Marcus Hernig

China mittendrin

14.01.2010 | 13:59

Bühne frei für die Welt - Ordnung für die EXPO in Shanghai

Es wird härter in Shanghai. Die Expo naht. In vier Monaten soll die größte Weltausstellung aller Zeiten im Stadtteil Pudong über die Bühne gehen - dort drüben, wo alles nur noch Zukunft ist und man die Vergangenheit abgeschafft  hat.  Die Vorhänge werden präpariert - unschöne Schmutzränder sollen verschwinden.  Zuwanderer vom Land, aber doch sessshaft, eben keine Wanderarbeiter. Man kann sie nicht aus der Stadt vertreiben, aber die Geschäfte, die sie machen und die Lokalitäten, die sie betreiben passen nicht in das saubere Weltbild Shanghais und Chinas im 21.Jahrhundert. Was für ein Gesichtsverlust!

 

Einer von diesen Leuten war mein Masseur, den ich nun schon drei Jahre lang einmal wöchentlich aufsuche, um meinen vom vielen Sitzen völlig verspannten Rücken ein wenig zu entspannen. Fünf Minuten vor meinem letzten Besuch hatte die Polizei, Abteilung öffentliche Sicherheit, chinesisch gong'an genannt - bei ihm zugeschlagen. Im direkten Sinne des Wortes. Als ich eintraf  stand er zunächst achselzuckend, dann lamentierend vor seinen zerstörten Massageliegen. Die Ordnungshüter hatten mit Fußtritten Messerstichen und großen Zangen für Ordnung gesorgt. Der Grund für das harte Durchgreifen: Der Mann hatte keine Lizenz.  

 

Die Grundlage für die Aktionen der Polizei liefern neue Gesetze, besser Verordnungen, die einfach geschaffen werden, um "Wang Normalverbraucher" von kleinen Geschäften abzuhalten, die das geplante Saubermann-Stadtbild beschmutzen könnten. Die Lizenz, die mein Masseur gebraucht hätte, ist eine dieser neuen Verordnungen. Nur wer über mindestens 200 Quadratmeter Geschäftsfläche verfügt, der darf geschäftlich massieren. Ob man ausgebildet und Profi ist oder  diese Ausbildung  sogar nachweisen kann, spielt dabei keine Rolle. Die Geschäftslizenz zählt. Wohl keiner der 10000 kleinen Massagesalons, von denen die Hälfte auch versteckte Rotlichtersatz-Orte sind (die meines Masseurs gehört nicht dazu, kann ich beteuern ohne rot zu werden), kann dem nachkommen. Also wird aufgeräumt - mit staatlicher Gewalt. Das muss sein auf Chinas Schaubühne, wo der Welt in Kürze "better city, better life" vorgeführt wird. Deutschland gehört mit mehreren Pavillons und viel Umweltarchitektur ja auch zu den Schaustellern -  Lichtjahre entfernt von den Lebensrealitäten von "Wang Normalverbraucher" in Shanghai.

 

Es sollen ja 70 Millionen Besucher aus aller Welt werden, die man in Shanghai erwartet. Immerhin die vierfache Einwohnerzahl der Metropole. Da wird es nicht leicht sein, die alle unter Kontrolle zu halten und für ihre Sicherheit zu sorgen, indem man sie vor den Schmuddeligkeiten der kleinen Leute schützt. Jedenfalls ist nicht nur die Polizei in den Massagesalons der Stadt unterwegs. In jeder U-Bahn-Station seit Monaten ein Scanner wie auf dem Flughafen. Selbst zu Stosszeiten immer wieder Gepäckkontrolle, damit bloß kein Uighure oder sonstiger nationaler Hooligan noch eine Bombe in eine der mittlerweile 11 U-Bahn-Linien schmuggelt (zum Vergleich: vor weniger als 10 Jahren gab es nur zwei U-Bahn-Linien, vor zwei Jahren höchstens 4 oder 5). Graue Ordnungsmannschaften sammeln auf Lastwagen fleißig falsch geparkte Fahrräder und Mopeds ein, schreien,  - nicht erst zu EXPO-Zeiten, sondern schon seit langem  - Bewohner von 10 Quadratmeter-Fertigungs-/Wohn/Essgeragen nieder, damit diese eine aus Platzgründen zur Wäscheleine umfunktionierte Telefonleitung schnellstens  räumen.

 

Ordnung muss herrschen in der kommenden Hauptstadt des 21.Jahrhunderts - und dafür wird mit Hochdruck gesorgt. Nur noch vier Monate bis es heißt: Bühne frei für die Welt!

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.01.2010 um 18:44
[URL=http://img694.imageshack.us/i/shanghai.jpg/][IMG]http://img694.imageshack.us/img694/2720/shanghai.th.jpg[/IMG][/URL]
Marcus Hernig
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