutz, Staub und feuchten Schimmel einer Behelfsunterkunft, die ihnen und über 100 anderen jüdischen Flüchtlinge von weißrussischen Glaubensbrüdern zur Verfügung gestellt worden waren. Zu zweit in einem engen Bett, der Ehemann geplagt von einem Tuberkulose-Leiden. Essen notdürftig aus einer Gemeinschaftsküche, von den Latrinen ganz zu schweigen. Doch beide waren war frei, den Häschern und Mördern entkommen.  Fast 20000 Deutsche, Österreicher und Polen verdankten Shanghai ihr Leben - und die Möglichkeit nach 1945 neu anzufangen.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel hat diese Schicksale in ihrem lesenswerten Roman "Shanghai fern von wo" nacherzählt - historisch genau, mit viel Liebe zum Detail und aus der Perspektive einzelner Menschen, einzelner Schicksale. Sie sind mir nahe, denn ich wohne nur wenige Kilometer von den Orten ihrer nun vergangenen Leben entfernt. Doch die schönste  sller Geschichten von dort ist Fiktion: Die von der Erfindung der Frühlingsrolle. Die nämlich, so Krechels dichterische Freiheit, soll auf Franziska Tausig zurückgehen. Franziska, eine begnadete Apfelstrudelbäckerin, füllte demnach ihre Strudel einfach mit Gemüse statt mit Äpfeln. Der Mythos der "Flülingslolle" war geboren.

Ähnlich kreativ war der fast 50 Jahre jüngere Peter Finkelgruen, genauer gesagt seine Mutter. Peter wurde 1942 in Shanghai geboren und bewohnte  mit seinen Eltern als Kleinkind ein winziges Zimmer ohne Bad und Toilette, im Haus Nr.3  einer Shanghaier Lilong-Wohnanlage, die heute noch steht. Noch. Finkelgruens schönste Erinnerung daran auf den letzten Seiten seines autobiografischen Romans "Erlkönigs Reich" ist die Dusche auf der kleinen Dachterrasse des winzigen Hauses, zu der ihn seine Mutter einlud. Eine Dusche aus Regentropfen, umsonst für Mutter und Sohn, nackt und losgelöst von allem, mitten in der Flüchtlingsarmut  und schwindelerregenden Hitze Shanghais.

Wer heute in das Karree mitten im  Distrikt Hongkou, der alten amerikanischen und später japanisch besetzten Zone Shanghais kommt, muss um die Erinnerung an die Tausigs und Finkelgrüns bangen, denn die Abrissmaschinen für ihre einstigen Unterkünfte stehen bereit. "Better city, better life" heißt die Devise und die  Wohnstätten könnten der Verschönerung vor und nach der Weltausstellung 2010 zum Opfer fallen.  

Die Shanghai Flaneure,  deutschspachige Chinaexpertinnen und -experten, die sich die Aufgabe gesetzt haben vor, während und nach der Expo Shanghai und China kulturinteressierten  Menschen aus aller Welt mit literarisch oder historisch inspirierten Stadttouren, Vorträgen und Gesprächen nahezubringen, führten am Mittwoch, dem 25.11.2009 eine Gruppe interessierter deutscher Literaturliebhaber an den Tatort. Krechel und Finkelgrün wurden vorgelesen, der Romanstoff mit dem Realen konfrontiert.  Was die Gruppe zwischen Abriss und Baumaschinen  an der ehemaligen Ward Road und Wayside Road erleben durfte war die ganze Vielfalt und Schönheit Shanghais.  Das war ein ganz anderes Shanghai, als das allseits bekannte  Paradebeispiel einer globalisierten Weltwirtschaft.

Vor den ehemaligen Wohnhäusern der jüdischen Emigranten des letzten Jahrhunderts feilschen Menschen um beste Preise für frischen Fisch und Gemüse, brutzeln Garküchen und kleine Restaurants Snacks für Menschen, die noch nicht am Zeitmangel-Syndrom jüngerer Generationen leiden. Nebenan kultivieren Pflanzenliebhaber ihre grünen Lieblinge, stellen auf die Straße, was das Auge an grüner Pracht genießen soll. Im nahen Xiahai-Tempel brennen Beterinnen ihre Räucherstäbchen für Guanyin, die chinesische Maria, nieder, wenige hundert Meter entfernt wehrt sich Horns Imbisstube, einer der Treffpunkte der einstigen jüdischen Ghettogemeinde Shanghais, gegen das völlige Verschwinden im Schutt.

Hongkou mit seinem jüdisch-chinesischen Ort im Norden Shanghais zeigt noch eine Welt, wie sie sein könnte - ein buntes Miteinander und  Durcheinander westlicher und chinesischer Dinge, vereint durch das Leben derjenigen, die es gestalten. Und dazu gehörten einst weit mehr als 10000 Deutsche jüdischen Glaubens. Mitten in Shanghai - in China.

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
outnumber schrieb am 26.11.2009 um 14:36
interessanter text, danke.
Magda schrieb am 26.11.2009 um 15:31
Ja, vielen Dank,das war wirklich interessant.
Es gab - zu DDR-Zeiten - mal eine Reclam-Reihe, in der die verschiedenen Exilorte für deutsche Emigranten beleuchtet worden sind. Ich glaube, Shanghai war auch dabei.

Kannst nicht noch mehr alltägliches erzählen?

Gruß
Marcus Hernig
Nachbar in China
Ort:
Shanghai
Mitglied seit:
2 Jahre 37 Wochen
Zuletzt aktiv:
16.01.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 8
Kommentare: 1
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
08:20
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
08:11
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
08:09
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:53
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:51
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG